Nun ist das Dutzend voll im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. „Wer zweifelt, hat schon gewonnen“ heißt das neue Buch von Gerd Reuther, wieder ein Gemeinschaftswerk mit seiner Frau Renate, einer Historikerin, die kaum weniger produktiv ist. Wer glaubt, den Titel schon zu kennen: Vor zwei Jahren haben die Reuthers „Wer schweigt, hat schon verloren“ auf das Cover geschrieben.
Den Untertitel von damals hätten die beiden gleich übernehmen können: „56 Essays, die Dein Denken verändern“. Wieder sind die Texte vergleichsweise kurz (zwei bis drei Seiten, manchmal eine mehr), wieder geht es querbeet durch Vergangenheit und Gegenwart, wieder wird die Geschichtsschreibung aufs Korn genommen, die Pharmaindustrie mit ihren Handlangern in Weiß und das, was uns als Bildung verkauft wird. Die Reuthers lesen: Das verlangt Offenheit und die Bereitschaft, sich auf Ungewohntes einzulassen und alte Zöpfe abzuschneiden. Drei Beispiele:
Bild: Fußball-Ultras in Bulgarien. Foto: Biso, CC BY 4.0
Wahrscheinlich sagen Sie jetzt: Pillepalle – und haben vollkommen Recht. Die Beispiele stehen hier Pars pro toto für ein Buch, das die kleinen Dinge des Lebens mit den großen Linien von Kontrolle und Überwachung verbindet und zugleich fragt, wie man sich dem Zugriff auf Geist und Körper entziehen kann. Wer die Vorgänger aus dem Hause Reuther kennt, wird manches wiederfinden. Den Tatort Vergangenheit, die Impfgeschichte und natürlich die Medizin, 2017 umfassend bearbeitet im Bestseller „Der betrogene Patient“ und seinerzeit noch staatmedientauglich, etwa in der Frankfurter Rundschau oder im Focus, obwohl Gerd Reuther schon damals kein Blatt vor den Mund genommen hat. Selbst auf diesen Feldern aber graben die Reuthers neue Perlen aus – das Monopol der lateinischen Westkirche bei Stadt- und Landschaftsansichten etwa, das im kollektiven Bildgedächtnis eine Stunde Null verankert hat, Kirchen, Schlösser und Befestigungen zum „vermeintlichen Urzustand“ macht und so jede Erinnerung an ein Zusammenleben löscht, das in vielerlei Hinsicht besser gewesen sein dürfte. Mehr Eigentum, mehr Rechte, mehr Freiheiten. Ganz ähnlich gilt das für große Schlachten der Vergangenheit, für die es keine Belege gibt, die aber Krieg als etwas Normales und Natürliches erscheinen lassen, oder für Stadtjubiläen, die alles verschlucken, was vor der Eroberung durch Orden und normannische Ritter existiert hat.
Bild: Gerd Reuther 2025 bei den Waldgesprächen. Foto: Screenshot
Immer noch keine Lust? Mein letzter Trumpf ist der Text „Warum Tauben keine ‚Vogelgrippe‘ bekommen“. Antwort in einem Substantiv: Bio-Drohnen. Mehr bei den Reuthers, wo sie auch lernen, warum das weder in den Schulen besprochen wird noch an den Universitäten.
Gerd und Renate Reuther: Wer zweifelt, hat schon gewonnen. Leipzig: Engelsdorfer Verlag 2026. 189 Seiten, 15 Euro.

Newsletter: Anmeldung über Pareto