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Bericht | 22.04.2026
Kann Versöhnung gelingen?
Corona-Gedenktag im März: Die Bilanz ist durchwachsen, aber die Erfinder machen weiter. Ihre Botschaft: Heilung braucht Zeit – und Begegnungen.
Text: Anne Krämer
 
 

Die Jahre der Corona-Politik haben tiefe Spuren hinterlassen. Was als gesundheitliche Ausnahmesituation begann, hat das Miteinander grundlegend verändert. Vertrauen ist erschüttert worden, Beziehungen sind zerbrochen, und bis heute fehlt vielerorts die Bereitschaft, das Erlebte ehrlich aufzuarbeiten. Während die einen genau das einfordern, möchten sich andere lieber nicht mehr damit auseinandersetzen. Diese Spaltung schließt sich nicht einfach von selbst.

Gedenktag-Idee: Austausch

Sechs Jahre nach dem ersten bundesweiten Lockdown, der am 22. März 2020 begann, sollte der Corona-Gedenktag als ein gemeinsamer Rückblick beider Sichtweisen auf die Coronazeit begangen werden. Ein Versuch, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen – nicht über Schlagzeilen, sondern von Mensch zu Mensch.

Initiiert wurde diese Idee von der der Gruppe Aufklärung des ZAAVV (Zentrum für Aufarbeitung, Aufklärung, juristische Verfolgung und Verhinderung). Statt auf lautstarken Protest setzten die Beteiligten bewusst auf Dialog, persönliche Geschichten und die Bereitschaft, auch unbequeme Perspektiven stehen zu lassen. Trotz kurzer Vorbereitungszeit gab es rund 20 Veranstaltungen – von Wolfenbüttel bis Dieburg, von Saarbrücken bis Frankfurt, von Dresden bis Kiel, von Köln bis Berlin. Die Vorgabe war bewusst offengehalten: „Macht es so, wie ihr es möchtet, wie ihr es fühlt, wie ihr auch die Möglichkeiten habt“, so die Initiatoren zu den Veranstaltern. Diese Freiheit führte nicht zu Beliebigkeit, sondern zu einer bemerkenswerten Vielfalt, verbunden mit dem Ziel, die Menschen wieder in Verbindung zu bringen.

Bildbeschreibung Bild: Wangen

Dieburg: Menschlicher Verlust

In Dieburg wurde daraus ein „Begegnungs-Raum“. Wo sich sonst ein kleiner Kreis von zehn bis 15 Aktiven trifft, entstand ein Ort für Austausch. Eine Passantin trat hinzu und erzählte unter Tränen, wie sie in dieser Zeit ihre gesamte Familie verloren hatte, Vater, Mutter, Bruder. Und dennoch hält sie daran fest, dass viele im medizinischen Bereich nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hätten. In diesem Moment zeigte sich, wie komplex Erfahrungen sind und wie schlecht sie in einfache Kategorien passen. Es war kein politisches Argument, sondern ein menschlicher Ausdruck von Verlust und Schmerz.

Wolfenbüttel: Differenzierte Blicke

In Wolfenbüttel wurde ein anderer Zugang gewählt. Mit einem ZAAVV-Banner, Flyern und Musik entstand ein offener Raum. Der Pianist Arne Schmidt spielte Klavier, Passanten blieben stehen, Gespräche entwickelten sich. Ein Studentenpaar diskutierte die Pandemiezeit aus zwei völlig unterschiedlichen Blickwinkeln. Für ihn war es eine Phase der Ruhe, für sie eine Zeit der Ausgrenzung. Bemerkenswert war, was danach geschah. Das Paar kam noch einmal zurück, suchte erneut das Gespräch und verabschiedete sich mit einem „Weitermachen!“ Die Veranstalter freuten sich darüber, dass hier echter Austausch möglich wurde.

Bildbeschreibung Bild: Straßengalerie in Wolfenbüttel

Saarbrücken: Gleichgültigkeit

Ganz anders verlief es in Saarbrücken. Dort wagten zehn bis zwölf Aktive eine aufwendige Kunstaktion. Weiß gekleidete Darsteller sollten die 70 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung symbolisieren, schwarz gekleidete die 30 Prozent kritischer Stimmen. Dazwischen eine imaginäre Brücke, um diese Trennung zu überwinden. Die Idee war stark, die Umsetzung engagiert, doch die Resonanz blieb aus. Passanten gingen teilweise vorbei, als gäbe es die Aktivisten nicht. Auch die Büchertische mit bewusst ausgewählter Literatur fanden kaum Beachtung. „Wenig Interesse, nichts, ganz leere Gesichter“, lautet das Fazit der Organisatorin. Diese Form der Gleichgültigkeit wirft die Frage auf, ob die Gesellschaft überhaupt schon bereit ist, sich mit dieser Zeit auseinanderzusetzen.

Bildbeschreibung Bild: Noch einmal Wangen

Schwäbisch Gmünd: Umkämpfte Deutung

In Schwäbisch Gmünd zeigte sich, dass selbst dort, wo Austausch gelingt, die Deutung der Ereignisse umkämpft bleibt. Eine Gedenkstunde mit Musik, Ansprachen und eine Schweigeminute boten Raum für persönliche Erfahrungen. Das offene Mikrofon wurde leider nicht genutzt für spontane Wortmeldungen mit Erfahrungsberichten aus der Coronazeit. Stattdessen verlasen Mitstreiter ihre eigenen Erlebnisse und die von anderen, die sich nicht trauten, öffentlich zu sprechen. Die lokale Presse berichtete neutral und ohne Framing und zitierte dabei auch aus den Erzählungen. Doch ein Leserbrief kritisierte im Nachgang, dass die vielen Corona-Toten nicht ausreichend gewürdigt worden seien und stattdessen politische Vorwürfe im Raum standen. Die Veranstalterin reagierte öffentlich und brachte den Kern des Anliegens auf den Punkt:

Nur über das Gespräch und dem anderen zuhören kann man Verständnis entwickeln und so beginnt Versöhnung.

Der SWR zeigte zunächst Interesse, nahm die schriftliche persönliche Einladung der Organisatorin aber doch nicht wahr, um sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen.

Chemnitz: Zerbrochener Rahmen

Wie fragil der Versuch des Brückenbauens ist, zeigte sich auch in der Nähe von Chemnitz. Dort sollte ein Montagsspaziergang in den Gedenktag integriert werden. Doch eine Gruppe erschien mit einem Banner „Nieder mit der Regierung“ und weigerte sich, es abzulegen. Für die Organisatoren widersprach das dem eigentlichen Anliegen, keine politische Inszenierung zu schaffen. Die Folge war eine Spaltung der Teilnehmer. Diejenigen mit Kerzen blieben stehen, der gemeinsame Rahmen zerbrach. Zurück blieben Enttäuschung und die Erkenntnis, dass selbst im eigenen Umfeld Einigkeit um die Corona-Zeit keine Selbstverständlichkeit ist.

Kiel: Antrag im Stadtrat

Ein Ratsherr, Mitglied der Partei DieBasis, stellte ein Antrag zur offiziellen Beteiligung der Stadt am Corona-Gedenktag. Es wurde darin erklärt, wie tief die Gräben in der Gesellschaft noch immer sind und die Spaltung dringend überwunden werden muss. Der Ratsherr betonte, wie wichtig es deshalb ist, dass die Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen und dass wieder Brücken gebaut werden. Ein Ratsmitglied der AfD unterstützte in seiner Rede die Idee des Gedenktages mit den Worten:

Ich finde, es sollte eine gesamtgesellschaftliche Diskussion bleiben, denn wir haben alle unsere eigenen individuellen Erfahrungen in der Pandemie gemacht. Da sollten wir in den Austausch gehen.

Leider sahen die Vertreter der anderen Parteien das anders, gingen nur auf die an Corona Verstorbenen ein und lobten die Arbeit der Stadtbehörden, die sich doch bemüht hätten, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Kein Wort zu unnötigen Maßnahmen, zu Folgen für Leib und Leben, zum Leiden der Kinder und Jugendlichen, zur Existenzvernichtung von mittelständischen Unternehmen. Stattdessen Beschimpfungen. Zitat aus einer der Gegenreden:

Es ist absolut frevelhaft, dass hier solche Debatten geführt werden, dass man es negiert, was hier passiert ist und das in die Nähe eines Menschenverbrechens zu rücken. Denn das ist das, was das ZAAVV macht. Das ist unerträglich, das ist falsch.

Der Redner ergänzte, dass es wieder Pandemien geben werde. Warum erklärte er nicht. Ein anderer Redner warf ein, dass es sich bei dem Gründer des ZAAVV um einen Querdenkeranwalt und Mitgründer der Basis-Partei handele. Die Stadt würde folglich bei einer Befürwortung des Gedenktages Gefahr laufen, in Verbindung mit den Querdenker-Anliegen gebracht zu werden. Eine Ratsfrau sprach von einer merkwürdigen Debatte, da es ja nicht gehe, einen Gedenktag nach einer Erkrankung zu benennen. Sie unterstellte außerdem, dass niemand an die Opfer denken würde und dass Antidemokraten Corona als Diagnose benutzen, um einen Gedenktag zu fabulieren. Den Antrag lehnte sie ab mit den Worten:

Das ist absurd.

Besagtem Ratsherrn von der Partei DieBasis wurde außerdem ein Saal verwehrt, der sonst jedem Ratsmitglied für öffentliche Veranstaltungen kostenfrei zur Verfügung steht. Man erkennt an diesem Beispiel, dass auch auf kommunaler Ebene keine Auseinandersetzung zum Thema Spaltung stattfindet. Wohl auch, weil Verantwortliche nicht bereit sind, Fehler einzugestehen und Verantwortung zu übernehmen. Stattdessen ist die Diskreditierung der Kritiker ein hilfreiches Mittel, um von sich abzulenken. Bereitschaft zum respektvollen Diskurs? Fehlanzeige.

Klappstuhlcafés

In Bergisch Gladbach und Pulheim luden die Veranstalter zum gemütlichen Austausch bei Café und Kuchen ein. Das kam bei Passanten gut an, und so ergab sich manch freundliches Gespräch. In Bergisch Gladbach freute sich das Orgateam besonders über reges Interesse von Jugendlichen, mit denen sie sich lange unterhielten. In Pulheim bat man Passanten, auf ein Plakat zu schreiben – auf der einen Seite, was ihnen die Coronazeit genommen hat, und auf der anderen, was ihnen diese Zeit gegeben hat. Die Antworten waren interessant, gerade im Vergleich der Gruppen. Dabei wurden auf der einen Seite Vertrauen in Politik, Wissenschaft und Ärzteschaft, Sicherheit, Unbefangenheit, Familie, Freundschaften, Freiheit genannt. Auf der anderen Seite findet man Worte wie Mut, Aufklärung, neue Blicke auf die Welt.

Bildbeschreibung Bild: Bergisch-Gladbach

Ungeteilte Bereitschaft?

All diese Erfahrungen zeigen, dass sich etwas wiederholt. Die Bereitschaft zum Zuhören ist ungleich verteilt. Während einige Menschen offen ins Gespräch gehen, reagieren andere mit Ablehnung. Oder mit einem Blick, der „durch einen hindurchgeht“, wie es eine Veranstalterin beschrieb. Diese Leere ist vielleicht eines der deutlichsten Zeichen dafür, wie tief die Verunsicherung sitzt.

Gleichzeitig wird auch innerhalb des kritischen Lagers gerungen. Für manche ist Versöhnung ohne klare politische Aufarbeitung nicht denkbar. Forderungen nach Untersuchungsausschüssen stehen im Raum. Andere setzen bewusst im Kleinen an. Eine Organisatorin formulierte es treffend:

Die politische Aufarbeitung müsste in Berlin stattfinden, doch im direkten Umfeld geht es darum, wieder miteinander sprechen zu können.

Was vom Tage bleibt

Ohne Aufarbeitung bleibt ein Gefühl von Ungerechtigkeit. Ohne Dialog im Alltag bleibt die Gesellschaft zerrissen. Beides gehört zusammen. Der erste Corona-Gedenktag hat noch nicht den erhofften Erfolg gebracht. Aber er hat etwas sichtbar gemacht, das oft übersehen wird: Verständigung beginnt nicht mit großen Debatten, sondern in konkreten Begegnungen. Dort, wo Menschen bereit sind, einander wirklich zuzuhören, entsteht etwas, das keine politische Maßnahme ersetzen kann. Darin sind sich alle Veranstalter und die Initiatoren einig. Die Wunden sind noch da. Und vielleicht ist die ehrlichste Erkenntnis, dass Heilung Zeit braucht. Und es braucht den Willen, sich der eigenen Geschichte zu stellen.

Begleitet wurden viele Veranstaltungen mit den Songs zum Gedenktag. Auf der Webseite gibt es auch eine Auswahl an Fotos und Videos von den Veranstaltungen. Und wer möchte, kann sich schon als Veranstalter für den nächsten Gedenktag anmelden – vom 19. bis 22. März 2027.

Anne Krämer gehört zur ZAAVV-Arbeitsgruppe Aufklärung. An der Freien Medienakademie hat sie den Kompaktkurs Journalismus besucht.

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Bildquellen: Corona-Protest in Frankfurt am Main, 15. August 2020 (Titelfoto: photoheuristic.info, CC BY 2.0)