Susanne Dagen ist im Herbst 2025 bundesweit bekannt geworden, aber die dpa, Deutschlands wichtigster Nachrichtenlieferant, hat trotzdem kein Bild von ihr. Oben steht deshalb ein Screenshot, entnommen einem Apolut-Bericht über die Büchermesse Seitenwechsel in Halle. Das folgende Gespräch stammt aus dem Sommer 2021 und wurde für das Projekt „Das mediale Erbe der DDR“ geführt, bezahlt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Eine Druckfassung gibt es im Buch „Wir sind die anderen“, erschienen 2023 im Verlag Herbert von Halem in Köln.
Lebensweg
Geboren 1972 in Dresden. Russisch-Klasse, Klavier-Unterricht, philharmonischer Chor im Kulturpalast. Vorbereitung auf ein Musikstudium. Ausbildung zur Buchhändlerin, seit 1995 BuchHaus Loschwitz. 2015 und 2016 Deutscher Buchhandelspreis. Lesereihe Aufgeblättert. Zugeschlagen – mit Rechten lesen (2018). Mitglied des Stadtrats in Dresden (seit 2019). Angriff mit Buttersäure und Pyrotechnik auf die Buchhandlung (April 2021).
Als ich sechs war, trennten sich meine Eltern. Dann war ich mit meiner Mutter allein. Sie war Galeristin, hat immer sehr viel gearbeitet. Mein Vater war Kroate. Ich denke, er hat mir mein Temperament in die Wiege gelegt. Wir wohnten in einem Wismut-Bau aus den 1950ern. Im Erdgeschoss. Es war immer feucht. Wir mussten mit Kohle heizen. Schon früh bekam ich in der Schule Probleme mit der Disziplin. Ich war frech, habe ständig geschwatzt, war schnell unkonzentriert. Heute würde man sagen: Zappelphilipp-Syndrom. Damit das nicht überhandnahm, hat mich meine Mutter in irgendwelche Sportgruppen geschickt, zum Klavier, zum Chor, zur Sprecherziehung. Wenn es damals in der DDR eine Waldorfschule gegeben hätte, wäre das vermutlich das Richtige gewesen.
Ja, so könnte man das sagen. Wobei ich nicht in einer Villa aufgewachsen bin. Aber wir hatten ein Klavier und Kunst an der Wand. Das gab es in vielen DDR-Haushalten. Bürgerlich bedeutet im DDR-Kontext etwas anderes als das gängige Verständnis. Das war eine innerliche Bürgerlichkeit, eine Zugewandtheit zu Themen, die ein bürgerliches Leben ausmachen. Aber keine Bürgerlichkeit, die sich über den Habitus erschloss.
Ich wurde sehr freiheitlich erzogen. Am Tisch wurde ganz offen geredet. Meine Mutter erzählte von ihren täglichen Erfahrungen mit dem System. Sie musste oft erleben, dass Ausstellungen verboten wurden. Das passierte regelmäßig. Ich kann mich erinnern, dass wir im Urlaub von der Bezirksleitung angerufen wurden. Meine Mutter sollte eine Ausstellung sofort wieder abhängen.
Interessanterweise nicht. Ich habe das nie als bedrohlich empfunden. Das war Teil meines Lebens. Ich glaube, dass mich diese Erlebnisse nachhaltig geprägt haben. Noch heute werfen mich Rückschläge oder Angriffe nicht aus der Bahn. Ich kann mich sehr gut abgrenzen. Wobei meine Mutter schon klar gemacht hat, dass ich das, was wir abends beim Essen besprochen haben, nicht in der Schule erzählen durfte. Das bedingte natürlich, dass ich eine Schere im Kopf hatte und mir früh wünschte, das meinen eigenen Kindern nie sagen zu müssen.
Diese Klassen waren sehr klein. Man dachte sich, wenn ich mehr gefordert werde, dann würde ich ruhiger werden. Das hat nicht sofort geklappt. Schon am ersten Tag bekam ich einen Klassenleiter-Tadel. Es war übrigens nicht leicht, in die Klasse reinzukommen. Die war für Kinder aus der Arbeiterklasse. Meine Mutter hat ihre Ausbildung als Werkzeugmacherin angeführt. Das wurde akzeptiert.
Bild: Naturkunde in Bad Freienwalde 1979 (Bundesarchiv, Bild 183-U0504-0301, Foto: Müller, CC-BY-SA 3.0)
Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich sehr unwohl gefühlt. Zum einen habe ich mich gelangweilt. Intelligent war ich ja. Zum anderen hat mich das eingeschränkt. Meine Mitschüler fanden mich aber lustig und haben sich gefreut, dass ich die Kulturprogramme organisierte. Ich war sogar im philharmonischen Chor im Kulturpalast. Ich hätte meine Nachmittage lieber an der Tischtennisplatte im Neubaugebiet verbracht, als Gustav Mahler zu singen. Dort war alles so streng. Man musste steife Kleidung tragen.
Nein. Ich glaube, hinter der Idee meiner Mutter, mich in diese Richtung zu fördern, stand ein Gefühl der Unvermeidlichkeit. Es konnte sich niemand vorstellen, dass das irgendwann aufhört. Meine Mutter wollte nicht, dass ich in der sozialistischen Gesellschaft unter die Räder kam. Ich war eben, wie ich war. Mich in bestimmte Gruppen zu stecken, war eine Möglichkeit, mich anzuleiten. Ich bin mir sicher: Das war ein zutiefst gut gemeintes pädagogisches Mittel. Zumal ich wirklich viel gelernt habe.
Ja, das auch. Meine Großmutter war Sängerin. Nach dem Krieg hat sie ein Lehramtsstudium absolviert und Musiklehrer ausgebildet. Später hat sie mit geschädigten Kindern gearbeitet. Sie hatte ein großes Herz für meine überbordende Fröhlichkeit. Bei ihr habe ich Klavierspielen gelernt. Tatsächlich fiel mir das sehr leicht. Alles, was ich im Leben wirklich gebraucht habe, habe ich bei meiner Großmutter gelernt.
Als Kind immer. Dann etwas weniger und seit Eröffnung unserer Buchhandlung 1995 wieder sehr intensiv. Er war ein großer Leser und ist viel ins Theater gegangen. In seinen letzten Lebensjahren ist er sogar selbst Schauspieler geworden. Dabei war er eigentlich Chemiker, ein knallharter Naturwissenschaftler. Aber er fühlte sich immer wie ein künstlerisch angehauchter Lebemann, eine Art Dandy. Mein Vater war viermal verheiratet.
Ja, viele, aber ich kenne nicht alle (lacht). Ich habe eine Halbschwester aus der vierten Ehe meines Vaters, die hat er adoptiert. Zu ihr habe ich guten Kontakt. Sie ist Tischlerin und ganz anders als ich, aber wir mögen uns. Zudem habe ich einen leiblichen Halbbruder, der heute in Bielefeld wohnt. Er ist nach dem Zusammenbruch sofort weggegangen, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass die Grenze offenbleibt. Leider ist er heute sehr unglücklich. Unterm Strich war ich Einzelkind und fand das furchtbar. Aber ich hatte viele Freunde.
Bild: Pioniere 1980 bei einem Sanitäterkurs im Bezirk Neubrandenburg (Bundesarchiv, Bild 183-W0114-0306, Foto: Hubert Link, CC-BY-SA 3.0)
Natürlich, mussten wir ja. Nur wer in einer Kirche aktiv war und lieber zur Konfirmation ging, hatte Alternativen. Mich hat es nie wirklich gestört. Zudem hatte ich nie irgendeine Funktion. Dafür wollten die mich nicht, weil ich so unberechenbar war. Natürlich war es lächerlich, sich so zu uniformieren. In der neunten Klasse kam die paramilitärische Ausbildung. Die Jungs waren drei Wochen im Wehrlager, und die Mädchen haben in der Schule Handgranaten geworfen oder sind mit Barett auf dem Kopf marschiert. Das empfand ich als total abnormal. Meine Mutter und meine Großeltern wussten, dass es unter Umständen Nachteile bedeutet, wenn man versucht hätte, sich dem zu entziehen. Also haben sie nicht interveniert.
Gott sei Dank. Diese Gehirnwäsche, diese Indoktrination mussten wir nicht mitmachen.
Das haben wir nie gesehen. Das kam immer Montagabend nach dem alten Film. Den Film haben wir angeguckt, aber wenn die Melodie vom Schwarzen Kanal erklang, schrie meine Mutter schon, ich solle das ausschalten. Tatsächlich hat die politische Situation für meine geistige, intellektuelle Entwicklung auf einer abstrakten Ebene keine Rolle gespielt. Sie war Teil des Alltags, zum Beispiel im Hinblick auf die Schließung von Ausstellungen, wenn der Künstler einen Ausreiseantrag gestellt hatte.
Bild: Karl-Eduard von Schnitzler (2. von links) mit Walter Ulbricht (links) und Architekt Hermann Henselmann (2. von rechts) 1952 bei einem Hochhausbesuch an der Berliner Weberweise (Bundesarchiv, Bild 183-13292-0002, Foto: Schack, CC-BY-SA 3.0)
Er war Arzt und hatte in den 1950ern eine kleine Privatpraxis. Man hat ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass seine drei Kinder kein Abitur machen könnten, wenn er weiterhin privat praktizierte. Also hat er eine Kreisarztstelle übernommen und ging später als ärztlicher Betreuer in eine Art Sozialamt in Dresden. Von seiner Partei, der CDU, wurde er in den Gesundheitsausschuss der Volkskammer delegiert. Er glaubte, dass diese CDU was ganz anderes sei als die SED. Er war reinen Herzens.
Wir hatten viele Verwandte drüben. Über meine Mutter hatten wir zudem Kontakt zu Künstlern, die im Westen waren oder in den Westen fahren durften. Unsere Vorstellung vom Leben im Westen war allerdings sehr idealisiert.
Das hat bei uns nie eine Rolle gespielt, obwohl wir nicht viel Geld hatten. Meine Mutter hat als Galerieleiterin im staatlichen Kunsthandel 600 Mark verdient. Davon war am Monatsende nichts mehr übrig. Nach heutigen Maßstäben bin ich in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Das war aber nicht schlimm, das war bei all meinen Freunden genauso. Wenn ich in die Neubausiedlung ging, um vor der Chorprobe Tischtennis zu spielen, saßen die Mütter dort unter einer tiefen Lampe am Küchentisch, um in Heimarbeit Teile zusammenzubauen. In den Kinderzimmern standen Doppelstockbetten und ein Klappbett. Das störte mich nicht. Wichtiger war die bürgerliche Orientierung. Musik, Literatur, Kunst.
Die Russisch-Klasse war natürlich eine Chance, weil man sehr früh Fremdsprachenkenntnisse erwarb. Das ist mir leichtgefallen. Bei mir geht Sprache übers Ohr, über die Sprachmelodie. Das hat sicherlich mit meiner Musikalität zu tun. Heute spreche ich vier Sprachen. Nach der zehnten Klasse bin ich 1988 nach Zwickau gegangen, um als Vorbereitung auf das Konservatorium ein fachspezifisches Abitur zu machen. Bei uns in der Familie war es üblich, dass die Frauen Musik studierten und die Männer Medizin. Aber dieses Jahr in Zwickau war das schlimmste in meinem Leben.
1988 spürte man, dass etwas in der Luft lag. Die Atmosphäre war bleiern. Zudem musste ich ins Internat und mir mit vier Mädchen ein Zimmer teilen. Wir hatten null Privatsphäre. Jede spielte ein anderes Instrument, jede kam aus einer anderen Ecke der Republik. Wir hatten keinerlei Verbindung zueinander. Mit 16 Jahren stand ich plötzlich unter der Fuchtel der Internatsleiterin. Es gab regelmäßige Zimmerkontrollen. Schon in der ersten Woche hätte ich riesigen Ärger bekommen können: In der Stadt hatte mir jemand einen Zettel für ein Treffen der Dreitagesadventisten zugesteckt, den ich kurzerhand an das Schwarze Brett hing. Da sind die schier verrückt geworden. Offiziell gab es eine Trennung von Kirche und Staat in der DDR, aber letztlich war Religion verpönt und musste in Hinterzimmern gelebt werden. Die Internatsleitung drohte mit einem Verfahren und Exmatrikulation.
Bild: Robert-Schumann-Konservatorium Zwickau 2013 (Foto: Westsächsisch, CC BY-SA 4.0)
Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich den Mund gehalten. Ich habe nicht gesagt, dass ich es war. Bis dahin war ich immer vorne dran und hab mich gemeldet, wenn ich etwas zu verantworten hatte. Aber damals spürte ich plötzlich eine viel stärkere politische Stimmung. Es hätte passieren können, dass die mich zur Umerziehung in einen Jugendwerkhof gesteckt hätten. Es kam nicht raus, und ich machte erstmal weiter. Aber es war so schrecklich, dass ich richtig krank geworden bin. Heute würde man vielleicht von einer Jugenddepression sprechen. Ich war viel zu Hause, meine Mutter spürte, dass das so nicht weiter ging. Also habe ich der Schulleitung mitgeteilt, dass ich aufhören würde.
Die waren stinksauer. Es war nicht vorgesehen, dass man so einen Platz von sich aus aufgab. Dabei hätten sie ja sehen müssen, dass meine Leistungen nicht atemberaubend waren. Ich war faul und hatte keine Lust, jeden Tag Klavier zu üben oder zur Chorprobe zu gehen. Und was hätte ich später machen sollen? In der Provinz am Theater im Chor singen? Im Sommer 1989 musste ich noch einige Male nach Zwickau fahren, um einen Laufzettel abzuarbeiten. Das war reine Schikane. Im Endeffekt habe ich zu einer Notlüge gegriffen und behauptet, ich hätte mich an einer Schauspielschule beworben und die würden mich nehmen. Dann war Ruhe.
Ja, Gott sei Dank. Am 9. November 1989 war ich in der Hochschule für bildende Künste im Jugendklub Wendel in Dresden. Als ich abends nach Hause kam, saß der Lebensgefährte meiner Mutter vor dem Fernseher und meinte nur: Stell dir vor, die Mauer ist offen. Das konnte ich nicht glauben. Ich habe die ganze Nacht dagesessen und diese Bilder gesehen, die mir heute noch gegenwärtig sind.
Das war ganz komisch, unfassbar. Viel Freude, viel Hoffnung. Plötzlich lag die ganze Welt vor mir. Zwei Tage später bin ich mit einer Freundin nach Hof gefahren. Wir wurden gleich von einer Gruppe Jungs aufgegabelt. Mit denen sind wir in eine Diskothek und haben sogar bei denen übernachtet. Am nächsten Morgen haben wir unsere 100 Mark abgeholt. Zu Hause fing ich erstmal bei meiner Mutter in der Galerie an. Die wurde aber schon 1990 geschlossen.
Absolut. Natürlich musste man da erstmal reinwachsen, auch politisch. Alle Dinge, die uns bisher erzählt worden waren, wurden von einem Tag auf den anderen als falsch bezeichnet. In dieser Zeit begann meine Lesebiografie. Auf Druck meiner Familie bereitete ich mich doch wieder auf ein Musikstudium vor, im Bereich Gesang. Aber ich spürte schnell, dass mir das Lesen wichtiger geworden war. Ich habe mich mit Wolfgang Leonhards Die Revolution entläßt ihre Kinder und den ganzen Russen beschäftigt und zu meiner Mutter gesagt: Die haben uns nur belogen.
Bild: Wolfgang Leonhard (links) 1990 mit Wolfgang Kohlhaase (Bundesarchiv, Bild 183-1990-0625-029, Foto: Thomas Uhlemann, CC-BY-SA 3.0)
Dieser Moment war eine Zäsur. Für mich war klar: Das will ich nie wieder. Ich hatte weniger Vorstellungen davon, was ich will, als davon, was ich nicht mehr will. Insofern war das nicht nur der Beginn meiner Lesebiografie, sondern auch der Beginn einer reaktionären Biografie. Das war die Reaktion auf meine bisherigen Erfahrungen.
Richtig. Dazu kommt meine Entschlusskraft. Wenn ich etwas machen will, mache ich es.
Ja. Wobei ich zuerst auf der Straße gelernt habe. Zumindest sage ich das immer so. Nachdem wir die Galerie abgewickelt hatten, ging ich zwar noch zum Gesangsunterricht, suchte aber nach einer neuen Beschäftigung, mit der ich Geld verdienen konnte. Zu der Zeit schossen in den Straßen kleine Stände wie Pilze aus dem Boden. Dort gab es sämtliche Dinge, die der DDR-Bürger vorher nicht hatte kaufen können. Schmuck, Taschen, Tücher. Auf der Prager Straße sprach mich ein Mann an, ob ich für ihn an so einem Stand arbeiten würde. Das habe ich eineinhalb Jahre gemacht. Ich merkte: Ich kann alles verkaufen. Meiner Familie hat das nicht gefallen. Das war unter unserem Niveau.
Da ich die Literatur für mich entdeckt hatte, wollte ich Germanistik studieren. Mein Freund dachte an Biologie. Wir sind zusammen nach Tübingen gefahren. An der Uni waren die ganz begeistert, dass da eine aus dem Osten kam. Trotzdem wollten sie natürlich meine Abschlüsse sehen. Da ich nur dieses komische Fachabi hatte, konnten sie mich nicht zulassen. Letztlich meinte meine Mutter, ich könnte doch Buchhändlerin werden. Das hielt ich für eine tolle Idee.
Der sächsische Volksbuchhandel war mit allen Filialen komplett an Thurn und Taxis verkauft worden. Die nannten das Buch & Kunst, wie in den 1950ern. Ein Vertreter von Buch & Kunst wollte eine Galerie aufmachen und hatte Kontakt mit meiner Mutter. Sie bat ihn, mir eine Lehrstelle zu besorgen. 1991 war das nicht einfach. Privatbetriebe gab es kaum, und die Handwerker haben nicht ausgebildet, weil sie nicht wussten, wie es weitergehen würde. Beim Vorstellungsgespräch sollte ich erzählen, was ich alles lese. Ob ich Günter Grass kenne, Volker Braun, Goethe. Das war kein Problem. Ich bekam die Lehrstelle. Die Berufsschule war in Leipzig, da hatten wir Blockunterricht. Den Praxisteil absolvierte ich in der Universitäts-Buchhandlung.
Nein, ich habe viel gelernt. Natürlich musste ich reinwachsen, aber es war im Nachhinein sehr hilfreich. An der Berufsschule habe ich 1991 meinen Mann kennengelernt. Er kam aus dem Westen, um Buchhändler zu werden. Seine Lehrstelle war in Rostock. Nach einem Jahr wollte ich deshalb nach Rostock wechseln. Also bin ich dort in eine ganz kleine Buchhandlung marschiert, nicht größer als 30 Quadratmeter. Es hieß, die sei alternativ angehaucht. Im Laden kam mir eine kugelrunde Frau entgegen, hochschwanger. Als ich nach einer Lehrstelle fragte, meinte Sie nur: Dich schickt der Himmel. Am nächsten Tag habe ich dort angefangen.
Klar. Das war eine dezidiert linke Buchhandlung, das war vollkommen neu für mich. Aber wieder habe ich Verlagskunde gelernt. Da standen Bücher aus dem Karin Kramer Verlag oder von PapyRossa. Auch RAF und so. Die Situation in Rostock wurde in den kommenden Jahren aber zunehmend schwierig. Die Werften mussten schließen. 1992 gab es dann die Krawalle rund um das Sonnenblumenhaus, ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter in Lichtenhagen. Wir haben das alles hautnah erlebt, wobei unsere Erlebnisse nicht unbedingt mit den bekannten Nacherzählungen übereinstimmen.
Bild: Das Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen 2006 (Foto: mc005, CC BY-SA 3.0)
Wir wohnten in Evershagen, einem anderen Neubaugebiet. Jedes Wochenende fuhren wir nach Warnemünde und kamen dabei am Sonnenblumenhaus vorbei. Von Woche zu Woche heizte sich die Stimmung auf. Auf einer Freifläche hatten sich Zigeuner niedergelassen. Es gab keine Sanitäranlagen, kein fließendes Wasser, nichts. Das hat die Leute furchtbar aufgeregt. Die konnten nicht verstehen, dass man dem nicht Einhalt gebietet. Ich glaube, dass das der Auslöser war und dass es nicht primär um Fremdenfeindlichkeit ging. Jedenfalls wurde die Stimmung immer schlimmer, weshalb wir Rostock verließen. Es gab viele Orte, wo wirklich alles möglich schien. Das war tatsächlich eine Zeit der Glücksritter. Als sich uns die Chance bot, haben wir 1995 hier in Dresden-Loschwitz eine Buchhandlung eröffnet.
Bild: Buchhaus Loschwitz 2022 (Foto: SchiDD, CC BY-SA 4.0)
Das schockiert alle, die in der DDR sozialisiert sind. Der Schock ist aber auch ein bisschen hausgemacht, da die Neunziger tatsächlich Jahre des Aufbruchs waren, Motto: Alles ist möglich. Wir haben einiges verpasst, haben den Verlockungen nachgegeben und nicht den Finger in die Wunde gelegt, um die Dinge zu verbessern, die in der bundesrepublikanischen Politik im Argen lagen. Daraus resultierte ein gewaltiger Reformstau. Wenn wir damals schlauer, uneitler, vorausschauender gewesen wären, hätten wir wirklich etwas Gemeinsames schaffen können. So mussten wir erleben, dass die Bundesrepublik die DDR übernommen hat.
Ich denke, man muss den Lebenshintergrund der Ostdeutschen berücksichtigen. Dass ich heute die Dinge durchfechte, wie ich sie durchfechte, hat viel mit meiner Mutter und ihrer Biografie zu tun. Meine Generation erlebte die Brüche der Elterngeneration hautnah. Das führte dazu, dass unsere Eltern uns in einem ganz wichtigen Alter, mit 16, 17, nicht die nötige Begleitung sein konnten. Da brauchst du die Eltern als Reibungsfläche, aber eben auch als Basis. Das ist unserer Generation komplett weggebrochen, weil den Eltern der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Meine Mutter war zur Wende Anfang 40. Für sie war das Berufsleben eigentlich zu Ende. Für viele Ostdeutsche hat sich die Zeit der Neuorientierung lange hingezogen. Sie waren viele Jahre nur damit beschäftigt.
Darüber habe ich schon mit Kurt Biedenkopf gesprochen. Er war letztlich ratlos und meinte, dass man die Führungskräfte aus dem Westen holen musste. Das mag für die ersten Jahre stimmen, aber dann hätten die Ostdeutschen nachrücken können. Die hatten studiert und ähnliche Ausbildungswege durchlaufen. Aber trotzdem ist es nicht passiert. Die westliche Dominanz dauert bis heute an.
Bild: Kurt Biedenkopf bei seinem 80. mit Ehefrau Ingrid (Foto: Thomas Kretschel, CC BY-SA 3.0)
Absolut. Denn hier geht es ja nicht nur um Buchverlage, sondern vor allem um Zeitungsverlage. Die Eigentumsverhältnisse bedingen, wie Realität erzählt wird.
Ich war in der glücklichen Lage, das alte System während der Schulzeit erleben zu dürfen und trotzdem jung genug zu sein, um nicht in einem Lebenslauf gefangen zu bleiben. Meine Eltern waren so eingewoben in ihre Lebensläufe, dass sie das auch mittragen mussten, wenn sie sich nicht selbst verraten wollten. Meine Generation konnte einfach anfangen. Das hat uns unseren Eltern natürlich entfremdet. Wir waren in Aufbruchstimmung – und für unsere Eltern war erstmal alles kaputt. Ich bin mir sicher, dass dieses Phänomen sehr bald sowohl soziologisch als auch psychologisch seine Benennung finden wird. Letztlich ist das eine Form von Trauma.
Für mich ist klar, dass meine Generation aus dieser Nummer nicht mehr rauskommt, dass wir schlichtweg unsere Lehre gezogen haben. Die Quintessenz wäre vielleicht: Wir machen, was wir wollen. Wir haben gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Und wir machen diesen ganzen Mist nicht mit.
Für mich stecken da zwei Komponenten drin. Zum einen glaubt man es nicht, weil man es nicht glauben will. Das ist sehr emotional. Man müsste sich sonst dem eigenen Beitrag stellen. Auf einer intellektuellen Ebene sind die Ereignisse während der Corona-Krise absolut folgerichtig. Meine These wäre, dass sich gesellschaftliche Umbrüche immer ankündigen und alle 30 bis 40 Jahre manifest werden. Das ist ein normaler Prozess, das lehrt uns die Geschichte.
Natürlich. Das hat doch nichts mit mir zu tun. Ich biete nur die Projektionsfläche. Ich bin nicht diejenige, die das Bild von mir zeichnet. Das ist mir längst aus der Hand genommen worden. Man sollte nicht so eitel sein und denken, das hänge mit der eigenen Form der Präsentation zusammen. Ich kann das ganz weit von mir weghalten. Ich weiß am allerbesten, was ich bin, was ich will und was ich nicht will. In den letzten Jahren habe ich mit vielen Journalisten gesprochen, die mit einer fertigen Meinung kommen. Ich frage dann in der Regel, was sie mir konkret vorwerfen. Dann kommt meist nichts. Also antworte ich für sie und sage: Sie werfen mir vor, dass ich mit Leuten umgehe, die Ihnen nicht gefallen. Dann sind die oft ganz erschrocken, weil sie sich das gar nicht so klar gemacht haben. Oft setze ich einen drauf und erkläre denen, dass es mir egal ist, was sie darüber denken. Und dass es mir ja auch egal ist, mit wem sie Kontakt haben, weil das ihre Angelegenheit ist. An dieser Stelle ist das Gespräch natürlich zu Ende. Worüber sollten wir schon noch sprechen?
Genau. Aber dann stelle ich genau dieselbe Frage wie damals im Osten: Und warum nicht? Letztlich dürfen keine Menschen mehr da sein, die nicht ins Schema passen, die eine andere Meinung haben. Dabei verstehen sich meine Kritiker als Vertreter der Toleranten. Aber wenn Menschen anders sind, anders denken, dann ist das eine Bedrohung, die die angeblich Toleranten nicht aushalten. Es ist eben nicht so weit her mit deren Toleranz. Dabei wäre das eine wichtige Aufgabe: Sich dafür zu interessieren, woher der andere seine vollkommen anderen Ansichten hat. Eine Meinung hat doch jeder. Aber mich interessiert die Analyse. Zu viele Menschen lassen sich auf dieses Experiment nicht ein. Sie fürchten den Applaus von der falschen Seite, weil sie selbst nicht aushalten, was sie uns – den anderen – antun. Das ist eigentlich das Einzige, was ich ihnen vorwerfe: dass sie existenziell zerstören wollen. Sie wollen nicht mit mir in den Diskurs eintreten. Wenn mir jemand vorwirft, ich sei rechtsextremistisch, tut er das mit dem Ziel, mich zu vernichten. Das akzeptiere ich nicht. Deshalb mache ich weiter. Damit die sehen, dass das bei mir ins Leere läuft.
Bild: Jan Josef Liefers 2013 (Foto: Manfred Werner, CC BY-SA 3.0)
Für mich ist das normal, weil wir mit einem Blick in die Geschichte nur solche Persönlichkeiten sehen. Nur diese Biografien können Geschichte verändern. Nur diejenigen, die sich solchen Anfeindungen aussetzen, sind Persönlichkeiten, die hervorstechen. Diese Rolle sucht man sich nicht aus. Man muss sie erkennen und sich damit aussöhnen. Man kann ja nicht mehr zurück. Du kannst mit dem Namen Lengsfeld nicht mehr zurück und mit dem Namen Dagen auch nicht.
Nein, weil ich keine Zweifel habe. Natürlich habe ich Zweifel intellektueller Art. Wir sind ja nicht unfehlbar. Ich halte alles für richtig, was ich tue. Aber ich gestehe auch dem anderen zu, dass er für richtig hält, was er tut, und unterstelle niemandem Bösartigkeit. Wir können nur weitermachen.
Sowohl mein Mann als auch meine Töchter, die ja schon 19 und 20 sind, gehen absolut mit. Natürlich war der Anschlag schlimm, aber dieses Erlebnis stärkt sie in ihrer Entwicklung, in ihrer Biografie. Da stehen wir ganz dicht beieinander. Im besten Fall zerbricht man daran nicht, sondern macht sich klar, dass das alles folgerichtig ist.
Ja, mit Einschränkungen. Mein Mann kommt aus dem Westen, ebenso wie einige meiner Freunde. Es kann also nicht nur an der Sozialisation liegen. Es hat darüber hinaus etwas mit Bildung zu tun, mit persönlicher Kompetenz. Ich glaube, man kann die Dinge sehen, wenn man in der Lage ist, sie abstrakt zu denken. Als etwas Systemisches. Oft denke ich an Tucholskys Ausspruch: Das Volk sagt zwar oft das Falsche, denkt aber das Richtige. Das wäre für mich das Bodenständige, das Erdig-Verhaftete – und das ist in solchen Zeiten Gold wert. Es sind nicht die Intellektuellen, die sich in den offenen Kampf begeben, sondern es sind diejenigen, die die Ungereimtheiten tagtäglich praktisch erfahren und die Lüge sehen. Die zu einem Fußballspiel gehen, ein fröhliches Fußballfest erleben und am nächsten Tag in der Zeitung lesen, dass das alles Hooligans oder Neonazis gewesen sind. Deswegen ist eine meiner Überzeugungen, die beileibe nicht tröstlich ist: Der Mensch lernt nur im Schmerz – und zwar nur im eigenen. Weil die meisten eben nicht das Abstraktionsvermögen haben, um sich vorzustellen, wie die anderen ihr Dasein wahrnehmen.
Das kommt auf die Betrachtungsweise an. Die Corona-Maßnahmen, diese drastischen Einschränkungen, diese Gängelei, dieses Kindergarten-Gehabe: All das hat vielen Menschen gezeigt, dass wir jeden Tag um unser freiheitliches selbstbestimmtes Leben kämpfen müssen. Dabei geht es nicht um dieses Schwarz-Weiß-Denken, das viele im politischen Diskurs anlegen. Nach dem Motto: Jetzt müssen wir rechts sein, weil das Böse derzeit links ist. So einfach ist es nie. Deshalb plädiere ich dafür, sich mit allen Facetten zu beschäftigen und vor allem mit den Rändern. Da wird es interessant.
Bild: Büchermesse Seitenwechsel im November 2025 in Halle (Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Willnow)
Die Demokratie wird immer an den Rändern verteidigt, niemals in der wärmenden Mitte. Der individuell empfundene Freiheitsverlust im sogenannten Lockdown hat viele Menschen hart getroffen. Die sind wieder zur mir zurückgekommen und werden jetzt als Nazis, Querdenker beschimpft, weil sie kritisch sind oder einfach nachfragen. Insofern ist das eine wichtige Zeit. In meinen Augen befinden wir uns am Scheidepunkt. Aber wir wissen aus DDR-Zeiten: Das kann sich hinziehen, der Scheidepunkt wird zur Strecke. Analog zum Ende der DDR ist es derzeit offen, ob wir uns im Jahr 1984, 1985 oder 1988 befinden.
Bild: In der Messehalle (Foto: Screenshot, Apolut)
Ja, das höre ich seit Jahren. Es geht uns doch so gut. Aber das bezieht sich immer auf das Materielle. Ich definiere Wohlbefinden nicht vordergründig materiell. Das mag an meiner Kindheit und Jugend liegen. Ich habe gelernt, mit wenig auszukommen. Wer die Perspektive auf das Materielle verengt, blendet die Bedeutung der geistigen und freiheitlichen Entfaltungsmöglichkeit aus. Da geht es uns verdammt schlecht. Dieses System baut auf der materiellen Bedürfnisbefriedigung auf. Ironischerweise ist der Kapitalismus meine große Hoffnung, etwa im Hinblick auf die Impfdiskussion, die übrigens im Kern eine Diskussion über Selbstbestimmung und Freiheit ist. Der Kapitalismus ist auf Gewinnmaximierung aus. Wenn ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr konsumieren kann, beschneidet das den Gewinn der Unternehmer. Deshalb glaube ich nicht, dass die angekündigten Einschränkungen für Nicht-Geimpfte kommen werden.
Dass sie es nicht zurückbekommen werden. Das ist eine Illusion. Diese Menschen werden tief fallen. Dabei ist die Fallhöhe im Osten viel niedriger als im Westen. Die Menschen im Westen erleben jetzt das, was unsere Elterngeneration im Osten erleben musste. Jetzt noch nicht in finanzieller Hinsicht, wobei das bestimmt kommen wird. Ich bin fest davon überzeugt: Niemand wird Rechte zurückbekommen, wenn er sich einer Maßnahme unterwirft. Das hat es noch nie gegeben. Besonders betroffen macht mich die Unterwerfungsgeste der Waldorfschulen, die versuchen, sich so zu retten. Dabei verraten sie ihre ureigenen Prinzipien.
Ganz klar: nein. Keinen der Angriffe auf mich, nicht einmal den Anschlag, empfand ich als Bedrohung. Eine langjährige Freundin sagt immer: Du warst schon immer so. Das hat etwas sehr Tröstliches, denn es zeigt, dass ich mir treu geblieben bin. Ich kann nicht anders. Wenn man irgendwann begriffen hat, dass man ist, wie man ist, und dass man agieren muss, wie man agiert, dann hat man seinen Frieden mit sich gemacht. Das ist für mich ehrlich, redlich. Deshalb halte ich alles, was ich tue, für vollkommen richtig. Als Aufgabe, die meinem Leben Sinn gibt.
Bianca Kellner-Zotz, Jahrgang 1975, aufgewachsen in Bayern, ist Kommunikationswissenschaftlerin, Hochschuldozentin und Kommunalpolitikerin. Letzte Buchveröffentlichung: Happy Family (2022)
