Am 25. Juni wäre die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann 100 Jahre alt geworden. Bei einem solchen Jubiläum ist es mittlerweile üblich, dass Sonderausgaben, Biografien oder Dokumentationen und Filme herauskommen, vor allem wenn es sich um herausragende Persönlichkeiten handelt. Bachmann war das allemal. Sie hatte ein bewegtes Leben, privat wie künstlerisch. Als eine der damals noch wenigen Frauen in ihrem Berufszweig verdiente sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg schnell Respekt, vordergründig mit ihrer Lyrik. Später schrieb sie ausschließlich Prosa, allerdings eine, die dezidiert Kritik am männlichen Dominanzverhalten übte.
Bachmann verarbeitete darin ihre Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, insbesondere ihre Beziehungen mit den beiden Schriftstellerkollegen Paul Celan und Max Frisch. Damit bot sie Stoff für Regisseure, weshalb Leben und Werk der österreichischen Autorin vielfach im Film adaptiert wurden. 2016 erschien etwa der semidokumentarische Streifen „Die Geträumten“ von Ruth Beckermann. Nahm sich dieser der Briefe zwischen Bachmann und Paul Celan an, konzentrierte sich Margarethe von Trottas Biopic „Reise in die Wüste“ (2023) auf die Beziehung mit Max Frisch.
Bild: Ingeborg Bachmann 1962 (Mario Dondero, Public Domain, Wikimedia Commons), Paul Celan 1938 (Public Domain, Wikimedia Commons) und Max Frisch 1955 (ETH Library, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons), von links
Das gestörte, ja verhärtete Verhältnis der Schriftstellerin zur Männerwelt ist im heutigen woke geprägten Medienbetrieb ein gefundenes Fressen. Es wird ausgeschlachtet, wo es nur geht, auch in der aktuellen Produktion „Jemand, der ich einmal war“. Regisseurin Regina Schilling hat einen Film geschaffen, der aus Archivmaterial und inszenierten Szenen besteht. Während Sandra Hüller die Schriftstellerin Bachmann in ihren letzten Jahren in Rom spielt, werden immer wieder Interviewausschnitte, Aufnahmen von Auftritten und Lesungen oder Audioschnipsel diverser Zeitzeugen hineinmontiert. Unter anderem ist Marcel Reich-Ranicki zu hören, der in seiner typisch provokanten Art erklärt, warum Frauen in Literatur und klassischer Musik den Männern unterlegen seien.
Bild: Marcel Reich-Ranicki bei der TV-Sendung „Literatur im Foyer“ im Mainzer SWR-Funkhaus, rechts im Hintergrund Moderatorin Felicitas von Lovenberg, 2009 (Smalltown Boy, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons)
Nun gehört diese Aussage nicht zu den klügsten Sentenzen des einstigen Literaturpapstes, ihre exemplarische Hervorhebung täuscht jedoch darüber hinweg, dass auch Bachmann gut austeilen konnte. In einem Interview sagte sie, dass alle Männer unheilbar krank seien. Als der Journalist das näher erläutert haben wollte, erwiderte sie in abschweifender Manier mit einer Gegenfrage: „Na, sie sind es. Wissen Sie das nicht? Alle.“ Während Regisseurin Schilling diese Szene noch in den Film integriert, ignoriert sie ein berühmtes Interview mit dem früheren Lektor Reinhard Baumgart, der erzählte, dass die Schriftstellerin sehr gerne kokettierte. In Anwesenheit mehrerer Männer ließ sie dann einen Gegenstand fallen, damit die Herren ihr zu Hilfe kamen, am liebsten alle auf einmal.
Kurzum, die Beschäftigung mit der talentierten Schriftstellerin mündet gerade in den letzten Jahren immer wieder in eine Diskussion über Geschlechterkämpfe, so auch Schillings Film zum Jubiläum. Woke gefärbt sind jedoch nicht nur die Filme, sondern auch so manche Rezensionen. Eine Kostprobe gibt unter anderem Eva Menasse, eine ebenfalls erfolgreiche österreichische Schriftstellerin, die bei ihren öffentlichen Auftritten die üblichen Mainstream-Narrative bedient. Wer weiß, dass sie 2022 mit anderen Erstunterzeichnern in einem Offen Brief den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz dazu aufforderte, schwere Waffen an die Ukraine zu liefern, kann sich vorstellen, aus welcher Perspektive sie den Film bewertet.
„Generationen lesender und forschender Detektivinnen versuchen das Verhängnis aus Genie und Schönheit, aus Krankheit, Sucht und Wahn aufzuschlüsseln“, schreibt sie in ihrem Beitrag für den Standard, um dann entgegenzuhalten: „Doch haben sich die Zeiten seither gewandelt und damit endlich auch die Bilder, die man sich von der Bachmann macht. Sie werden fluider, den assoziationsreichen, komplexen Texten dieser Dichterin angemessen, sind weniger voyeuristisch fixiert auf die privaten Probleme der vermeintlichen Schmerzensfrau.“ Ein Beispiel sei eben Schillings Film, der beweise, „wie sich gerade durch eine maximal offene Herangehensweise disparate Teile gut unter den Hut bringen lassen“.
Disparate Teile? Die lassen sich in „Jemand, der ich einmal war“ nur schwer finden. Auch die Filmzeitschrift epd Film konnte sie nicht ausfindig machen, weshalb die Rezensentin ein treffendes Urteil fällt: „Hüller und Schilling betonen in Interviews auch, Bachmann nicht als Opfer zeigen zu wollen. Schade, dass ihr Film die (…) Autorin in der Textauswahl dennoch erneut vor allem über Liebesgeschichten und Geschlechter-Topoi definiert.“ Bachmanns anderes Lebensthema Krieg werde hingegen kaum gewürdigt. Das ist der entscheidende Einwand. Es ist geradezu bezeichnend für den heutigen Zeitgeist, dass in einer Phase weltweit eskalierender Kriege und Kriegspropaganda der woke Diskurs rund um die Geschlechterthematik alle anderen Aspekte von Bachmanns Literatur überstrahlt. Dabei hat die Schriftstellerin zu Krieg und Manipulation einiges gesagt, wie die ebenfalls kürzlich erschienene Arte-Dokumentation „100 Jahre Ingeborg Bachmann: Die Kraft der Sprache“ andeutet. In ihrer politischen Lyrik brachte die Schriftstellerin immer wieder zum Ausdruck, dass Krieg nicht mehr erklärt, sondern unbekümmert fortgesetzt werde.
Das Unerhörte ist alltäglich geworden,
heißt es in dem Gedicht „Alle Tage“.
Der Held bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache ist in die Feuerzonen gerückt.
Moshe Kahn, Übersetzer und einstiger Freund Bachmanns, zieht in der Doku zurecht eine Parallele zur Gegenwart: „Das ist ja alles heute, das ist die Haltung von Politikern heute.“ Bachmann habe es geahnt, sagt er, sie habe es klar gesehen. In der Tat sind aufrichtige Erklärungen selten geworden, wenn es um Kriege geht. Stattdessen werden bloße Behauptungen aufgestellt, beispielsweise dass Russland sehr bald die Nato-Staaten eingreifen werde oder – wie schon vor 20 Jahren – dass Saddam Hussein ein geheimes Biowaffenprogramm unterhalte.
Nicht weniger allgemeingültig sind die ersten Zeilen des Gedichts „Einem Feldherrn“, das die heutige Jagd der Bundeswehr auf Freiwillige vorwegnimmt:
Wenn jenes Geschäft im Namen der Ehre / ergrauter und erblindeter Völker / wieder zustande kommt, wirst du / ein Handlanger sein und dienstbar / unsren Gemarkungen, da du’s verstehst, / sie einzufrieden mit Blut.
Bild: Gedenktafel für Ingeborg Bachmann im Dichtersteinehain in Zammelsberg, Kärnten (Johann Jaritz / CC BY-SA 4.0, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons)
Von Bachmanns politischen Gedichten geht eine prophetische Kraft aus, weshalb es sich lohnt, sie wiederzuentdecken. Dieser Teil ihres Werks ist weitaus interessanter und aktueller als die Auseinandersetzung mit dem Männergeschlecht, schon allein wegen ihrer „Botschaft“ an jene, die sich von der Kriegspropaganda einfangen lassen:
Aus der leichenwarmen Vorhalle des Himmels tritt die Sonne,
lauten die ersten Zeilen in dem gleichnamigen Gedicht.
Es sind dort nicht die Unsterblichen, / sondern die Gefallenen, vernehmen wir.
Eugen Zentner, Jahrgang 1979, ist Journalist, Sachbuchautor und Erzähler.
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