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Buchtresen extra | 02.07.2026
Lob des Zweifels
Streit und Auseinandersetzung in der DDR und heute – warum das Nein zum Bestehenden uns Menschen ausmacht. Gedanken zu einem Brecht-Gedicht.
Text: Simone Köhler
 
 

Die richtigen Fragen zu stellen, ist eine Kunst. Früher dachte ich, dass es auf richtige Antworten ankäme, aber das ist einer meiner Irrtümer – und täglich begehe ich neue. Manchmal merke ich es und manchmal nicht, dann weist mich das Leben selbst darauf hin. Verhindern lässt sich das nicht, aber abzugleichen zwischen den eigenen Vorstellungen und der Wirklichkeit ist keine Zumutung – auch wenn es manchmal Mut dazu braucht. Für ein reifes, selbstbestimmtes Leben ist das unerlässlich. Ebenso wie der Zweifel.

In den 1970er Jahren kreuzte der Zweifel erstmals meinen Weg, als ich mir eine LITERA-Schallplatte mit Brecht-Lyrik kaufte, gesprochen von Ekkehard Schall. Auf dieser Platte war Bertolt Brechts Gedicht „Lob des Zweifels“ zu hören – ein Text, der mein offenes Herz traf und dort bis heute blieb. Es war eine Zeit, in der mein Wunsch keimte, etwas von dem verstehen zu wollen, was das Räderwerk der Welt antreibt und am Laufen hält. Und der Zweifel war offenbar etwas Essentielles dafür.

Bildbeschreibung Bild: Ekkehard Schall (ganz rechts) 1983 bei einer Lesung im Berliner Ensemble neben Wolfgang Heinz (Foto: Hartmut Reiche, Bundesarchiv, Bild 183-1983-0428-038, CC-BY-SA 3.0)

In der DDR war es üblich, sich Wissen, das man als wertvoll erachtete, in das heimische Bücherregal zu stellen. Und so begab ich mich auf die Suche nach einem Buch, in dem dieses für mich so wichtige Gedicht abgedruckt war. In der örtlichen Buchhandlung fand ich keines, ebenso nicht in der Buchhandlung der Kreisstadt. Daher fuhr ich mit dem Zug nach Berlin, in die Chausseestraße. Dort gibt es in der Nachbarschaft des Dorotheenstädtischen Friedhofs das Brecht-Haus. Es beherbergte damals eine landesweit bekannte Buchhandlung, die gefüllt war mit einem umfangreichen Arsenal an Brecht-Büchern. Aber auch unter all diesen Büchern fand ich keines mit dem von mir so nachdrücklich gesuchten Text „Lob des Zweifels“. Ich konnte es nicht verstehen. Beim besten Willen nicht.

Ich löste das Problem dadurch, dass ich den Text beim Hören der Schallplatte mitschrieb. In immer wiederkehrenden Schleifen, indem ich den Tonabnehmer an der vermutet richtigen Stelle aufsetzte, die dann doch die falsche war. Der Platte tat das nicht gut, ich besitze sie noch heute, und sie sieht auf dem „zweifelhaften“ Rillenstreifen zerkratzt aus. Aber am Ende war ich glücklich, den Text lesbar, auf Papier, in meinen Händen zu halten.

Irgendwann, Jahre später, konnte ich besser verstehen, warum „man“ Texte versteckt und verschwinden lässt. Welches Interesse „jemand“ daran haben könnte, Gedanken und Wissen einfach vergessen und versinken zu lassen. Wer aber sind „man“ und „jemand“? Mit Brecht:

Ihre Verdauung ist glänzend, ihr Urteil ist unfehlbar. / Sie glauben nicht den Fakten, sie glauben nur sich.

Und:

Auf Argumente / Hören sie mit dem Ohr des Spitzels.

Heute ist das Gedicht „Lob des Zweifels“ in Büchern und im Internet zu finden. Das ist gut. Aber ist dadurch alles besser? Was ist mit gelöschten Videos und YouTube-Kanälen, dem technisch versteckten Herunterfahren der Reichweite auf Social-Media-Plattformen durch sogenanntes Shadow-Banning? Ein Troll, wer Böses dabei denkt. Was ist mit verbotenen Medien und dem Durchforsten von Internetplattformen mittels KI, um „falsche“ Wörter aufzuspüren und zu sanktionieren? Natürlich ausschließlich zum Schutz „unserer Demokratie“. Es ist richtig, Gewaltaufrufe, Mordvideos, Kinderpornografie und dergleichen aus dem Netz zu fischen und zu bestrafen. Dafür sind Gesetze, Strafverfolgungsbehörden und die Justiz da. Aber wo genau verläuft die Grenze und wer definiert sie?

Worin unterscheiden sich die vergebliche Suche nach einem Gedicht, das Beargwöhnen und Abstrafen von Satire, wenn sie die vermeintlich „Guten“ trifft, von damals und das Aufspüren und Sanktionieren „falscher“ Nachrichten oder Posts hier und heute? Es geht um ähnliche Mechanismen, die alldem zu Grunde liegen. Die offenbar in allen Gesellschaften auf einem schlammigen Grund liegen und dann aktiviert werden, wenn das jeweilige System sich herausgefordert oder bedroht sieht.

Und: Wer sucht heute eigentlich noch den Text „Lob des Zweifels“? Kann der Sucher ihn finden unter dem Müllhaufen von Klatschnachrichten, Wow-Geil-Chill-doch-mal-Chatgruppen und Reality-Soaps? Die beargwöhnten Worte ruhen dort und warten, bis wieder Licht auf sie fällt. Der Mensch hat den freien Willen, sich dem einen zuzuwenden oder dem anderen. Hat er ihn?

Bildbeschreibung Bild: Brecht (rechts) und Hanns Eisler 1950 an der Akademie der Künste der DDR (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-19204-2132, CC-BY-SA 3.0)

Grüß dich, Mephisto!

Ob meine Fragen tatsächlich die richtigen sind, kann ich nicht sagen (von den Antworten ganz zu schweigen). Vielleicht sind es nur für mich die richtigen und für andere wiederum nicht. Darüber kann man streiten – und sollte es auch. Debatte, Streit und Auseinandersetzung müssen bleiben, auch wenn es nervt und mal die Wände wackeln. Sollen sie wackeln: Entweder halten sie oder sie stürzen ein. Im zweiten Fall muss neu gebaut werden.

Die faustische Frage nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, fand ich schon als Vierzehnjährige spannend. Trotzdem war und ist Mephisto meine Lieblingsfigur. Wie kann die Verkörperung des Bösen, der Teufel, eine Lieblingsfigur sein? Aus dem Bauch gesagt: Weil sie fasziniert, etwas tief drinnen zum Schwingen bringt. Mehr vom Kopf her: Weil sie ein Ansporn und eine Herausforderung ist, uns zum Besten bringen kann, zum „Erdgeist“. Und uns den Spiegel vorhält, in dem wir das sehen können, was wir nicht sehen möchten. Mephisto ist ein Teil von uns allen, auch den „Guten“, die es nicht wahrhaben wollen. Als „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ steht er zwar für das Dunkle, die Verneinung – aber es gibt kein Licht und keine Erkenntnis ohne dies. Wer die Kraft der Negation, des Nein zum Bestehenden und den Zweifel auslöschen will, der will letztlich das auslöschen, was den Menschen ausmacht: das Streben zum „Erdgeist“ hin. Die KI jedenfalls strebt nicht dorthin. Auf diesen Unterschied sollten wir bestehen.

Ich bin der Geist, der stets verneint! / Und das mit Recht; denn alles was entsteht / Ist werth daß es zu Grunde geht.

Das ist der ewige Lauf der Dinge und des Lebens. Das Ur-Wissen in uns. Dass alles vergeht und nichts bleibt, wie es ist. Und dass es immer jemanden gibt, der eines Tages NEIN sagt und den Stein ins Rollen bringt. „O schönes Kopfschütteln“, sagt Brecht, der Zweifler. Diejenigen, die Verneinung und den Widerspruch fürchten, haben meist viel zu verlieren. Sie fürchten zu Recht. Und sie verlieren. Immer.

Das Gedicht lesen: Im Zweifel

Simone Köhler befindet sich nach 34 Jahren in der Berliner Justiz nun in Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin. Sie hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Medienakademie teilgenommen.

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Bildquellen: Wand auf dem Teufelsberg, Berlin (Simone Köhler)