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Kommentar | 03.09.2026
Mehrzweckeier
Vom Schülerprotest zum Jugendwort – ein originelles Sprachspiel geht viral. Und Langenscheidt macht einen Rückzieher.
Text: Donar Rau
 
 

Am 5. März 2026 demonstrierten in Berlin mehrere tausend Schülerinnen und Schüler gegen die geplante Einführung beziehungsweise Ausweitung des Wehrdienstes. Der Protest stand unter dem Motto „Sterben steht nicht auf dem Stundenplan“. Auf dieser Demonstration hatte ein achtzehnjähriger Schüler ein selbst gestaltetes Plakat mit der Aufschrift „Merz leck Eier!“ hochgehalten. Noch während des Schülerprotestes beschlagnahmte die Berliner Polizei das Plakat. Ein Foto von der Situation wurde anschließend über die sozialen Medien verbreitet und machte den Spruch bundesweit bekannt. Gegen den Jugendlichen wurde ein Ermittlungsverfahren wegen möglicher Politikerbeleidigung eingeleitet.

Um drohenden Strafanzeigen im Kontext des Paragraphen 188 StGB aus dem Weg zu gehen, entstand über die sozialen Medien aus dem ursprünglichen Spruch die entschärfte Form „Mehrzweckeier“ und wurde zu einem Meme. Seine besondere Bedeutung bekam der Begriff durch die Anspielung auf die Musterung. Bei der klassischen Bundeswehr-Musterung gab es eine körperliche Untersuchung, bei der auch die Hoden abgetastet wurden, der sogenannte Eierkontrollgriff. Die „Eier“ wurden im Zusammenhang mit den Wehrdienstprotesten zu einer Art doppeldeutigem Protestsymbol. Das kreative Kompositum meint nicht einfach nur „Leck mich!“. Seine Mehrdeutigkeit sowie die Absurdität seiner morphologischen Zusammensetzung machen es zu einem echten Kulturphänomen. Gerade die Kombination aus politischem Bezug, Wortspiel und scheinbar völlig harmloser Bedeutung ist schon ziemlich originell.

Nachdem die neue Wortkreation in die Jugendsprache eingegangen war, gab es mehrere Beiträge in verschiedenen Reddit-Gemeinschaften, die sich mit dem Begriff beschäftigten und dazu aufriefen, ihn bei Langenscheidt zur Jugendwort-Wahl 2026 einzureichen. „Mehrzweckeier“ schaffte es tatsächlich in die Top 10 der Jugendwort-Auswahl. Leider strich der Verlag den Begriff nach einiger Zeit wieder und begründete es damit, dass er erstens auf einer Kampagne beruhe und zweitens eine persönliche Beleidigung sei. Damit sei er nach den vorher festgelegten Regeln nicht für die Auswahl geeignet.

Tatsächlich lässt sich anhand von Reddit-Beiträgen nachweisen, dass sich Nutzer gezielt verabredeten, den Begriff einzureichen und bekannt zu machen. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass „Mehrzweckeier“ nicht zum Vokabular der Jugendsprache gehört. Außerdem könnte man argumentieren, dass die gezielte Verbreitung dieses lustigen Kompositums genau das ist, was Jugendsprache ausmacht. Die jüngere Generation kommuniziert mit Ihresgleichen hauptsächlich über die sozialen Medien. Für Digital Natives sind soziale Netzwerke Kommunikationskanäle und somit Bestandteil des Sprachgestaltungsprozesses.

Ob das zweite Ausschlusskriterium, das vom Langenscheidt-Verlag genannt wurde, tatsächlich gegeben ist, möchte man bezweifeln. Ich vermute, der Verlag wollte kein Risiko eingehen und hat es sich in dieser Sache einfach gemacht. Nach Einschätzung des Strafrechtsexperten Ronen Steinke ist der Spruch „Merz leck Eier!“ von der Meinungsfreiheit gedeckt und nicht strafbar. Die Ermittlungen bezeichnet er als unverhältnismäßig. Langenscheidt hat meines Erachtens aus Gründen der Absicherung den originellen Duktus der Jugendsprache verspielt und stattdessen banalen Jugendwörtern den Vortritt gegeben.

Die erste Abstimmungsrunde ist mittlerweile vorbei. Von den zehn in die engere Wahl gekommenen Jugendwörtern stehen seit dem 28. August drei Finalisten fest: Crashout, Peak und Ragebait. Bei allen handelt es sich um Wörter aus dem Englischen. Abgesehen davon, dass ich kein Freund von Anglizismen bin, muss ich sagen, dass die ausgewählten Wörter bei Weitem nicht an das herankommen, was durch „Mehrzweckeier“ zum Ausdruck gebracht wird. Dennoch möchte ich deren Bedeutung kurz erläutern: „To crash out“ bedeutet übersetzt „sehr schnell einschlafen“. Das Jugendwort „Crashout“ bezeichnet hingegen einen Zustand, in dem jemand emotional völlig ausrastet oder die Kontrolle verliert. Ob die Substantivierung eines Verbs, die ins Deutsche übernommen und einem Bedeutungswandel unterzogen wird, von Originalität zeugt, sei dahingestellt.

„Peak“ bedeutet laut Wörterbuch: Spitze, Berg oder Gipfel. Unter Jugendlichen wird mit diesem Wort etwas bezeichnet, das absolut das Beste ist. Beispiel: „Der Film war Peak.“ Auch bei diesem Wort lässt die Kreativität zu wünschen übrig. Es handelt sich hierbei eher um eine Bedeutungsübertragung.

„Ragebait“ ist von den drei Finalisten vielleicht noch am interessantesten. Denn „Rage“ + „bait“ („Wut“ + „Köder“) beschreibt ein ganz konkretes Phänomen der heutigen Internetkultur – einen verbalen oder visuellen Beitrag, der absichtlich provoziert, damit Menschen sich aufregen und dadurch kommentieren, teilen und für zusätzliche Reichweite sorgen. Es ist ein Begriff, für den es im Deutschen keinen wirklich gleichwertigen Ausdruck gibt.

Und nun noch einmal zu dem von Langenscheidt abgelehnten Jugendwort, das sprachlich wesentlich vielschichtiger ist: „Mehrzweckeier“ klingt wie ein normales Kompositum. Gleichzeitig steckt in ihm die anfängliche Aussage. Politischer Spott, ohne den ursprünglichen Satz direkt auszusprechen. Es ist ein gelungener Wortwitz. Und es ist ein gutes Beispiel dafür, wie aus einem politischen Ereignis über ein Meme eine neue sprachliche Form entsteht.

Die Entscheidung vom Langenscheidt-Verlag war falsch. Denn gerade bei einem Jugendwort sollte man mit politischen, vulgären oder provokanten Begriffen großzügig umgehen. Schließlich geht es nicht darum, einen staatlichen Sprachpreis für vorbildliche Ausdrucksweise zu verleihen, sondern darum, Jugendsprache zu beobachten. Politische Korrektheit? Dumm gelaufen. Der Ausschluss des Begriffs hat ihn im Netz erst recht bekannt gemacht. Die BUNDjugend veranstaltete gemeinsam mit anderen Verbänden sogar eine alternative Wahl zum „Bundesjugendwort“, bei der zwischen den Langenscheidt-Top-10 und dem disqualifizierten Wort „Mehrzweckeier“ abgestimmt werden konnte. Die Jugendlichen kritisieren Langenscheidts Entscheidung als politisch motiviert.

Die Bezeichnung „Lügenfritze“ für Bundeskanzler Friedrich Merz wurde in diesem Jahr als Beleidigung nach § 188 StGB eingestuft und mit einer Geldstrafe geahndet. Die AfD hat bisher zweimal (2025 und 2026) erfolglos die Abschaffung dieses Paragraphen im Bundestag beantragt. Sie ist der Auffassung, dass ein strafrechtlicher Sonderstatus für Politiker das Vertrauen in das Rechtssystem gefährde und die Meinungsfreiheit unangemessen einschränke.

Im Bereich der Psychologie ist bekannt, dass verbale Derb- und Grobheiten zur psychohygienischen Entlastung beitragen. Was wir nicht zum Ausdruck bringen, drückt von innen. Und warum sollte man Tatsachen nicht beim Namen nennen? Deshalb plädiere ich ebenfalls für die Abschaffung dieses Paragraphen. Derweil können wir uns, was die Politik von Friedrich Merz anbelangt, mit dem schönen unverfänglichen Wort „Mehrzweckeier“ behelfen.

Donar Rau hat mehrere Kurse an der Freien Akademie für Medien & Journalismus besucht.

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Bildquellen: Schulstreik gegen Wehrpflicht am 5.12.2015 auf dem Oranienplatz in Berlin (Roy Zuo, CC BY-SA 4.0)