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Lebensgeschichten | 12.10.2026
Man muss sprechen dürfen
Der Filmemacher Jürgen Schreyer über seine Suche nach politischer Orientierung, über direkte Demokratie und den Umgang mit der Wahrheit.
Text: Claudia Schillinger
 
 

Kennengelernt habe ich Jürgen im Sprechsaal. Dieser Saal in Berlins Mitte ist keine „Speaker's Corner“, wie man das aus London kennt – hier kann nicht jeder auf die Bühne treten und Reden halten. Der Schlüssel liegt aber auch im Sprechsaal im Geist der freien Rede. Allerdings sprechen viele – und wenn es gut läuft – miteinander. Kommunikationsstil und Themenpalette stehen dabei bewusst im Kontrast zum Berliner Establishment, das mit dem ARD-Hauptstadtstudio nur einen Katzensprung entfernt liegt. Der Saal entwickelte sich während der Corona-Zeit zu einer Anlaufstelle für Berlins Gegenkultur. Persönlich habe ich den Sprechsaal kennengelernt, nachdem eine Veranstaltung des Kulturkreises Pankow abgesagt werden musste, in dem ich mich engagiere: Im Kino Brotfabrik wollten wir Alina Lipps Dokumentarfilme aus dem Donbas zeigen, was ein Antifa-Stoßtrupp im Verbund mit dem Tagesspiegel verhinderte. So wurde der Sprechsaal zu unserem favorisierten Ort und einem Brennpunkt für anregende Themen und Köpfe – wie beispielsweise Jürgen Schreyer. Nach einem Vortrag über asiatische Volkwirtschaften erwähnte Jürgen in einem Diskussionsbeitrag die westdeutsche Linke und den historischen Einfluss der Frankfurter Schule. Das hat mich angeregt, ihn um ein Gespräch zu bitten.

Bildbeschreibung Bild: Jürgen Schreyer im Oktober 2026

Jürgen, jetzt, wo linke Politik in ein trübes Fahrwasser geraten ist, können uns vielleicht der eigene politische Werdegang und die Frage nach der Geschichte des Linksseins helfen, eine neue Perspektive zu finden. Erzähl doch mal von dir und deiner Herkunft.

Ich bin im Zonenrandgebiet aufgewachsen, nicht weit von der Grenze zur DDR, in Braunschweig. Für mich war die Zone immer sehr präsent, nicht zuletzt durch Radio und Fernsehen. Der Sandmann, Willi Schwabes Rumpelkammer, Zu Besuch bei Professor Dathe – das hat mich durch die 1960er und 1970er Jahre begleitet. Meine Kindheit war vom Osten geprägt, ich hatte auch Verwandte in der DDR, war oft in Ostberlin oder in Dresden. Meine Eltern kamen aus dem Westen, meine Mutter aus dem Münsterland, einer sehr katholischen Gegend, und mein Vater aus einem Arbeiterviertel in Bochum. Er war Protestant und sie Katholikin. Es gab also auch noch dieses konfessionelle Thema, zusätzlich zu der ständigen Präsenz von Ostkultur und den vielen, erschreckend ärmlich untergebrachten Ost-Vertriebenen, die ich in der Schule kennenlernte.

Bildbeschreibung Bild: Der Schauspieler Willi Schwabe mit jungen Mädchen nach der Jugendweihe im Berliner Ensemble 1976 (Bundesarchiv, Bild 183-R0425-0011/CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0)

Wie hat deine Familie dich geprägt, gab es so etwas wie ein unausgesprochenes Familienmotto?

Ja, könnte man so sagen. Unsere Familiengeschichte gründet sich auf den Großvater väterlicherseits – Opa hat es gewagt, den Führer zu beleidigen. Aufgrund des Heimtücke-Gesetzes, heute würde man „Delegitimation des Führers“ sagen, bekam er zwei Jahre Zuchthaus, damals die Höchststrafe für dieses Delikt. Zu dieser Zeit war mein Vater als Soldat nach Frankreich abkommandiert und sollte bald von dort an die Ostfront verlegt werden. Davon hat die Heeresleitung aber dann Abstand genommen, weil durch den Großvater der Verdacht entstanden war, dass die Familie dem Kommunismus anhing. Und die Gefahr, dass mein Vater zu den Sowjets überläuft, schien ihnen zu groß. So hat also das lockere Mundwerk meines Großvaters den Vater vor dem Tod an der Ostfront bewahrt und dafür gesorgt, dass ich heute hier bin. Ich denke, wir sind schon immer etwas widerborstig gewesen.

Klingt nach politischem Engagement. Wann ging es bei dir los?

Als die Grünen aufkamen, 1979, Ich bin da noch zur Schule gegangen und konnte nicht eintreten, weil ich noch keine 18 war, aber ich habe bei denen mitgemacht, wie so viele. Ich habe erwartet, dass aus diesen Bürgerinitiativen so eine Art Basisdemokratie entstehen könnte. Man würde mehr auf die Bedürfnisse der Menschen vor Ort Rücksicht nehmen. Und in Braunschweig gab es ganz konkrete Beispiele. Braunschweig war eine alte Fachwerkstadt, wunderschön, aber stark durch den Krieg verwundet, und dazu dann noch die Verheerungen des Nachkriegsbaus. Volkswagen war dominierend, man versuchte, ein Detroit Westdeutschlands aus Braunschweig zu machen. Alles musste autogerecht sein, man wollte Schneisen durch die Stadt schlagen. Die Pläne waren irre. Durch die Grünen – damals hießen sie noch GLU, Grüne Liste Umweltschutz – entstand eine Art Aufbruch. Es gab die Anti-AKW-Bewegung, es gab Brokdorf, bei uns gab es den Schacht Konrad, wo der ganze Atommüll verklappt wurde. Und die Auseinandersetzung mit der Polizei, das hatte auch einen Heldenstatus.

Bildbeschreibung Bild: Schacht Konrad, 2003 (Ballon-sz.de, CC BY-SA 2.0)

Kann man sagen, dass du in frühen Jahren links warst?

Ich würde mich nicht als links bezeichnen. Ich war eigentlich Beobachter. Meine politische Entwicklung kommt eher aus der grünen Ecke, und das war für mich weder links noch rechts. Deswegen fand ich auch 1979 diese Revolution im Iran sehr ermutigend, weil ich dachte, endlich passiert mal was, was nicht in diesen Ost-West-Rahmen eingespannt ist. Das hat mich fasziniert. Dass der Schah rausgekickt wurde, der ja von den Amerikanern eingesetzt worden war. Und dass eben nicht irgendein Enver Hoxha kam – nicht dieser klassische Gegensatz, entweder für oder gegen den Westen: Washington oder Moskau. Ein Weg, der zwischen die Blöcke führte. Das hatte ich mir auch für Deutschland vorgestellt. Weil ich immer an dieser Grenze zwar nicht gelitten habe, aber es hat mich geärgert, dass es da nicht weiterging. Ich habe die Teilung immer als unnatürlich empfunden.

Zum einen die grüne Agenda und zum anderen der Fokus auf Ost-West-Beziehungen: War das gut miteinander vereinbar?

Die Grünen waren für mich gestorben. Während 1986 Tschernobyl eigentlich das Hauptthema war, diskutierten sie konsensuellen Sex mit Kindern. Tschernobyl, das grüne Thema per se, und dann tanzen da auf der Bühne armselige Leute aus pädophilen Lobby-Gruppen. Ich war damals auch in der Friedensbewegung aktiv, auf der großen Demo im Bonner Hofgarten. Aber 1983, nach der Stationierung der Pershings, hatte ich auch dort einen Moment, der mich die Friedensbewegung kritisch sehen ließ. Was machen wir denn jetzt, wo die Pershings da sind? Das war das Thema einer großen Versammlung an der Freien Uni in Berlin. Erstens kam da keiner auf den Gedanken, die Halle zu verlassen, um die Ecke zu gehen und sich vor die US-amerikanische Hauptverwaltung zu setzen. Das wäre wenigstens ein öffentlich sichtbares Zeichen gewesen. Und zweitens wandte einer der Redner ein, dass das Problem doch eigentlich die beiden Blöcke wären, die aufeinanderstoßen. Würden sich DDR und BRD aus diesem Ost-West-Gefüge herausziehen und Neutralität anstreben, dann hätten wir eine Art Glacier, eine Übergangsfläche, und die Konfrontation wäre etwas abgefedert. Der ganze Saal hat ihn ausgebuht. Sie brüllten Nazi, das ist nationalistisch, was du da sagst. Das hat mich sehr erstaunt. Da habe ich dann auch das Interesse verloren.

Bildbeschreibung Bild: Demonstration im Bonner Hofgarten gegen die Stationierung von Atomwaffen, 1981 (Rob Bogaerts/Anefo, CC0)

Das verstehe ich nicht so recht. Was hätte denn die Friedensbewegung damals fordern sollen?

Die Neutralität Deutschlands. Dass man Deutschland aus diesen Blöcken herauslöst und vielleicht zu einer Konföderation kommt, dass man zumindest diese Grenze infrage stellt. Daran war ja damals gar nicht zu denken, das anzusprechen, galt als nationalistisch. Man durfte die DDR nicht angreifen als Linker. Die DDR war quasi der antifaschistische Schutzwall. Die Linken im Westen haben das zu einem gewissen Teil wirklich geglaubt. Und in den 1980er Jahren war es für viele vollkommen normal, die Grenze in West-Berlin zu verleugnen. Noch nicht mal nach Ostberlin zu fahren. Viele Westberliner haben sich auch nach der Wende noch geweigert, Ostberlin zu besuchen. Das war Terra Incognita, etwas, das man irgendwie nicht betrat.

Beim Mauerfall warst du schon in Berlin. Bist du durch ein Studium hierhergekommen?

Ja, zuerst habe ich an der FU Geschichte studiert. Ich habe mich dann aber bei der DFFB beworben, der deutschen Film- und Fernsehakademie. Ich wollte immer Regie machen, also Film. An der FU hatte ich schon angefangen, Musikvideos zu drehen, und habe dann glücklicherweise die Chance bekommen, zur DFFB zu gehen. Aus 700 Bewerbern wurden 18 genommen. Das war 1989 – also quasi zum Mauerfall. Das hat mich auch ein bisschen aus dem Takt geworfen, muss ich sagen, weil ich dann ständig hin und her bin. Ich empfand den Mauerfall eigentlich als Befreiung. Für mich war das eine schöne Zeit, eine tolle Zeit, obwohl ich ahnte, dass die Entwicklung im Westen sich nun ändern würde. Der Westen hatte gewonnen und fühlte sich bestätigt und es war mir irgendwie klar, was passieren würde. Die Stützräder wurden abgebaut und dann ging es bergab. Die BRD wurde nicht mehr gebraucht als ein Schaufenster des Westens. Man musste sich nicht mehr gegenüber den Angestellten und Arbeitern freundlich zeigen. Und die soziale Marktwirtschaft, wie man das so nannte, diente letztlich nur dazu, im Vergleich mit dem Osten standzuhalten. Für mich war die BRD nie die Ultima Ratio des Daseins. Ich empfand das eher als Lobhudelei. Selbstlob, einerseits von den Reaktionären oder Konservativen; und auf der anderen Seite konnte ich mich nie in die utopische Einstellung der Linken hineinversetzen. Es war einfach viel Heuchelei in der ganzen Erzählung des Westens.

Du hast in vielen politischen Kreisen, sei es bei den Grünen, in der Friedensbewegung oder in der Westerzählung, keine politische Heimat gefunden. Wie war das an der DFFB?

Ich hatte zuerst begonnen, Musikvideos zu drehen an der FU. Und darüber habe ich mich dann hochgearbeitet, mit Musikvideos für relativ bekannte Berliner Bands, für Die Ärzte zum Beispiel. Das hat mir an der DFFB leider gar nicht geholfen. Damit war ich quasi ein Kommerzschwein. Wie, du machst Musikvideos, das ist ja furchtbar. Willst du etwa fürs Fernsehen arbeiten? Wenn du hier nicht genommen worden wärst, wärst du auch nach Krakau gegangen, echt? Es war sehr elitär an der DFFB. Die haben es ja auch geschafft, jemanden wie Wolfgang Petersen rauszuekeln. Fassbinder haben sie erst gar nicht zugelassen. Man durfte kein überwältigendes Kino machen. Die Kamera musste einfach draufgehalten werden, Berliner Schule eben. Ich kam aber vom Musikvideo, ich mochte Bildgewalt. Ende der 1990er habe ich dann meinen Abschlussfilm „Es kommen härtere Tage“ gemacht, bei dem ich allerdings viel Pech hatte und sich das Drehen auf 35 Millimeter, Schwarz-Weiß, nicht so umsetzen ließ, wie ich mir das gewünscht hätte. Im Anschluss habe ich dann Fernsehspiele gemacht, Drehbücher geschrieben und eine kleine Filmproduktion gegründet.

Wir sind jetzt in den 1990ern angelangt, die Zone konnte frei betreten werden.

Die 1990er Jahre waren interessant. Das war eine aufregende Zeit, eigentlich die schönste Zeit in Berlin. Alles Mögliche öffnete sich, plötzlich gab es Clubs in abgerockten Ruinen – Untergrundkultur, die sogar von der Politik gefördert wurde. Vieles war unreglementiert. Ich fand die 1990er eigentlich vorbildlich. Die Straßen waren viel leerer als heute. Der Potsdamer Platz war eine Brache. Politisch waren diese Jahre allerdings überschattet von Helmut Kohl und dieser missglückten Vereinigung. Er hat mit der Treuhand alle Möglichkeiten verschenkt. Die Chinesen haben das viel besser gemacht. Die haben Sonderwirtschaftszonen eingerichtet, um Hongkong ans Festland zu binden. So hätte man auch die DDR-Industrie fördern und überführen können, mit Investitionen und Steuerungsmechanismen. Aber das ist halt nicht passiert. Man hat einfach zugeschaut, wie die jungen Leute in den Westen abwanderten.

Bildbeschreibung Bild: Der Potsdamer Platz in Berlin 1990 (Ausschnitt aus einem Panorama-Foto von Gerd Danigel, ddr-fotograf.de, CC BY-SA 4.0)

Das Freiheitsgefühl ging vorbei – was war die nächste politisch aktive Phase in deinem Leben?

Corona! Ich dachte, wie kann sowas passieren? Weltweite Panik und Maßnahmen gegen die Grundrechte. Das kann nur gehen, wenn man Menschen von der Entscheidungsfindung ausschließt. Es wurde so offensichtlich, dass es eben keine Demokratie ist, die Leute nicht mitbestimmen können und sogar manipuliert werden. Das ist der Punkt, dachte ich, das muss sich ändern. Meine Idee waren ja schon immer, schon während der Schulzeit – Bürgerinitiativen. Dass von unten ausgehend Dinge beurteilt werden, und nicht über die Köpfe der Menschen hinweg. So kam ich dann zur Basis, weil das die einzige Partei ist, die diesen Anspruch aktiv vertritt – also gar nicht so sehr wegen Corona. Ich glaube, das ist das Einzige, was uns noch hilft: Dass wir uns selbst regieren. Von unten nach oben.

Gab es da nicht schon Versuche, die schiefgegangen sind?

Ja, einige Versuche einer Räte-Demokratie – die wurden im Lauf der Geschichte immer blutig niedergeschlagen. Selbst Lenin war für zentralisierte Herrschaft. Er sagte, wir brauchen Staatsmonopolkapitalismus, weil dann müssen wir nur noch die Kapitalisten aus dem Weg räumen und haben die passende Grundlage für sozialistische Wirtschaft. Auch er wollte sich nicht auf die Selbstorganisation von unten verlassen.

Also müssen wir das anders angehen.

Heute geht es darum, eine interessante Gesellschaft zu schaffen, die den Einzelnen teilhaben lässt. Die erste Demokratie, also die attische Demokratie – mal abgesehen von Frauen, Sklaven und Fremden, die ja nicht „stimmberechtigt“ waren – hatte zumindest die richtige Grundintention: Jeder sollte mitbestimmen, Reichtum und Macht sollten keine Rolle spielen, Abwahl sollte möglich sein. Das entstand damals übrigens aus einer ökonomischen Situation heraus, die unserer heutigen Verteilungsökonomie ähnelt. Die arme, bäuerliche Bevölkerung musste sich bei den Oligarchen verschulden. Und wenn sie die Schulden nicht zurückzahlen konnten, wurden sie zu Sklaven. Durch Schuldknechtschaft wurden athenische Bauern bis nach Persien verkauft. In dieser Krise wurde Solon eingesetzt mit freier Hand für grundlegende Reformen. Er beschloss, dass die Oligarchen mit ihrem eigenen Geld jeden Einzelnen, den sie verkauft hatten, zurückkaufen mussten. Aus aller Welt mussten die Schuldknechte wieder eingesammelt und zu meist überhöhten Preisen angekauft werden. Das war ein Schlag ins Kontor der Reichen.

Heute wird die Forderung nach direkter Demokratie von den etablierten Parteien eher stiefmütterlich bis gar nicht aufgegriffen. Obwohl es eine zentrale Idee der 68er Studentenbewegung war, zumindest von Rudi Dutschke, und auch zu Beginn der Anti-Atomkraft-Bewegung eine wichtige Rolle spielte. Ich frage mich oft, wie man die Entwicklung von den 68ern bis zum heutigen „linksgrün“ erklären kann.

Das tue ich auch. Ich habe zu den 68ern mal etwas recherchiert und mir die Frankfurter Schule genauer angeschaut. Besonders interessant ist Herbert Marcuse, der sehr früh in die USA ausgewandert ist. Und zwar arbeitete er seit Beginn der 1940er Jahre beim Office of Strategic Services, kurz OSS, also Amerikas erstem Geheimdienst. Die Vorstufe zur CIA. Seine Aufgabe bestand darin, Narrative zu formen, die dem amerikanischen Volk die Sowjetunion als gefährlichen Kontrahenten vorführen. Zehn Jahre lang hat er Ergebnisse zur Feindbekämpfung geliefert, danach machte er an einer amerikanischen Universität weitere Studien zum Sowjet-Marxismus, finanziert von der Rockefeller-Stiftung. Und zugleich war er ein bekennender Marxist. Er hat die McCarthy-Ära komplett unbeschadet überstanden. Wie hat er das geschafft? Er war zu dieser Zeit für das Moskau-Board des US-Außenministeriums zuständig. Das heißt, Marcuse war ein Linker, ein Marxist. Aber eben kein Kommunist. Das war das Entscheidende – und er war eng eingebunden in die Welt der Geheimdienste. Übrigens auch Adorno und Horkheimer, die 1949 nach Deutschland zurückgekehrt waren, um das Institut für Sozialforschung wiederzueröffnen, die Frankfurter Schule. Auch sie waren eingebettet in das, was die Amerikaner Re-Education nannten und wofür die CIA 1950 einen Kongress für kulturelle Freiheit in Berlin gründete. Ein Programm zur Umerziehung der Deutschen. Die Frankfurter Schule war gut geeignet, die Umerziehung zur westlichen Art der Demokratie sozusagen auf einer universitären Ebene voranzubringen.

Bildbeschreibung Bild: Herbert Marcuse bei einer Vorlesung in Berlin, 1967 (Isaactrius, CC BY-SA 4.0)

Willst du damit sagen, dass die 68er Studentenbewegung trotz der Vietnam-Proteste transatlantisch orientiert war?

Ja, das ist es, was überhaupt die ganze westdeutsche Linke auszeichnet. Du durftest links sein. Du durftest radikal sein. Du durftest sogar Enteignungen fordern. Du durftest nur nicht für Moskau sein. Und das Interessante bei Marcuse ist, dass er zuerst in den 1950er Jahren für das US-Außenministerium unterwegs war und dann in den 1960er Jahren die Bücher veröffentliche, die ihn zum Vordenker der aufkommenden Studentenbewegung machten. Angela Davis war eine Studentin von ihm und im Osten eine Kultfigur. Sie hatte diesen Afro-Look, bekannte sich zu Black Panther und der Kommunistischen Partei der USA und saß im Knast. In der DDR gab es eine Freiheit-für-Angela-Davis-Kampagne. Marcuse war ihr Mentor, seit Beginn der 1960er Jahre, und er kämpfte für ihren Freispruch zu Beginn der 1970er Jahre. Sie war eigentlich das Vorbild für alles, was er in seinen Büchern formulierte – und bis heute eine Rolle spielt. Der Feminismus, der Gedanke, dass es viel zu viel Männlichkeit gibt. Dass man im Grunde genommen eine androgyne Gesellschaft braucht. Schon Mitte der 1960er Jahre schreibt er das. Und dann kommt die Geschichte, dass er sagt: Das Proletariat, das ist keine revolutionäre Kraft mehr. Die haben sich verkauft, die haben sich kaufen lassen vom Konsumismus, vor allem in Amerika. Also jeder Arbeiter glaubt, dass er eigentlich ein verhinderter Millionär ist. Mit denen kannst du nichts anfangen, denen geht es eigentlich zu gut. Das revolutionäre Potenzial liegt in den Randgruppen. Heute würden wir sagen: Minoritäten.

Bildbeschreibung Bild: Erich Honecker überreicht Angela Davis die Einladung für die Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 in Berlin. (Bundesarchiv, Bild 183-L0911-029/Koard, Peter/CC-BY-SA 3.0)

Marcuse als erster Woker – und die 68er als Beginn einer kulturellen Revolution, während die ökonomische Basis unangetastet blieb. Wie du es beschreibst, war es eine akademische Bewegung. Intellektuelle suchen sich Menschengruppen, auf die sie ihre Weltverbesserungsbemühungen richten können?

Genau. Und sie versuchen, den Menschen über eine höherstehende Moral zu erziehen. Ich glaube, eine direkte Demokratie kann das verhindern, weil man alle einbeziehen muss. Und wenn die Medien nicht in den Händen von Wenigen sind, dann wird es schwierig, die Leute moralisch zu manipulieren. Wir sind ja Gemeinschaftswesen. Es gibt ein Grundgefühl für Solidarität und Empathie. Man kann es jedoch umleiten, man kann es einsetzen, man kann es manipulieren. Man kann diese tiefen Gefühle auch einsetzen für schäbige Zwecke. Ich glaube, letztlich muss man immer die Wahrheit aussprechen. Man muss sprechen dürfen. Und eben das versuchen sie zu verhindern. Weil sie wissen: Sobald man offen Umgang miteinander hat, ist das Verschweigen der Wahrheit schwieriger. Deswegen ist der Sprechsaal so wichtig. Ich fand den Namen immer ein bisschen komisch, aber ich verstehe es jetzt. Denkraum und Sprechsaal. Ich bin dort aktiv, ich versuche, den Diskurs aufrechtzuerhalten, den es im Mainstream nicht mehr gibt. Das auszusprechen, was man für wahr hält. Ich glaube, es gibt nichts Umstürzlerisches als die Wahrheit. Eigentlich habe ich mein ganzes Leben darauf gewartet, solche Gespräche zu führen, weil ich immer schon gedacht habe, irgendwas stimmt doch hier nicht. Und jetzt, in den letzten Jahren, fährt die Kamera zurück, man sieht das Gesamtbild und erkennt: Oh, ich habe es geahnt, aber ich habe es nicht wirklich erkannt.

Claudia Schillinger hat an mehreren Kursen der Freien Medienakademie teilgenommen.

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Bildquellen: An der Berliner Mauer 1989 (Titelfoto: Aad van der Drift, CC BY 2.0)