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Bericht | 21.07.2026
Heimat 2.0?
Unsere Autorin, vor 20 Jahren nach Mecklenburg gezogen, fährt zu einem Klassentreffen ins Rheinland.
Text: Christiane Müller
 
 

50 Jahre Abi-Feier! Eingeladen wird in eine Kleinstadt im Bergischen unweit von Köln. Man geht selbstverständlich davon aus, dass Rentner des Jahrgangs 1957 im Juli nicht in Urlaub fahren. Von über 70 Eingeladenen kommen am Ende stark die Hälfte – das war schon mal besser.

Ich habe „Bauchschmerzen“ seit der letzten Zusammenkunft vor zwei Jahren. Damals endeten zu viele Gespräche mit „Bullshit-Argumenten“. Ich habe Sorge, dass sich diese Situation wiederholen könnte, und erinnere meinen Moment ungläubigen Staunens, besser von Fassungslosigkeit und Schreck, als vertraute Freundinnen der Kinderzeit mir plötzlich fremd wurden und mir so meine eigene Fremdheit bewusst wurde. Nichts will ich weniger bei einem Klassentreffen. In Erinnerung und Phantasie sind wir doch auf ewig verbunden – oder?!

Wir teilten eine sehr lange gemeinsam erlebte Zeit, mit zweien von der ersten Klasse der Grundschule an! Das heißt eine Zeitspanne vom vorlesenden Klassenlehrer Hermann über Kurzschuljahre (Wechsel von der Frühjahrseinschulung zum Spätsommer 1966/67) bis zu Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen!“ (die damalige Bildungsreform war der Grund, warum ich aufs Gymnasium „durfte“…), Oberstufenreform und Kurssystem (ich lernte Russisch). Das Gymnasium war zwei- und nach der zehnten Klasse sogar dreizügig, weil es die Möglichkeit gab, nach einer abgeschlossenen Lehre das Abitur nachzuholen: vom Landvermesser zum Anästhesisten.

Erinnerungen werden wach beim Rundgang über das Schulgelände: Abiturklausuren mit Baulärm, weil die Schule, obwohl neu gebaut, schon aus allen Nähten platzte. Wir „containerten“ über lange Jahre. Mir verhasste Bundesjugendspiele auf dem inzwischen sehr in die Jahre gekommenen Sportplatz, Turnhalle mit Barren und Pferd …

Bildbeschreibung

Der Schulgarten am Hang existiert immer noch. Wie schön. Ein Obstbaum, den es damals schon gegeben haben muss, schiebt seine dicken Wurzeln aus der Wiese. Den Eingang zur Schule markieren heute literarische Zitate – wunderbar, wenn es so gelebt werden würde! Das erste Klassenfoto auf der großen steinernen Außentreppe, wo bei einem Abistreich auf dem mittleren Podest das Auto eines Lehrers zu stehen kam. Und nun, nach 50 Jahren, versammeln sich die Ergrauten abermals zu einem Klassenfoto für die Lokalzeitung. Wo sind die 50 Jahre geblieben? Das fragen wir uns immer wieder am Abend. Gefeiert wird bei hochsommerlichen Temperaturen in der Altstadt, draußen um den Brunnen. Rhabarberschorle geht gut, Bier erst später.

Bildbeschreibung

Ich bemerke mit Freude, dass sich die Gesprächskultur geändert zu haben scheint. Zweifel und Zurückhaltung, Rückfragen und Reflektieren begegnen mir häufiger als Statements und Haltung. Obwohl die hohen Temperaturen Ende Juni ein Angst-Thema sind – ja, da dezidiert auch für die „richtige“ Haltung.

Auch so gibt es für mich wieder große Überraschungen. Da bekennt sich der eine zur militärischen Unterstützung der Ukraine gegen einen imperialistischen Putin, als damals und heute bekennender Linker. „Die Menschen in der früheren DDR kennen nur Diktatur“, da „wundert es nicht, dass die AfD dort so große Unterstützung erfährt.“ Aha! Ich beginne zu erzählen, wie ich meine neue Heimat (!) Mecklenburg wahrnehme, in die ich vor 20 Jahren zog, und ernte ungläubiges Staunen. Wirklich? Immer wieder begegnet mir Unwissen, weil einige noch nie auch nur eines der neuen Bundesländer bereist und erfahren haben. Deshalb freue ich mich über eine Mitschülerin, die mit ähnlicher Begeisterung von Weimar und Erfurt erzählt wie ich von meinem Landleben zwischen Güstrow, Rostock und Schwerin mit Kulturvereinen und Kranichkonzerten. Interessant dabei: Sie gehörte zur schreibenden Zunft.

Bildbeschreibung Bild: Gruppenfoto beim Start in Klasse fünf

Der Abend wird lang, der harte Kern sitzt noch bis um zwei Uhr in der Früh zusammen. Da wird die Verbundenheit spürbar: Wir denken an die, die diese Welt schon verlassen mussten, erinnern uns und vermissen sie. Wir brauchen ganz unbedingt einen Termin fürs nächste Treffen (nicht erst in fünf Jahren bitte) und mögen uns nicht wirklich verabschieden.

In der Nacht denke ich darüber nach, welchen emotionalen Wert Treffen dieser Art haben. Wir finden dort eine Art von Selbstvergewisserung, die gerade heute so fehlt. Wir dürfen sein. Kaum einer kommt mit „mein Haus, mein Boot, mein Auto“ daher. Es geht um Zwischenmenschliches und um Zusammengehörigkeit. Gemeinsamkeiten werden ausgelotet, Differenzen freundlich beschwiegen. Machen uns die aktuellen Erfahrungen im politischen und gesellschaftlichen Kontext empfänglicher für diese Erfahrungen? Ich denke – ja.

Auf der Rückfahrt am nächsten Morgen halte ich einmal an, um ein Foto zu machen. Das Bild von Straßenbegleitgrün in Pink und Zartgelb ist überwältigend. Den Duft von Mädesüß nehme ich mit.

Bildbeschreibung

Christiane Müller hat im Frühling am Kurs „Intellektuelle Selbstverteidigung" teilgenommen.

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