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Bericht | 26.05.2026
Nachdenken und verstehen
Gabriele Krone-Schmalz zeigt mit ihrem Vortrag am 22. Mai in Wolfratshausen, dass Widerspruch, der Einsatz für Frieden und Verstehen möglich sind.
Text: Jürgen Müller
 
 

Die Loisachhalle in Wolfratshausen ist an diesem Freitag bereits voll, als der Organisator Josef Hingerl mit der Referentin eintrifft und zur Bühne geht. Die Loisachhalle ist die Stadthalle von Wolfratshausen, einem Ort im Süden von München, der gerne „Stoiber City“ genannt wird, weil der ehemalige bayerische Ministerpräsident hier seinen Wohnsitz hat. Es ist in der heutigen Zeit schon erwähnenswert, dass ein solcher Vortrag dort stattfinden kann und nicht von Gegendemos gestört wird. Das dürfte auch mit Josef Hingerl zusammenhängen, der seit vielen Jahren friedliche Montagsdemos organisiert, sich stets auf den Rechtsstaat beruft und für Versöhnung wirbt.

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In der sogenannten Zeitenwende hört man Stimmen, die für Frieden und Verstehen werben, eher nicht. Oder nur in 4:1-Besetzungen bei Showformaten wie Lanz oder Maischberger, die dazu dienen, die einzige Stimme der Vernunft zu diskreditieren. In Wolfratshausen zeigt sich: Das Interesse an Vernunft ist groß. Selbst auf der Tribüne haben Menschen Platz genommen.

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Was auffällt: Es fehlen wieder einmal junge Menschen. Auch wenn ein Krieg vor allem die jungen Menschen träfe, scheint es, als müsse man 45 aufwärts sein, um sich dafür zu interessieren.

Josef Hingerl stellt Gabriele Krone-Schmalz mittels ChatGPT vor. Ich verweigere die KI, wo es nur geht, aber die Zusammenfassung scheint treffend zu sein. Denn das Publikum applaudiert fast nach jedem Satz. Eine Charakteristik trifft in jedem Fall zu: Sie bleibt selbst in unsachlichen Diskussionen ruhig. Das ist eine Gabe, die ich auch gerne hätte. Bei mir verhält es sich eher wie bei der Reaktion von Erich Vad auf Roderich Kiesewetter bei Lanz am Vortag.

Die Referentin freut sich über das Interesse und auf Auftritte vor einem Publikum, das ihr gewogen ist und ihre Thesen kennt, spräche aber noch lieber vor Menschen, die sie neu zum Nachdenken bringt. Wie sehr sie den Kontakt zum Publikum sucht, wird deutlich, als das Licht im Saal zu Beginn ihres Vortrags heruntergedimmt wird. Gabriele Krone-Schmalz bittet darum, es wieder heller zu machen, um die Reaktionen des Publikums sehen zu können.

Die Anregung zum Nachdenken erfolgt sodann mit der ersten Frage, die sie in den Raum wirft: Wenn Russland, wie es heißt, imperiale Interessen verfolge, warum habe es dann gewartet, bis die Ukraine aufgerüstet ist? Das ergebe keinen Sinn. Richtig, aber mit Logik hat Propaganda ja nichts zu tun. Die logischen Widersprüche im Krieg und auch in der Corona-Krise sind nicht mehr zählbar. In die gleiche Kategorie fällt die Frage, wie man eine Kaja Kallas zur EU-Außenbeauftragten machen könne. Das käme einer Kriegserklärung gleich.

Insgesamt ist der Vortrag auf einen Realitäts-Check gerichtet, nicht so sehr auf die Vorgeschichte zum Ukraine-Krieg. So fragt die Rednerin, wie denn ein Krieg gegen die Atommacht Russland gewonnen werden soll? Weitere Thesen zum Realitätsabgleich folgen: Nach einem Krieg gebe es keine Gewinner, nur Verlierer – in unterschiedlicher Ausprägung. Russland sei nicht international isoliert und sei es nie gewesen, wie die BRICS-Mitgliedschaft als Gründungsmitglied deutlich zeige. Sanktionen hätten uns mehr geschadet als Russland. Das alles kann man in der Tat nur verneinen, wenn man die Realität ausblendet. Doch nahezu die gesamte Berichterstattung in den Leitmedien strotzt nur so von Unlogik und Widersprüchen, die jeder erkennen müsste. Entweder sei Russland ausgemergelt oder in der Lage, mehrere Nato-Länder zu überrollen, deren Militärbudget das russische um ein Vielfaches übertreffe. Das passe nicht.

Es ist kein Wunder, dass solche Stimmen in den Leitmedien keinen Platz finden, wenn man offensichtlich den großen Krieg will – koste es, was es wolle. Ich muss in solchen Situationen auch an eine Variante des Asch-Experiments denken, von dem bekannt ist, wie abweichende Stimmen wirken können: Sie führen dazu, dass sich mehr Menschen der Realität anschließen, statt gehorsam zu sein. Das kann man natürlich für eine kriegerische Zeitenwende nicht brauchen. Wollte man Frieden und Demokratie, hätten solche Stimmen hingegen einen Platz in den Leitmedien, und damit ist deren Rolle auch hinreichend beschrieben.

Man mag verzweifeln, wenn man nur noch die Kiesewetters, Strack-Zimmermanns und Roths wahrnimmt, die es – wie Kiesewetter bei Lanz – für einen Erfolg halten, wie die Ukraine heute dasteht: Hunderttausende Tote, Millionen geschädigte Familien und Menschen auf der Flucht, zerstörte Infrastruktur, Ausverkauf an westliche Oligarchen und vieles mehr. Es wird deutlich, wie rücksichtslos auch unsere Kinder von derartigen Leuten verheizt würden. Das drohende Szenario ist zu düster und tödlich, um zu schweigen.

In diesem Sinne schließt auch Gabriele Krone-Schmalz ihren Vortrag. Wer den Wert einer demokratischen Gesellschaft schätze, dürfe nicht resignieren. Dies rundet sie mit einem Zitat des Philosophen Arthur Schopenhauer ab:

Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir widerspruchslos hinnehmen.

Dem Widerspruch der Rednerin applaudieren die Menschen im Stehen, und Gabriele Krone-Schmalz bestätigt: „Es lohnt sich doch!“

Bühne

Jürgen Müller ist ein Rechtsanwalt aus München, der vor 2020 Zehntausende für gutes Essen und für das Klima mobilisiert hat und sich heute wundert, dass seine Mitstreiter von einst jetzt bei den Konzernen stehen und nicht da, wo es um freie Entscheidungen geht, gegen Lagerbildung und gegen den Krieg. Er betreibt den Blog Indikativ jetzt und hat den Kompaktkurs Journalismus an der Freien Medienakademie besucht.

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