Es ist selten, aber bisweilen geschehen doch Wunder. Ausgerechnet im Kino, in einem deutschen Film, auch noch in einer Komödie. Wer sich in den letzten Jahren die hiesigen Produktionen aus diesem Genre angeschaut hat, ist stets auf Ideologie gestoßen, auf Geschichten, die getränkt waren mit offiziellen Moralvorgaben. Nicht so in Extrawurst, einer aktuellen Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob. Hier wird die deutsche Königsdisziplin des Moralisierens ehr durch den Kakao gezogen, obgleich auch in dieser Komödie die Verwicklungen mit einem gutmenschlichen Vorstoß beginnen.
Bei einer Sitzung in einem Provinztennisclub wird über die Anschaffung eines neuen Grills diskutiert. Was unproblematisch anmutet, erweist sich schnell als Herkulesakt, weil die aus Berlin zugezogene Melanie (Anja Knauer) mit einer vermeintlich progressiven Idee für Chaos sorgt. Der Club, so ihr Vorschlag, soll nicht nur einen, sondern zwei Grills beschaffen, damit Erol – der einzige Türke im Verein – nicht mehr auf einen zugreifen muss, der durch das Garen von Schweinefleisch „haram“ geworden ist. Unter den Beteiligten regt sich Unmut. Selbst Erol (Fahri Yardim) ist der Vorschlag peinlich, sodass er höflich ablehnt. Doch Melanie lässt nicht locker und erhält Unterstützung von ihrem Freund Torsten (Christoph Maria Herbst).
Die Besprechung im Tennisclub weitet sich zu einem Wortgemetzel aus Argumenten aus, die aufgebauscht werden, als stünde die Existenz des Planeten auf dem Spiel. Man kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, aus einer Fliege wird ein Elefant. Hier spiegelt sich die Diskussionskultur in Deutschland, wo mittlerweile Nichtigkeiten zu Kulturkämpfen führen, wo Familien und Freundschaften wegen falscher Haltungen und politisch nicht korrekter Wörtchen zerbrechen. Extrawurst thematisiert diese Überspanntheit nicht mit einem erhobenen Zeigefinger, wie man es sonst von deutschen Komödien gewohnt ist, sondern mit ironischer Lässigkeit.
Das ist umso überraschender, weil Stars wie Christoph Maria Herbst und Hape Kerkeling mitspielen. Insbesondere Kerkeling gilt als Garant für Zuschauererziehung. Wo er auftaucht, ist staatliche Indoktrinierung nicht weit. Dabei muss man wissen, dass ein Kinofilm in den allermeisten Fällen nicht ohne Fördermittel realisiert werden kann. Die erforderlichen Geldsummen sind enorm. Und die Bundesregierung lässt sich nicht lumpen, will aber Gegenleistung sehen. Anders ausgedrückt: Gefördert werden nur Filme, die die herrschende Ideologie transportieren und Werte und Meinungen stützen, mit denen auch die Bundesregierung leben kann.
Nicht zufällig hat sich das Kabinett Merz im Februar auf ein „Investitionspaket“ für den Filmstandort Deutschland verständigt, wie die Fachzeitschrift Epd Film berichtet. Kern der Reform ist eine Investitionsverpflichtung: Streamingdienste sowie private und öffentlich-rechtliche Sender sollen künftig mindestens acht Prozent ihres jährlichen Nettoumsatzes in europäische Produktionen investieren. Wer freiwillig zwölf Prozent oder mehr zusagt, kann von detaillierten gesetzlichen Vorgaben, etwa zum Rechterückbehalt, abweichen.
Ganz nebenbei erhöht der Bund die Filmförderung dauerhaft auf 250 Millionen Euro jährlich. Die zuvor gesperrten Mittel aus dem Haushalt werden damit freigegeben. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer spricht von einem „Filmbooster“, betont Epd Film. Diese Metapher hat seit der Corona-Krise Hochkonjunktur. Allerdings wissen mittlerweile nicht wenige, dass dort, wo von einem „Booster“ geredet wird, die Bundesregierung etwas im Schilde führt – dass sie irgendein Rattengift ausstreut, um die Bürger einzufangen.
Bild: Wolfram Weimer im Mai 2025 (Foto: Martin Rulsch, CC BY-SA 4.0)
Apropos Epd Film: Die Zeitschrift gehört dem Medienunternehmen der evangelischen Kirche in Deutschland. Und diese hat sich in den letzten Jahren zum ideologischen Arm des politmedialen Establishments entwickelt. Sie befürwortete die Corona-Politik trotz Ausgrenzung und Impfdruck, sie unterstützt den Kriegskurs der Bundesregierung in der Ukraine und sie ist woke. Schließlich ist Gott „queer“, wie Pfarrer Quinton Ceasar auf dem Kirchentag 2023 in seiner Abschusspredigt sagte. Diese Ideologietreue schlägt sich nicht zuletzt im Magazin nieder. Seit ein paar Jahren ist zu beobachten, wie sich Epd Film zunehmend Themen rund um „Minderheiten“ widmet. Mittlerweile wimmelt es nur so vor Gendersternchen und Editorials, die sich lesen, als hätte sie der Pressesprecher der Bundesregierung geschrieben.
Nun hat die evangelische Kirche aber nicht nur ein eigenes Medienunternehmen. Sie veranstaltet auch zusammen mit der katholischen Kirche ein Filmfestival in Recklinghausen – in diesem März zum 16. Mal. Gezeigt werden nicht nur Streifen, die einen „religiösen oder spirituellen Bezug haben“, wie Epd Film in der aktuellen Printausgabe betont, sondern – wie sollte es auch anders sein: „Filme mit Haltung“, solche, „die sich zur Lage in der Welt äußern, die gesellschaftliche Relevanz haben“. So, so! Beschäftigen sich diese Filme etwa mit dem Maidan-Putsch in der Ukraine und dem Einfluss westlicher Staaten? Kritisieren sie die drakonische Corona-Politik? Thematisieren sie die mittlerweile gängige Praxis führender Politiker, Bürger wegen harmloser Social-Media-Posts mit Anzeigen zu zermürben? Beklagen sie die zunehmende Staatsüberwachung?
Nein, natürlich nicht! Wo kämen wir da hin! Für derlei Nebensächlichkeiten sind die Fördermittel nicht gedacht. In den „Filmen mit Haltung“ geht es stattdessen um „Migration und Flucht“, um „Frauenrechte und Beschneidung“ und um die „Veränderung der Arbeitswelt“ – um Themen also, die im Vergleich zu den wirklichen Problemen marginal sind oder ohnehin tagtäglich in den Leitmedien hochgehalten werden. „Mit dem Kino ist es wie mit einem guten Gottesdienst, aus dem man mit einer neuen Haltung oder Erkenntnis herauskommt“, wird Julia Borries aus der Festival-Leitung zitiert. „Es kann sein, dass man merkt: Jetzt schaue ich noch mal anders auf die Dinge oder das Thema.“
Tatsächlich geht man heute aus dem Gottesdienst oder aus dem Kino mit der immer gleichen Haltung heraus, weil andere Perspektiven etwa auf die Corona-Politik, den Ukraine-Krieg oder die Transgender-Ideologie nicht erwünscht sind und nicht durch Fördermittel auf die Leinwand gebracht werden. Heiße Eisen fasst auch Extrawurst nicht an. Aber zumindest bedient der Film nicht die durchgenudelten Narrative aus der politmedialen Echokammer. Mehr darf man von einer deutschen Komödie heutzutage nicht erwarten.
Eugen Zentner, Jahrgang 1979, ist Journalist, Sachbuchautor und Erzähler.
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