Katharina Melchior betreibt gemeinsam mit ihrem Mann einen Biokuhmilchbetrieb in Sophienhof im nördlichen Mecklenburg-Vorpommern. Ein Gespräch über gesunde Kühe, die Rolle von Beratern und artgerechte Tierhaltung.
Bild: Katharina Melchior auf ihrem Betrieb. Foto: Uta Kühner
Im Prinzip schon. Wir wollen die artgerechte Haltung der Tiere erhalten, was von keiner Seite mehr gefördert und gewünscht wird. Da fühle ich mich auch völlig alleingelassen von den Bioverbänden. Denen geht es jetzt nur noch um das sogenannte Tierwohl.
Das Schlagwort Tierwohl haben sich die Konzerne ausgedacht. Darauf sind jetzt alle getrimmt. Ich glaube, das soll die Biohaltung letzten Endes überflüssig machen. Denn Tierwohl, das können ja alle, das machen die Konventionellen jetzt auch. Im Supermarkt wird danach gefragt. Früher war artgerechte Tierhaltung das Schlagwort der Bioverbände. Das gibt es jetzt nicht mehr. Wenn von Tierwohl die Rede ist, weißt du schon: Die arbeiten für die Konzerne.
Ja. Obwohl es schwierig ist, Tiere wirklich artgerecht zu halten, und aus wirtschaftlicher Sicht problematisch. Wenn die Weltlage nicht so wäre, wie sie ist, wenn man sich nicht beschwatzen lässt und seine eigenen Vorstellungen umsetzt, wäre es vielleicht zu schaffen – auch mit unserem Stall und unserem Melkroboter.
Die Berater. Die spielen eine große Rolle. Das sind Leute, die haben studiert und wollen in der Biobranche arbeiten. Sie haben keinen eigenen Betrieb. Dann werden sie eingesetzt bei den unterschiedlichen Verbänden, Institutionen und Firmen. Dort werden sie geschult. Das hört man daran, wie sie reden und die Propaganda rüberbringen. Gerade heißt es: Als Bio-Milchviehhalter muss man Antibiotika einsetzen.
Man muss es erstmal einsetzen, strikt kontrollieren, und es dann wieder ein bisschen reduzieren.
Das sei Tierwohl. Es geht um die Eutergesundheit. Hier war eine Beraterin, die ist bei der Molkerei angestellt. Sie sagte zu mir: „Jetzt wollen wir festhalten, in Zukunft werden Sie Trockensteller einsetzen, wo es nötig ist.“ Trockensteller ist ein Langzeit-Antibiotikum, das durch die Zitze ins Euter gespritzt wird. Wenn ich sage, dass ich davon nichts halte, heißt es: Das geht nicht, dann werden die Tiere ja krank … Diese Berater sind so gut geschult, dass es mir schwerfällt, dagegenzuhalten. Die wichtigsten Argumente fallen mir immer erst hinterher ein. Von einer Kontrolleurin vom Ökokontrollverein weiß ich, dass sie innerhalb eines halben Jahres sechs Fortbildungen zum Thema Tierwohl hatte.
Ich beobachte die Tiere und ziehe meine Schlüsse daraus. Im Lauf der Jahre habe ich festgestellt, dass die meisten Euterkrankheiten durch hormonelle Störungen auftreten. Wenn auf den umliegenden, konventionell wirtschaftenden Betrieben Pestizide ausgebracht werden, die auf das Hormonsystem wirken – sie sollen den Hormonhaushalt der Pflanze verändern, und das tun sie bei Tieren und Menschen natürlich auch – reagieren einige Kühe stark darauf mit hohen Zellzahlen. Die Zellzahl in der Milch ist der wichtigste Indikator für die Eutergesundheit einer Kuh. Die erhöhte Zahl hält zwei bis drei Tage an und geht dann von allein wieder weg. Diese Milch bekommen die Kälber. Andere Kühe können auf einen Schlag krank werden, die kriegst du nicht wieder gesund. Ich denke, dass diese Kühe einfach ein schwaches Immunsystem haben.
Ja, so schützen sich die Kühe. Wenn sie rindern, haben sie auch sehr hohe Zellzahlen. Wenn eine Kuh richtig hohe Zellzahlen hat, zum Beispiel eine Million, ist sie wirklich krank. Setzt man nie Antibiotika ein, kann auch das wieder heilen. Es ist manchmal echt ein Wunder. Wir hatten Kühe, bei denen wir dachten, die ziehen jetzt noch ihr Kalb groß, aber dann ist es aus. Nachdem das Kalb groß war, haben wir sie getestet und stellten fest, dass alles in Ordnung war. Ich glaube, wenn man ständig Antibiotika einsetzt, zerstört man das Immunsystem und den Darm der Kühe. Es ist jedenfalls nicht hilfreich.
Was mich noch mehr überzeugt, keine Antibiotika einzusetzen, ist eine neue Regelung, die die Molkereien verpflichtet, noch mal extra auf Antibiotika-Rückstände zu kontrollieren. Die Tests bei der eingehenden Milch sind normalerweise immer negativ, weil die Landwirte ja aufpassen und keine Milch einer behandelten Kuh hineinmischen. Jetzt müssen unabhängige Labore zusätzlich Stichproben nehmen. Die haben so feine Messmethoden, dass sie eigentlich immer was finden. Das heißt, Spuren sind immer nachweisbar, wenn ich Antibiotika einsetze. Da braucht man sich über Resistenzen eigentlich nicht zu wundern.
Diesen gern gezogene Schluss, immer wenn die Zellzahlen hoch sind, sei die Einstreu nicht sauber und die Landwirte würden die Zwischendesinfektion vernachlässigen, halte ich für Blödsinn. Da sollen Keime von außen eindringen, aber meiner Meinung kommt es immer von innen. Bei uns spielt die Einstreu sowieso keine Rolle, weil sie da praktisch kaum drin liegen.
In der Zeitschrift Meine Familie und ich habe ich gelesen, wie es den Biomilchkühen geht. Es geht ihnen angeblich viel besser. Sie dürfen ihre Hörner behalten, sie bekommen mehr Platz, sie sind auf der Weide und es werden keine Antibiotika eingesetzt. Diese Zeitschrift war allerdings von 2018. Das gibt es nur noch in kleinen Betrieben, denen das wichtig ist. Aufgrund der Wirtschaftlichkeit sehen sich die meisten gezwungen, es so zu machen, wie die Berater es ihnen sagen.
Diese Investition hat sich für uns gelohnt. Die Melktechnik ist wirklich gut. So gut wie der Roboter kann ich nicht melken. Man hat immer gleich die Übersicht, wie viel die Kuh gibt. Es sollten nur nicht zu viele Tiere werden.
Wirklich Spaß macht es, wenn es nicht mehr als 40 sind.
Ja, genau. Die Milch müsste teurer vermarktet werden. Aber viele unserer Kühe haben eine hohe Milchleistung. Deshalb finde ich es einfach besser, wenige Tiere zu haben, die gut versorgt sind. Im Winter hatten wir allerdings eine Phase, in der wir dachten, wir müssen aufhören. Aber dann kam mein Schwiegervater, der die Buchhaltung im Blick hat, und sagte: „Auf keinen Fall aufhören, jetzt läuft es so, dass ihr tatsächlich den Kredit bezahlen könnt.“ Wenn jetzt allerdings alles doppelt und dreimal so teuer wird und wir für unsere Milch nicht mehr Geld bekommen ... Ich weiß nicht, was dann kommt.
Derzeit machen täglich 14 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland dicht. Die Flächen gehen in größere Betriebe über. Effizienz-Dogma und Konzern-Lobbyismus fördern die Massentierhaltung und das Unwohlsein der Tiere.
Uta Kühner hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.
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