Es ist eine harte Zeit für Bundeskanzler Friedrich Merz. Seine Zustimmungswerte sinken und sinken. Innerhalb eines Jahres hat er es geschafft, noch unbeliebter zu sein als sein Vorgänger Olaf Scholz. Allerdings versteht es der Mann auch, selbst in ungefährlichen Situationen stilsicher in Fettnäpfchen zu treten. Aus seinem Mund kamen schon so viele peinliche Aussagen, dass ihm die Aufnahme in die Hall of Fame der Lachfiguren garantiert ist. Kultstatus erlangt hat er jedoch mit einer Äußerung, zu der er sich im Spiegel verstieg: Kein Bundeskanzler vor ihm habe so etwas ertragen müssen, sagte er bierernst und erntete Spott aus jeder Richtung.
Bild: Screenshot aus „Keiner mag mich“, YouTube-Kanal Snicklink
Derlei Verbalschmalz ist gefundenes Fressen für Satiriker, weshalb KI-Künstler Snicklink seit Wochen ein Merz-Video nach dem anderen kreiert. Als treibendes Element fungiert dabei sein Hit „Keiner mag mich“, in dem der Bundeskanzler zum Sound von MC Hammers „U Can’t Touch This“ eben jene mitleidheischenden Worte anstimmt. Wer als Politiker seine Sprache so wenig unter Kontrolle hat, muss mit solchen Reaktionen rechnen. Und es hätte auch wirklich jeden gewundert, wenn die führenden Satire-Zeitschriften Deutschlands sich nicht ebenfalls auf Merz’ larmoyanten Spiegel-Auftritt gestürzt hätten.
Sowohl die Titanic als auch der Eulenspiegel verarbeiten dieses Thema auf dem Titelbild des aktuellen Hefts. Letzterer in Form eines Cartoons: „Ihre Einschätzung zu einem Jahr Merz als Kanzler“, fragt ein Reporter eine Dame auf der Straße. Diese grübelt mit aufgerissenen Augen und antwortet: „Kann ich den Scholz noch mal sehen?“ Die Titanic kommt ohne viele Worte aus. Sie bildet einfach das Konterfei des Bundeskanzlers als Plakat ab, auf dem sich Kinderkritzeleien mit Filzstift befinden. Da wurde ihm ein blaues Auge gemalt, ein Penis auf die Stirn, ein paar schwarze Zähne, ein bisschen Speichel, der aus dem Mund läuft. „Was muss dieser Mann noch ertragen?“, steht unter dem Bild. Eine schöne Anspielung auf Merz’ Dünnhäutigkeit, auf seine Persönlichkeitsstruktur, die schon nach läppischen Kinderstreichen zusammenbricht.
Dass das nicht aus der Luft gegriffen ist, belegen Recherchen der Welt. Die Zeitung erfuhr, dass allein die Staatsanwaltschaft Heilbronn sich zuletzt mit 39 Fällen der „Majestätsbeleidigung“ beschäftigt hatte. Und nur weniger als die Hälfte wurden eingestellt. Die Verurteilten unter den „Delinquenten“ mussten unter anderem 30 Tagessätze zahlen. Worum ging es da genau? Ah ja: um Kommentare, in denen Merz mal als „Lügenfritz“, mal als „Lackaffe“, mal als „Pinocchio“ oder „Lügen-Kasper“ bezeichnet wurde. Für den zartbesaiteten Kanzler wird damit das Maß des Erträglichen überschritten.
Wer hätte gedacht, dass der BlackRock-Kanzler so emotional und sensibel ist. Auf diesen Aspekt zielt vor allem der Eulenspiegel ab, darauf nämlich, „dass der vermeintlich so kalte, hartherzige Knecht des Kapitals tatsächlich in der Lage ist, Mitleid zu empfinden“, heißt es im Tutorial, bevor die eigentliche Pointe kommt: „Zwar zunächst nur für sich selbst, aber irgendwo muss man ja anfangen.“
Die Beiträge in den beiden Satire-Magazinen führen aber noch etwas anderes vor Augen: Die legendäre Merz-Aussage ereignete sich bei einem Treffen zwischen zwei Akteuren, die trotz ideologischer Gegnerschaft zu den verhasstesten im politmedialen Zirkus zählen. Auch der Spiegel, einst Vorzeige-Leitmedium, hat heute Merz-Status. Er sei genauso unbeliebt, genauso gruselig in seinen Aussagen, biete genauso viel Angriffsfläche und neige ebenso schmollmündig zu Bestrafungsmaßnahmen – wenn man der Titanic Glauben schenken darf. Am 30. April habe das Relotius-Periodikum die Satire-Zeitschrift deabonniert, heißt es im Redaktionstagebuch: „Die feinen Damen und Herren von der Ericusspitze werden im Herbst ausgiebig Gelegenheit haben, über ihren Fehler nachzudenken – vor den verschlossenen Türen unserer Buchmessenparty-Location!“, kontert das Satire-Magazin.
Der Eulenspiegel findet hingegen, dass das verhasste Medium bereits nachgedacht und gewisse Fortschritte erzielt hat. Um die Pointe einzuleiten, erzählt der mit drei Kreuzchen signierende „Chefredakteur“, dass er seit geraumer Zeit predige, wie gesellschaftsfördernd doch eine enge Zusammenarbeit von Politikern und Medien sei. Doch er müsse sich ständig Kritik von einer fehlgeleiteten Spielart des Journalismus gefallen lassen. Es werde mit albernen Vokabeln wie „kritische Distanz“ und „Unabhängigkeit“ um sich geworfen. Nicht jedoch der Spiegel, betont er, um anschließend dessen Hauptstadtbüro zu zitieren: Zu lange habe man negativ über Politiker berichtet und damit „Systemfeinden in die Hände“ gespielt, lautet die satirefreie Aussage, die sich auf dem gleichen Niveau bewegt wie Merz’ Verbalschluchzer.
Das weiß auch der Eulenspiegel-Chefredakteur, weshalb er es sich nicht nehmen lässt, das einstige Augstein-Blatt genauso zu behandeln: „Ehrlich gesagt hatte ich ja gerade bei diesem Magazin schon länger das Gefühl, dass es bereits auf meine Linie eingeschwenkt ist. Aber schön, dass sie es jetzt auch offiziell verkünden!“
Merz und der Spiegel, ein Paar für die Geschichtsbücher, ein Paar, wie für einander gemacht. Beide stehen symbolisch für den Untergang des Landes, beide haben einen enormen Beitrag dazu geleistet. Ihnen ist aber auch zu verdanken, dass man immer noch lachen kann.
Eugen Zentner, Jahrgang 1979, ist Journalist, Sachbuchautor und Erzähler.
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