Ein kalter, nasser Februartag in München. Polizeiansagen, Zeitdruck, Vermummungsverbot – und dazwischen trotz allem eine Wärme, die entsteht, wenn Menschen miteinander reden wollen. Das Bündnis „Macht Frieden“ ist weniger eine Veranstaltung als der Versuch, eine andere Politik hörbar zu machen: Diplomatie statt Kriegsrhetorik, Grundrechte statt Ausnahmezustand, Gespräch statt Lagerkampf. Als Veranstalter haben sich Dr. Mona Aranea vom Friedensbündnis NRW als Koordinatorin, Jürgen Müller als Pressesprecher, Pascal Schmidt als Versammlungsleiter sowie Oli Hannemann zusammengetan, letzterer kümmert sich um die Anmeldung. Gemeinsam mit weiteren Mitstreitern präsentieren sie keinen glattgebügelten Protest, sondern eine Bewegung, die ständig mit sich selbst verhandelt: Wer darf hier sprechen? Wer gehört dazu? Und was „kostet“ es, Frieden zu fordern, wenn der Zeitgeist Kriegstüchtigkeit ruft?

Die Menschen vereint das Misstrauen gegenüber den offiziellen Narrativen. „Sicherheitskonferenz“ bedeutet für die Veranstalter und Redner der Demo: Kriegsrat, Kriegskonferenz, euphemistische Tarnung. Wahrheit entsteht dabei nicht durch Expertise oder das Zitieren von Strategiepapiere, sondern durch Erfahrung. Für viele Menschen hier waren die vergangenen Jahre ein Scharnier, in dem Grundrechte „abgewogen“ wurden, Kontakte reglementiert, Versammlungen begrenzt, Meinungen unterdrückt – und damit eine Verfassungskrise sichtbar wurde. Neben der Krieg-oder-Frieden-Frage schaut man auch dahinter: Werden die Menschen wieder falschen Narrativen glauben? Sind es wieder dieselben Player? Wer profitiert am Ende?
Die Teilnehmer auf und vor der Bühne leben von dieser Spannung. Hier spricht keine akademische Konferenz, sondern eine Gegenöffentlichkeit, die sich nicht mehr belehren lassen will, weil sie weiß, schon oftmals belogen worden zu sein. Die Redner bringen es auf den Punkt: Macht Frieden, bevor es zu spät ist!
Eugen Drewermann kritisiert die Sicherheitskonferenz scharf und vertritt die Ansicht, dass Aufrüstung und Eskalation keinen Frieden schaffen, sondern bestehende Konflikte weiter antreiben. Er betont, dass Frieden nur durch Abrüstung möglich sei. Atomwaffen und die kirchliche Rechtfertigung eines „gerechten Krieges“ lehnt er entschieden ab. Außerdem sieht er im Kapitalismus ein System ständiger Konkurrenz, das Kriege um Ressourcen, Märkte und Macht begünstigt. Zudem kritisiert er die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft sowie die „Entmenschlichung“ durch militärische Ausbildung.

Ruth Firmenich (BSW), seit Juli 2024 fraktionsloses Mitglied des Europäischen Parlaments, stellt die EU-Politik im Ukrainekrieg an den Pranger. Ihrer Meinung nach schränkt die EU durch Sanktionen gegen Kritiker die Meinungsfreiheit ein, anstatt ernsthaft diplomatische Lösungen zu suchen. Firmenich wirft der EU vor, keine echten Friedensinitiativen zu betreiben, sondern militärische Aufrüstung zu fördern und die „Bedrohung durch Russland“ als Vorwand für den Abbau von Freiheitsrechten zu nutzen. Die Rednerin fordert, den Krieg sofort durch Verhandlungen zu beenden, die Sanktionen gegen Journalisten und Kriegsgegner aufzuheben und von einer militärisch geprägten Politik zu Diplomatie und Kooperation mit Russland zu wechseln. Die Rede zum Nachlesen und im Video
Bild: Ruth Firmenich, Mitglied des Europäischen Parlaments
Ulrike Guérot sieht den Militarismus tief in der deutschen Gesellschaft verankert – nicht nur am konservativen Rand, sondern ebenso in der politischen Mitte sowie in etablierten Institutionen wie Kirchen und Gewerkschaften. Sie wirft der Gesellschaft vor, unbequeme Tatsachen – etwa im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg und dem Nord-Stream-Anschlag – nicht klar zu benennen und Verantwortlichkeiten zu meiden. Diese Verdrängung begünstige Doppelmoral und eine weitere Eskalation. Zugleich warnt Guérot vor einer geistigen Krise Europas: Wenn Trauer und Schuld nicht aufgearbeitet würden, drohten politische Verrohung und autoritäre Tendenzen. Europa solle die gegenwärtige historische Lage nutzen, sich außenpolitisch eigenständiger zu positionieren und aktiv an einer multipolaren Weltordnung mitzuwirken – jenseits enger transatlantischer Bindungen. Die gesamte Rede hier lesen

Michael Aggelidis, Rechtsanwalt und stellvertretender Landesvorsitzender NRW von der Partei DieBasis, fordert Friedensverhandlungen mit Russland und wendet sich gegen Waffenlieferungen sowie eine weitere militärische Eskalation im Ukrainekrieg. Sanktionen sollen beendet und wirtschaftliche Beziehungen wieder aufgenommen werden. Er betont Deutschlands historische Verantwortung gegenüber Russland und der ehemaligen Sowjetunion und plädiert für Versöhnung statt Konfrontation. Russland versteht er als Teil Europas, mit dem eine Partnerschaft angestrebt werden sollte. Außerdem kritisiert er die aktuelle Politik als schädlich für Wirtschaft und Industrie in Deutschland und warnt vor Deindustrialisierung und wachsender Verarmung. Am Ende spricht er sich für eine eigenständige europäische Sicherheitsordnung ohne militärische Einbindung in die Nato aus und ruft zu einem grundlegenden politischen Kurswechsel hin zu Diplomatie, wirtschaftlicher Kooperation und Friedenspolitik auf.
Rainer Rothfuß, AfD-Politiker und seit 2023 im Bundestag, kritisiert internationale Organisationen wie Nato, UN, WHO und EU und wirft ihnen vor, nicht im Interesse der Bevölkerung zu handeln. Statt globaler Strukturen fordert er eine stärkere Orientierung an souveränen Nationalstaaten, die sich vorrangig an den Bedürfnissen ihrer Bürger ausrichten. Er lehnt die Aufrüstung sowie die Unterstützung des Kriegs in der Ukraine ab und betont, dass militärische Mittel keinen dauerhaften Frieden schaffen. Diplomatie und Verständigung zwischen Staaten seien der einzig sinnvolle Weg. Außerdem plädiert er für eine Rückbesinnung auf christlich geprägte Werte wie Nächstenliebe und gegenseitiges Verständnis. Insgesamt fordert er einen politischen Kurswechsel hin zu Multipolarität, weniger internationaler Kriegsbeteiligung und eine aktive Friedenspolitik. Abschließend fordert er ein klares Bekenntnis zu Frieden und Abrüstung und ruft dazu auf, Mittel statt ins Militär in soziale Bereiche wie Bildung, Pflege und soziale Sicherheit zu investieren.

Nicht nur prominente Redner belebten die Bühne, sondern auch Vertreter der vielen deutschlandweiten Friedensinitiativen. Mit dabei waren das Netzwerk „Zusammen für Frieden! JETZT!“, die Video-Friedenskampagne Krieg – Nicht in meinem Namen!, Mütter für Frieden von der Frauen-Schutzbewegung, die Aktion Freiheitslauf 2026, Stopp Air Base Ramstein sowie 1.000.000 Stimmen für den Frieden. An ihren Info-Ständen weckten sie auch das Interesse vieler Passanten, kamen mit ihnen ins Gespräch und hatten damit einen großen Anteil am Gelingen der Veranstaltung.

Eins ist allen gemeinsam: das klare Menschenbild. Der Mensch ist kein „zu führendes Material“, sondern hat Rechte und Würde. Zusammengefasst zeigen die Redner gleichzeitig ein kaputtes Menschenbild in der derzeitigen Gesellschaft: Bürger als potenziell einzuschüchternde Masse, als Ziel von Exempel-Politik, als Publikum, das man mit Angst regiert. Dagegen setzen die Redner auf ruhige Entschlossenheit, Friedlichkeit, Selbstbehauptung und Selbstbestimmung.
Die Motivation der Demonstranten ist Frieden als Auftrag staatlichen Handels. Immer wieder wird betont, das Denken in Lagerkategorien (links/rechts) sollte der Vergangenheit angehören – willkommen ist, wer Friedensgebot ohne Waffen und Grundrechte bejaht. Das klingt integrativ, ist aber auch eine klare Ansage an die Disziplinierungsmaschine der Gegenwart, die ruft: Spalte! Etikettiere! Isoliere! Delegitimiere! Diffamiere! Diskriminiere!

Doch sichtbar wird auch: Lagerübergreifend ist nicht nur das nette Brückenbauen, sondern ebenso ein Konfliktfeld innerhalb der Friedensbewegung. Es gab Aufregungen um Personen und Aussagen; es gab die Notwendigkeit, sich öffentlich zu rechtfertigen, warum man wen nicht ausgrenzt. Auch im vierten Jahr, in dem das Bündnis „Macht Frieden“ die Demo gegen die Sicherheitskonferenz nun veranstaltet, war es trotz intensiven Bemühens nicht möglich, eine vereinte Friedensdemonstration mit dem 2002 gegründeten Aktionsbündnis „Anti-Siko“ auf die Münchener Straßen zu bringen. Das Bündnis „Macht Frieden“ hat bewiesen, dass der ehrliche Wunsch nach Frieden über Parteigrenzen hinweg geht – und damit gezeigt: Eine Friedensbewegung, die sich selbst durch Kompromisse klein macht, um im Feuilleton nicht anzuecken, wird nicht ernst genommen, womöglich gar belächelt, da die Spaltung auch da wieder wunderbar funktioniert.
Trotz der Kälte, trotz polizeilicher Auflagen und trotz medialer Schubladen zeigen die Demonstranten, wie sehr sich Hoffnung an Präsenz bindet. Wir sind hier! Wir stehen zusammen! Wir gehen gemeinsam auf die Straße. Sichtbarkeit herstellen mit klaren Forderungen, sich untereinander vernetzen sowie die Kraft und Energie tanken, die in der Menge entstehen.
Wichtig ist, wie stark Frieden als Rückkehr zur Normalform des Politischen erscheint: Diplomatie, Gespräch, Deeskalation – nicht als romantische Träumerei, sondern als das, was Erwachsene tun sollten, anstatt Waffen an die Front zu schicken oder ihre Kinder. Die Hoffnung zielt also weniger auf ein perfektes Morgen, sondern auf die Wiederherstellung von Grenzen. Die Grenzen staatlicher Macht über die Meinungsfreiheit, die Grenzen militärischer Logik über die Außenpolitik und die Grenzen medialer Erzählungen über das Sagbare.
Bild: Keir Starmer, Emmanuel Macron und Friedrich Merz (von rechts) bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2026. (Number 10, CC BY 4.0)
Im etablierten Feld rund um die Münchener Siko dominieren Sicherheits- und Verteidigungslogiken: europäische Aufrüstung, transatlantische Kooperation, strategische Autonomie, Abschreckung, neue Ordnungskonflikte. Kernthema waren die „weitreichenden Folgen des Einflussgewinns politischer Kräfte, die eine Politik der Zerstörung der Reformpolitik vorziehen“. Dazu gehören prominente Aussagen aus dem „Expertenbetrieb“, etwa Carlo Masalas Szenario-Denken („Was, wenn Russland gewinnt? “). Dieses passt zur politischen Großwetterlage, wie sie in den Berichten zur MSC 2026 erscheint: mehr Verteidigungskooperation, mehr europäische Eigenständigkeit, mehr Dringlichkeit für weitere Aufrüstung.
Genau hier setzt das Bündnis „Macht Frieden“ den Gegenakzent. Nicht Sicherheit (durch Waffen) allein muss das Ziel sein, sondern das Zusammenspiel mit Frieden als Verfassungssatz und als zivile Praxis. Die größte Gefahr für Frieden und Sicherheit kann nicht nur von außen entstehen, sondern auch innen: wenn Grundrechte zur Verhandlungsmasse und Diplomatie zur Schande erklärt werden.
Das Bündnis „Macht Frieden“ will keine neuen Feindbilder. Es will alte Pflichten wie „gute Nachbarn sein“ zurückholen. Es sagt: Frieden ist kein Luxus. Frieden ist Auftrag. Es sagt auch: Grundrechte sind keine Verhandlungsware. Die Veranstaltung zeigt Mut, auch lagerübergreifend für Frieden einzustehen. Am Ende bleibt eine einfache Probe: Wer Frieden ohne Waffen ruft, muss Streit und Kritik auch aus den eigenen Reihen aushalten und sollte trotzdem für den größten gemeinsamen Nenner – den Frieden- zusammenstehen. Denn hier sind Menschen unterwegs, die die Verbindung von Friedensfragen und Grundrechtsfragen verstehen, Menschen, die zeigen, wie Gegenöffentlichkeit jenseits von Parteisprache heute klingt. Und Menschen, die sich für Frieden lieber engagieren, als diesen moralisch abzuurteilen.

Am Siko-Wochenende fanden in München 21 Demonstrationen mit insgesamt 120.000 Teilnehmern statt. Die Proteste richteten sich hauptsächlich gegen die Veranstaltung als solche. Weitere Aktionen thematisierten die Nato, Menschenrechtsverletzungen im Iran, Unterdrückung im Südjemen und den verpflichtenden Einsatz der deutschen Politik für den Frieden. Das zeigt deutlich: Der Wunsch nach Frieden bewegt die Menschen. Frieden ist kein Randthema. Denn wie sagte einst Willy Brandt:
Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts.
Anne Krämer ist seit vielen Jahren aktiv in der Friedensbewegung. Sie hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.
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