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Medien-Tresen | 04.09.2026
Nationale Jammerlappen
Frontsänger Monchi von der Punkgruppe „Feine Sahne Fischfilet“ teilt im Fernsehen wieder kräftig aus, dieses Mal gegen unzufriedene Bürger.
Text: Eugen Zentner
 
 

Kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern fährt der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch einmal hartes Geschütz auf und lädt Prominente ein, die eine AfD-Regierung verhindern sollen. Und wer eignet sich besser dafür als Krawallo Jan „Monchi“ Gorkow von der deutschen Punkband „Feine Sahne Fischfilet“. In der ARD-Talkshow Hart aber fair durfte er sich wieder in Rage reden, im gewohnten Mix aus Denglisch und Fäkalsprache.

Es sind die gleichen Verbalinjurien, die die Lieder der Gruppe prägen. Nur kurz zur Erinnerung: „Feine Sahne Fischfilet“ ist die Band, die im Verfassungsschutzbericht Mecklenburg-Vorpommerns wegen staats- und polizeifeindlicher Textpassagen einen Eintrag bekam. Weil sie ihre Musik aber als „Werkzeug“ versteht, um „Wut gegenüber Rassisten, Sexisten und Homophobie“ auszudrücken, gehört sie heute zu den „Guten“ – auch wenn sie bisweilen radikal daherkommt. Die Leitmedien kümmert das wenig, sie feiern die Band ausgiebig, vor allem Monchi, den sie hofieren und regelmäßig zu Interviews und Talkshows einladen. Der Frontsänger ließ sich auch dieses Mal nicht bitten und tat bei „Hart aber fair“ das, was er am besten kann: beleidigen.

Zielscheibe seiner Suada waren beim jüngsten Auftritt „nationale Jammerlappen“, also Menschen, die mit den Verhältnissen in Deutschland unzufrieden sind – also AfD-Wähler. Auf diese Gleichung bringen es die Leitmedien schon seit Jahren, und Monchi erwies sich als zuverlässiges Sprachrohr, indem er diesen Dreisatz stilsicher vorführte. Ihm gehe das „Gemecker auf den Sack“, ließ er alle wissen, um dann von einer Begegnung mit einer „Luftpumpe“ in seinem Heimatörtchen Jarmen zu berichten, damit niemand auf die Idee käme, er denke sich das alles bloß aus. Nein, nein, es gebe tatsächlich Menschen, die „rumheulen“, dass alles schlecht sei.

Das Paradebeispiel, das Monchi für einen „nationalen Jammerlappen“ findet, lässt sich so zusammenfassen: Ein Anwohner am See spricht ihn an und beschwert sich über den Bau eines Skateparks. Da Jarmen keine Großstadt sei, wäre ein Spielplatz sinnvoller gewesen, findet der besorgte Bürger alias „Luftpumpe“. Monchi weiß aber zu kontern: „Digga, dann mach’ selber einen Spielplatz.“ Aber, und jetzt kommt die Pointe: „Diese Luftpumpe hat bis heute keinen scheiß Spielplatz aufgebaut – nicht mal irgendeine Spendenkampagne oder Petition.“

Ob diese Anekdote als stichhaltiger Beweis für die angeblich unbegründete Unzufriedenheit dienen kann, glauben vermutlich nicht einmal die ARD-Zuschauer. Denn auch die dürften in den vergangenen Jahren mitbekommen haben, dass das Land mit Karacho gegen die Wand fährt. Nicht nur, dass die öffentlichen Verkehrsmittel ständig ausfallen oder sich verspäten, nicht nur, dass sich alle Parks allmählich zu Drogenumschlagplätzen wandeln, nicht nur, dass es mittlerweile unmöglich ist, einen guten Handwerker zu bekommen, nicht nur, dass die Energiekosten, Steuern und Sozialversicherungsausgaben steigen, nicht nur, dass die Kriminalität immer krassere Ausmaße annimmt, nicht nur, dass die Bürokratie auswuchert – nein, auch die Miete ist mittlerweile so hoch, dass man nicht weiß, ob man schon morgen auf der Straße leben muss.

Laut Mietenreport 2026 befürchtet rund die Hälfte der Mieter, im Bedarfsfall keine bezahlbare Ersatzwohnung zu finden. Knapp ein Drittel macht sich Sorgen, seine Mietkosten künftig nicht mehr stemmen zu können. Gut möglich, dass derlei Probleme in Jarmen unbekannt sind. Viel wahrscheinlicher erscheint es jedoch, dass Monchi sie einfach nicht sieht, weil er als gut bezahlter Musiker in einer Bubble lebt, abgeschottet hinter einer Brandmauer. Und dort lässt es sich auch ganz gut jammern, über die AfD zum Beispiel, die nach seinen Worten die „Leute in eine Depression hineinredet“. Wenn die Welt doch nur so einfach wäre!

Weil sie es aber nicht ist, poltert Monchi, wo es nur geht. Vor knapp einem Jahr beschwerte er sich, dass die linke Szene keine rebellische Jugendkultur mehr habe. Zwei Jahre zuvor geriet er in Rage, nachdem ihm und seiner Band sexualisierte Gewalt vorgeworfen worden war. Es gibt also genügend Gründe, sich aufzuregen, auch für Monchi. Aber solange man als der „Gute“ auftritt, als jemand mit „Haltung“, solange man die offiziellen Narrative bedient, kann man Gejammer als Kritik vermarkten.

Vielleicht sollte man diese aber auch all jenen attestieren, die seit Jahren darauf warten, dass sich im Land etwas zum Besseren verändert, und die einfach keine Hoffnungen mehr in die Altparteien setzen, weil diese lediglich Versprechen abgeben, ohne sie einzulösen. Weil sie mittlerweile diese unzufriedenen Bürger genauso beleidigen wie Monchi, weil sie überheblich sind und sich in einem Parteienkartell auf ihren Pfründen ausruhen. Weil sie die Demokratie mit Füßen treten. Weil sie einen großen Krieg provozieren, weil sie heucheln und lügen. Aber nein: Auch das ist sicherlich nur Gejammer – würde jedenfalls Monchi sagen.

Eugen Zentner, Jahrgang 1979, ist Journalist, Sachbuchautor und Erzähler.

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Bildquellen: Jan „Monchi“ Gorkow bei Rock im Park 2017 (Stefan Brending, CC-BY-SA-3.0)