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Bericht | 20.07.2026
Ein sturer alter Pazifist
Hans-Eckardt Wenzel & Band beglücken im Freiluftkino Friedrichshagen ihr Publikum – auch mit Aktualität.
Text: Brit Gdanietz
 
 

„Es ist die Zeit der Irren und Idioten“: Wer wollte diesem Ausruf nicht spontan zustimmen? Wenzel und seine exzellente 5-köpfige Band touren mit diesem Programmtitel derzeit durch die Republik. Während orangerot die Sonne untergeht, der Wind die Wolken weiterschiebt und die Freiluftbühne in Dämmerlicht getaucht wird, bedankt sich der Künstler zunächst bei den Betreibern, dass das Konzert an diesem schönen Ort stattfinden darf. Das sei nicht selbstverständlich. Ein Jubiläumskonzert zu seinem 70. Geburtstag im Juli 2025 konnte nicht wie geplant in der Freiluftbühne Weißensee stattfinden. Zu offensiv vertritt der Künstler seine Ansichten – hinterfragt, kritisiert, mischt sich ein, bleibt unbequem. Ungerechtigkeiten lassen ihm keine Ruhe. So protestierte er gegen die Ausladung des russischen Botschafters von den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag der Befreiung. In einem offenen Brief an den Direktor der Gedenkstätte von Sachsenhausen schrieb Wenzel:

Wollen Sie diese Geschichte umschreiben und uns selbst zu den Befreiern umdeuten? Wollen Sie Grundlagen des Humanismus politischen Winkelzügen und Selbstermächtigungen opfern? An was wollen Sie erinnern, wenn Sie diesen Ort des Schreckens seiner Geschichte berauben? Auch wenn Sie mit dem Verlauf der deutschen Geschichte nicht einverstanden sind, ändert das nichts an den Tatsachen. Sie wurden als Direktor für die Erinnerungskultur berufen. Folgen Sie dieser Berufung!

Gegenwind hält ihn nicht ab, er hält ihn aus. Seinen runden Geburtstag feierte er schließlich im Admiralspalast, dem ehemaligen Metropol-Theater in Berlin, mit Wegbegleitern wie Christoph Hein, Tobias Morgenstern und Nora Guthrie, Tochter des US-Folksängers Woody Guthrie. Bei Wenzel ist keine Verbitterung zu hören. Eher wirkt es wie ein verschmitzter Triumph, dass es noch Veranstalter gibt, die seinen Konzerten eine Bühne geben.

Gleich zu Beginn des Abends ist er damit bei einem sehr aktuellen Thema: die fortschreitende Beschränkung der Meinungsfreiheit, die Zensur und die um sich greifende Lust am Denunzieren. Später bekommen in diesem Kontext auch Brüssel und Ursula von der Leyen mittels Abzählvers ihr Fett weg. Pseudomoral wird entlarvt durch wachen Geist. Immer wieder setzt Wenzel kleine Spitzen, sein Publikum versteht – meist reichen Andeutungen. Zu oft in jüngster Zeit gibt es Nachrichten, die seine Anklagen belegen. Über den Fall des Komponisten Fabio Costa berichtete Ole Skambraks gerade in der Berliner Zeitung. In Reimform gibt der Künstler eine Warnung heraus:

Vorsicht, was du gerade gedacht, sonst wird dein Konto zugemacht!

Das Publikum erlebt einen Wechsel aus Musik, Poesie, Geschichten und Clownerie. Wenzel versprüht kindliche Lebensfreude, Wehmut, auch etwas Traurigkeit – alles getragen von hellem Verstand. Er bedient sich aus einem unerschöpflichen Vorrat an Texten – nicht nur seinen eigenen. Im Programm finden sich Weisheiten von Brecht, Karl Kraus und Erich Mühsam, wobei der Künstler sich fragt, ob man den eigentlich noch zitieren dürfe.

Eine stalinistische Humorlosigkeit hat dieses Land befallen. Erschreckend, dass man den Künstlern nichts mehr zugesteht. Wir müssen doch den Unsinn kenntlich machen, um jeden Preis. Wir sind doch keine Piloten oder Chirurgen, deren Fehler Leben kosten.

In einem Interview mit dem MDR zum runden Geburtstag begründete Wenzel die vielen Angriffe auf Satire so: „Leute, die sich moralisch überlegen fühlen, die haben kein Verhältnis zum Humor“, da Humor etwas wäre, was Autoritäten unterlaufen würde.

Wenzels reflektierende Texte zu nahezu allen Themen der Gegenwart fesseln sein überwiegend in der DDR sozialisiertes Publikum. Ein Großteil der Fans begleitet seine Bühnenauftritte seit Mitte der 1970er Jahre. Aus den oberen Reihen der Freiluftbühne blickt man auf viele graue Schöpfe. Nicht wenige singen die Texte mit, einige tanzen.

Bildbeschreibung

Schon in seiner Kindheit schrieb Wenzel erste Gedichte. In der DDR stand er auf Bühnen, studierte Theaterwissenschaften, arbeitete als Autor, Sänger, Schauspieler und Regisseur. In den 1980ern verfasste er politische Songs und forderte 1989 gemeinsam mit anderen kritischen Musikern Veränderungen in der DDR. Christoph Hein hält ihn für einen der „bedeutendsten, wichtigsten Essayisten Deutschlands“. Unterstrichen wird diese Einordnung durch die Entscheidung des Literaturarchivs Marbach, Wenzels Werk noch zu Lebzeiten bei sich aufzunehmen. Damit ist er nach Rio Reiser der zweite Sänger, dem diese Ehre zu Teil wird. Das Archiv in Marbach sagt dazu:

Hans-Eckardt Wenzel ist nicht nur Musiker, sondern auch Autor von Gedichten, Dramen und Essays. Er verstehe sich als Liedermacher in der Tradition des politischen Lieds von den mittelalterlichen Troubadouren bis zu den Songs von Bertolt Brecht und Kurt Weill.

Wenzel ist ein Künstler, dessen Schaffen in der Mitte geteilt ist. Das Leben in zwei unterschiedlichen Systemen hat den Blick geweitet und schafft nun mit den aktuellen politischen Entwicklungen einige Déjà-vus. Augenzwinkernd erinnert er daran, welche Erzählungen bis heute über den Osten kursieren, meist in Umlauf gebracht von Menschen aus dem Westen. Damit kann dann plausibel das störrische Wesen der Ostler erklärt werden, die eben bis heute an der Aufarbeitung ihrer Kindheit zu knabbern hätten. Eine dieser Geschichten ist die von den schwer traumatisierten Kindern, die im Kindergarten stundenlang mit Klebeband auf den Töpfchen fixiert worden seien. In der DDR, sagt Wenzel, haben keine Erzieherinnen über die Kleinen gewacht, sondern Aufseherinnen – und ergänzt ironisch: „wie ich aus der Presse entnommen habe“. Und wenn etwas in der Presse steht, muss es schließlich stimmen. Mit unbändiger Spielwut treibt er schließlich das Märchen auf die Spitze und erzählt, dass er bei einer Geliebten stets rückwärts aus dem Zimmer gehe, damit man den Abdruck auf seinem Hintern nicht sehe. Sein Bandkollege könne nur noch im Sitzen arbeiten, da der Topf gar nicht mehr abginge. Herzhaftes Gelächter macht sich breit über diese Anekdote aus dem Reich der Absurditäten.

Bildbeschreibung Bild: Wenzel (rechts) mit Steffen Mensching im Film „Letztes aus der Da Da ER“ (Quelle: DDR im Film)

Nichts wird ausgelassen. Kein Widerspruch, keine Doppelmoral. So beschreibt Wenzel, dass sich viele ja seit einiger Zeit fragen würden, wie man Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern erreichen könnte. Mit mehr Frauenklos beispielsweise? Mit gleicher Bezahlung für gleiche Arbeit etwa? Oder über die Sprache? Leider, resümiert er, habe man sich „für das Letzte entschieden“. Mit einem Seitenhieb auf den Kanzler überlegt Wenzel, auf eine Pause zu verzichten, da wir doch alle mehr arbeiten sollten. „Wir haben darüber abgestimmt, mit unserer Demokratie!“ Man könne außerdem in diesem Land nach 22 Uhr keine laute Musik mehr machen, was ebenfalls dafürspräche, auf die Pause zu verzichten oder sie wenigstens musikalisch zu gestalten. Man dürfe aber, das versichert er seinem Publikum, jederzeit seinen Platz verlassen, um Getränkenachschub zu holen oder zur Toilette zu gehen. Glück gehabt!

Wenzel wechselt neben dem Gesang zwischen Gitarrenspiel, Akkordeon und Piano. Nein, wie 71 kommt einem dieser quirlige kleine Mann nicht vor, Konditionsprobleme sind ihm nicht anzumerken. Eine kindliche Freude scheint ihn über die Bühne zu tragen. Natürlich lässt dem Menschenfreund und Pazifisten Wenzel auch das Thema Wehrpflicht und die neue deutsche Mobilmachung keine Ruhe. Hier führt er seinen fünfzehnjährigen Sohn ins Feld, der grundsätzlich nie das tun würde, was Wenzel ihm sagt. Strategisch müsse man also nur die typischen Verhaltensweisen vieler junger Menschen nutzen, um sie vom Wehrdienst fernzuhalten.

Wir sollten ihnen sagen, dass sie auf jeden Fall Wehrdienst leisten sollen und wie schön es ist, ein Held zu sein! Dann machen sie es auf jeden Fall nicht!

Fassungslos macht ihn, wie Narrative das Denken ausschalten:

Wenn man davon überzeugt ist, dass nur echte Diplomatie Kriege verhindert, ist man Putinversteher und wird von ihm bezahlt – schön wär‘s! Wenn einen die toten Kinder in Gaza traurig machen, ist man Antisemit und Judenhasser!

Außer sich über so viel Dummheit, macht er seinem Ärger Luft. Es ist eben die Zeit der Irren und Idioten. Die nachlassende Intelligenz in den Regierungsreihen macht er als Ursache für diese Zustände aus. Man sehe das etwa auch an den gefakeden Doktortiteln.

Wir befinden uns in einer Zeit der zunehmenden Verblödung. Immer vor Kriegen siegt die Dummheit, nach dem Krieg werden die Menschen wieder klüger. Drücken wir die Daumen, dass diesmal nicht die Dummheit siegt!

Dieses Konzert ist mehr als ein musikalischer Genuss: Ein nachdenklicher, humorvoller, inspirierender und Mut machender Abend. Ganz plötzlich ist es doch nach 22 Uhr. Wenzel entlässt sein Publikum in die Nacht und dankt ihm für einen wundervollen Juliabend: „Kommt gut durch den Sommer, lasst euch nicht irre machen. Das Leben ist zu kurz.“

Konzertbesetzung

Wenzel: Gesang, Gitarre, Akkordeon, Piano / Hannes Scheffler: Gitarren, Bass / Thommy Krawallo: Gitarren, Bass / Stefan Dohanetz: Drums, Perkussion / Manuel Abreu: Trompete / Jason Liebert: Posaune, Susaphon

Das nächste Konzert von Wenzel & Band findet am 12. August im Amphitheater in Senftenberg statt. Alle weiteren Termine hier.

Brit Gdanietz ist Schauspielerin und Sprecherin und hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen. Mehr Infos

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Bildquellen: Brit Gdanietz (Konzertfotos)