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Kommentar | 18.05.2026
Meidet die Nachrichten!
Die „intellektuelle Selbstverteidigung“ wird schwierig, wenn man nicht bereit ist, aus dem Medienkokon auszubrechen.
Text: Michael Meyen
 
 

Eine unscheinbare Meldung: Vaunet, ein Verband privater Medien, fordert die EU auf, Autohersteller zum Einbau von Radios zu verpflichten. In dem Papier geht es um den Digital Networks Act, den nächsten Baustein, mit dem Brüssel das Netz zumauern will. Besagter Verband sagt nun:

Radio ist für Information, Unterhaltung und insbesondere für Krisenkommunikation unverzichtbar. Zwar erkennt der DNA die Bedeutung des Radios im Auto grundsätzlich an, doch reicht die geplante Regelung nicht mehr aus. Immer mehr Fahrzeuge kommen ohne integriertes Radiogerät auf den Markt. Der VAUNET fordert deshalb, den verpflichtenden Einbau von Radio-Receivern vorzuschreiben.

Da haben wir es. Das Pflichtradio, ein- und auszuschalten am besten aus der Ferne von unsichtbarer Hand. Was hätten Goebbels und Stalin dafür gegeben. 46 Prozent der erwachsenen Schweizer, das sagt eine Studie vom Herbst 2025, nutzen kaum oder gar keine Nachrichten der Leitmedien. Die Kollegen aus Zürich sprechen von „News-Deprivation“ – ganz so, als ob es sich um eine Krankheit handeln würde. „Gefahr für Schweizer Demokratie“, ruft der Tagesanzeiger und meint auch sich selbst. Nachrichtennutzer kaufen nicht nur Zeitungen, sondern gehen auch eher wählen. Nachrichtennutzer vertrauen der Regierung und dem System stärker. Und auf Nachrichtennutzer kann man sich verlassen. Als die Schweiz im Februar 2022 über die staatliche Förderung von Medienkonzernen abgestimmt hat, waren die „News-Deprivierten“ am stärksten dagegen.

Man könnte meinen: Wer diesen Text liest, weiß das alles. Wer diesen Text liest, kennt meine Studien zur Medienlogik, die dem Imperativ der Aufmerksamkeit folgt und in den letzten anderthalb Jahrzehnten buchstäblich alles umgekrempelt hat – von Feten, Reisen und der Küche daheim über den Profisport, die Theater und Unternehmen bis zur Politik und zum Vatikan. Wer diesen Text liest, könnte sogar über mein Lob für Rutger Bregman gestolpert sein, einen Optimisten aus den Niederlanden, der an das Gute im Menschen glaubt und deshalb den Verzicht auf Nachrichten predigt sowie, eine Schleife weiter, auch den Verzicht auf eine Wissenschaft, die weiß, wonach Journalisten suchen, und „den Menschen als mordsüchtigen Affen“ porträtiert, um in TV und Presse gefeiert zu werden. Rutger Bregman, Journalist immerhin, sagt: Nachrichten – das ist die Ausnahme. „Anschläge, Gewalt, Katastrophen“. Der Sohn, der sein Elternhaus anzündet, aber nicht die Millionen Söhne, die nie auch nur auf eine solche Idee kommen würden. Nachrichten, sagt Bregman, ohne im Detail auf die Strippenzieher einzugehen, sind ein „Suchtmittel, das wir jeden Tag konsumieren, das stark subventioniert und unseren Kindern in reichlichem Maße verabreicht wird“. Dieses Suchtmittel mache zynisch und pessimistisch und lasse uns zum Beispiel glauben, dass „man gemein und verlogen sein muss, um voranzukommen“.

Man könnte die moderne Mediengewalt als einen Kampf gegen den Alltag ansehen.

Bildbeschreibung Bild: Rutger Bregman 2024 (Foto: Maartje ter Horst, CC BY 4.0)

Ja, Rutger Bregman. Amen. Ausschalten. Autos ohne Radio kaufen. So einfach ist es aber nicht, selbst in Milieus, die man eher bei den News-Deprivierten vermuten würde, in der Klinik also, die sich meine Forscherkollegen aus Zürich herbeiphantasieren. Unser Seminar „Intellektuelle Selbstverteidigung“ startet mit einer einfachen Übung. Liebe Leute, lasst uns die Nachrichten sammeln, die euch in den letzten Wochen beschäftigt haben. Timmy, na klar. Iran, Israel, Trump. Der Operationsplan Deutschland. Der Goldpreis und Bitcoin. Die WHO. Arzt X hat vor Gericht gewonnen, Arzt Y sitzt weiter. Hanta, Hanta. Der alltägliche Wahnsinn eben. Die Übung hat einen Clou – eigentlich. Lasst uns jetzt, liebe Leute, sage ich nach ein paar Minuten, alles streichen, was nichts mit euch zu tun hat. Mit eurem Alltag, eurer Familie, eurem Leben. Meine Hoffnung liegt auf der Hand: eine weiße Tafel und die Erkenntnis, dass es uns ohne Nachrichten besser geht. Dass wir so mehr Zeit haben für das, was zählt und bleiben wird. Also: weg von den Bildschirmen – erst recht, wenn man weiß, wie wenig die Medienrealität mit der Wirklichkeit zu tun hat und wer wie viel investiert, damit genau das verschleiert wird.

Mein Eindruck aus den letzten Kursen: Ich stoße damit mehr und mehr auf taube Ohren – nicht bei allen selbstverständlich, aber doch bei Menschen, die genau wissen, woher der Medienhase kommt. Die Nachrichtenwelt wird zu einem Kokon, in dem man sich einrichten und eine Aufgabe finden kann – Aufklärung zum Beispiel und Aktivismus für dieses Thema oder jenes. Wie soll ich die Menschen erreichen, Michael, wenn ich selbst nicht Bescheid weiß? Irgendeiner muss doch recherchieren, sammeln, teilen. Wie sollen wir sonst rauskommen aus dem Sumpf?

Meine Antwort: Jeder muss sich selbst befreien. Und wenn der Tag für ihn kommt, wird jeder froh sein, Menschen wie dich zu finden. Bis dahin aber lass die anderen in Ruhe und schütz dich vor allem selbst – vor Angst, Panik und Geschichten, die nur einen Zweck haben: dass wir genau darüber nachdenken und sprechen und nicht über das, was um uns herum passiert. Das ist kein Argument gegen Mediennutzung. Es gibt Themen, die geradezu danach rufen, tief einzusteigen. Auswandern. Vermögenssicherung. Ein Berufswechsel, eine Krankheit, Brüche im Leben. Das Gegenteil von Alltag. Um im Büro, am Stammtisch oder im Stadion mitreden zu können, um die Schlagworte parat zu haben, die man für das Schwimmen im Strom braucht, und um die Gefahren von morgen und übermorgen zu wittern, reichen die Zusammenfassungen auf den Nachdenkseiten und bei Multipolar oder die Titelseite der Bildzeitung. Fünf Minuten am Tag, mehr nicht.

Nachrichten wiederholen und lassen weg. Um das zu verstehen, muss man nicht 80 Propagandatechniken auswendig lernen. Hinter jeder Nachricht steht jemand, der möchte, dass genau das gesendet wird und alles andere nicht. Nachrichten treiben den Puls nach oben und hämmern die Begriffe in die Köpfe, mit denen wir die Erregung kanalisieren und die Welt wahrnehmen. Im Selbstverteidigungskurs gibt es dafür eine einfache Formel: Lasst euch nicht ausrichten. Nehmt euer Leben selbst in die Hand. Und hört auch im Auto nur das, was ihr euch vorher ausgesucht habt.

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Bildquellen: Screenshot, 17. Mai, 14:19 Uhr