Die drei Windräder stehen still, als ich Thomas Horsch an einem Spätsommersonntag treffe. Thomas betreibt als Mitgesellschafter in der Nähe von Amberg seit 2013 drei Windräder. „Genug Wind haben wir heute“, sagt er. „Der Energieversorger hat die Anlagen aber abgeschaltet, schon den ganzen Tag. Es gibt inzwischen zu viele Wind- und Photovoltaikanlagen in Deutschland – bei guten Bedingungen produzieren sie eine Strommenge, die den Verbrauch weit übersteigt. Eine Speichermöglichkeit in geeigneter Größe fehlt und das Netz kann den Strom nicht transportieren, da ist die Kapazität zu gering. Also wird abgeschaltet.“ Rund 15 Prozent der möglichen Laufzeit standen die Räder dieses Jahr deshalb still, im Sommer öfter als im Winter und insgesamt mit steigender Tendenz, schätzt Thomas Horsch, die PV war noch mehr abgeregelt. „Und trotzdem werden immer neue Anlagen gebaut – die dann für die Bestandsanlagen eine immer höhere Abschaltzeit bedeuten.“
Wir fahren zum mittleren Windrad, schauen hinauf zur Gondel mit den drei Rotorblättern. Will ich da wirklich hoch? Ein flaues Gefühl macht sich in der Magengegend breit, als Thomas die Tür zum Turm öffnet. Erstmal geht es allerdings abwärts, drei Meter runterklettern auf einer schmalen Leiter. Das Betonfundament ist eher ein Hohlraum, an den Seiten enden die Stahlzugglieder, die im Turm bis hinauf zur Gondel verlaufen. „Beim Abbau wird das Fundament gesprengt. Übrig bleibt nichts außer Schotter, für neue Zwecke nutzbar“, sagt Thomas. Er kennt sich aus, ist Windmüller der ersten Stunde. 1998 kaufte er sein erstes Windrad, in Sachsen-Anhalt nahe Aschersleben, wo der gelernte Landwirt bis 2003 samt Familie gelebt und gearbeitet hat. Inzwischen sind es dort 60 Anlagen, zwölf davon hat Thomas schon erneuert, eins nach Polen verkauft.
Bild: Der Turm von innen (Foto: Antje Meyen)
Zurück nach Bayern, vom Fundament wieder rauf ins Erdgeschoss. Der Turm hat hier einen Durchmesser von rund zehn Metern. 140 Meter über uns, an der Gondel, sind es nur noch knapp vier. „Unten besteht der Turm aus Betonteilen, oben aus Stahl. Die setzt ein Kran aufeinander, verfugt wird nichts“, sagt Thomas. Für den Halt sorgen die Stahlzugglieder, die wie lange Streifen gerade nach oben führen. Eine Technik aus dem Brückenbau. Am Monitor neben der Tür steht die Leistungsanzeige immer noch auf Null.
Plötzlich ein leises Dröhnen, als wir in den engen Aufzug steigen wollen. Es ist kurz nach 17 Uhr. „Wir scheinen anzufahren“, sagt Thomas, und die Zahlen auf dem Bildschirm bestätigen, dass die Rotorblätter in Bewegung kommen. Also rein in den Gitterkasten aus Metall. „In sieben Minuten sind wir oben“, sagt Thomas. Quälend langsam bewegt sich die Kapsel, erst entlang der Betonteile, dann erreichen wir den Stahlbereich und endlich den unteren Rand der Gondel. Fester Boden unter den Füßen fühlt sich anders an, es schwankt wie auf einem Schiff bei leichtem Seegang.
Noch zwei Hohlräume auf Leitern überwinden, dann stehen wir im Inneren der Gondel. Vorn kann man den Flügeln beim Drehen zuschauen, das Ganze erinnert an eine Schiffsschraube. Thomas bestätigt, dass die Technik vom Schiffbau abgeschaut ist. Die Rotorblätter drehen eine Welle, die in den Generator läuft. Schmale Kästen daneben beherbergen Wechselrichter, die den Strom konstant auf 50 Hertz bringen, die Frequenz im deutschen Netz. Auf dem Gehäuse zwischen Welle und Generator können wir sitzen und spüren, wie sich die Gondel ganz langsam dreht. Sie folgt dem Wind, richtet sich automatisch optimal aus. Ab drei Metern pro Sekunde Windgeschwindigkeit drehen sich die Flügel, bei zwölf Metern erreicht die Anlage ihr Höchstleistung von 3.200 Kilowatt, alles darüber bringt keinen Zuwachs mehr – und ab 20 Metern pro Sekunde schaltet sie sich ab. „Dieser Anlagentyp ist für Schwachwindgebiete konzipiert“, sagt Thomas. „Also für diesen Standort hier perfekt. Es gibt genau die Windausbeute, die das Gutachten vorhergesagt hat.“
Bild: Thomas Horsch ganz oben
Der Blick aus der Luke nach draußen beeindruckt, auch wenn ich Thomas nicht aufs Gondeldach folge. Messgeräte für Windstärke und Windrichtung sind hier verbaut sowie das Nachtlicht. Die Flügel wirken nochmal gewaltiger, die Blattspitze erreicht an der höchsten Stelle 200 Meter. „Die Technik begeistert mich einfach. Ist doch eine gute Sache, aus Wind Strom zu machen“, sagt Thomas. Die drei Windräder hat eigentlich sein Cousin bauen lassen, auch den großen Solarpark unten neben dem Hof. Kurz bevor alles fertig war, starb der Cousin bei einem Autounfall. Thomas kümmerte sich zusammen mit seiner Cousine um die Fertigstellung der Anlagen und den weiteren Betrieb. Vier Millionen Euro kostete jedes der drei Windräder, inklusive zehn Kilometer Verkabelung nach Amberg. „Die Finanzierung läuft über fünfzehn Jahre“, sagt Thomas.
Bild: Die drei Windkraftanlagen bei Amberg (Foto: Antje Meyen)
Früher war das Windgeschäft leichter kalkulierbar, dafür sorgte das Erneuerbare-Energien-Gesetz in der alten Fassung. Es legte die Einspeisevergütung für 20 Jahre fest. Wer im Jahr 2000 ein Windrad in Betrieb nahm, bekam anfangs 17,9 Pfennig pro Kilowattstunde. 2014 wurde der feste Einspeisetarif durch eine gleitende Marktprämie abgelöst. Damit mussten Betreiber ihren Strom direkt an der Börse vermarkten, vom Staat gab es einen variablen Aufschlag dazu. Seit 2017 wird die Höhe der Förderung für größere Windenergieanlagen nicht mehr gesetzlich vorgegeben, sondern per Ausschreibung über Gebotstermine bei der Bundesnetzagentur ermittelt. Thomas zeigt mir eine App: „Liegt der Strom-Börsenpreis unter Null, bekommen aktuell neu errichtete Anlagen nichts.“ Heute, an einem sonnigen Sonntag, ist das über einige Stunden der Fall, bestätigt die Kurve auf dem Display. Ansonsten zahlt der Energieversorger den Betreibern auch für Strom, der gar nicht erzeugt wurde, weil abgeregelt worden ist.
Wir sind wieder unten, schauen nochmal nach oben. Was ist mit dem Infraschall oder mit PFAS, den Giften, die sich durch Abrieb aus den Rotorblättern lösen sollen? Thomas kennt die Vorwürfe. „Erstmal müsste ja die Farbe von den Blättern verschwinden“, sagt er. „Die sieht aber noch frisch aus wie am ersten Tag. Ich weiß nicht, woher dieser Abrieb kommen soll. Die Kraftfahrzeuge in Deutschland produzieren alleine schon 8.000 Tonnen Bremsstaub im Jahr, da wird wohl jeder Autofahrer mehr Abrieb in seinem Leben produzieren als die Flügel einer Windkraftanlage.“
Und der Infraschall? „Das kann man glauben oder nicht. Genau wie bei PFAS in Wildschweinen, was man so liest. Es ist ja jede Menge Plastik im Umlauf, die auf ganz anderen Wegen in die Umgebung kommt.“ Sollten die Flügel mal vereisen, was laut Thomas bisher selten passiert ist, stoppt die Anlage automatisch und startet erst wieder, wenn alles abgetaut ist. Schutz für Material und Mensch.
Und das Landschaftsbild? Subjektives Empfinden, sagt er. Auch die Sache mit den Verwirbelungen, die angeblich zu weniger Regen hinter den Windrädern und zu mehr davor führen sollen, seien schwer zu beweisen und könnten ja auch im Einzelfall von Vorteil sein. „Jedes Ding, das der Mensch in die Welt stellt, führt ja zu irgendwas. Wichtig ist, dass es mehr nützt als schadet. Windkraft im richtigen Maß in einem Energiemix, der alle Arten der Energieerzeugung einschließt, also auch Gas, Kohle, Öl, Kernenergie, gekoppelt mit Energiespeichern, finde ich immer noch eine gute Idee. Technologieoffen muss man sein, nicht ideologisch verblendet.“
Die Energie müsse in Deutschland wieder günstiger und zuverlässiger werden. „Die Abschaltung der Kernenergie und der sauberen Kohlekraftwerke war ein Fehler“, sagt Thomas, der jetzt doch noch mehr sagen will, während sich über uns fast lautlos die Rotorblätter drehen. „Nordstream gehört repariert und wieder in Betrieb genommen, das Verhältnis mit Russland durch Diplomatie normalisiert. Vor allem den CO2-Irrglauben, dem alle energiepolitischen Maßnahmen untergeordnet werden, halte ich für falsch. Für mich als Landwirt ist CO2 das Gas des Lebens für alle Pflanzen und dadurch auch für uns, das ist mittlerweile fast niemandem mehr bewusst.“
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