Das folgende Interview ist an der Freien Akademie für Medien & Journalismus entstanden. Beide Gesprächspartner saßen in einem Kurs, in dem diese Textform trainiert wurde. Alexander Grunicke, der Interviewer, fand den Lebensweg von Valentin Herbst so ungewöhnlich und spannend, dass er ihn nach dem Kurs dazu weiter befragt hat.
Sowohl Reben als auch Schüler brauchen aufmerksame Pflege. Das funktioniert nur mit viel Leidenschaft, Empathie und Idealismus.
Ich bin in Rheinland-Pfalz aufgewachsen, an der südlichen Weinstraße. Weinbau ist dort kulturell tief verankert. Es war eine Mischung aus Verpflichtung, Interesse und Peer-Erfahrung meiner Klassenkollegen.
Bild: Valentin Herbst im Weinberg
Mit der Natur und den Zyklen zu arbeiten – vom Rebschnitt bis zur Lese. Das Berechenbare und Unberechenbare. Auch wenn die Prozesse im Weinkeller gleichbleiben, ist jedes Jahr im Weinberg anders und neu.
Nein, ich war mein eigenes Vorbild. Winzer wurde ich ja einfach, weil das für mich möglich war, und aufgrund meines persönlichen Umfelds. Eines wusste ich aber schon immer: Wenn ich nicht an Reben arbeite, dann möchte ich das mit Menschen tun. Wegen einer körperlichen Einschränkung hatte ich in meiner Kindheit Erfahrungen mit Stigmatisierung und Diskriminierung gemacht. Ich kam sehr früh in eine Förderschule. Aber dort habe ich erlebt, dass Behörden und Schulen eher verwalten, statt zu unterstützen. Förderschulen unterfordern mehr, als dass sie fördern. Aufgrund dieser Erlebnisse möchte ich Menschen fördern und mit ihnen arbeiten, anstatt sie nur zu verwalten.
Meine zum Glück eher leichte Zerebralparese aufgrund eines Sauerstoffmangels während der Geburt wurde in meinem zweiten Lebensjahr festgestellt, als ich eher gerobbt als gekrabbelt bin. In der Grundschule hatte ich von Beginn an den Status des Anderssein und des Nicht-Dazugehörens. Das führte zu Hänseleien. Ich bin immer aufgefallen und die Erzieherinnen sind damit nicht klargekommen. Nach einem Jahr in der Grundschule und der Trennung meiner Eltern gab meine Mutter dem Drängen meiner Lehrerin nach und mich in eine Förderschule mit Schwerpunkt motorische Entwicklung. Dies geschah ohne Gutachten – quasi auf dem informellen Dienstweg.
Für mich fühlte es sich wie eine Abschiebung an. Ich wurde nicht mehr vom Schulbus für Regelschüler, sondern von Kleinbussen abgeholt. Deshalb versteckte ich mich beim Warten immer hinter Autos. Die Förderschule war geprägt durch ein katastrophales kognitives Niveau, fehlende Leistungsorientierung und Schreiben nach Gehör. Es war für mich mehr drohende Verwahrung statt Förderung. Dazu entwickelten sich damals bei mir eine Epilepsie, die heute zum Glück vollständig weg ist, und körperliche Stresssymptome.
Im 7. Jahr wollte ich die Förderschule aufgeben. Und ich bekam die Möglichkeit, an eine Montessorischule zu wechseln. Anschließend schaffte ich es in die (Regel)Hauptschule – so konnte ich den normalen Bildungsweg langsam aufholen.
Sehr, sehr wenige. Einer hat die Ausbildung zum Physiotherapeuten geschafft und arbeitet heute als selbstständiger Therapeut. Seine Eltern haben ihn allerdings massiv unterstützt. Nach meinen Informationen packen den Übergang nur ein bis drei Prozent aller Förderschüler.
Das Hilfssystem mit seinen Strukturen erzeugt in erster Linie Abhängigkeiten. Dieses System reproduziert und erhält sich selbst. Die Menschen werden zu wenig gefordert. Das steht im Gegensatz zum gesetzlich verbrieften Recht auf Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen. Ich denke, viele hätten das Potenzial, es ins Regelschulsystem zu schaffen. Das System trägt aber nicht dazu bei und hat das auch nicht zum Ziel. Zum Beweis eine kleine Anekdote: Der Chef des Integrationsamts antwortete auf meinen Wunsch, Erzieher zu werden, dass ich kein Erzieher werden könne, weil ich keine Kinder hochheben kann.
Mit dem Hauptschulabschluss hieß es, ich solle in einen Bürojob gehen. Aber ich habe die Ausbildung zum Winzer absolviert und im Weinbaubetrieb meines Onkels mitgearbeitet. Das war für mich ein Ausbruch aus dem starren System und hat mir viel Freude gemacht. Aufgrund meiner körperlichen Beeinträchtigung wollte mein Onkel mich aber nicht dauerhaft unter seine Fittiche nehmen. Also habe ich weitere Abschlüsse nachgeholt, wie etwa den Realschulabschluss mit Schwerpunkt Verwaltung. Nach meinem Fachabitur habe ich die Ausbildung zum Sozialassistenten und danach das Studium zum Erzieher absolviert. Ich habe mir die Abschlüsse erkämpft – als Eintrittskarte in den ersten Arbeitsmarkt, um der Bevormundung zu entkommen.
Nach dem Studienabschluss dachte ich, dass mein Leben nun endlich losgeht. Aber Getriebenheit, Ehrgeiz und Erfolgsorientierung führten zu einem Zusammenbruch. Die Dämonen der Vergangenheit haben mich eingeholt.
Derzeit arbeite ich daran, mich als Sozialarbeiter und Sozialpädagoge im berufsbegleitenden Dienst selbständig zu machen. Ich möchte Menschen unabhängig beraten und dabei unterstützen, den Weg in den ersten Arbeitsmarkt zu schaffen.
Ja, Menschen ahmen Menschen nach und so funktionieren Lernmechanismen. Für mich selbst stimmt das aber nur bedingt: Wenn ich mich an Vorbildern orientiert hätte, wäre ich nicht dort, wo ich bin. Ich gehe meinen eigenen Weg und sehe Dinge anders.
Dass ich dem System gezeigt habe, dass ich es schaffen kann. Und dass ich trotz aller Widrigkeiten ein Studium abgeschlossen habe.
Ganz pauschal lässt sich das nicht beantworten. Manche Kinder und Jugendliche brauchen den Schutzraum von Fördereinrichtungen. Für manche Eltern sind der Weg ins Ausland und Homeschooling eine Lösung. Grundsätzlich ist es aber in Förderschulen sehr schwierig. Freie Schulen oder Naturschulen können oft Druck rausnehmen für die Kinder oder diesen zumindest abfedern.
Zuerst würde ich Schulzentren mit multidisziplinären Teams einrichten. Zweitens würde ich Bildungspaten einsetzen, Peer-to-Peer für Schüler. Und drittens würde ich die Integrationsämter reformieren. Zu viele Stellen und Personen beschäftigen sich nur mit sich selbst, mit dem Verwalten. Für Fördern bleibt da keine Zeit. Und wenn ich noch einen vierten Wunsch frei hätte, dann würde ich die Ausgleichsabgabe abschaffen, damit sich Unternehmen von der Beschäftigung beeinträchtigter Menschen nicht freikaufen können.
Alexander Grunicke ist Jurist und hat an mehreren Kursen der Freien Medienakademie teilgenommen.
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