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Medien-Tresen | 17.07.2026
Ein Stück Aufarbeitung
Volker Rekittke schaut als früherer Lokalredakteur in Tübingen selbstkritisch auf den Journalismus der Corona-Jahre.
Text: Helge Buttkereit
 
 

Volker Rekittke ist ein guter Journalist. Einer, der rausgeht, recherchiert, nachfragt. Einer, der die Narrative der Herrschenden infrage stellt. Trotzdem hat es in der Corona-Zeit gedauert, bis er sich gegen den Mainstream gestellt hat. Es war ein Prozess mit viel Recherche und vielen Fragen. Auch an sich selbst. Nun hat Rekittke, der bis 2024 als Redakteur des Schwäbischen Tagblatts in Tübingen gearbeitet hat, seine Corona-Geschichte aufgeschrieben. Es ist gleichzeitig ein Stück Mediengeschichte und ein Stück Aufarbeitung. Ein wichtiges Buch, weil es zum einen den Weg eines Journalisten nachzeichnet, der zunächst die Ruhe durch den Lockdown gelobt oder über zu wenig Impftermine geschrieben hat. Er war also mittendrin. Und zum anderen zeigt das Buch den Weg aus dieser Mainstream-Blase und zeugt von den Verfehlungen des Journalismus bei Corona und darüber hinaus. Volker Rekittkes Buch ist ehrlich und selbstkritisch. Dadurch ist es ein wertvolles Stück Aufarbeitung des Journalismus in Corona und passt damit optimal auf den Medien-Tresen.

Der Autor reflektiert dabei sowohl seinen eigenen Werdegang mit Corona (und darüber hinaus) als auch den Journalismus und dessen Veränderung. Als Gewerkschafter hatte er schon vor 2020 einen kritischen Blick auf einen Journalismus, der sich seit Langem in der Krise befindet. In der Corona-Zeit wurde es noch schlimmer. Seine Position bildete Rekittke eben erst im Laufe der Zeit heraus. Zunächst ging es ihm so wie vermutlich vielen anderen in der kriselnden Branche: Endlich war man wieder wichtig, galt im Lockdown als systemrelevant und wurde für die Verkündigung der öffentlichen Verlautbarungen gebraucht (S. 205f.). Rekittke schränkte seine Kontakte ein, suchte nach Impfterminen für Schwiegereltern oder Eltern und ließ sich auch selbst zweimal spritzen (S. 10). Mit der mRNA-Technologie war er vertraut, weil er weit vor Corona über die Tübinger Firma Curevac geschrieben und die Hoffnung hatte, mit der Technologie könne seiner krebskranken Frau geholfen werden. Dann kamen immer mehr Zweifel.

Bildbeschreibung Bild: Testzentrum in Dresden, 19. Mai 2021 (Foto: Lupus in Saxonia, CC BY-SA 4.0)

Liest man die Texte aus der Corona-Zeit in Rekittkes Buch, ist auch schon vor Beginn der „kritischen Phase“ immer spürbar, dass er sich nicht komplett mit der vermeintlich guten Sache gemeinmachen wollte. Aber er widersprach auch nicht offen, als die Alten und Behinderten weggesperrt und die Angehörigen sich vor dem Tod nicht von ihren Liebsten verabschieden konnten – dies sagt er heute selbst (S. 39). Er thematisierte zunächst gelegentlich die Widersprüche und Absurditäten der Maßnahmen (S. 47f.) oder im März 2021 die psychischen Probleme von Studenten an der Tübinger Universität (S. 13). Als aufmerksamer und neugieriger Journalist sah er genau hin und hörte von immer mehr Nebenwirkungen der Impfungen. Gleichzeitig lief im Herbst und Winter 2021 die Debatte um die Impfpflicht, auch der Tübinger Bürgermeister Boris Palmer sprach sich dafür aus. „Ich habe bis heute nicht verstanden, wie Palmer zu diesem Zeitpunkt [Dezember 2021] so offen ins Totalitäre abdriften konnte“, schreibt Rekittke (S. 16). Innerhalb der Redaktion wurden die Diskussionen in dieser Zeit hitziger.

Schon bevor ich im Januar 2022 meinen ersten längeren Artikel über Nebenwirkungen nach der Corona-Impfung veröffentlichte, gab es immer mal wieder heftige Auseinandersetzungen mit meinem Redaktionsleiter. Ob ich gegen die laufende Impfkampagne anschreiben wolle, fragte er mich einmal richtig aufgebracht. „Ich mache nur meinen Job“, antworte ich ihm. Damit meinte ich: Schreiben, was ist – und ergänzte: „Wir sind doch nicht die Pressestelle des Paul-Ehrlich-Instituts.“ (S. 16)

Rekittkes Buch ist persönlich und gleichzeitig politisch. Er schreibt, was er erlebt hat, wie sein Weg war und welche Erkenntnisse ihn in die Maßnahmenkritik geführt haben. Immer mit ausführlichen Quellenangaben und auf Basis von Gesprächen. Er musste mit der Kritik von vielen (ehemaligen) Freunden leben, bekam jede Menge kritische Leserbriefe und versuchte, im Gespräch mit einem besonders kritischen Leser, einem Tübinger Mediziner, die Quellen offenzulegen. Er blieb dran, hatte es in der Redaktion aber schwer:

Ich konnte meine Recherchen zwar veröffentlichen, aber es war harte Arbeit, bescherte mir teils hitzige Diskussionen mit Chefs und Auseinandersetzungen mit Kollegen in der Redaktionskonferenz. Nicht nur die Recherche für meine Berichte, sondern vor allem die Debatten, Telefonate und Mails im Nachgang waren extrem zeit- und energieaufwändig. (S. 17)

Wer nicht mit dem Hauptstrom schwamm, der musste sich doppelt und dreifach absichern und bekam trotzdem Gegenwind. Davon zeugt Rekittkes Buch. Es kann als persönlicher Erfahrungsbericht gelesen werden, als Chronologie der Corona-Zeit mit Fokus auf eine schwäbische Universitätsstadt und schließlich als Reflexion über das Versagen des Journalismus. Es zeugt davon, wie wichtig der Austausch mit anderen kritischen Journalisten war und ist – in der eigenen Redaktion und darüber hinaus. Und es zeugt davon, dass die meisten wichtigen Themen nicht nur auf einer abstrakten, überregionalen Ebene, sondern ganz konkret vor Ort verhandelt und erlebt werden. Gerade weil Rekittke selbst von seinem Weg zur Kritik schreibt, von Zweifeln und Fehlern in der Rückschau, ist das Buch authentisch und für die Ausbildung kritischer Journalisten sehr zu empfehlen.

Schließlich gilt es, aus den Fehlern zu lernen. Und selbst wenn der Mainstream nicht hinschauen will und auch bei anderen Themen – ein paar Texte des Buches befassen sich mit Krieg und Frieden – ganz auf Linie mit den Herrschenden ist, braucht es die Aufarbeitung mindestens auf „unserer“ Seite des journalistischen Feldes. Rekittke ist sie bis heute besonders wichtig, unter anderem deshalb ist er 2024 als Mitarbeiter der BSW-Abgeordneten Jessica Tatti in den Bundestag gewechselt. Denn Corona ist nicht vorbei, schreibt er zu Beginn des dritten Teils:

Nicht vorbei sein sollte Corona jedenfalls für einen Großteil der herkömmlichen Medien, die ihr kolossales Versagen als Kontrolleure von exekutiver Macht, ihre unrühmliche Rolle beim Transport staatlicher Appelle und sogar als Scharfmacher gegenüber der Politik bis heute nicht einmal ansatzweise aufgearbeitet haben. Von einer Entschuldigung bei ihren Lesern ganz zu schweigen. Dabei müssten sich vor allem die einstigen Leitmedien ehrlich machen, wie auch der von uns allen finanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk. Doch statt die mühsame Aufarbeitung der Irrwege in der Corona-Berichterstattung wenigstens zu versuchen, machten die meisten Medien so weiter wie bisher. (S. 200)

Corona war für Rekittke ein „pandemischer Brandbeschleuniger“ für viele der bedenklichen Entwicklungen im deutschen Journalismus (sein gleichnamiger Cicero-Text aus dem Jahr 2024 lieferte den Titel für das Buch). Gleichzeitig waren die Journalisten Brandbeschleuniger für die Corona-Maßnahmen selbst:

Dabei war es oft gar nicht die Politik, die uns Medienschaffenden einheizte – sondern ganz im Gegenteil verlangten manche Journalisten von aus ihrer Sicht allzu „zögerlichen“ Politikern mehr Konsequenz beim Beschließen und Durchsetzen der Maßnahmen. Im Winter der Booster-Kampagne 2021/22, im Vorfeld der Impfpflicht-Abstimmung, ließ sich sehr gut beobachten, wie die Zero-Covid-Fraktionen aus Politik, Wissenschaft und Journalismus sich gegenseitig die Bälle zuspielten und alle gemeinsam für die allgemeine Impfpflicht trommelten – und dabei „die Ungeimpften“ in einer Weise diffamierten, beschimpften und unter Druck setzten, die teils erschreckend totalitäre Züge annahm. (S. 205)

Wer dann ausschert aus dem Panik-Modus, wer kritisch berichtet, sich gegen den Mainstream stellt, der bekommt gerade auch im Lokalen, wo man sich kennt (Tübingen hat schließlich nur etwa 90.000 Einwohner), den Gegenwind nicht ausschließlich in Kommentar- und Leserbriefspalten zu spüren, sondern auch direkt ins Gesicht gesagt:

Das Gesicht eines Lokaljournalisten ist recht vielen Leuten bekannt, man ist „näher dran“ an den Lesern als überregional und bundesweit arbeitende Kollegen, wird in der Stadt vielleicht wegen eines Artikels angesprochen – und in der Corona-Zeit manchmal auch angemacht: „Bist du irgendwo falsch abgebogen, hast du dich da verrannt, hast du nicht eine Mission, willst du unbedingt den Pulitzer-Preis, bist du befangen, weil deine Partnerin einen Impfschaden hat?“

Kritische Journalisten finden heute oftmals nur in den neuen, oppositionellen, alternativen Medien einen Platz für die Veröffentlichung – wobei das bei bestimmten Themen und bei der Kritik an herrschenden Narrativen auch schon vorher oftmals der Fall war. Auch Rekittke schreibt mittlerweile für Multipolar oder die NachDenkSeiten. Sein Buch wird aller Voraussicht nach auch vor allem in diesen Medien wahrgenommen. Zu hoffen ist, dass das Interview mit dem Schwäbischen Tagblatt und die Buchpräsentation mit vielen Besuchern in der vergangenen Woche sowie der Verkauf des Buches in den Buchhandlungen vor Ort in Tübingen wenigstens dort auch bei breiteren Kreisen zu einem Nachdenken führt. Das Buch selbst gibt viele Anlässe dafür. Und es zeugt gleichzeitig davon, wie schwer die Aufarbeitung bislang war und weiter sein wird.

Bildbeschreibung

Volker Rekittke: Der pandemische Brandbeschleuniger. Corona und die Krise des Journalismus aus der Sicht eines Zeitungsredakteurs. Münster: Verlag Thomas Kubo 2026, 274 Seiten, 18 Euro.

Helge Buttkereit ist Historiker, freier Journalist und derzeit in der Öffentlichkeitsarbeit tätig.

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Bildquellen: Boris Palmer am 17. November 2021 beim Deutschen Städtetag in Erfurt (Titelfoto: Kasa Fue, CC BY-SA 4.0)