Gleich am Dorfanger des uckermärkischen Dörfchens Flieth liegt der Artemis-Hof von Ursula Macht, einer Ex-Berlinerin und Ex-Literaturwissenschaftlerin, jetzt Chefin eines Paradieses. Vor dem Paradies parken an diesem Samstag ein paar Autos, einige mit Berliner Kennzeichen. Besucher trudeln durch das Hoftor, weil sie die Musikerin Corinna Gehre mit ihrem Liederprogramm über „Frühling, Frohsinn & Frieden“ hören wollen. Und weil sie bei der Gelegenheit Ursula Macht auf dem Hof besuchen können, der jetzt im Mai wie der Garten Eden wirkt. Bewirtschaftet wird das Paradies in Permakultur. Zurechtgestutzt wird hier nichts – und deshalb passt auch Corinna Gehre hierher.

Die Musikerin lebt in Jena, ist seit 2014 in der Friedensbewegung aktiv und mit Livemusik auf Montagsdemos gegen die Corona-Politik aufgetreten. Letzteres bescherte ihr die Absage von Konzerten und ein abgehängtes Plakat, das für ihr Kinderprogramm warb. Begründung: Das sei ja, als ließe man Björn Höcke Kinderlieder singen. Den Mainstream dürfen die Besucher also nicht erwarten, wenn sie an diesem Nachmittag auf den Artemis-Hof kommen. Dafür aber eine couragierte Frau.
Zunächst dirigiert Ursula Macht noch ein paar Leute über den Hof, schickt sie zu Holunderwasser an den Tisch am Weiher. Oder auf die Schafkoppel, Lämmchen inclusive, mit Passage durch das Hühnergatter. Sie vergisst nicht zu erwähnen, dass noch ein bisschen Zeit bleibt bis zum Konzertbeginn und heißer Tee bei Hitze auch nicht schadet – einzunehmen in der „Klönstuwn“ in der Scheune. Ein Trio Laufenten beäugt schnatternd das Geschehen. Der Hofgang führt an einem Schild vorbei, welches die Besucher bittet, das Kompost-Klo zu benutzen – und zu der Erkenntnis, dass Brennnesseln und Giersch gut stehen in diesem Jahr. Und auch, dass die Schafe fast alle schwarz sind bei Ursula Macht.

Was andernorts ein Konzertsaal ist, war hier mal eine Garage, heute bestückt mit Ohrensessel und anderem Gestühl. Gleich am Eingang liegt eine Unterschriftsliste aus zur Initiative „1.000.000 Stimmen für den Frieden!“. Eine Unterschrift hat sie schon mal. Vorn auf dem Podest mit dem Teppich: Corinna Gehre mit Gitarre. Es ist jetzt kurz nach Vier, auch wenn noch Plätze frei sind, soll es losgehen. Einige der fünfzehn Gäste nicken ermunternd. Es sind Kinder dabei, der Rest aufsteigend bis über die 70. Ursula Macht stellt die Musikerin kurz vor: als Friedensaktivistin, erwähnt, dass Corinna Gehre im letzten Jahr mit ihrer Musik auf dem Vier-Winde-Hof von Tino Eisbrenner war zur Vernissage.
Ein Geschenk der Musikerin an die Hof-Chefin: Ursula Macht hat ein Faible für spanische und lateinamerikanische Klänge, deshalb ist der Auftakt „Öffne die Tür“ auf Spanisch. Die 9-jährige Tochter Salome begleitet auf der Trommel. Bald folgt im Programm das „Friedenslied“ des Oktoberklubs – beides den älteren Ostdeutschen ein Begriff. „Es wächst das Brot uns nicht von allein …“ wird schon mal mitgesummt. Zwischendrin Lyrik: entweder gesprochen oder vertont. Zu Wort kommen Christian Morgenstern, Eduard Möricke, Friedrich Schiller, Ingeborg Bachmann und Heinrich Heine. Das Publikum darf jeweils raten, von welcher literarischen Größe das Gedicht stammt. Manchmal ist es ein Treffer, ein paar Mal muss Corinna Gehre auflösen.
Aus dem Kinderprogramm gibt es auch etwas; die Musikerin ermuntert zum Mitsingen. „Alle Vögel sind schon da“ wird zweistimmig gesungen und „Kleine weiße Friedenstaube“ mit Inbrunst. Nicht ganz überraschend: Bei allen Kinderliedern sind die Ergrauten textsicher, die Kinder lauschen und hören das Lied vielleicht zum ersten Mal.

Dann geht Salome mit dem Hut herum für die Spenden an die Musikerin. Eine Pause lehnt das Publikum dankend ab. Also folgen Lieder aus Frankreich und Irland, das spanisch-englische „Que será, será / Whatever will be, will be“ und ein hebräisches Friedenslied – als Kanon mit dem Publikum. Inzwischen haben sich alle Gehres Stimme hingegeben, die voller Kraft und Wärme ist.
Das Gedicht „Große Zeiten“ von Erich Kästner trifft den Nerv derer, die in dieser Garage sitzen. Nach den Schlusszeilen
Wer warnen will, den straft man mit Verachtung. / Die Dummheit wurde zur Epidemie. / So groß wie heute war die Zeit noch nie. / Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung.
ist es kurz ganz still. Dann kommt ein „Tja …“, und ein älterer Mann sagt: „Jetzt brauchen wir noch was Optimistisches nach dem Gedicht.“ Das Optimistische stammt von Miriam Makeba, ein Friedenslied. Und dann der Abschluss mit „Die Gedanken sind frei“, fast alle singen mit. Ganz abschließend soll es doch noch nicht sein, denn Ursula Macht wünscht sich eine Zugabe: das spanische Lied von den vier Winden „Cuatro vientos“, sie bringen Klarheit, Freiheit, Stille und Erinnerung.
Wer nach dem letzten Händeschütteln aus dem Hoftor des Paradieses tritt, läuft direkt auf das Kriegsdenkmal des Dorfes zu – mit den Namen der Gefallenen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Und wer sich dann noch einmal umdreht zum Hof, sieht aus dem oberen Fenster der Scheune die weiße Fahne hängen.

Am 11. Juni 2026 um 19 Uhr ist Corinna Gehre zusammen mit Tino Eisbrenner, Jens Fischer-Rodrian und anderen Künstlern im Russischen Haus in der Berliner Friedrichstraße bei einem Konzert der Völkerfreundschaft zu sehen und zu hören.
Simone Köhler befindet sich nach 34 Jahren in der Berliner Justiz nun in Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin. Sie hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Medienakademie teilgenommen.
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