83c4fa6d6b5e2283b632b141a3c1ec87
Buch-Tresen | 15.10.2026
Kosmos, Hexen, Bastards
Früchte eines Lesesommers. Sechs Empfehlungen für Ihr Regal – und vorher für einen bunten Herbst im Schaukelstuhl.
Text: Michael Meyen
 
 

Ich weiß: Reihenfolge ist Rangfolge. Was also tun, wenn man nicht gewichten möchte und sich obendrein nicht entscheiden mag? Richtig. Wiegen. Knapp vorn mit einem glatten Kilo: Jochen Kirchhoff, Antigeschichte der Physik, erschienen bei Hirschmann, einem Haus, hinter dem sich Hauke Ritz verbirgt, der schon bei Ovalmedia das Buchprogramm verantwortet hat und nun selbst zum Verleger wird.

Der Erstling ist in jeder Hinsicht ein Wagnis. Alter, Umfang, Preis, Inhalt, Autor. Jochen Kirchhoff hat dieses Buch vor 44 Jahren geschrieben und im Februar 2024 zwar ein „wohl notwendiges Vorwort“ hinzugefügt, kann aber selbst nicht mehr werben für einen Wälzer, der die Götter der Physik vom Sockel holt (Galilei, Newton, Faraday, Einstein, Heisenberg), die „mathematische Naturwissenschaft“ als „lebensfeindlich“ verdammt und die „Weltorganismus-Konzeption“ von Giordano Bruno feiert. Ich darf es bei diesen drei Schlaglichtern belassen, weil sie die Größe des Unterfangens deutlich machen. Es geht buchstäblich ums Ganze – bis zu „unseren Neurosen“, die für Jochen Kirchhoff mit der „Mensch-Kosmos-Entfremdung“ zu tun haben und damit, dass wir die „Weltseele als Essenz des Weltraums“ nicht sehen und schon gar nicht akzeptieren wollen oder können.

Hauke Ritz hat Jochen Kirchhoff schon bei Ovalmedia verlegt (Kosmos, 2022) und kann auf eine Fangemeinde setzen, die den Autor aus seinem Videokanal kennt oder durch einen der vielen Auftritte – an der Humboldt-Uni, an der Lessing-Hochschule oder im Umfeld der Maßnahmenkritiker. Für einen Medienforscher und Kirchhoff-Neuling wie mich war das Buch erhellend (auch die Kommunikationswissenschaft folgt der Denkschule, die Kirchhoff verdammt) und ästhetisch ein Genuss. Sprache, Gestaltung, Schrift: Das ist alles aus einem Guss und macht so aus der Anstrengung ein Vergnügen. Anders gesagt: Dieses Kilo liegt leicht in der Hand. Zweihundert Gramm mehr hätten am Ende nicht geschadet, denn Jochen Kirchhoffs Gegenmodell („An der Gravitation hängt alles“) schimmert zwar immer wieder durch, muss nun aber zumindest von mir anderweitig zusammengebaut werden.

Jochen Kirchhoff: Anti-Geschichte der Physik. Von Kopernikus zur Quantenmechanik: Grundlagenkritik und Alternativen. Berlin: Hirschmann 2026, 535 Seiten, 44 Euro.

Bildbeschreibung

Das Buch von Caroline Raasch hat weder einen festen Einband noch einen Schutzumschlag und ist vermutlich deshalb etwas leichter als der Kirchhoff. Siebenhundert Gramm, sagt meine Personenwaage. Auch hier geht es um das materialistische Weltbild, um die „Hypothese einer kosmischen Ordnung“ und um das, was daraus für uns folgt. Caroline Raasch ist Heilpraktikerin und Astrologin, und wo Jochen Kirchhoff auf Giordano Bruno schwört, auf Helmut Krause (Naturphilosoph wie er) und auf Klassikeranalyse, folgt sie Wolfgang Döbereiner, Mythen, Religionen und Legenden sowie dem, was sie in ihrer Praxis und im Leben gelernt hat.

Wenn Ihnen die Namen Krause und Döbereiner nichts sagen: kein Problem, denn Sie kennen ganz sicher die Phänomene, die Caroline Raasch umtreiben. Wir denken an jemanden, den wir lange nicht gesehen haben – und plötzlich ruft er an. In manchen Räumen und mit manchen Menschen fühlen wir uns pudelwohl – und in anderen Zusammenhängen gar nicht. Manche Freunde tragen riesige Wasserflaschen bei sich und schwören, dass sie nur so vor Krankheit und schnellem Altern bewahrt werden. Und immer wieder schlagen wir scheinbar zufällig ein Buch auf, das genau das Problem löst, das uns gerade umtreibt.

Caroline Raasch sagt: Die Dinge hängen zusammen. Wir hängen zusammen. Wir haben Zugriff auf das „kollektive Unbewusste“ und damit auf die Erfahrungen aller, die vor uns da waren und heute mit uns sind. Wir sind hier, weil wir eine Aufgabe zu erledigen haben.

Alles, was geschieht, ist in seinen Wurzeln bereits angelegt. (Seite 42)

Vielleicht sagen Sie jetzt: eine Astrologin, na klar. Die muss für ihre Horoskope werben. Mich selbst stört eher, dass dieser Ansatz dazu führt, Machtstrukturen hinzunehmen (offenbar soll es so sein und wird schon zu etwas Gutem führen), passiv zu werden (warum sollte ich mich jetzt mit dieser Rezension quälen) und ethische Fragen überflüssig werden zu lassen, wenn jeder sagen kann, er habe sich halt schuldig machen müssen. Ich formuliere das vorsichtig, weil ich gerade Robert Stein interviewen durfte, der im Waldgespräch sagte, dass er zwar einerseits unbedeutend sei, sich aber andererseits über Milliarden von Fäden mit allen anderen verbunden fühle. Dass die Mondlandung sein Lebensthema wurde, habe gewissermaßen in den Sternen gestanden – geboren im März 1970 und folglich Mensch geworden mit Apollo 11. Und Christoph Werner, Chef der Drogeriekette dm, berichtet im OMR-Podcast, wie ihm die Vorstellung hilft, dass er für genau diesen Job auf die Erde gekommen sei und alles, was er erlebe, den Menschheitsspeicher fülle. Caroline Raasch sagt: Halt gibt „nur das Verwurzeltsein in der unsichtbaren Welt“.

So oder so: Das Buch lohnt sich auch jenseits solcher Fragen. Raasch rechnet mit der „heute gängigen Esoterik“ ab („toxische Positivität“, Seite 47), seziert das Christentum (gut vs. böse) und setzt einen Link zwischen Monotheismus und Macht, bringt Alkohol, Essen und Extremsport zusammen („Möglichkeiten, um sich selbst nicht zu begegnen“, Seite 61) und sieht Google als funktionalen Ersatz für das kollektive Unbewusste (Seite 143). Stoff genug zum Lesen und zum Streiten.

Caroline Raasch: Wie aus Gott Google wurde. Ahrensburg: Tredition 2023, 516 Seiten, 29,90 Euro.

Bildbeschreibung

Keine Angst, es wird leichter. Aber nicht einfacher. Dreihundert Gramm, nur noch antiquarisch zu bekommen. Was Gunnar Heinsohn und Otto Steiger, damals Professoren an der Uni Bremen, ab Ende der 1970er Jahre über die Hexenverfolgung aufgeschrieben haben, gilt auf Wikipedia bis heute als Verschwörungstheorie und in der Wissenschaft als abwegig oder als Anlass für ein Stelldichein von „neuheidnischen Feministinnen und altrechten Kreisen“ (so Emilietta Beall in einer Besprechung zu Kai Lehmann, Hexen vor Gericht?, 2026). .

Was führt zu solch großen Geschützen? In Kurzform: Mit den weisen Frauen wurde über drei Jahrhunderte das Wissen zur Geburtenkontrolle ausgerottet – im Interesse einer Kirche, die ihre Güter bewirtschaften lassen wollte und dann im Zusammenspiel mit der weltlichen Macht auch Soldaten und sonstiges Menschenmaterial brauchte. Heinsohn und Steiger sprechen von der größten historischen Niederlage der Frauen, die bis dahin das Sagen und das Know-how hatten, wenn es um die Nachwuchsproduktion ging.

Das Axiom der beiden Soziologen ist ganz einfach: Solange Menschen wissen, wie sie Geburten verhindern (und Babys im Notfall auch halbwegs legal beseitigen) können, hängt die Kinderzahl vom ökonomischen Interesse der Eltern ab. Deshalb, das wird für das Mittelalter genauso belegt wie für die Antike, gab es bis ins 14. Jahrhundert eher kleine Familien und stabile Bevölkerungszahlen. Dann aber, sagen Heinsohn und Steiger, haben Kirche und Staat nach Hungerwellen die Geburtenkontrolle kriminalisiert und so den Startschuss für eine Biopolitik gegeben, die sehr viel später zur Auswanderung nach Amerika und zu Kriegen führte und bis heute nachwirkt, in Afrika vor allem. Heinsohn und Steiger bauen auf diesem Fundament eine Weltgeschichte, die sich trotz akademischer Sprache wie ein Krimi liest und am Schluss dann auch die klassische Familien- und Bildungspolitik gegen den Strich bürstet. Unbedingte Empfehlung für alle, die sich fragen, ob man wirklich Kinder haben soll, und tiefer hinein wollen in den Kaninchenbau.

Gunnar Heinsohn, Otto Steiger: Die Vernichtung der weisen Frauen. Hexenverfolgung, Kinderwelten, Menschenproduktion, Bevölkerungswissenschaft. München: Wilhelm Heyne 1985, 395 Seiten.

Bildbeschreibung

Jan A. Karon würde vermutlich wie weiland der Igel zum Hasen sagen: Ich bin schon da. Seine Bastardmoderne, fast dreihundert Gramm, noch druckfrisch, kommt nicht soziologisch oder historisch daher und schon gar nicht kosmos-philosophisch, sondern journalistisch und damit geerdet. Gekauft habe ich das Buch, weil es in der Edition Tumult erschienen ist, Arm der Zeitschrift, für die ich in den letzten Jahren etliche Texte gemacht habe, und weil es ein Vorwort von Frank Böckelmann hat, Kopf hinter Tumult und in gewisser Weise ein Kollege, weil er seine Brötchen viele Jahre mit Medienforschung verdient hat. Mit Caroline Raasch gedacht: Dieses Buch musste schon deshalb zu mir kommen, weil Böckelmann hier von einer Wanderung durch die Oberpfalz berichtet, meine neue Heimat, und dieses Stück im September 2025 in Cham enden lässt, wo ich mindestens einmal in der Woche bin.

Sei’s drum. Jan A. Karon schreibt auf, was er sieht in der „Late-Stage-BRD“. „Kabul, Mogadischu, Damaskus oder eine Mischung aus allen dreien“ – mitten in Deutschland. Dazu TikTok und Infantilisierung, Schuldkult, der Verlust „einer kollektiven Identität“ und der „Zerfall von Glaubensstrukturen und Wahrheitssystemen“. Also ein Bastard, weil die Lage erstens „nicht dem Willen der breiten Mehrheit“ entspreche („ein ungewolltes Kind“) und weil hier zweitens „gewachsene, stolze Gesellschaften“ wie bei einem „Hybridwesen“ mit „liberalen, neomarxistischen und postmodernen Ideen“ verschmolzen werden (Seite 25).

Wie wurden wir zu dem, was wir nicht sein wollten? (Seite 18)

Die Suche nach einer Antwort lässt nichts von dem aus, was der geneigte Leser der Milieumedien tagein, tagaus auf den Plattformen seiner Wahl findet. Tech-Bros, Shitbürger und DEI-Richtlinien, Stadtbild und Landflucht, Pornos für alle, Profifußball und Regenbogenfahne. Ich empfehle das Buch trotzdem – aus drei Gründen. Jan A. Karon kann nicht nur beobachten, sondern auch schreiben. Heißt: Die Lesezeit vergeht wie im Fluge. Er bringt dabei, mein zweiter Grund, die Erfahrungen einer Generation ein, die in der Gegenöffentlichkeit eher unterrepräsentiert ist (hier: Jahrgang 1992), und vermischt das mit dem, was er als Sohn polnischer Eltern in Ludwigshafen und bei Reisen in die alte Heimat erlebt hat. Und, am wichtigsten: Karon sieht den blinden Fleck vieler Kritiker, die sich am Marxismus abarbeiten und an Gestalten, die sie für Linke halten: „Geldinteressen, marktwirtschaftliche Steuerungsimpulse und Konzerne, die mit diesem Umbau der Gesellschaft ein Schweinegeld verdienen.“ (Seite 33)

Jan A. Karon: Bastardmoderne. Mit einer Einleitung von Frank Böckelmann. Edition Tumult, Band 2. Uhingen: Gerhard Hess Verlag 2026, 175 Seiten, 19 Euro.

Bildbeschreibung

Bei Nummer fünf und sechs schlägt die Waage nicht mehr an. Selbst zusammen nicht einmal dreihundert Gramm. Bücher für unterwegs – nicht nur weil sie dünn sind und in jede Hosentasche passen, sondern in Portionen daherkommen. Katja Leyhausen, eine Germanistin, Jahrgang 1971, in Naumburg aufgewachsen und inzwischen in Frankfurt am Main zu Hause, hat ihre Corona-Texte zusammengetragen – Demo-Reden, Artikel für das Magazin 1bis19-Magazin, eine sprachwissenschaftliche Analyse der STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige von 2021.

Das Motto steht im Vorwort: „die Sprachlosigkeit“ überwinden. Nicht mehr „theoretische Vorträge vor halb schlafendem Universitätspublikum“, sondern hinaus auf die Straße, zu „meinen politischen Freunden“. Der Leser dieser Chronik der besonderen Art kann Katja Leyhausen beim Lernen zuschauen, sein Sprachempfinden schärfen oder bestätigen lassen (Wortwahl, Moralgrammatik) und ganz nebenbei selbst dazulernen – zum Beispiel über „Wahrsprecher im alten Griechenland“, die nicht nur daran gemessen wurden, dass sie sich den Mächtigen oder einer Mehrheit entgegenstellten, sondern dabei auch etwas riskieren mussten (im Zweifel: das eigene Leben). Wer noch nicht überzeugt ist: Bei Tichys Einblick gibt es einen Auszug.

Katja Leyhausen: In unerforschte Gebiete weit hinaus. Sprechen über die Corona-Gesellschaft. Oderaue: Aufland Verlag 2025, 235 Seiten, 14 Euro.

Bildbeschreibung

Götz Kubitschek muss ich nicht vorstellen. „Er publiziert sparsam“, sagt der Verleger im Selbstporträt seines letzten Büchleins, was merkwürdig anmutet, wenn man die Zeitschrift Sezession kennt und die gleichnamige Webseite. Weiße Nacht, Untertitel: „Eine Wanderung“ hat meinen Lesesommer abgerundet und schließt auf wundersame Weise auch den Kreis, den ich hier mit Jochen Kirchhoff und Caroline Raasch begonnen habe.

Kubitschek würde vielleicht sagen: Genau deshalb habe ich meine vier Geschichten aufgeschrieben. Es geht um Begegnungen und Begebenheiten, die sich jeder materialistischen Weltsicht entziehen – daheim, in Kamerun, in den Landschaften rund um Schnellroda. In einer Episode läuft der Sohn, ziemlich klein noch, auf einen Traktor zu und damit dem eigenen Tod entgegen, nicht mehr zu retten vom Vater, der um sein Leben rennt und doch um die Vergeblichkeit weiß. Die Sache geht gut aus. Karma, Geister, höhere Mächte: Nennen Sie es, wie sie wollen, und gehen Sie auf diese Wanderung, wenn Sie den politischen Kopf Kubitschek als Poeten kennenlernen wollen.

Götz Kubitschek: Weiße Nacht. Eine Wanderung. Reihe Kaplaken, 100. Schnellroda: Antaios 2026, 80 Seiten, 10 Euro.

Bildbeschreibung

Buch-Tresen

Unterstützen

Newsletter: Anmeldung über Pareto

Bildquellen: Eine Packpferd-Bibliothekarin 1938 beim Vorlesen in Kentucky (Titelfoto: gemeinfrei)