Das folgende Interview wurde am 9. September 2020 geführt, 2023 in einem Buch veröffentlicht (Wir sind die anderen) und für dieses Portal leicht gekürzt. Weggefallen sind vor allem Passagen, die inzwischen überholt sind – etwa zur Gründung des Magazins Multipolar, das Paul Schreyer mit Stefan Korinth herausgibt, oder zu seiner Arbeit für die NachDenkSeiten in der Zeit vor der Multipolar-Gründung.
Paul Schreyer habe ich Anfang 2018 kennengelernt, bei einer IALANA-Tagung in Kassel, einer Art Gipfeltreffen des „anderen“ journalistischen Feldes. Ich habe dann sein Buch über die Demokratie rezensiert und ihn in einem Forschungskontext interviewt („Das Mediale Erbe der DDR“). Bei meinem Besuch in Rostock waren wir sofort per Du. Zwei Fischköppe. Paul wurde 1977 in Rostock geboren. Vater Wolfgang (1927 bis 2017) war Schriftsteller.
Ich bin an der Ostsee aufgewachsen. Mein Vater war in der DDR recht populär. Wir haben zu Hause viel über Politik und Kultur geredet, als ich klein war. Wir hatten oft Gäste. Freunde meiner Eltern, die auch aus dem Kulturmilieu waren.
Genau.
Bild: Ahrenshoop kurz nach dem Krieg (Foto: Richard Peter, Deutsche Fotothek, CC-BY-SA 3.0).*
Sie war eine gelernte Sekretärin, hat aber nur wenig in diesem Beruf gearbeitet. Später war sie freischaffend. In den 1980ern hat sie eine Modenschau gegründet, bei uns auf dem Dorf. Es gab damals ja diese Volkskunstkollektive, die meist mit einem großen Betrieb verbunden waren, wegen der Finanzen. Meine Mutter war da sehr frei. Sie hing nur am Kulturbund dran. Und auch das eher pro forma.
Modekollektionen. Sie ist mit bis zu 20 Models durch die DDR getourt. Damit hat sie sich richtig einen Namen gemacht. In der Saison gab es mehrere Modeschauen pro Woche.
Eine ältere Schwester, ja. Sie hat in der DDR Schneiderin gelernt, dann Modegestaltung studiert und die Modenschau mit meiner Mutter zusammen gemacht.
Es gab auch diese freie Szene. Eine ganze Reihe solcher Modenschauen, mit Wettbewerben und so weiter. Ein ganz eigenes Milieu.
Ich erinnere mich vor allem an die Lektoratsgespräche. Wenn man Vater ein Buch geschrieben hatte, kam der Lektor. In der DDR ging es dabei immer auch um Zensur. Offiziell wurde das erst 1988 aufgehoben. Vorher ging es immer um einzelne Stellen. Das kann so nicht bleiben, das musst du umschreiben. Das waren richtige Verhandlungen. Mein Vater hat teilweise Sachen hineingeschrieben, bei denen er wusste, dass sie der Zensur zum Opfer fallen. So hatte er Spielmasse und konnte dem Lektor das Gefühl geben, etwas erreicht zu haben.
Mein Vater war nicht der geselligste Typ, aber es kamen schon Kollegen. Stefan Heym zum Beispiel.
Ich habe mich dafür schon als Kind interessiert und relativ früh Bücher für Erwachsene gelesen. Ich glaube, das bleibt nicht aus, wenn der Vater ein Büchermensch ist. Man kopiert ja seine Eltern und will sich mit den gleichen Dingen befassen. Auch mit zehn oder elf habe ich mich mit meinem Vater schon über Politik unterhalten und mir Sachen von ihm erklären lassen. Ich habe sicher nicht alles verstanden, aber die Atmosphäre ist noch präsent.
Bild: Wolfgang Schreyer 1967 bei einem Buchbasar in Rostock (Foto: Waltraud Grubitzsch, Bundesarchiv, Bild 183-F0113-0001-005, CC-BY-SA 3.0).*
So kann man das nicht sagen. Meine Mutter war auch viel zu Hause. Sie ist ein absoluter Familienmensch. Mein Vater war eher der Typ Einsiedler. Jemand, der morgens an den Schreibtisch geht, dort vier oder fünf Stunden am Stück schreibt und dann zum Essen kommt. Nachmittags konnte man mit ihm etwas unternehmen. Ausflüge, Radfahren. Er war ein sehr disziplinierter Arbeiter. Für die Familie war es gut, dass beide Eltern im Grunde zu Hause waren.
Nein. Das war irgendwie normal. Im Nachhinein finde ich das schön. Meine Schulzeit zerfällt ja in zwei Hälften. Erst die DDR, dann der Westen. Das Konzept Polytechnische Oberschule finde ich wirklich gut. Die Idee, bis zur zehnten Klasse gemeinsam Unterricht zu haben. Die soziale Durchmischung war viel größer. Man hat nicht groß darüber geredet, was die Eltern machen. Man war ohnehin ein bunter Haufen.
Bild: Naturkunde für Kinder 1979 in Bad Freienwalde (Foto: ADN-Zentralbild, Müller, Bundesarchiv, Bild 183-U0504-0301, CC-BY-SA 3.0).*
Keine Ahnung. Sicher kein Journalist. Mein Vater wollte ja eigentlich Journalist werden. Das hat nicht geklappt, erklärt aber vielleicht, warum er in seinen Romanen immer auch dokumentarisch gearbeitet hat. Vielleicht hätte ich irgendwann auch eine Affinität dafür entwickelt.
In erster Linie meine Kindheit. Je älter man wird und je mehr geschichtliches Wissen man hat, desto klarer wird, was die DDR gewesen ist. Welche Idee damit verbunden war und welche Limitierungen es von Anfang an gab. Das war ja kein sozialistischer Staat, der sich nach eigenem Wunsch hätte entwickeln können, sondern ein besetztes Land, genau wie Westdeutschland. Heute wird die DDR oft wie ein Unfall der Geschichte behandelt. Eine kurze Zwischenphase, die irgendwie gar nicht real war. Komisch, absonderlich. Das wird dem überhaupt nicht gerecht.
Ich würde mir die deutsche Geschichte in einem größeren Zeitrahmen anschauen. Mehrere Jahrhunderte. Dann wird aus der DDR eine ganz besondere Zeit, aus der man viel lernen kann. Vielleicht müssen noch ein paar Jahrzehnte vergehen, bis man das so sehen kann. Im Moment wird die Geschichtsschreibung der DDR überhaupt nicht gerecht.
Ich habe ja vor ein paar Jahren ein Buch über das Geld gemacht. Man ist dann schnell beim Thema Eigentum. Die DDR hat das Eigentumsprinzip in Frage gestellt, wie die Sowjetunion und der gesamte Ostblock. Eigentum ist die Wurzel vieler Konflikte. Ich würde sogar sagen: der meisten Konflikte.
Der Verzicht auf eine soziale Trennung im Bildungssystem. Für das Aufwachsen von Kindern ist das elementar.
Man wurde dort natürlich indoktriniert. Das ist keine Frage. Das wissen wir. Es ist furchtbar, wenn den Kindern ein Weltbild mit dem Hammer eingebläut wird. Das hatte nichts mit freier Meinungsbildung zu tun und ist das große Minuszeichen in diesem Bildungssystem. Ideologien gibt es aber zu allen Zeiten, auch wenn sie heute vielleicht schwerer zu erkennen sind als damals.
Ich bin 1991 auf das Gymnasium gekommen, in der Kreisstadt. Das hatte sich damals gerade gegründet. Die Lehrer waren sehr verunsichert. Das alte System war gerade abgeräumt worden und das neue hatte sich noch nicht so richtig etabliert. Wie sind die Regeln? Worauf müssen wir achten? Was dürfen wir jetzt nicht falsch machen? Viele waren ja entlassen worden. Man hat gemerkt, dass die Lehrer sich zurückhalten und übervorsichtig sind. Bloß nichts riskieren. Das war kein gutes Klima, um eine vielseitig interessierte und gebildete Persönlichkeit zu werden. Die Umstrukturierungen an der Schule haben damals alles andere überschattet.
Klar. Die Wende war ja für alle ein Einschnitt. Ich kenne niemanden, der sein Leben einfach so weiterleben konnte. In meinem Bekanntenkreis und in dem meiner Eltern musste sich jeder beruflich umorientieren. Es kommt natürlich auch auf das Alter an. Meine Schwester war damals Mitte 20 und fertig mit der Ausbildung. Da ist das neue System eine Chance. Man kann sich voll einbringen. Das ist anders, als wenn man am Ende seiner Laufbahn ist oder 15 Jahre davor und nichts Neues mehr findet.
In der DDR konnte er vom Schreiben leben, weil viele Leute seine Bücher gelesen haben. Das brach völlig weg. Auf einmal waren ja auch alle Westautoren verfügbar. Die Nachfrage nach Ostautoren ging in den Keller. Der Nachholbedarf war einfach zu groß. Existenziell war das für meinen Vater nicht schlimm. Er war ja fast schon Rentner. Die Rente war gut, weil er vorher gut verdient hatte. Psychologisch war das allerdings eine große Belastung. Auf einmal war er nicht mehr gefragt. Kein Verlag hat gesagt: Wie geht es weiter? Welches Buch schreiben Sie als nächstes?
Es gab auch Zwischenmodelle wie zum Beispiel meinen Vater. In den 1970ern hatte er zwei oder drei Bücher bei Westverlagen. Kindler, DTV. Damals gab es Interesse an Autoren aus der DDR. Daran konnte er aber nach der Wende nicht andocken. Das war einfach zu lange her.
Bild: Wolfgang Schreyer (links) bekommt 1956 den Heinrich-Mann-Preis. Neben ihm: Franz Fühmann und Rudolf Fischer (Foto: Hans-Günter Quaschinsky, Bundesarchiv, Bild 183-37039-000, CC-BY-SA 3.0).*
Sie hat im Dorf das Neue Forum gegründet und ist von Tür zu Tür gegangen, um Unterschriften zu sammeln. Ein Thema waren die Gästehäuser. Es gab im Ort viele Gebäude, wo sich Stasi-Leute getroffen haben. Das wurde jetzt enttarnt. Welche Häuser sind das eigentlich und wem gehören die jetzt? Es ging um Kommunalisierung. Um Gemeindeeigentum. Außerdem hat sie sich gegen einen Schießplatz engagiert. Diesen Platz in Zingst gab es schon seit dem Dritten Reich. Man hat jahrzehntelang Granaten ins Meer gefeuert. Diese Region sollte nun Nationalpark-Kernzone werden, aber gleichzeitig hat die Bundeswehr Ansprüche angemeldet. Ein Schießplatz für die Nato.
Meine Mutter hat eine Bürgerinitiative gegründet und dort mehrere Jahre ihre ganze Zeit und Kraft investiert. Mit Glück und politischer Unterstützung ist es am Ende gelungen. Heute kann man dort nur wandern und Rad fahren. Ohne diese Initiative wäre das ein Schießplatz.
Gar nicht. Das war nach dem Abitur nicht abzusehen. Ich habe mich eigentlich für Musik und für Tontechnik interessiert. Ich wollte Toningenieur werden, habe aber keinen Studienplatz bekommen, obwohl ich es mehrere Jahre versucht habe. Es gab sehr viele Bewerber. Nur zehn Prozent wurden genommen. Ich war einfach nicht gut genug.
Eine sehr interessante Zeit, ja. Mit dem 11. September bin ich politisiert worden. So kam ich in den Journalismus. Vorher stand Schreiben überhaupt nicht auf meiner Agenda.
Das war überhaupt kein Thema. 2001 habe ich das Internet entdeckt, die Foren vor allem. Ich habe an ganz vielen Debatten teilgenommen. Ich war begeistert, wie sich die Leute da ausgetauscht haben. Das hat mich sehr geprägt. Ich habe gesehen, wie man davon profitieren kann. Deshalb war ich sehr sensibel, als die großen Medien vor einigen Jahren angefangen haben, die Leserforen abzuschalten. Irgendwann war ich der Meinung, so viel zum Thema 9/11 zu wissen, dass ich darüber auch etwas schreiben kann. Die ersten Artikel wurden noch abgelehnt, aber dann habe ich gemerkt, dass das geht.
Die Arbeiten von Mathias Bröckers. Später haben wir ja auch ein Buch zusammen gemacht, zu einem anderen Thema. Im Herbst 2001 habe ich seine Artikelserie auf Telepolis entdeckt.
Genau. Das hat mich aus den Socken gehauen. Ich dachte: Das kann ja wohl nicht wahr sein. Warum höre ich das sonst nirgendwo? Ich habe damals entdeckt, wie das Internet funktioniert. Man kann Links setzen, mit Belegen. Man kann prüfen, was da steht. Zu den Quellen gehen. Das hat mich fasziniert. Das Prinzip, Informationen in dieser Breite für jeden zugänglich und überprüfbar zu machen. Ich habe Mathias später erzählt, dass ich seine Texte ausgedruckt, kopiert und in meinem Bekanntenkreis verteilt habe. Es gab ja noch keine Bücher von ihm. Ein halbes Jahr später war das dann nicht mehr nötig.
Der Widerspruch zu dem, was sonst berichtet wurde, war so gigantisch, dass man ihn nicht einfach ignorieren konnte. Dieser Riss in der Gesellschaft ließ einen die ganze Welt anders sehen.
Das hat auch eine Weile gedauert. Drei, vier Jahre.
Oh ja. Sehr. Einfach für mich selbst. Als Journalist macht man so etwas ja auch für sich selbst. Das ist immer mein Antrieb. Ich möchte verstehen, was da eigentlich passiert. Wenn ich dann einen Einblick gewonnen habe, möchte ich ihn so vermitteln, dass andere das auch verstehen. Im Grunde bin ich ein Übersetzer. Wie aus einer anderen Sprache. Das macht für mich den Beruf des Journalisten aus. Dinge verstehen, zusammenfassen und anderen zugänglich machen. Mit dem Thema 9/11 habe ich dieses Handwerk gelernt, wieder autodidaktisch.
Bild: Bestseller von 2014
Das liegt in der Natur der Sache. Wenn man sich bei bestimmten Themen so und so äußert, wird man zum roten Tuch. Man sagt etwas, was verboten ist. Verboten in Anführungszeichen. Wo doch klar ist, dass das Verschwörungstheorien sind. Das Wort steht ja als Synonym für Unsinn.
Ich will das nie persönlich nehmen. Ich stehe nur stellvertretend für eine Position. Es geht nicht um mich. Deshalb kann ich ruhig bleiben. Es ist trotzdem frustrierend, wenn Leute noch nicht einmal in der Lage sind, meine Position richtig wiederzugeben, und mir Sachen unterstellen, die ich gar nicht gesagt habe. Da gibt es dann auch kein sinnvolles Gespräch. Irgendwie sind wir ja heute alle in Blasen. Ich will die erreichen, die etwas außerhalb stehen. Mit Formulierungen, die nicht so konfrontativ sind, damit im Kopf eine kleine Tür aufgehen kann.
Auf jeden Fall. Wir haben ja schon über die Schule gesprochen. Das ist mir sehr wichtig. Heute wollen viele für ihre Kinder eine Privatschule. Ich bin mit Kindern zur Schule gegangen, die ganz unterschiedliche soziale Hintergründe hatten. Das hat meinen Blick auf die Welt geprägt. Mir ist jedes Elitendenken fremd. Dieser Glaube, es gibt Leute da unten, die einfach nicht so schlau sind und für die wir alles regeln müssen. Dieses Denken ist Gift für die Gesellschaft. Ich glaube, dass viele, die so denken, als Kinder ohne die entsprechenden Kontakte aufgewachsen sind. Vielleicht könnte Michael Hartmann etwas dazu sagen.
Ja. Hartmann sagt, dass Leute, die aus Arbeiterfamilien kommen, sozialer denken.
Ich glaube, dass das so ist.
Oh je. Eine große Frage. Die Medien sollten sich ihren Lesern stärker öffnen. Also das Gegenteil zur Schließung von Foren. Leserbriefe nicht nur zur Kenntnis nehmen. Kritische Meinungen akzeptieren und verstehen, dass man von diesen Menschen getragen wird, als Medium, aber auch als Gesellschaft. Repräsentativ berichten. Nicht nur aus einer Perspektive. Das sind Allgemeinplätze, ich weiß.
Das ist gut, weil das Problem schon in der Frage angelegt ist. Ich glaube gerade nicht, dass jemand die Gesellschaft führen sollte. Ich glaube nicht an irgendeinen Zentralismus. Alle Prozesse sollten dezentral laufen. Menschen sollen sich zusammentun und die Dinge in Gruppen besprechen und entscheiden. Natürlich muss es immer Führungsfiguren geben. Man kann nicht alles auf die Gruppe verlagern. Wir brauchen Leute, die mit ihrem Beispiel vorangehen. So sind wir als Menschen beschaffen. Die Verantwortung muss trotzdem immer bei der Gruppe liegen. Davon sind wir meilenweit entfernt. Entscheidungen werden an der Spitze getroffen und sind nicht transparent. Das gilt für alle gesellschaftlichen Bereiche. Auch für die Medien.
Genau. Das Ergebnis kommt dann schon. In den Medien beobachte ich auf vielen Ebenen Abschottung. Wer Leserkommentare abschaltet, der verliert den Kontakt zu seiner Basis. Man spiegelt dann unsinnige Botschaften, die nur noch eine kleine Gruppe versteht.
Das ist dieses Elitendenken. Da steckt der Gedanke drin: Wir nehmen dankbar zur Kenntnis, dass sich die Leser hier beteiligen, aber wir wissen schon selbst am besten, wie die Sache zu laufen hat. Wir verstehen die Welt doch viel besser als unsere Leser. Warum eigentlich? Warum versteht ein Journalist die Welt besser als seine Leser? Es ist dumm, so zu denken.
Auf jeden Fall. Als erstes fällt mir Seymour Hersh ein. Seine Autobiografie kann ich sehr empfehlen. Man kann dort sehen, dass er keineswegs in Frontalopposition steht, sondern immer darauf geachtet hat, nicht total isoliert zu werden. Trotzdem war er sehr, sehr kritisch und sehr mutig. Im Buch sieht man die Wurzel seines eigenständigen Denkens.
Bild: Seymour Hersh 2004 bei einer Preisverleihung (Foto: Institute for Policy Studies, CC-BY-SA 2.0).*
Auch bei Seymour Hersh geht es um die soziale Herkunft. Er kommt aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater hatte eine Wäscherei in Chicago, in einem Armenviertel mit vielen Schwarzen. Als junger Mann hat er dort gearbeitet und die Wäscherei über Wasser gehalten. Auch als Journalist hat er klein angefangen, ganz nah dran an den Problemen normaler Leute. Er hat sich keinen Scheiß erzählen lassen, weil er wusste, was auf der Straße passiert. Das hat er sich ein Leben lang bewahrt.
Das ist tragisch, ja. In den 1970ern hat man ihn gefeiert. Autor der New York Times, mit großen Enthüllungsgeschichten. Heute würde ich sagen, dass es damals mächtige Interessengruppen gab, die genau das gedruckt sehen wollten. Im Moment kann Hersh fast nichts mehr veröffentlichen in westlichen Medien. Er geht über das Maß des Tolerierten hinaus. Er schreibt kritische Essays für eine Literaturzeitschrift. London Review of Books. Unglaublich. Dieses Leben ist ein Beispiel für den Weg, den die westlichen Gesellschaften in den letzten 40 Jahren gegangen sind. Man sieht, wie sich Spielräume verengt haben und dass das System immer weniger Kritik verkraftet. Ich vermisse Neugier und Erkenntnisinteresse, gerade bei Journalisten.
Newsletter: Anmeldung über Pareto