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Kommentar | 08.09.2026
Gefährlichster Sieger
Rente und Bildung, Gesundheitswesen und Gerechtigkeit. Warum das Vertrauen weg ist – und Sachsen-Anhalt die Rechnung schickt.
Text: Bastian Alexander Werner
 
 

Man muss die Zahlen aus Sachsen-Anhalt nicht schön- oder schlechtreden, man muss sie nur nebeneinanderlegen. Die CDU ist von 37,1 auf 17,8 Prozent gefallen, die AfD von 20,8 auf knapp 44 Prozent gestiegen. Das ist keine Nuance, das ist ein Erdrutsch. 59 Prozent sagen, die Bundesregierung habe einen Denkzettel verdient. Man hat ihn ausgestellt, in großer Schrift. Und das bei fast 80 Prozent Wahlbeteiligung. Das ist ein Statement der Wähler, das man nicht so einfach wegwischen kann.

Der eigentliche Befund liegt aber tiefer, und er ist älter als diese Wahl. Seit mehreren Jahrzehnten mischt dieses Land dieselben Parteien immer wieder neu durch – CDU und CSU, SPD, FDP, Grüne, seit einer Weile auch die Linke – und nennt das Auswahl. Also die ehrliche Frage: Wo ist der Bereich, in dem es für den Großteil der Menschen besser geworden ist? Die Rente? Da fangen wir lieber nicht an, sonst weinen wir. Die Bildung? Auch nicht. Beim Gesundheitswesen haben sich die Jahrhundertreformen gestapelt – und in der Praxis, im Krankenhaus, im Pflegeheim hat davon keiner etwas gemerkt. Im Gegenteil, man steht dort schon wieder vor der Zahlungsunfähigkeit in der Pflege. Arbeitslosigkeit, Steuergerechtigkeit, seit Jahrzehnten dasselbe Versprechen: transparenter, gerechter. Man erkennt davon kaum noch etwas – so durchsichtig sind die Reformen mittlerweile geworden, dass man sie kaum noch sieht.

Kein Wunder, dass das Vertrauen weg ist. Nur 26 Prozent glauben, ein Politiker würde einen Gefallen ablehnen, wenn dafür später ein gut bezahlter Job winkt. Nur 29 Prozent glauben, Menschen wie sie hätten überhaupt Einfluss. Man kann ihnen schwer widersprechen. Kanzler Friedrich Merz kam von BlackRock. Jens Spahn, in dessen Zuständigkeit Maskenkäufe für rund sechs Milliarden fallen, die bis heute Ausschüsse und Gerichte beschäftigen, sitzt jetzt im Haushaltsausschuss. Philipp Amthor, Lobbyist für ein Unternehmen, von dem er Aktienoptionen und einen Direktorenposten erhielt, ist Staatsminister im Kanzleramt. Julia Klöckner, die Weinkönigin, die für Nestlé ein Werbefilmchen drehte, ist Präsidentin des Bundestags. Für uns unten gelten Pflichten. Die da oben haben Kontrakte.

Und dann stellt sich derselbe Merz hin, dessen Land seine Rechnungen bald nicht mehr zahlen kann, denn genau das fürchten 70 Prozent, und erklärt, künftig gelte wieder Leistung, nicht Behäbigkeit, Bequemlichkeit oder Faulheit. Übersetzt: Das Land hat Probleme, und ihr seid faul. Und dann thront über allem ein Wort: Brandmauer. Die Mauer soll Haltung markieren. Sie markiert vor allem, dass hinter ihr alle zusammenstehen wie eine einzige Partei, die sich die Trennwand selbst gebaut hat. Ist eine Meinung unbequem, gilt sie schnell als rechtsextrem. Das ist bequem, aber kein Ersatz für gute Politik.

Es kursiert die Legende, eine Beteiligung an der Bundesregierung schade bei Landtagswahlen. Die Zahlen sagen etwas anderes. Die CDU hat rund zwanzig Punkte verloren, mehr als die Hälfte ihrer Stimmen. Die SPD, ebenfalls im Bund, hat einen Punkt gewonnen. Regieren allein kann es also nicht sein. Oder Moment, sollte man es doch anders lesen? Die CDU verliert nicht, weil sie regiert, sondern weil sie an einer rot-grünen Agenda mitarbeitet. So gesehen stimmt die Legende ja doch wieder.

Bürokratieabbau versprochen, prompt ein neues Ministerium gegründet und Tausende neue Stellen dazu. Den Steuererhöhungen von Herrn Klingbeil zugestimmt. Sogar der Erhöhung des Spitzensteuersatzes, die Merz einst bekämpft hat wie kaum etwas anderes. Und dabei trifft das nicht die Reichen, sondern besonders die Personenunternehmen im Land. Da war auch noch was mit der Schuldenbremse. Deren Aufhebung war der gefühlt kürzeste Wahlbetrug der letzten Jahre. Und traut Merz sich einmal ein Wort wie „Stadtbild“ – im vergangenen Herbst gemünzt auf die Folgen der Migration –, rudert er beim ersten rot-grünen Protest zurück. Eine Partei, die ihre eigenen Sätze zurücknimmt, muss sich nicht wundern, wenn die Wähler ihr nicht mehr glauben.

Den anderen ergeht es kaum besser, jedem auf seine Weise. Die FDP fliegt aus dem Landtag, und man versteht warum. Sie gibt sich als Partei der Freiheit, kassiert Unternehmerspenden und exekutiert an der Macht rot-grüne Politik. Den Sargnagel schlug ihr eigener Chef Kubicki ein, als er im Wahlkampf über Bundeszwang und einen Bundeskommissar gegen eine gewählte Landesregierung nachdachte – reichlich unfreiheitlich für eine Freiheitspartei. Die Linke verliert gegen den Bundestrend ein Viertel ihrer Stimmen, und auch das hat einen Grund: Im Bundesrat hat sie einem gewaltigen Schulden- und Rüstungsprogramm den Weg frei gemacht, das den Sozialstaat über Jahre auszehren wird. Im Bundestag stimmte sie effektvoll dagegen, aber dort brauchte es ihre Stimmen gar nicht. Da hilft die schönste Sozialrhetorik nichts. Übrig bleibt das BSW, mit 5,3 Prozent das Zünglein an der Waage – frei, die AfD zu stützen oder einen CDU-Mann mit 17 Prozent erneut ins Amt zu heben.

Genau in dieses Misstrauen fährt die AfD hinein. Sie sagt: Hier stimmt was nicht. Du wirst betrogen. Sie liefert gleich Gründe mit – Migration, Berlin, Eliten, Systemmedien – und ein Versprechen: Wir holen uns das Land zurück. Und Merz? Übernimmt ihr Spielfeld. Härte, Abschiebung, Bürgergeld. Politische Beobachter beschreiben diesen Mechanismus seit Langem: Wer die Erzählung des Gegners übernimmt, macht sie salonfähig, aber halt keine eigene Politik. Merz wollte das Feuer löschen und hat es mit Benzin versucht. Selbst aus der AfD ist zu hören, dass der hohe Stimmenanteil nicht allein ihrer eigenen Politik zu verdanken ist, sondern jenen, die in der Vergangenheit die Politik zu verantworten hatten.

Wenn keine Partei mehr gegensteuert und Reformen ausbleiben, muss man sich nicht ausmalen, wohin die Reise geht. Eine Ahnung bekommt man trotzdem – man muss nur über den Atlantik schauen. In die gespaltenen Staaten von Amerika. Dort kann man es besichtigen. Kapitalismus als Sozialdarwinismus auf dem Weg in seine unverhüllteste, fast schon brutalste Form.

Friedrich Merz wollte die AfD halbieren. Er sollte lieber untersuchen, warum er stattdessen seine eigene Partei halbiert hat. Denn während er das noch sortiert, redet in Magdeburg schon ein anderer mit – Ulrich Siegmund, laut Spiegel der gefährlichste Mann Deutschlands. Bleibt ein Fazit, so kurz wie die Lage. Die gleichen Parteien, die gleiche Politik, und das über viele Jahrzehnte. Wer sich selbst nicht mehr unterscheidet, muss sich über das Ergebnis nicht wundern. Sollte Sachsen-Anhalt nur das ausgesprochen haben, was viele längst denken?

Bastian Alexander Werner hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

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Bildquellen: Demo gegen Sozialabbau auf dem Nürnberger Kornmarkt, 11. Juli 2026 (Titelfoto: Jote, CC BY-SA 4.0)