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Bericht | 08.06.2026
Es ist an der Zeit
Ein Programm für den Frieden: Sabine Winterfeldt und Stephan Noel Lang regen in Berlin zum Nachdenken an. Zwei Künstler mit mahnender Stimme.
Text: Brit Gdanietz
 
 

Die Schauspielerin Sabine Winterfeldt und der Pianist Stephan Noel Lang präsentieren einen Abend als Gegenpol zum aktuellen Marschgetrommel in Politik und Medien: „Selig sind die Friedfertigen – eine musikalisch-literarische Hommage an den Frieden“ ist der zweite Teil ihres Friedensprogramms. Veranstalter ist der Kulturkreis Pankow e.V., der sich seit Jahren dafür einsetzt, Kunst, Kultur sowie den politischen Diskurs zu fördern. Der Abend findet im Al Hamra statt, einem Restaurantcafé mit orientalischer Küche, Bar und kleiner Bühne im Souterrain. Zwischen antiken Sofas, Stehlampen und Kaffeehaustischen ist die Atmosphäre gemütlich bis familiär. Bevor die Besucher die schmale Wendeltreppe hinabsteigen, versorgen sie sich an der Bar mit Getränken und Leckereien aus der Küche.

Bildbeschreibung

Pianoklänge, gespielt von Stephan Noel Lang, eröffnen das Programm und nehmen das Publikum mit auf eine Reise aus Liedern und Texten, gesungen und vorgetragen von Sabine Winterfeldt. Eine Reise durch bekannte, weniger bekannte und eigene Texte. Texte von Klassikern und zeitgenössischen Autoren. Eines haben alle gemeinsam: Sie beschreiben Durchlebtes von Zeitzeugen, Überlebenden und Hinterbliebenen aus unsicheren, kriegerischen Zeiten. Es sind Warnungen, durch Erfahrungen begründet und die Augen öffnend, um Fehler der Vergangenheit für die Zukunft zu verhindern. In den Werken werden Muster beschrieben, die Kriegen zugrunde liegen und unausweichlich in Katastrophen führen. Kriege wird es geben, solange mit ihnen Geld verdient werden kann.

Während des Abends stellt sich die Frage, wie es möglich ist, dass 81 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Menschen, die sich für Diplomatie und Verhandlungen einsetzen, an den medialen Pranger gestellt werden. Sollte Frieden wirklich nur die Zeit zwischen zwei Kriegen sein? Müssen Gräuel sich wiederholen, um erneut ins Bewusstsein gerückt zu werden? Denkt die schweigende Masse wirklich, der Kelch ginge an ihr vorüber?

Es ist an der Zeit, die mahnenden Stimmen zu verstärken. Bertolt Brecht tat es seinerzeit ebenso:

Lasst uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind. Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind und sie werden kommen, ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie vorbereiten, nicht die Hände gebunden werden.

Winterfeldt glaubt, dass Künstler wie Erich Mühsam und Bert Brecht mit ihren Texten heute eine Akte beim Verfassungsschutz hätten oder von der Europäischen Union sanktioniert würden. Beispiele kritischer Stimmen der Gegenwart lassen diesen Gedanken nur folgerichtig erscheinen. Mit ihrer warmen, etwas rauchigen Stimme schafft sie es, eine enorme Bandbreite herzustellen. Von sanften, stillen Gedanken, wütender Anklage bis hin zur humorigen, Mut machenden Dystopie ist alles dabei. So liefert sie fünf fiktive Szenarien für das Jahr 2036, wobei die letzte Variante geeignet ist, die zuvor erzeugte Beklemmung wieder aufzulösen:

Die Völker des Planeten Erde haben sich zusammengetan und sämtliche selbsternannten Herrscher in Plutokratien, Demokratien, Diktaturen oder Monarchien aus ihren Ämtern gejagt. Sie haben verstanden, dass das bestehende System nur dazu da ist, sie für immer zu versklaven, es gibt keine Börse mit Aktionären mehr und die Federal Reserve wurde gesprengt. Der weltweite Menschen- und Drogenhandel wurde gestoppt und alle Waffenfabriken von der jeweiligen Bevölkerung besetzt und vernichtet.

Im Zwischenapplaus schwingt neben Zustimmung auch Erleichterung über das Offenhalten eines positiven Auswegs. Winterfeldts Begeisterung für kluge Gedankenspiele trifft den Nerv des Publikums und zeigt erschreckend viele Parallelen ins Heute. Texte der Schriftstellerin und Dichterin Emmy Ball-Hennings (1885 bis 1948) hat die Künstlerin für sich entdeckt und wiederbelebt. Sie zitiert aus den Tagebüchern und dem Briefverkehr zwischen ihr und ihrem Mann Hugo Ball. Beide flohen 1915 in die Schweiz, etablierten dort das Cabaret Voltaire als Zufluchtsort für junge Emigranten, waren maßgeblich an der Gründung der Dada-Bewegung beteiligt und präsentierten Programme gegen den Irrsinn des Kriegs:

Flucht nach Genf. Auswandern. Jetzt weiß ich nicht mehr so genau, in welchem Moment es war, doch meine ich, es war in jener denkwürdigen Zeit, als die Deutschen am Ärmelkanal einen Sieg nach dem anderen errangen. Es wurde wochenlang in einer Schnur und Tour gesiegt. Unsere Freunde, Dichter und junge Künstler wurden reihenweise hingerichtet. Das ging erschreckend rasch.

Gedichte von Erich Mühsam, der ein enger Freund von Emmy Ball-Hennings war und nach der Machtergreifung der Nazis ermordet wurde, stimmen ebenso nachdenklich wie die Texte von Friedrich Hollaender, Kurt Tucholsky oder Else Lasker-Schüler, die als Jüdin 1933 in die Schweiz emigrierte. Das Programm macht deutlich: In Jahrzehnten Kriegsgeschichte wurde zum Thema Krieg und Frieden alles Wesentliche bereits gesagt.

Auch die jüngste Überschrift des Bayerischen Rundfunks zum Schülerprotest gegen die neue Wehrpflicht drängt sich auf: „Schulstreik gegen Wehrpflicht: Verfassungsfeinde mobilisieren“. Nicht das politische Engagement der Schüler wird hervorgehoben. Im Gegenteil. Die jungen Menschen stehen der „Mobilmachung“ im Weg, weshalb die Meldung negativ konnotiert, mit extremistischen Bestrebungen in Zusammenhang gebracht und somit abgewertet wird. So bekommt das von Lang und Winterfeldt präsentierte Lied „Le Deserteur“ von Boris Vian eine besondere Aktualität. Der französische Jazztrompeter, Schriftsteller und Chansonnier schrieb es 1950, zur Zeit der Teilmobilisierung der französischen Armee für den Algerienkrieg, und rief darin zur Fahnenflucht auf. Es wurde 1955 verboten.

Die Beiträge zeigen: Persönlichkeiten, die aufrichtig für ihre Überzeugungen, gegen Krieg, Propaganda und Entmenschlichung eintraten, gab es zu jeder Zeit, überall auf der Welt. Geschichte wiederholt sich. Aber Erfahrungen, auf die man sich stützen kann, führen nicht zwangsläufig dazu, dass Menschen in ähnlichen Situationen klüger handeln.

Seit jeher, so Winterfeldts Analyse, wird die Gesellschaft mit erzeugten Ängsten in Atem gehalten. Feindbilder werden konstruiert und müssen herhalten, um Nationalitäten, Parteien, Länder und Menschen gegeneinander auszuspielen. So resümiert sie am Ende einer Retrospektive zur Angstmache der letzten Jahrzehnte:

Jetzt fürchte ich mich langsam vor der Furcht ... und ich denke, uns bleibt gar nicht so viel Zeit in einem Leben, um all diese Feinde zu bekämpfen und sich permanent zu ängstigen.

Die von Hannes Wader getextete Version des bekannten Songs „The Green Fields of France“, welches auch unter dem Originaltitel „No Man´s Land“ bekannt ist, wird vom Künstler-Duo sowohl in der Originalfassung als auch in der deutschen Variante präsentiert. Nachhaltig bleiben Text und Melodie im Kopf:

Es blieb nur das Kreuz als die einzige Spur / Von deinem Leben, doch hör' meinen Schwur / Für den Frieden zu kämpfen und wachsam zu sein: / Fällt die Menschheit noch einmal auf Lügen herein / Dann kann es gescheh´n, dass bald niemand mehr lebt / Niemand, der die Milliarden von Toten begräbt / Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit / Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit / Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen / So wie sie es mit uns heute immer noch tun / Und du hast ihnen alles gegeben: / deine Kraft, deine Jugend, dein Leben“

Stephan Noel Lang und Sabine Winterfeldt ergänzen sich virtuos in ihren unterschiedlichen Genres. Indem sie ihre Programme gemeinsam entwickeln, schaffen sie eine Bühnenatmosphäre, die das Publikum intellektuell und emotional fordert. Es bekommt viel Stoff zum Nachdenken. Langs meisterhaftes Klavierspiel verstärkt die von den Texten erzeugten Stimmungen und schafft Raum, ihnen gebührend nachzuspüren.

Bildbeschreibung

Nach diesem Abend scheint einmal mehr unbegreiflich, dass die Bundesregierung dazu aufruft, Deutschland wieder zur stärksten Militärmacht Europas zu machen, dass Betriebe branchenübergreifend ihre Produktion auf Rüstungs- und Kriegsgüter umstellen und junge Menschen massiv für den Dienst in der Armee geworben werden. Es bleibt zu hoffen, dass das Programm noch sehr oft gespielt und gut besucht wird. Zu wichtig ist die Botschaft.

Die nächste Vorstellung findet am 9. Oktober 2026 im Showfenster in der Letteallee 94 in Berlin statt.

Brit Gdanietz ist Schauspielerin und Sprecherin und hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

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