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Bericht | 11.05.2026
Fünf Jahre Auf1
Stefan Magnet, Elsa Mittmannsgruber und ihr Team stoßen mit 600 Gästen an und erinnern dabei auch an eine Sturzgeburt.
Text: Michael Meyen
 
 

„Ich bin fast ein wenig enttäuscht“, sagt Martin Sellner, der vorletzte Redner auf der Bühne. Keine Omas gegen rechts und auch sonst niemand, der ihn am Sprechen hindern will. „Vielleicht sind wir gerade nicht mehr so wichtig.“ Das trifft ganz gut die Stimmung in diesem Saal im Dunstkreis von Linz und Wels, etwas ab vom Schuss in einem Gewerbegebiet. Egal, mit wem man spricht: Durchhalten ist die Parole, einerseits. Das Publikum wächst nicht mehr, und die Spenden stagnieren oder gehen zurück. Da unterscheidet sich Auf1, eines der Flaggschiffe der neuen Medienszene, nicht groß von der Konkurrenz.

Bildbeschreibung

Andererseits gibt es Grund zum Feiern. Der Raum ist voll. Fast zu voll. Viele sind weit gefahren, um ihre Helden zu sehen, zu sprechen, zu drücken oder um einfach danke zu sagen. Die Impfpflicht in Österreich und überhaupt all das, was in der Corona-Planung steckte: Wer weiß schon, was daraus geworden wäre und wie wir heute leben würden, wenn es diese Plattform nicht gegeben hätte. Sicher: Jeder Erfolg hat viele Eltern, und der Platz reicht nicht, alle Portale aufzuzählen, die den Gegenstimmen Raum gegeben haben. Rubikon und KenFM natürlich, ein erstes Opfer der Zensur, das als Apolut wiedergeboren wurde, Tichy und die Nachdenkseiten, Multipolar und Achgut mit Indubio, einem Podcast, aus dem 2022 der Kontrafunk wachsen konnte. Selbst wenn diese Liste vollständig wäre: Ein zweites Auf1 würde sich dort nicht finden. Bewegte Bilder, tagesaktuell, auf eigenen Servern und damit kaum erreichbar für den Digitalkonzernstaat: Das gab es nur hier.

Roter Festfaden sind folgerichtig die Angriffe, die auf Reichweite und Existenz zielten und zielen. Die Klage der ARD wegen angeblicher Verwechselungsgefahr beim Logo, beigelegt nach drei teuren Jahren. 195.000 Euro Strafe, 2024 verhängt von der Landesmedienanstalt Baden-Württemberg gegen einen Kooperationspartner, der das Programm über Satellit ausstrahlte. Verfahren der Kommunikationsbehörde KommAustria, Listen der Staatsschutzbehörden. Kontokündigungen. Shadowban und Löschungen auf Facebook und TikTok. Auch diese Liste ist lang und sagt etwas über den Stellenwert, den dieser Sender hat. Ich habe das bei meinen Vorträgen erlebt. Immer wurde nach Auf1 gefragt, und immer war damit die Hoffnung verbunden, die Deutungshoheit der Staatsmedien zu brechen. Bei uns arbeiten Leute, die nie daran gedacht haben, mal etwas mit Journalismus zu machen, sagt Programmchef Andreas Retschitzegger. Sogar ein Baupolier.

Auf der Bühne stehen die Gesichter der Senders. Elsa Mittmannsgruber, Martin Müller-Mertens und Thomas Eglinski, Bernhard Riegler und Stefan Pollak. Dazu ein paar Gäste. Beate Bahner, Uwe Kranz, Heiko Schöning, Ronald Weikl, Martin Rutter und ich verkörpern die Themen, die Auf1 groß werden ließen, und Paul Brandenburg und Markus Haintz skizzieren das, was die neue Medienszene im Moment umtreibt. Immer mehr Angebote, die sich den Spendenkuchen teilen müssen – einen Kuchen, der eher kleiner wird. Dazu Mitbewerber, die aus Partei- und anderen Kassen bezahlt werden, aber wie Alternativmedien aussehen und so Aufmerksamkeit und Gunst des Publikums abziehen. Beim Wein am Abend geht es auch um den Podcast von Ben Berndt und um die Frage, wer dort mit angeschoben und dann dafür gesorgt hat, dass die Klickzahlen wachsen konnten. Das führt schnell zu den großen Demonstrationen von 2020. Stuttgart und Berlin, aber nicht München zum Beispiel. Im Zweifel organisiert sich der Staat auch seinen Protest und seine Alternativmedien.

Bildbeschreibung Bild: Andreas Retschitzegger, Bernhard Riegler, Heiko Schöning, Stefan Pollak, Uwe Kranz und Beate Bahner auf der Bühne (von links)

Und Auf1? Stellt zwei Unternehmer als Großspender vor. Er habe sich viele Angebote angeschaut, sagt Hartmut Issmer, der aus der Nähe von Frankfurt angereist ist. Wie ihn Auf1 überzeugt hat? Mit Professionalität und mit einem Format, das Ernsthaftigkeit ausstrahlt. Ganz ähnlich beschreibt das Stefan Preisenhammer, der vor 40 Jahren nach Kanada ausgewandert ist, dort Erfolg hatte und zum Geburtstag drei Unzen Gold mitbringt. Maple Leaf, jede im Moment rund 4.000 Euro schwer.

Das ist ein Stück Transparenz und für mich als Medienforscher genauso spannend wie die Gründungsgeschichte, die Stefan Magnet erzählt, Chefredakteur und letzter Redner auf der Bühne. Die richtige Idee und der richtige Mann: alles schön und gut, sagt Magnet, aber nichts wert ohne eine Gelegenheit. Magnet geht zurück zur Jahreswende 2020/21. Der Druck auf alle Öffentlichkeiten jenseits der Staatsmedien – auf Demonstrationen, Vortragsräume und die großen Plattformen, inzwischen gut dokumentiert, aber auch damals für jeden spürbar, der nicht einverstanden war mit dem, was von oben kam. Magnet erzählt, wie seine Videos gelöscht und seine Kanäle gesperrt wurden, 50.000 Follower und mehr, und wie er seine Prominenz genutzt hat, um Unterstützung für ein Studio und Server zu mobilisieren. Am 30. Mai 2021 habe er gesagt: Morgen müssen wir auf Sendung gehen, egal wie. Das Geld sei alle. Anders formuliert: Mann, Idee und Gelegenheit haben zusammengefunden, Menschen wie Hartmut Issmer, Stefan Preisenhammer und die vielen anderen Geburtstagsgäste inspiriert und etwas auf den Weg gebracht, was den Diskurswächtern weiter unruhige Nächte bescheren wird.

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Bildquellen: Antje Meyen