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Medien-Tresen | 20.03.2026
Mainstream-Zukunft
Wenn Madsack auf den Journalismus schaut, bleibt man unter sich, hört Gauck zu und moderiert die Störgeräusche weg.
Text: Helge Buttkereit
 
 

Der Ort der Tagung gibt dem Ganzen einen ironischen Beigeschmack. Der Madsack-Konzern hat in der vergangenen Woche ausgerechnet in die Alte Druckerei in Hannover geladen, um auf die Zukunft des Journalismus zu schauen. Natürlich ist es die Zukunft, die sie meinen, die vorgeblichen Qualitätsmedienmacher aus dem Mainstream. Und es ist eine digitale Zukunft, weswegen eine Druckerei vielleicht noch einmal an eine ehrwürdige Vergangenheit erinnert, aber ansonsten nur noch Tagungsort ist.

Dabei bleibt der Mainstream größtenteils unter sich. Für Störgeräusche sorgte vor allem Holger Friedrich, Verleger der Berliner Zeitung und Gründer der Ostdeutschen Allgemeinen. Einer muss schließlich der Dumme sein, an dem der Mainstream die Überlegenheit seiner Ideen präsentieren darf. Alternative, oppositionelle Medien fanden nicht statt und wenn, dann nur im Geraune – beispielsweise von Joachim Gauck. Von diesem Gast ließ sich die versammelte Branche gut zureden. Ein Gauck spricht von Haltung, von „unserer Demokratie“, an der die Journalisten des Mainstreams (aber nur die) selbstverständlich teilhaben dürfen, und kanzelt die Ostdeutsche Allgemeine als „Ossi-Postille“ ab. Wie bestellt, so geliefert, möchte man meinen.

Wenn wir am Medien-Tresen auf die Tagung „The Future of German Media“ zurückschauen, müssen wir uns auf Video-Ausschnitte und Berichte des Mainstreams stützen – komplette Mitschnitte etwa von der Podiumsdiskussion mit Holger Friedrich, Thomas Düffert (Madsack) und anderen gibt es nicht. Es ist also ein Blick des Mainstreams auf den Mainstream – gefilterte Auszüge einer Branche, die nicht so genau weiß, wie sie mit der digitalen Zukunft umgehen kann. Eine Branche, die gleichzeitig so von sich überzeugt ist, dass sie alternative Sichtweisen größtenteils wegmoderiert. Immerhin spricht sie dabei nicht von Feinden, das ist anderen vorbehalten, hier dem wiedergewählten ZDF-Intendanten Norbert Himmler. Dazu später mehr.

Wie man im Mainstream mit Störgeräuschen umgeht, zeigt ein Ausschnitt aus besagter Podiumsdiskussion, in dem Holger Friedrich (mal wieder) über die Repräsentationslücke spricht. Wobei es an dieser Stelle nicht um die gesamte Bundesrepublik und die Krisen der Jetztzeit geht, sondern um den Osten. Friedrich spricht davon, dass die „übergeordneten“ Printmedien, also die Leitmedien vom Spiegel bis zur Süddeutschen Zeitung, nicht mehr als fünf Prozent ihrer Exemplare im Osten verkaufen.

Das heißt, da gibt es eine Repräsentationslücke.

Der NDR-Intendant will das nicht so stehen lassen. Das sei Friedrichs Lebensthema, aber es sei schlicht falsch, dass gar keiner da ist. Der NDR sei da, zumindest in Mecklenburg-Vorpommern, sagt Hendrik Lünenborg und kann sich dabei immerhin auf das hohe Vertrauen stützen, das dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch im Nordosten entgegengebracht wird. Dass der NDR einseitig berichtet und über Kritik hinwegfegt, wissen wir, da brauchen wir nur an den Fall Julia Ruhs erinnern.

Auf dem Podium macht Friedrich außerdem deutlich, dass er mit wirtschaftlicher und publizistischer Unabhängigkeit Erfolg haben will, und kritisiert den Nachwuchs dafür, zu aktivistisch zu sein.

Aus den Unis kommen Leute, die mit bestimmten Sachen wie Dialektik nicht umgehen können,

zitiert ihn der Beobachter der Nachrichtenagentur KNA. Deswegen könnten junge Menschen nicht mehr mit Komplexität umgehen. „Wir müssen die Grundlagen diskutieren – aber da fehlt die Fähigkeit des Diskurses“, sagt Friedrich und erntet – natürlich – Widerspruch von Lünenborg und der Verlegerin der Celleschen Zeitung, Friederike Pfingsten, selbst erst Anfang 40. Älteren Menschen, sagt Pfingsten, falle es schwer, kompetent mit Medien umzugehen. Dass der Berichterstatter des Branchenmagazins turi2 dies gegen Friedrichs Aussage ins Feld führt, sagt zumindest einiges über den Berichterstatter aus: Er hat das Problem des aktivistischen Haltungsjournalismus schlicht nicht verstanden.

Die Diskussionen kreisten gleichwohl nicht nur um sich selbst, denn die Medienmacher mussten sich neben Friedrich auch die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach anhören – zur Frage, ob Journalisten zu oft einer Meinung seien. Auch hier hätte man gerne mehr als die kleinen Ausschnitte gehört, die es im Netz gibt. Stephan Lamby plädierte dafür, nach draußen zu gehen und mit den Menschen zu sprechen. Reuschenbach: Rausgehen sei wichtig, aber man müsse auch zuhören wollen. Demokratieangebote auf therapeutischer Ebene führten zum Gegenteil dessen, was die um „unsere Demokratie“ besorgten Journalisten bezweckten. Stattdessen brauche es richtigen Dialog,

also auch die Frage zu stellen: Haben die Leute gute Argumente? Kann ich einzelne dieser Argumente wertschätzen, vielleicht sogar aufgreifen in meiner Berichterstattung, ohne dass ich gleich die nächste Panikattacke bekomme, dass ich damit Rechtspopulismus oder Rechtsextremismus relative?

Das seien, schiebt Reuschenbach nach, schwierige Fragen. Aber es sind Fragen, ohne die jede vernünftige Diskussion sinnlos ist. Wenn ich nicht davon ausgehe, dass mein Gegenüber Recht haben könnte, dann brauche ich nicht diskutieren, dann will ich belehren. Genau darum aber scheint es vielen Journalisten zu gehen. Auf Reuschenbergs Argumente reagierte, wir können es wieder bei der KNA nachlesen, Martin Machowecz von der Zeit. Man gebe sich Mühe, aber es dauere halt. Das war’s offenbar schon mit der Selbstkritik.

Mehr braucht es auch nicht, wenn man auf Unterstützer wie Joachim Gauck zählen kann. Der meint zu wissen, was der Journalismus zu leisten hat: Es geht um (seine) Freiheit und (unsere) Demokratie. Gauck kritisierte auch, und zwar besonders den Journalismus, wenn dieser zu viel Kritik übe und zu wenig konstruktiv sei. Und er kritisierte die, die angeblich Fake News böten. Die Rede, die er auf seiner Homepage veröffentlicht hat, ist – wie bei Gauck nicht anders zu erwarten – eine Sammlung von Mainstream-Narrativen. Gegen Russland und gegen Trump. Die Medienpolitik der US-Regierung kritisiert er, weil unliebsame Stimmen verschwänden. Das gleiche gelte für Polen und Ungarn. Gauck spricht von den Digitalkonzernen und den Möglichkeiten des Internets, das viele Gegenöffentlichkeiten geschaffen habe, aber jetzt für Manipulation, Fake News und Polarisierung genutzt werde.

Ganz falsch ist das nicht, insbesondere dann, wenn man es eins zu eins auf den Mainstream anwendet. Die Menschen, vor denen Gauck in Hannover sprach, sind schließlich ebenfalls für massenhaft Fake News verantwortlich. Gauck sagt:

Wer den Unterschied zwischen wahr und falsch aufgibt, wird lenkbar.

Genau. Schauen wir auf die Corona-Zeit oder die Nato-Propaganda rund um den Ukraine-Krieg. Wer die Rede des Alt-Bundespräsidenten liest, dem wird wieder einmal vor Augen geführt, wie weit sich die verschiedenen „Lager“ voneinander entfernt haben, wie wenig von dem Dialog möglich scheint, den Reuschenbach bei der Tagung forderte (ihr aktuelles Buch heißt übrigens Defekte Debatten). Gauck spricht von „alternativen Wahrheiten“ und davon, dass die Qualitätsmedien eine politische Kultur zu schützen hätten. Seine „geschätzten Medien“ seien die Verbündeten bei der Verteidigung der Demokratie. Kritik sei nötig, dürfe aber nicht übertrieben werden. In Zeiten, in denen das Fundament der Demokratie angegriffen werde, gebe es eine Beistandspflicht demokratischer Medien, raunt Gauck, denn mehr als Geraune ist das kaum. Die Demokratie, die sie alle meinen, muss schließlich nicht definiert werden. Man weiß, wofür man steht, und ist unter sich.

Wenn der Bundespräsident a.D. einen dann auf diese Weise auf die eigene Seite holt, kann man auch ein wenig Kritik vertragen. Und es ist auch eine Ambivalenz: Man will seine Produkte an die verkaufen, die man kritisiert und von denen man kritisiert wird, muss sie dafür ein Stück weit verstehen und bleibt gleichzeitig in seiner Blase. Das dürfte wohl die Quintessenz der Madsack-Tagung zur Zukunft des Journalismus sein.

Bildbeschreibung Bild: Norbert Himmler 2024 (Foto: Annette Riedl, re:publica 2024, CC BY-SA 2.0)

Für Feindbilder und Feinderklärungen sind derweil andere zuständig. Die Rede ist von Norbert Himmler, gerade als ZDF-Intendant wiedergewählt, der den „Feind“ an anderer Stelle verortet, explizit von alternativen Medien spricht und seine „Gegner“ so charakterisiert, wie einem oft die ZDF-Redakteure vorkommen:

In unserer Republik gibt es eine wachsende Zahl von Menschen, die nur noch das hören und glauben wollen, was in ihr Weltbild passt. Fakten und Informationen, die dem entgegenstehen, werden strikt abgelehnt oder sie werden auch einfach bekämpft.

Das würden vermutlich auch viele der Medienmacher bei Madsack unterschreiben. Während aber der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seiner offenkundigen Staatsnähe und gesetzlich geregelter Bezahlung offenbar auf sein Publikum schimpfen kann, haben es die (lokalen) Zeitungsmacher schwieriger und sind sicher oftmals auch viel dichter dran, treffen ihre Leser und die Politiker auf der Straße in der Kleinstadt. Vielleicht schützt das einige von ihnen vor zu viel Hybris.

Helge Buttkereit ist Historiker, freier Journalist und derzeit in der Öffentlichkeitsarbeit tätig.

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Bildquellen: Joachim Gauck im November 2023 bei Maischberger (Titelfoto: Superbass, CC BY-SA 4.0)