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Analyse | 09.06.2026
Eine Woche Tagesschau
Die Regierung erzählt jeden Abend, wie sie die Welt sieht und wie gut es läuft – und lässt das Volk dafür auch noch bezahlen. Text zum Video.
Text: Michael Meyen
 
 

Zugegeben: Ich musste mich überwinden. TV-Gerät anmachen und dann auch noch Nachrichten sehen, acht Tage am Stück, vom 29. Mai bis zum 5. Juni (Freitag bis Freitag). Ich hatte immer mal wieder Studenten, die sich für bestimmte Themen interessiert haben, Russland in der Tagesschau zum Beispiel. Als Betreuer hängt man da mit drin. Abgesehen von solchen Studien aber bin ich seit einem Vierteljahrhundert abstinent. Wenn nach Vorträgen gefragt wurde, wie ich denn den Staatsfunk kritisieren könne, ohne jeden Abend selbst vor der Glotze zu sitzen, war die Antwort einfach: Dafür gibt es schließlich Forschungsliteratur. Trotzdem. Hin und wieder muss auch der Medienforscher selbst in den Schacht.

Die Tagesschau: Wenn die Zuschauerforschung nicht fälscht, dann schalten im Schnitt immer noch zwischen neun und zehn Millionen Menschen ein, 2025 nicht anders als 2005. In Deutschland erreicht kein anderes Medienangebot auch nur annähernd so viele Menschen.

Das heißt: Hier entsteht das kollektive Gedächtnis – das, worauf wir uns bei jedem Gespräch beziehen können, weil wir unterstellen dürfen und müssen, dass alle anderen wissen, worüber gesprochen wurde (und worüber folglich nicht), welche Begriffe dabei gefallen sind und welche Moral zu zeigen ist, wenn man draußen, in der freien Wildbahn, nicht ausgeschlossen werden möchte. Die Tagesschau sagt, was gerade wichtig ist, wer gut ist und wer böse. Andersherum: Was in dieser Sendung nicht vorkommt, das existiert nicht. Themen, Politiker, Experten, Parteien, Sichtweisen, Tatsachen. Egal. Wer ins Alltagsgespräch will und dorthin, wo nicht geflüstert oder geraunt wird, der muss in die Tagesschau. Sicher: Zehn Millionen sind längst nicht alle, aber das ARD-Flaggschiff hat Ableger in der kleinsten Plattformritze, dient den anderen Redaktionen als Blaupause und als Garantieschein und erreicht auch die, die sich nur noch in der Gegenöffentlichkeit bewegen, weil die Staatsmedienkritik dort Standbein Nummer eins ist.

Eine Woche Tagesschau: Das meint nur die 20-Uhr-Ausgabe und nicht tagesschau.de, Insta, TikTok und auch nicht all die Filmschnipsel, die es fast im Stundentakt im YouTube-Kanal gibt (immerhin: mehr als zwei Millionen Abonnenten). Jetzt im Sommer höre ich die Fanfare jeden Abend aus dem Nachbarhaus, bewohnt von einem älteren Paar, Tochter, Enkel, die garantiert nicht im Netz nach Zusatzmaterial fischen und auch keine Zeit haben, sich rund um die Uhr zu informieren. Die Tagesschau sagt ihnen in einer Viertelstunde alles, was sie wissen müssen. Und ich wollte wissen: Wie sieht die Welt aus, die da Abend für Abend im Wohnzimmer entsteht? Womit habe ich zu rechnen, wenn ich am Gartenzaun stehe und Hallo sage (hier in der Oberpfalz eher: Servus oder Habe die Ehre!)?

Bevor ich dazu komme, erinnere ich an die beiden Muster der Nachrichtennutzung im TV. Für die allermeisten Zuschauer ist die Tagesschau ein Fixpunkt im Tagesablauf – das Signal, dass die Arbeit geschafft ist, ein Übergang zwischen Schaffen und Schlafen, der genauso funktioniert wie das Angelusläuten bei unseren Vorfahren. Kommt zur Ruhe, ihr Menschen, morgen ist auch noch ein Tag. Das Fernsehgerät sagt: Es ist nichts passiert, was euch zwingt, noch einmal aus dem Haus zu gehen. Und wenn doch etwas passiert sein sollte, gibt es jemanden, der sich darum kümmern wird – der Kanzler, die Korrespondentin, der Experte. Wer jeden Tag einschaltet, erlebt die gleiche Faszination wie ein Serien-Junkie: das immergleiche Personal, die immergleichen Themen, ein wenig weitergedreht, hier und da mit einem überraschenden Twist, verbunden mit der Vorfreude auf die nächste Folge. Wie sieht eigentlich dieser Wadephul heute aus? Ist er älter geworden? Dicker, gestresster? Was soll das mit diesen Internetfilmchen? Muss das heute so sein? Und was macht eigentlich Annalena? Nebeneffekt: Man kann mitreden. Ministernamen, Hauptstädte, Stars und Sternchen – alles kein Problem, auch sprachlich nicht. Selbst bei Fußballergebnissen muss niemand mehr passen. So macht die Tagesschau aus ihren Zuschauern lauter „gute Bürger“.

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Muster zwei ist von alldem nicht frei, will aber mehr – die Formeln kennen und die Themen, die man im Job, in der Kneipe oder auf den Plattformen platzieren muss, um Position und Ansprüche zu wahren. Definitionsmachtverhältnisse beobachten. Wer hat gerade das Sagen und schafft es deshalb, auf dem Bildschirm zu erscheinen? Die Publikumsforschung in der DDR sagte: „gesellschaftliches Aktiv“ und meinte Genossen, Funktionäre sowie Zuschauer in Weiterbildung und damit die Zuschauer der Aktuellen Kamera. Arbeiter und Bauern mussten sich diese 30 Minuten nicht antun – es sei denn, sie hatten noch etwas vor in diesem kleinen Land.

Und damit endlich zu der Welt, die die Tagesschau erfindet – in einer ziemlich normalen Woche ohne neues Schlachtfeld, ohne Katastrophe und damit auch ohne Brennpunkt und ohne ein Ereignis, das die Aufmerksamkeit so stark bündelt, dass keine Redaktion daran vorbeikommt und jeder Journalist schon mittags weiß, was abends in der Tagesschau zum Aufmacher wird. Die Schlappe in New York, okay. Deutschland verliert bei der Wahl zum UN-Sicherheitsrat und bekommt eine Debatte über Doppelstandards in der Außenpolitik – Israel versus Ukraine. Das schwappt auch in die Tagesschau, aber nur an „meinen“ beiden letzten Tagen.

Auch hier bleibt die Welt dieser Nachrichtensendung, Punkt eins, sehr deutsch. Diese Welt wird von mächtigen Politikern dominiert (Präsidenten, Regierungschefs, Minister) und von Experten zusammengehalten, die wahlweise einen Professorentitel tragen oder einen bedeutungsschweren Institutsnamen hinter sich wissen, sonst aber nicht weiter vorgestellt werden. Sponsoren, politisches Lager, Interessenskonflikte? Muss sich der Zuschauer woanders suchen. Für die Tagesschau wichtiger: Jenseits unserer Grenzen herrscht Chaos. Im Ausland ist entweder Krieg (Libanon, Iran, Kuwait, Ukraine, Russland und sogar Rumänien – wegen einer Drohne) oder es wird mit der Polizei gekämpft (Großbritannien), gehungert (Bolivien) und auf Demokratie gewartet (Venezuela). Die beiden Ausnahmen in „meiner“ langen Woche: ein paar Goldsucher in Laos, die aus einer Höhle entkommen sind, und eine Demo am Brenner, die deutsche Urlauber (wen sonst?) zwingt, ihre Pläne zu ändern.

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In Deutschland läuft es, Punkt zwei, ziemlich gut. Die Regierung kennt die Probleme und packt sie an. Die Minister dürfen für ihre Ideen werben und das Wahlvolk beruhigen – Patrick Schnieder (CDU, Verkehr) sogar da, wo das Versagen offenkundig ist. Tagesschau-O-Ton vom 5. Juni zur Sperrung der Bonner Nordbrücke, seit mehr als zehn Jahren als Sanierungsfall bekannt: „Ich kann nur sagen: Diese Brücke hat für den Bund höchste Priorität.“ Es gibt ein bisschen Streit in der Koalition (beim Bafög und bei der Pflege) und sogar in der Union (Stichwort: Kanzlertausch), hier und da Kritik von den Grünen und den Linken (zur Migrationspolitik der EU und wegen der Schlappe in der UNO) und Einspruch von Interessenverbänden (bei Pflege, Filmförderung, Rentenreform sowie beim Aktionsprogramm für die Kreislaufwirtschaft). Alles genau so, wie es das Lehrbuch für Gemeinschaftskunde erzählt. Man rauft sich zusammen, um das Land voranzubringen.

Sogar die Gewaltenteilung funktioniert in der Welt der Tagesschau. Das Oberlandesgericht Düsseldorf, heißt es am 1. Juni nach etwas mehr als acht Minuten, hat einen „36-jährigen Syrer“ zu „lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung“ verurteilt. Ein „islamistisch motivierter Anschlag“, bei dem im Mai 2025 vor einer Bar in Bielefeld vier Menschen „lebensgefährlich“ verletzt worden waren – mit einer „18 Zentimeter langen Klinge, die an einen Stock geklebt war“. Andreas Scheuer (CSU), einst Verkehrsminister, muss ebenfalls vor Gericht. Verdacht: Falschaussage im Untersuchungsausschuss zur Pkw-Maut. Die Tagesschau steigt damit am 29. Mai ein und lässt Tarek Al-Wazir von den Grünen ein erstes Urteil sprechen:

Das bedeutet, dass man auch als Minister Verantwortung übernehmen muss und vor allem (wenn man schon ein solches Maut-Debakel anrichtet) dann auch die Wahrheit darüber sagen muss.

Urteil zwei folgt von Reporter Oliver Sallet:

Jetzt muss Scheuer vor Gericht – und zwar nicht wegen der gescheiterten Pkw-Maut und dem Millionenschaden für den Steuerzahler, sondern wegen des Verdachts einer Falschaussage vor dem Untersuchungsausschuss. Im Falle einer Verurteilung drohen Geld- oder Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren.

Schön, oder? Daran kann selbst der größte Kritiker wenig aussetzen. Was es gar nicht gibt im Wunderland der Tagesschau: die AfD und die Themen, die diese Partei haben wachsen lassen. Im Bericht über Mahmoud M., den Attentäter von Bielefeld, gibt es keinen Kontext (nichts zu Messermorden oder zur Kriminalitätsstatistik), sondern nur Hinweise auf den Islamischen Staat und seinen „heiligen Krieg“ sowie ein Gespräch mit Chris, Opfer und immer noch leidend. Die AfD wird genau zweimal erwähnt, jeweils eher beiläufig und indirekt. Nach der Neuwahl der FDP-Spitze heißt es am 30. Mai, dass Strack-Zimmermann einen „klaren liberalen Kompass“ habe und dass sie (offenbar deshalb?) „anders als Kubicki für eine harte Brandmauer zur AfD“ eintrete. Und nachdem die EU ihre Migrationspolitik nachjustiert hat, darf Lena Düpont, für die CDU in Brüssel, am 2. Juni stolz sagen, dass dafür „die Stimmen der AfD am Ende nicht notwendig waren“. Mehr nicht über eine Partei, die bei der letzten Bundestagswahl auf 20,8 Prozent der Stimmen kam, in der ganzen Woche nicht. Die FDP dagegen, seinerzeit 4,4 Prozent stark, hat am 30. Mai mehr als zwei Minuten gleich zum Auftakt und mindestens freundliche Neutralität.

Ich komme gleich zurück zu diesem Deutschland, in dem alles wie am Schnürchen läuft, kann aber gleich beim Thema bleiben: Henry Nowak, im Dezember 2025 von einem Sikh ermordet und in Handschellen gestorben, weil ihn die Polizei für einen Rassisten hielt, erreicht die Tagesschau am 3. Juni – als Meldung Nummer acht nach elfeinhalb Minuten, unter ferner liefen also. „Wütende Proteste gegen die Polizei in Großbritannien“, sagt Jens Riewa, beschreibt den Hergang und verweist auf Vergleiche mit George Floyd. Es folgen Schnipsel der Bodycam-Aufnahme und der Wunsch von Henrys Vater, dass der Tod nicht genutzt werde, um Spaltung, Spannungen und Hass zu befeuern. Der geübte Zuschauer weiß vermutlich, was nun kommt: „Wortführer von rechten und Rechtsaußenparteien“. „Nigel Farage von der rechtspopulistischen Partei Reform UK“, direkt aus seinem YouTube-Kanal („weiße Leben zählen genauso viel wie schwarze“). Proteste, zu denen „unter anderem der rechtsextreme Publizist Tommy Robinson“ aufgerufen habe und die auf dem Bildschirm in eine wüste Keilerei ausarten. Schlichten darf im Parlament Premier Keir Starmer, der Farage auch in der Tagesschau vorwirft, „die Tragödie für Spaltung zu nutzen, entgegen dem Wunsch der Nowak-Familie“. Zwei Minuten, die es in sich haben und ein Thema, das in Großbritannien die halbe Woche die Schlagzeilen beherrscht hat, für den „Kampf gegen rechts“ nutzen.

Zurück nach Deutschland, zurück in eine Welt, in der es einigermaßen läuft, auch wenn die Brücken marode sind, die Energiekosten hoch und die Panzer kaputt. Das kommt alles vor in der Tagesschau, aber der Zuschauer daheim muss sich nicht grämen, weil die Regierung die Probleme kennt und anpackt und weil es vor allem genug Positives gibt:

  • Senftenberg als Perle des Strukturwandels im Osten (31. Mai),
  • Mittelständler, die helfen, Europa auch bei KI unabhängig zu machen (Uhlmann in Laupheim, 31. Mai + Sonocrete in Cottbus, 2. Juni), und nicht zuletzt
  • junge Leute, die auf dem Weg zur Weltspitze sind (Preisträger von „Jugend forscht“, 2. Juni) – ein Thema, das sich zugleich eignet, subtil für Migration zu werben, auch wenn die O-Töne von weißen Jungs mit deutschen Namen kommen.

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Noch zwei andere Beispiele für die rosarote Tagesschau-Brille. Die „Verbraucherpreise“, heißt es am 29. Mai, sind „wieder etwas langsamer gestiegen“. Der Blick auf die Grafik sagt: Die Inflation ist weiter hoch. Das „etwas langsamer“ erlaubt der Redaktion aber, den Tankrabatt einzuflechten – „Experten zufolge“ ein Grund für den Erfolg. Drei Tage später, am 1. Juni, gibt es wieder eine Grafik – und wieder Euphemismus. Diesmal geht es um das „Sondermögen in Höhe von 500 Milliarden Euro“ („schuldenfinanziert“, sagt die Tagesschau immerhin). Problem 2025: „Der Bund hat nicht alle Mittel ausgegeben“. Erst darf Wiebke Esdar (SPD) sprechen („Es muss laufen – und das tut es“). Kommentar aus dem Off zur Statistik des Bundesfinanzministeriums:

Bei der Sanierung von Krankenhäusern oder Sporthallen lief es gut. Zu 90 Prozent Ziel erreicht. Nachholbedarf gibt es beim Wohnungsbau, der Digitalisierung oder der Energieinfrastruktur.“

Falls es bei der Fußball-WM nicht laufen sollte, kann Julian Nagelsmann hier abschreiben. Ziel im Sturm zu 90 Prozent erreicht, Nachholbedarf im Tor und in der Abwehr. Lief doch. Was also wollt ihr alle von mir?

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Mein Fazit: Die Tagesschau liefert Ideologie pur – mit Vaclav Havel verstanden als „Machtinterpretation der Wirklichkeit“. Es wird wie selbstverständlich gegendert (Teilnehmende, Beitragszahlende, Journalistinnen und Journalisten, Studierende) und das in die Wohnzimmer geliefert, was Deutschland den Sitz im UN-Sicherheitsrat gekostet haben könnte. Putin ist auf Krieg gebürstet, Selenskyj will verhandeln, Israel „rückt bei seiner Offensive“ im Libanon weiter vor, und „US-Spezialeinheiten“ haben Anfang des Jahres „Venezuelas autoritär regierenden Staatschef Maduro in einer spektakulären Aktion festgenommen“ – zur Freude der Konzerne („das Parlament hat den Bergbau- und Erdölsektor geöffnet für ausländische Investitionen“, Siemens werde in Sachen Stromnetz gehandelt), auch wenn die Armut groß sei, „Demokratisierung“ bei Trump eher „hinten auf der Liste“ stehe und „die wichtigste Oppositionspolitikerin, Corina Machado“, nach wie vor im Ausland lebe.

Zum Schluss – das Wetter. Heute: das Klima, ein Thema, das im Hintergrund dauerpräsent ist. Hier ein dezenter Hinweis auf CO2 (etwa bei der Olympiaabstimmung in Hamburg oder bei der Cottbuser Firma Sonocrete, die gerade die Betonherstellung revolutioniert), dort der Sommer, Hitzewellen und Hagel, „auch durch den Klimawandel bedingt“ und am 30. Mai in der Tagesschau so beglaubigt durch das „ARD-Wetterkompetenzzentrum“. Weil das vermutlich nicht jeden überzeugt, gibt es am 1. Juni einen Bericht über eine Gesetzesänderung (Achtung: Die Regierung arbeitet für Euch!), die einer Vorkämpferin der Energiewende helfen könnte, den Solarstrom vom Nachbarn anzuzapfen. Dass das so allenfalls theoretisch funktioniert, ist der Redaktion egal. Sie lässt stattdessen einen „Energieberater“ für Smart Meter werben und damit für einen Baustein im Überwachungs- und Kontrollprogramm, das es in der Welt der Tagesschau nicht gibt. Gute Nacht, liebe Zuschauer.

Video: Eine Woche Tagesschau

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