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Lebensgeschichten | 23.06.2026
Ein bisschen irritieren
René Schlott, Historiker und Publizist, aufgewachsen in der DDR, hat 2021 das „Manifest der offenen Gesellschaft“ mit auf den Weg gebracht.
Text: Bianca Kellner-Zotz
 
 

René Schlott wird 1977 in Mühlhausen geboren. Das Milieu ist eher konservativ, religiös, heimatverbunden. Nach dem Abitur erstmal was Solides: Verwaltung und Wirtschaft bei Bertelsmann in Gütersloh (VWA). Dann Studium in Berlin und Genf: Geschichte, Politik, Publizistik. Promotion. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Habilitationsstipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung. Autor für Spiegel, Welt, Freitag, Süddeutsche Zeitung. Das Gespräch ist am 10. Juni 2021 aufgezeichnet und im Buch Wir sind die anderen veröffentlicht worden. Inzwischen ist René Schlott habilitiert.

Lassen Sie uns mit Ihrer Kindheit beginnen. Sie sind in einem kleinen Dorf aufgewachsen.

Ja, in einem Ort im Eichsfeld mit gut 1.500 Einwohnern. Aber ich habe das nie als Nachteil empfunden, im Gegenteil. Ich bin sehr behütet aufgewachsen. Im Sommer sind wir im Wald und auf den Feldern herumgestreunt. Die Menschen waren pragmatisch, bodenständig, katholisch. Überall standen Wegkreuze und Kapellen. Wobei ich schon sehr früh angefangen habe, das kirchliche Ritual zu hinterfragen. Zum Schrecken meiner Eltern.

Das hört sich nach einem sehr religiösen Haushalt an.

Dass wir unsere Religion leben konnten, war meinen Eltern sehr wichtig. Ich bin nachmittags ins Gemeindehaus zum Religionsunterricht gegangen. In der Schule gab es das natürlich nicht. Wir durften Erstkommunion feiern, das wurde stillschweigend geduldet. Nur die Jugendweihe war ein schwieriges Thema. Wenn man sich gegen die Jugendweihe und für die Firmung entschied, konnte es sein, dass man kein Abitur machen durfte und später keinen Studienplatz bekam. Mir wurde diese Entscheidung abgenommen, weil die „Wende“ dazwischenkam. Aber ich weiß, dass sogar Geldprämien gezahlt oder Reisen in die Sowjetunion versprochen worden sind, um zumindest einige Jugendliche aus dem Dorf für die Jugendweihe zu gewinnen. Es haben sich immer wieder ein paar überreden lassen. Die waren im Dorf dann quasi Parias.

Bildbeschreibung Bild: Wiesenfeld im Eichsfeld 2019 (Foto: Erwin Meier, CC BY-SA 4.0)

Waren Ihre Eltern oppositionell?

Sie hatten eine spürbare innere Opposition zu diesem System, die sie im Familienkreis auch immer wieder aussprachen. Nach außen aber waren wir angepasst, haben auch mitgemacht.

Ihr Vater war in der CDU.

Ja. Er führte einen kleinen Lebensmittelladen. Diese Stellung erforderte die Mitgliedschaft in einer Partei. In die SED wollte er nicht, also entschied er sich für die CDU. Aber das war natürlich auch keine offene Opposition. Auf Familienfeiern wurde oft gegen die Grenze gewettert. Die war sehr nah, weil mein Heimatort ganz im Norden Thüringens liegt, nur wenige Kilometer von Hessen entfernt. Wegen des Sperrgebiets durften wir zum Beispiel bestimmte Bereiche des Waldes nicht betreten. Natürlich wussten meine Eltern nicht, ob nicht doch einer von ihren Bekannten bei der Staatssicherheit war, aber im Verwandtenkreis war alles sehr offen. Meine Mutter hat sechs Geschwister. Bei den Familienfesten war immer viel los. Wenn der Alkohol floss, saß die Zunge lockerer. Mein Vater ärgerte sich zu dieser Zeit oft und öffentlich über die Versorgungslage, weil er vieles im Laden nicht anbieten konnte.

Was hat Ihre Mutter beruflich gemacht?

Sie war Sekretärin bei der LPG im Ort. Sie hat Vollzeit gearbeitet, das war normal. Meine beiden Geschwister und ich haben sie nach Schulschluss oft dort besucht.

Sind Sie in der Schule angeeckt?

Nein, ich fand mich gut ein. Ich war Pionier und Gruppenratsvorsitzender, so eine Art Klassensprecher. Eine Zeitlang habe ich als Agitator die Wandzeitung verantwortet. Eine Pinnwand mit Zeitungsartikeln zu aktuellen Themen. Letztlich wollte man die Schüler indoktrinieren. Mein erstes Thema: Der Besuch von Erich Honecker bei Helmut Kohl in Bonn, das war 1987.

Bildbeschreibung Bild: Honecker (links) und Kohl vor dem Kanzleramt in Bonn beim Abspielen der Hymnen (Foto: Klaus Oberst, Bundesarchiv, Bild 183-1987-0907-017, CC-BY-SA 3.0)

Haben Sie in dem Alter schon Zeitung gelesen?

Ich habe früh damit angefangen. Meine Eltern hatten die SED-Lokalzeitung. Das Volk. Dazu den Tag des Herrn, eine katholische Wochenzeitung, und natürlich die Trommel, die Pionierzeitung. An die Redaktion konnte man Fragen schicken zu Geschichte und Politik. Ich kann mich noch erinnern, wie ich am Küchentisch saß und einen Brief schrieb. Ich wollte die Trommel fragen, seit wann es in der DDR Religionsfreiheit gab. Meine Eltern waren recht aufgeregt und haben mir deutlich gesagt, dass ich diesen Brief nicht abschicken dürfe.

Bildbeschreibung Bild: Stefan Kühn, CC0

Haben sie das erklärt?

Nein. Aber ich wusste, dass man zwischen dem Sprechen zu Hause und dem Sprechen in der Schule unterscheiden musste. Meine Mutter machte mir klar, dass ich in der Schule den Sozialismus loben dürfte. Zu Hause würden wir aber die wirklich wichtigen Dinge machen, zum Beispiel beten. Das waren schon getrennte Welten. Jeden Abend haben wir die Tagesschau gesehen, aber außerhalb der Familie nicht darüber gesprochen. Obwohl mir später klar wurde, dass alle in meiner Klasse die Tagesschau kannten.

Also kein Schwarzer Kanal?

Den habe ich mal beim Umschalten aus Versehen erwischt. Ich wunderte mich, warum die Tagesschau-Bilder, über die ich in der Schule nicht reden durfte, da mit einem schwarzen Rahmen liefen. Das war so eine Art Warnung, nach dem Motto: Hier sieht man, wie der Imperialismus die Aufrüstung vorantreibt oder die Arbeiterschaft ausbeutet. Aber als Kind konnte ich mir das nicht erklären. Den Kommentar verstand ich überhaupt nicht. Tatsächlich habe ich den Schwarzen Kanal nur ein einziges Mal zusammen mit meinen Eltern gesehen. Das war die letzte Sendung im Dezember 1989. Ein Fernsehereignis. Wir wollten sehen, wie sich Karl-Eduard von Schnitzler verabschiedet. Er hat den Kommunismus bis zum Schluss verteidigt. Mein Vater meinte nur, der hätte nichts dazugelernt. Damals dachte ich, der Typ sei einfach doof. Heute weiß ich, dass man Dinge ausblendet, die die eigenen Ideale angreifen könnten.

Letztlich wurde sein Lebenswerk zerstört.

Jeder will den roten Faden im eigenen Leben erhalten, sich nicht in Widersprüche verstricken. Deshalb kann ich heute nachvollziehen, dass es für ihn folgerichtig war, von der Konterrevolution zu sprechen. Interessanterweise hat er in meinem heutigen Wohnort gelebt, in Eichwalde. Das war früher so eine Art Bonzenvorort. Er ist hier auf dem Friedhof begraben.

Bildbeschreibung Bild: Das Grab 2017 (Foto: Saalebaer, CC0)

Hatten Sie als Kind ein Bild vom Westen?

Ja, ein rosarotes, süßlich duftendes. Das lag am Intershop in Mühlhausen. Dort wurden Westwaren gegen Forumschecks verkauft, die man für Westgeld erhielt. Als Kind hat mich das Angebot dort total überwältigt. Alles war bunt, und es roch herrlich. Süßwaren, Waschpulver. Deshalb war der Westen für mich ein knallbuntes Bonbon. Eine politische Einstellung hatte ich natürlich noch nicht, wenngleich ich die Propaganda – das sind die Bösen, die wollen uns überfallen, da gibt es nur Arbeitslosigkeit – nie geglaubt habe.

Haben Sie Erinnerungen an 1989?

Ich war zwar erst zwölf, aber das war schon eine prägende Zeit. Die große Demo am 4. November 1989 am Alexanderplatz habe ich mit meiner Familie im Fernsehen gesehen. Plötzlich konnte man solche Bilder und Reden in DDR-Sendern empfangen. Montags stellten wir eine Kerze ins Fenster, um Solidarität zu zeigen. Man wusste ja nicht, ob das friedlich bleiben würde. Eines Abends fuhr die Stasi durch die Straßen und schrieb die Adressen der Häuser mit Kerzen auf. Das sind Episoden, aber die haben mich nachhaltig beeinflusst.

Waren Sie selbst auch auf einer Demo?

Ja, auf mehreren. Das Eichsfeld geht ja über die Landesgrenzen hinaus. Teile liegen in Hessen und Niedersachsen. Im Dezember 1989 gab es eine Menschenkette durch das ganze Eichsfeld. Wir standen mit an der Straße. Vor den Wahlen am 18. März 1990 waren wir ebenfalls auf einer Demo. Das waren die ersten freien Wahlen, aber meine Eltern hielten es für möglich, dass die SED gewinnt. Wir hatten leere Koffer dabei, mit denen wir über die Grenze marschiert sind. Das war ein Zeichen: Wenn die SED gewinnt, dann gehen wir auch. Als Kind hat mich das sehr beeindruckt, wie da Tausende Menschen mit Koffern in den Westen spazierten. Am 2. Oktober 1990 gab es bei uns in der Kirche eine Dankandacht. Ich war als Messdiener dabei und sehr stolz. In unserer Kirche war all die Jahre für die Einheit des Vaterlandes gebetet worden. Jetzt war es soweit.

Bildbeschreibung Bild: Alexanderplatz, 4. November 1989 (Foto: Bernd Settnik, Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-437, CC-BY-SA 3.0)

Wann sind Sie zum ersten Mal in den Westen?

Am 11. November 1989 haben wir es versucht. Das war ein Samstag, mein Namenstag. Der wird bei den Katholiken richtig gefeiert. Das sollte ein Anlass sein, in den Westen zu fahren. Wir standen ewig in der Schlange Richtung Hessen und haben aufgegeben. Ein paar Tage später klappte es dann.

Haben Sie diese Zeit als Aufbruch empfunden?

Schon, aber es passierte so viel, dass man wenig reflektieren konnte. Vor der Währungsunion am 30. Juni musste ich schnell mein DDR-Geld ausgeben. Die Läden waren praktisch leer, ich kaufte Fahrradöl. Mein Vater hat eine Kreissäge und einen Trabi angeschafft, weil das Geld nachher nur noch die Hälfte wert war. Wir waren von den Veränderungen überwältigt. Heute noch fühle ich, dass es etwas Besonderes ist, nach New York zu fliegen, durchs Brandenburger Tor zu fahren oder in einem Zeitungskiosk Hunderte Titel aus der ganzen Welt kaufen zu können.

Keimte in dieser Zeit schon die Liebe zum Journalismus?

Das Angebot an Zeitungen, das es ab 1989 gab, fand ich großartig. Da war ich 12, 13. Mir fiel damals schon auf, dass es Unterschiede in der Berichterstattung gab, dass die Lokalzeitung anders über ein Ereignis schrieb als das überregionale Blatt.

Das ist in dem Alter ungewöhnlich.

Ich war eine Art Freak. Niemand sonst in meiner Klasse las Zeitung. Aber für mich begann schon damals der Tag mit einer gedruckten Zeitung, heute mit mindestens zwei. Das ist sogar im Urlaub so. Das muss gar keine deutsche Zeitung sein. Ich schaue mir auch gerne die Lokalzeitung am Urlaubsort an, sofern ich sie lesen kann.

Wie haben Sie die Zeit nach der Wende erlebt?

Meine Mutter hat recht früh den Job in der LPG verloren. Meine Eltern haben sich mit einem Edeka-Laden selbständig gemacht. Das waren aufregende Zeiten. Mein Vater musste einen großen Kredit aufnehmen. Das hätte schiefgehen können. Beide gehören klar zu den Wendegewinnern. Überhaupt war die Stimmung in Eichsfeld recht positiv. Viele Handwerker haben sich selbständig gemacht und ihr Glück in die Hand genommen. Es ist schnell Wohlstand entstanden. Im Dorf ging es den Leuten gut, was in der Region eine sehr besondere Situation war. Im Umkreis waren viele Menschen arbeitslos, viele waren in ABM, viele sahen keine Perspektive.

Sie sind 1997 zu Bertelsmann nach Gütersloh gegangen, um dort eine VWA-Ausbildung zu absolvieren – ein Kulturschock?

Ein bisschen schon. Da war ich plötzlich der einzige Ossi. Und der einzige, der von weiter weg kam. Bertelsmann hatte in Gütersloh eine eigene Berufsschule. Die Ausbildung dort machten vor allem Kinder von Mitarbeitern. Die meisten stammten aus Ostwestfalen, alle aus NRW. Ich war auf einmal der bunte Hund. Meine Mitschüler fragten mich, ob es im Osten wirklich so grau sei und so viel Müll rumliege. Ich war im Übrigen der einzige, der nach zwölf Jahren Abi gemacht hatte, die anderen waren alle im G9 gewesen. Also wollte ich beweisen, dass ein Ost-Abi mindestens genauso gut war. Ich entwickelte großen Ehrgeiz.

Das hört sich nach erlebter Abwertung an.

Irgendwie schon. Dabei konnte ich durchaus selbstbewusst sein. Man musste bei Bertelsmann einen intensiven, mehrtätigen Auswahlprozess durchlaufen. Das hatte ich immerhin geschafft. Ich war also kein Quoten-Ossi oder so.

Sprachen Sie Dialekt, erkannte man Sie gleich als Ostdeutschen?

Nein. Was merkwürdig ist, weil in meinem Heimatdorf alle Dialekt sprechen, allerdings kein Thüringisch, dafür liegen wir zu nah an Hessen. Möglicherweise habe ich mir den Dialekt abgewöhnt. Das könnte eine unbewusste Anpassungsleistung sein.

Bildbeschreibung Bild: René Schlott bei der Premiere der Reihe Narrative von Robert Cibis am 13. Mai 2020 (Foto: Screenshot)

Warum haben Sie sich gegen ein Studium und für die VWA-Ausbildung entschieden?

Ich denke, das hängt mit meinen Eltern zusammen, die beide Nichtakademiker sind. Eigentlich wollte ich Geschichte studieren. Das war tatsächlich eine Art Kindheitstraum. Meine Eltern waren nicht gegen das Studium, aber sie wollten, dass ich erst was Handfestes machte, um Geld zu verdienen. Ich war dann der erste in der Familie, der studierte.

Warum Bertelsmann?

Wie gefühlt alle Ostdeutschen wurden meine Eltern schnell Mitglied im Bertelsmann-Buchclub. Bücher waren in der DDR ein rares Gut und die interessanten hat man nicht bekommen. Da bestand großer Nachholbedarf. Als ich den Clubkatalog zu Hause liegen sah, kam mir die Idee, dorthin zu gehen. Also bewarb ich mich als Verlagskaufmann. Das VWA-Studium war leider sehr langweilig. Pures Auswendiglernen. Es ging nur um Kosten, Umsatz, Gewinn. Ich habe die Ausbildung dennoch zu Ende gebracht. Das hat sicher mit meiner bodenständigen Prägung zu tun. Spaß hat es nicht gemacht.

Sind Sie bewusst aus der Heimatregion weggegangen?

Ja, das schon. Ich wollte raus, wollte etwas anderes sehen. Dort war es mir letztlich zu eng. Gütersloh war dann auch nicht optimal. Ostwestfalen ist noch konservativer und bürgerlicher als das Eichsfeld und extrem Bertelsmann-dominiert. Die Firma hat das Schwimmbad, den Park und die Bibliothek finanziert. Natürlich habe ich dort tolle Leute kennengelernt. Da sind Freundschaften entstanden, die bis heute halten. Aber mein neues Leben hatte ich mir anders vorgestellt.

Wie zum Beispiel?

1999 besuchte ich einen Schulfreund, der im Berliner Wedding als Saxophonist ein Bohemien-Leben führte. Außenklo, Dusche in der Küche, Holzofen. Das hat mich fasziniert. Berlin war ein großes Freiheitsversprechen. Ich konnte dort meine Ausbildung bei einer Internetagentur abschließen, die zu Bertelsmann gehörte. Parallel durfte ich die Stadt in ihrer ganzen Vielfalt leben, bin ins Theater, ins Konzert, nachts in die Clubs. 2001 begann ich schließlich mit dem Geschichtsstudium.

Eine völlig andere Welt, oder?

Total. Jetzt genoss ich die akademische Freiheit, war komplett selbst für alles verantwortlich, konnte mir die Dinge aussuchen, die mich wirklich interessierten. Als studentische Hilfskraft war ich damals in einem Projekt, in dem es um die Mauertoten ging.

Ihre Forschungsthemen sind sehr breit. Die Dissertation über das Medienereignis Papsttod, dann eine Arbeit zur Holocaust-Historiographie. Gibt es einen roten Faden?

Die Neugier. Ich habe mir immer Themen ausgesucht, die ich spannend fand. Ich habe nie darauf geachtet, ob das alles gut zusammenpasst oder karriereförderlich ist. Ein Grundgedanke meiner Arbeit ist: Ich will mir ansehen, was historische Ereignisse oder Personen mit uns zu tun haben. Die heutigen Entwicklungen sind nur aus der Geschichte zu erklären.

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Sie schreiben seit 2008 für Spiegel Online über historische Themen mit Gegenwartsbezug. Wie ist es Ihnen gelungen, sich als noch junger Historiker in dieser Redaktion einen Namen zu machen?

Ich bin damals auf Eines Tages gestoßen, ein Tool, über das Leser ihre ganz persönliche Geschichte einstellen konnten, etwa über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich habe einige Texte eingebracht. Die Redaktion fand die Sachen gut und fragte nach, auch wenn natürlich nicht alles genommen wird. Für meinen Beitrag zur Entstehung von Artikel 2 des Grundgesetzes musste ich lange kämpfen. Da habe ich viel Energie reingesteckt, weil er mir auch ein persönliches Anliegen war.

Sie erklären dort, wie der Satz „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ 1949 Eingang ins Grundgesetz fand. Dabei zeigen Sie, dass der Passus dazu gedacht war, den Bürger vor dem Staat zu schützen.

Richtig. Ich finde es interessant, dass man den Artikel in der Corona-Krise benutzte, um die Freiheitsrechte der Bürger einzuschränken, obwohl er völlig anders gemeint war. Vor dem Hintergrund der schrecklichen Dinge, die in den Konzentrationslagern passierten, sollte es keine Zwangsmaßnahmen mehr geben dürfen. Explizit sollte es aber kein Grundrecht darauf geben, jedes lebensgefährliche Risiko rechtlich zu verhindern. Genau das ist meiner Ansicht nach passiert.

Aber die Breitenwirkung scheint gering zu sein. Selbst Hans-Jürgen Papier kommt mit seinem Plädoyer für die Freiheit nicht durch. Die Menschen haben Angst und wollen die Zwangsimpfung. Frustriert Sie das?

Natürlich fühle ich mich zeitweilig wie Don Quichote im Kampf gegen die Windmühlen. Aber es geht doch auch um etwas. Zwischendurch frage ich mich, ob ich falsch liege. Aber letztlich bin ich überzeugt davon, dass ich das Richtige tue. Bei Artikel 2 kann ich in die Quellen sehen, ich kann nachzeichnen, wie die Diskussionen verliefen. Ich kann das belegen. Wenn das sonst keiner tut, dann ist es meine Aufgabe, aufzuklären.

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Man spürt, wie Sie für die Freiheit brennen. Ein Erbe der DDR?

Natürlich. Freiheit und eine offene Gesellschaft sind mir sehr wichtig. Und dann muss ich dafür eintreten und von meinen Freiheitsrechten Gebrauch machen, selbst wenn unter den Artikeln negative Kommentare stehen. Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass man sie widerspruchsfrei in Anspruch nehmen kann. Es wird immer Leute geben, die das nicht richtig lesen oder bewusst missverstehen wollen, die das in die rechte oder linke Ecke schieben. Ich bin politisch schon überall eingeordnet worden.

Obwohl Sie in der öffentlichen Wahrnehmung vergleichsweise unbeschadet dastehen. Das ist nicht vielen Kritikern gelungen.

Das stimmt. Allerdings habe ich schon Beschränkungen erfahren. Ich darf mein Institut nicht mehr angeben, wenn ich zu Corona schreibe. Offiziell wird das damit begründet, dass diese Thematik nicht zu meinem Forschungsgebiet gehört. Mir ist es wichtig, im Medienbereich das gesamte politische Spektrum auszuloten, von der Welt bis zum Freitag oder zum Neuen Deutschland. Ich will keine Erwartungshaltungen bedienen und lasse mir inhaltlich nicht reinreden. Wenn etwas im Freitag erscheint, finde ich das toll, aber deswegen bin ich noch lange nicht links. Und wenn es in der Welt erscheint, finde ich das auch toll, aber deshalb bin ich noch lange nicht konservativ. Mir ist wichtiger, dass die Beiträge das Publikum ein bisschen irritieren. Zeitung macht auch aus, dass man sich an ihr reiben kann.

Die Corona-Maßnahmen haben Sie sehr früh kritisiert. Am 17. März 2020 erschien dazu ein Artikel unter dem Titel Um jeden Preis? in der Süddeutschen Zeitung.

Der Beitrag sollte eigentlich „Die chinesische Lösung“ heißen, weil ich das Gefühl hatte, wir eifern jetzt China nach. Ich konnte nicht fassen, dass die Intellektuellen Schulschließungen, Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen unkommentiert ließen. Man kann das gerechtfertigt finden, aber man muss es doch kommentieren.

Ist das vielleicht die Besonderheit einer ostdeutschen Biografie, dass Sie so früh Angst um die Freiheit hatten?

Tatsächlich hat mir ein westdeutscher Kollege gesagt, so einen Artikel könne nur ein Ossi schreiben. Das war durchaus anerkennend gemeint, aber ich hielt es für Blödsinn. Meine Einstellung hat ganz sicher mit meiner Hochachtung vor unserer Verfassung zu tun. Dazu ein Beispiel: Als Helmut Kohl das Transparenzgebot der Parteienfinanzierung mit seinem Ehrenwort verletzte, fand ich das empörend. Wie konnte es sein, dass seine kaltschnäuzige Weigerung, Geldgeber zu nennen, keinerlei Konsequenzen hatte? Als ich erlebte, wie die Verfassung abermals ohne nennenswerten Widerstand teilweise außer Kraft gesetzt wurde, konnte ich das nicht glauben. Deshalb schrieb ich im SZ-Artikel, dass die Vorgehensweise an ein Drehbuch für eine rechtspopulistische Machtübernahme erinnert. Denn für mich war klar: Wenn die AfD jemals an die Macht kommt, dann kommt es genauso: Sie schließt die Unis und die Grenzen, sie verbietet Versammlungen.

Jetzt war es aber eine Mitte-Links-Regierung.

Genau. Umso alarmierender war diese Vorgehensweise für mich. Letztlich haben die Rechtspopulisten gesehen, dass es tatsächlich ganz einfach ist, unser System auszuhebeln. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle eines klar stellen: Ich hatte nie Angst vor diesem Virus. Ich nehme es ernst, habe aber selbst keine Angst, daran zu sterben. Ich denke, das verbindet die Kritiker der Maßnahmen. Sie haben sich nie von der Angst lahmlegen lassen. Menschen wie Ulrike Guérot und ich fürchten eher, dass wir im Namen der Angst etwas zerstören, was wir anschließend nicht mehr wiederaufbauen können. Wie kann es sein, dass wir Institutionen, Überzeugungen einreißen, die über Jahrhunderte gewachsen sind, allein aus einer Panikreaktion heraus? Wie lange hält eine Demokratie ohne Demokraten durch? Sind wir wirklich bereit, jeden Preis für die Bekämpfung eines Virus zu bezahlen? Wir geben all unsere Prinzipien auf. Bildung, Inklusion, Umweltschutz, kulturelle Teilhabe. Vor der Pandemie hieß es oft, viele alte Leute sterben an Einsamkeit. Jetzt ist das plötzlich kein Thema mehr.

Bildbeschreibung Bild: Ulrike Guérot (links) im Februar 2026 bei der Demo „Macht Frieden“ in München (Foto: https://t.me/GBfreiheitsfoto)

Großbritannien hat einen Einsamkeitsminister.

Ja, genau. Eine Krankenkasse hat 2019 Postkarten mit dem Slogan „Geht Omas drücken“ verteilt. Plötzlich soll das alles nicht mehr wichtig sein? Überhaupt macht sich eine bedrückende Empathielosigkeit breit, gerade gegenüber Kindern. Der Sohn meiner Schwester ist behindert. Er kann keine Maske tragen und darf nicht geimpft werden, aber gleichzeitig kann er seine Therapieangebote nicht mehr wahrnehmen. Er wird von Menschen gemieden. Er ist ein Betroffener der Maßnahmen, aber keiner sieht ihn. Es gibt keine Empathie mit alten Menschen, die eingesperrt werden, keine Empathie mit Kindern, die sich nicht frei entfalten können, keine Empathie mit Künstlern, die nicht arbeiten können. Es gibt keinerlei Bereitschaft mehr, sich in den anderen hineinzuversetzen. Das erschüttert mich. Krass ist doch, wie stark sich der Freiheitsbegriff verschoben hat. Ob dieses Empfinden mit meiner ostdeutschen Sozialisation zu tun hat, weiß ich nicht. Aber was Steffen Mau zuletzt im Spiegel schrieb, fand ich keineswegs überzeugend.

Er bezeichnete Ostdeutsche wie Liefers, Wagenknecht und Thierse als krawallig und meinte, das liege an der Arroganz der Westdeutschen. Letztlich wertete er Kritik an den Corona-Maßnahmen als Trotzreaktion ab.

Dabei tue ich, was ich tue, nicht nur für mich. Ich möchte, dass alle Menschen in einer freien Gesellschaft leben können. Tatsächlich bin ich hier privilegiert. Mir macht ein Lockdown nichts aus. Ich kann von zu Hause arbeiten, habe einen großen Garten, kann meine Kinder beschulen, habe genügend Equipment. Aber ich denke an die ganze Gesellschaft. Dass Mau Ostdeutschen unterstellt, sie würden nur an sich denken und nicht an Minderheiten, halte ich für infam.

Es sind aber schon viele Ostdeutsche, die sich kritisch äußern. Daniela Dahn, Vera Lengsfeld, Monika Maron, Uwe Tellkamp. Viele sind schnell in eine rechte Ecke gerückt worden und werden nicht als gesamtdeutsche Intellektuelle wahrgenommen, die eine berechtigte Position im Diskurs besetzen.

Ja, das ist furchtbar. Auch die Attacke auf Jan Josef Liefers und seine Mitstreiter von #allesdichtmachen hat mich erschreckt. Ich hätte nie gedacht, dass man in diesem Land darüber diskutieren muss, was Kunst darf. Der einzige Zweck von Satire ist es, die Herrschenden herauszufordern. Das kann gar nicht anders sein. Hier zeigt sich die Empathielosigkeit: Warum fragt man nicht, was die Schauspieler umtreibt, was die fühlen, welche Erfahrungen sie inspiriert haben? Die haben wochenlang daran gearbeitet, viel Energie reingesteckt, alles ohne Budget. Warum nicht zumindest den Versuch unternehmen, das zu verstehen? Stattdessen hat man einfach alle in den Nazi-Sack gesteckt und ihnen Verhöhnung der Opfer vorgeworfen. Ich lehne Kategorisierungen prinzipiell ab, denn sie sind nur dazu gedacht, den Diskurs zu beenden. Wenn einer rechts ist, muss ich seine Argumente nicht mehr anhören.

Bildbeschreibung

Querdenker.

Die müssen demonstrieren dürfen. Die mögen mir nicht gefallen, aber das Recht auf Versammlungsfreiheit kennt keine Gesinnungsprüfung. Das Grundgesetz prüft nicht, für was ich auf die Straße gehe. Es bringt nichts, Label zu verteilen, um Meinungen zu unterdrücken. Sie sind trotzdem da. Ein weiteres Problem: Wenn man plötzlich jeden, der Kritik an der Regierung äußert, zum Rechten stempelt, erkennt man die wahren Rechten nicht mehr. Und von denen gibt es wahrlich genug.

Kontaktschuld geht schnell.

Mich hat ein Kollege gefragt, wie ich denn zu Gunnar Kaiser gehen konnte, obwohl der schon mit Martin Sellner gesprochen hat. Das wusste ich damals nicht. Es spielte für mich aber auch keine Rolle. Kaiser hat ja auch Markus Gabriel, Ijoma Mangold und Henryk M. Broder interviewt. In unserem Gespräch ging es nicht um identitäre Bewegungen. Mit denen habe ich nichts zu tun. Außerdem ist das doch eine Frage des Journalismus-Verständnisses. Welcher Politiker geht denn nicht zu Anne Will, weil die Woche vorher Björn Höcke im Studio war?

Dann hätte Günter Gaus nie mit Rudi Dutschke sprechen dürfen.

Zum Beispiel. Ich weiß, dass dieses Kontaktschuld-Argument sehr wirkmächtig ist. Aber ich bin nicht bereit, mich dem zu unterwerfen. Natürlich will ich wissen, mit welcher Person ich es zu tun habe. Aber ich verweigere doch kein Interview, weil der Journalist schon mit einem von der AfD gesprochen hat. Es ist Aufgabe des Journalisten, das zu tun.

Im Frühjahr 2021 waren Sie einer der Köpfe hinter dem Manifest der offenen Gesellschaft. Gab es Absagen aus Angst vor dem Kontaktschuld-Vorwurf?

Ja. Aber ich finde, dass das auf die Leute selbst zurückfällt. Die Idee des Manifests war ja gerade, nicht zu polarisieren, sondern im Dialog zu bleiben. Manche fanden, unser Vorstoß käme zum falschen Zeitpunkt. Jetzt hätten die Virologen die Deutungshoheit. Andere sollten sich nicht so wichtig nehmen. Nach dem Motto: Ein Virus kennt keine Geisteswissenschaften. Dabei ist der Dialog ein Kernelement der Demokratie. Natürlich können wir einen Dialog über ein Virus führen. Es gibt keine Alternativlosigkeit, auf keinen Fall. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, alles zu hinterfragen. Das ist unser Beruf. Was ich wirklich bedenklich fand: Es gab Leute, die haben auf unsere Anfrage hin höflich abgesagt, aber hinterher auf Twitter gegen das Manifest agitiert. Man kann sich in der Krise entscheiden, nichts zu sagen. Das ist für mich keine Option, aber völlig in Ordnung. Aber den Kollegen, die sich äußern, in den Rücken zu fallen, ist mir unbegreiflich.

Bildbeschreibung Bild: Vivian Perkovic interviewt René Schlott zum Manifest der offenen Gesellschaft, Kulturzeit, 29. März 2021 (Foto: Screenshot)

Interessant ist, wie in der Krise Begriffe umgedeutet worden sind. Ulrike Guérot hat in einem Fernsehinterview darauf hingewiesen, dass „Querdenken“ mal positiv konnotiert war.

Das kann man bei vielen Begriffen beobachten. Derzeit ist Herdenimmunität wieder positiv besetzt. Hätte man die vor einem Jahr angestrebt, wäre man als Menschenfeind und Sozialdarwinist verunglimpft worden. Im Übrigen hat der Bundespräsident bei der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises die Aktion #allesdichtmachen ausdrücklich erwähnt, um darauf hinzuweisen, wie schnell sich Empörungswellen bilden, die eine nüchterne Betrachtung nicht mehr zulassen. Daran sieht man, wie schnell sich die Einordnung verändern kann. Vielleicht gilt das Manifest in einem Jahr als wegweisender Impuls.

Sie haben den Autoren freie Hand gelassen, was dazu führte, dass Maximilian Steinbeis den Text kritisierte, weil er die Diagnose nicht für überzeugend hielt.

Für mich zeigt das die Pluralität unserer Gesellschaft. Wir dürfen widersprüchlich sein, wir dürfen uns irren und später unsere Meinung ändern. Wir dürfen konträre Ansichten haben. Ziel sollte nur sein, immer im Gespräch zu bleiben. Aber anstatt das Manifest als Ganzes zu nehmen, wurden einzelne Sätze extrahiert, die man einem bestimmten Narrativ zuordnen konnte. Das mutwillige Missverstehen ist heutzutage gängige Praxis. Dennoch lasse ich mich nicht entmutigen. Wenn ich am Ende nur ein paar wenige dazu ermuntere, Fragen zu stellen und offen auf andere zuzugehen, habe ich etwas erreicht.

Sie bekommen auf Ihre Artikel viele aufmunternde Zuschriften. Hilft das?

Ja, auf jeden Fall. Dieser Zuspruch hat mich trotz aller Frustration immer wieder motiviert. Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufen und Gesellschaftsschichten haben mir gedankt, darunter Ärzte, Krankenschwestern, Juristen, Kommunalbeamte, Uni-Kollegen. Das waren keine Verrückten, keine Rechten, keine Verschwörungstheoretiker, sondern ganz normale Leute. Medientheoretisch ist übrigens interessant, dass gerade nach dem SZ-Artikel viele erwarteten, dass ich ab sofort im Kreuzfeuer der Kritik stehen würde. Mit den Mails wollten mir die Absender ihre Solidarität zeigen, weil sie davon ausgingen, dass ich viel einstecken müsste. Die Schimpftiraden sind aber ausgeblieben. Ich erlebte keinen Shitstorm, sondern einen Candystorm.

Wie bewerten Ihre Eltern Ihr Engagement?

Sie hadern vor allem mit dem Versagen der Kirche. Zu DDR-Zeiten musste man sich nie für einen Gottesdienst registrieren. Sie finden es schlichtweg absurd, in einem kleinen Dorf ihre Adresse angeben zu müssen, um Messe feiern zu dürfen. In der DDR war Kirche im Prinzip staatsfern organisiert. Im Gottesdienst musste man sich den Propaganda-Müll nicht anhören. Dazu kommt, dass meine Eltern den ganzen Tag mit Maske im Laden stehen, ständig völlig sinnlose Maßnahmen umsetzen müssen und sich nicht dagegen wehren können. Deshalb können sie nicht verstehen, warum sich Lehrer beschweren, die monatelang zu Hause geblieben sind. Sie können nicht mehr nachvollziehen, was passiert und spüren – ebenso wie ich und viele in meinem Umfeld – eine starke Entfremdung gegenüber dem Staat, den Institutionen, der Kirche, der Gesellschaft.

Für die Firmung meiner Tochter musste ich ein Formular ausfüllen, um zu bestätigen, dass meine Verwandten in der Kirche auf eigene Gefahr nebeneinandersitzen, mit FFP2-Maske wohlgemerkt.

Daran sieht man, wie Menschen ticken. Sie wollen sich absichern. Dabei würde das Formular niemandem helfen, der ins Krankenhaus kommt. Aber man fühlt sich auf der sicheren Seite, obwohl es nur ein Zeichen für die von Erich Fromm beschriebene Furcht vor der Freiheit ist. Ich halte es für hochgradig gefährlich, wenn Menschen keine eigenen Entscheidungen mehr treffen und das menschliche Ermessen keine Rolle mehr spielt. Wo kommen wir denn hin, wenn wir sämtliche Bestimmungen ausführen, ohne sie auf ihre Sinnhaftigkeit zu hinterfragen? Was mir Hoffnung macht: Es gibt Leute, die ihren Spielraum nutzen und nicht bei allem mitgehen. In den Schulen, in den Instituten, in den Redaktionen. Es gibt Journalisten, die kritisch sind und immer wieder einzelne Stücke reinnehmen. Allerdings muss man sehen, dass der Journalismus nur die gesellschaftlichen Verhältnisse abbildet. Wenn 80 Prozent für die Maßnahmen sind und 20 Prozent dagegen, wird das in den Redaktionen auch so sein.

Bildbeschreibung Bild: Straßenszene in Portugal, März 2021 (Foto: Jules Verne Times Two, CC BY-SA 4.0)

Aufgabe des Journalismus wäre es aber doch, unabhängig von den eigenen Ängsten oder Überzeugungen zu berichten und die Regierung zu kontrollieren.

Natürlich. Aber Journalisten sind Menschen und geben ihre Ängste nicht am Eingang der Redaktion ab. Trotzdem habe ich Hoffnung. Es sind immer Einzelne, die den Unterschied machen. Das war auch 1989/90 so. Die Masse wird immer einem Trend hinterherlaufen.

Problematisch wird es dann, wenn Medien keine Öffentlichkeit mehr herstellen. Wenn sie es nicht mehr schaffen, die unterschiedlichen Perspektiven und Lebenslagen einzufangen.

Absolut. Entscheidend ist, wie die Menschen die Berichterstattung wahrnehmen. Wenn sich viele nicht mehr vertreten und gehört fühlen, wenn sie denken, dass Kritik in den Leitmedien nicht mehr geäußert werden darf, dann werden sie sich abwenden. Wie sehr sich viele diesen anderen Blick wünschen, zeigte mir die E-Mail-Flut nach den Corona-Artikeln. Ich schreibe schon lange zu unterschiedlichen Themen, aber da habe ich einen Nerv getroffen. Deshalb glaube ich, dass die Entfremdung mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Nur so lässt sich der Nichtwähler-Anteil von 40 Prozent erklären, wie wir ihn bei den letzten Landtagswahlen beobachten konnten. Das Verstörende ist, dass dieser wachsende Anteil gar nicht thematisiert wird, obwohl das kein ostdeutsches Problem ist. Rheinland-Pfalz hat eine ähnlich hohe Nicht-Wählerschaft wie Sachsen-Anhalt.

Aber in den Talk-Shows geht es nur um die Ostdeutschen, die nicht wissen, was Demokratie ist und deshalb die AfD wählen.

Genau. Aber die AfD-Wähler gehen wenigstens noch zur Urne und glauben, mit ihrem Kreuz etwas verändern oder ihrem Protest Ausdruck verleihen zu können. Aber 40 Prozent machen das gar nicht mehr. 40 Prozent! Vermutlich werden wir erst in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die Auswirkungen der Entfremdungsreaktionen sehen. Die Gewerkschaften erleben das schon jetzt, die Kirchen in verstärktem Maße. Bald werden das die Parteien zu spüren bekommen und nicht zuletzt die Wissenschaft. Das geht ganz tief und wird das Verhältnis von Bürgern und Polizei, Bürgern und Kommunalverwaltung oder auch Eltern und Schulen nachhaltig stören. Aber ich bin trotzdem optimistisch. Ich glaube, dass sich etwas ändern wird. Man wird sagen, dass die Gesellschaft in dieser Zeit in eine falsche Richtung gerannt ist und dass es Einzelne gab, die versuchten, sich gegen diese Entwicklung zu stemmen. Ein erstes Zeichen ist vielleicht der Hinweis des Bundespräsidenten auf #allesdichtmachen. Bei dieser Aktion gab es eine riesige Diskrepanz zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung. Viele Menschen haben gespürt, dass die Kritik an Liefers und seinen Kollegen völlig überzogen war und dass hier eine Grenze überschritten wurde.

Bianca Kellner-Zotz, Jahrgang 1975, aufgewachsen in Bayern, ist Kommunikationswissenschaftlerin, Hochschuldozentin und Kommunalpolitikerin. Letzte Buchveröffentlichung: Happy Family (2022)

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Bildquellen: Angela Ankner (Titelfoto)