Das Buch „Die digitale Weltkontrolle“ ist bei Etica Media erschienen. Die letzten Bücher, die ich aus diesem Verlag gelesen habe, waren aus der Epstein-Serie „Eine Nation unter Erpressung“ von Whitney Webb – übersetzt ins Deutsche. Das hat zumindest bei mir die Hürde gesenkt, denn die Lektüre war schon auf Deutsch eine Qual – nicht nur wegen des Inhalts. Auf jeder Seite lernte man gefühlt ein Dutzend neue Namen und Organisationen kennen.
Nun also wieder eine Übersetzung. Thema diesmal: die Vereinten Nationen. Genauer: die 17 Nachhaltigkeitsziele, „Unsere gemeinsame Agenda“ (Bericht von Generalsekretär António Guterres, 2021) und der „Zukunftspakt“ von 2024. Auch Jacob Nordangård, ein schwedischer Wissenschaftler, kommt nicht ohne ein ganzes Bündel an Namen und Organisationen aus. Das ist wichtig, wenn man wissen will, wie die Welt der Macht funktioniert. Das Buch ist auch besser lesbar als Webb. Weitaus besser sogar. Dies mag auch an der Aufbereitung liegen. Das Buch ist unterteilt in Häppchen, die es einem eigentlich erlauben würden, es in verdaubaren Portionen über mehrere Tage verteilt zu lesen. Mir ist das nicht gelungen. Ich habe es verschlungen. Das Buch ist ein Krimi über den Krimi, den man live und in Farbe in der Realität beobachten kann, wenn man nur die Augen aufmacht und hinter das Empörungsmanagement blickt.
Die Lektüre ermöglicht es einem, mit anderen Augen zu sehen und mit anderen Ohren zu hören. Nordengård übersetzt, was in der Agenda der Mächtigen mit schönen Worten getarnt wird. Es geht natürlich nicht um die 99 Prozent der Menschen auf diesem Planeten. Es geht darum, diese zu kontrollieren. Die Kontrolle ausüben sollen die Reichen und Mächtigen mit ihren Stiftungen – in orwellscher Umkehrung „Philanthropen“ genannt. Wie dies gelingen soll, wird im Buch anhand miteinander verwobener Agenden auf internationaler Ebene beschrieben. Es verdeutlicht noch einmal, wie kritisch man die UN sehen muss.
Nordengård fragt, wie wir in diesem schlechten Science-Fiction-Film gelandet sind und ob es nicht an der Zeit wäre,
den Kurs zu ändern und eine Zukunft zu errichten, die wir wirklich wollen. Eine menschliche Welt, die für das Leben eintritt, anstatt eine technokratische und transhumane Robotokratie errichten zu wollen, in der „Krieg Frieden ist“. (Seite 89)
Es sind immer wieder die gleichen Akteure, die meinen, bestimmen zu können, was wir wollen sollen: UN-Institutionen, die Rockefeller-Foundation, die Bill & Melinda Gates Foundation, Open Society, WEF, Club of Rome und viele, viele mehr. Was wir täglich an Vorschlägen erleben und wohin wir genudget werden sollen, dient dazu,
Akzeptanz für eine neue Infrastruktur zu schaffen, bei der alles miteinander verbunden, ist, sodass sich die Nachhaltigkeitsbilanz sämtlicher Menschen erfassen lässt. Ein digitales Weltgehirn, das alles und jeden analysiert und überwacht. Natürlich zum Wohle der Allgemeinheit. (Seite 135) Das Ziel besteht darin, wirklich alles zu überwachen, um jedes erdenkliche Kohlendioxid-Leck zu finden. Dazu gehören Landwirtschaft, Gebäude, Forstwirtschaft, Landnutzung, Herstellung, Bergbau, Energieverbrauch sowie Produktion, Transport und Abfallwirtschaft. (Seite 87)
Die Agenda globaler Gemeingüter, in der alles tokenisiert, also verwertbar gemacht werden soll, geht denklogisch noch weiter. Um diese Agenda durchzusetzen, soll ein „digitales Weltgehirn“ entstehen, das es ermöglicht, sämtliche menschlichen Aktivitäten zu regulieren und zu kontrollieren, damit sie sich innerhalb des Konzepts der planetaren Grenzen abspielen (das zu hinterfragen wäre, Seite 125). Man bedient sich einer Verhaltenswissenschaft, bei der man dringend fragen müsste, wie demokratisch ihr Einsatz eigentlich ist bzw. ob nicht bereits in diesem Stadium Demokratie sabotiert wird, weil so freie und informierte Entscheidungen unmöglich werden.
Besonders perfide ist dabei, dass Menschen dazu gebracht werden, sich für antidemokratische Ziele und Interessen von Oligarchen einzusetzen und dabei zu glauben, sich für hehre Ziele zu engagieren. Als ehemaliger Klimaaktivist sehe ich das und auch mein früheres Ich sehr kritisch. Nordengård hält es nicht für abwegig, dass man den Ruf nach einer Weltregierung (erfunden und befeuert von oben) als Graswurzelbewegung deklariert und die „düstere Entwicklung zu einer technokratischen Diktatur uns selbst in die Schuhe“ schiebt.
Dabei wäre es für Aktivisten leicht zu erkennen, mit wem man da gemeinsame Sache macht. Als ein Beispiel nennt Nordengård den Bericht „Shaping the Future of Global Food Systems: A Scenarios Analysis“ des Weltwirtschaftsforums aus dem Jahr 2016. Als Partner werden dort Konzerne wie „Coca Cola, Pepsi, Bayer, Syngenta, Monsanto, DuPont, Unilever, Nestlé und Cargill“ genannt (Seite 57). Diese Konzerne wollen also entscheiden, was gute Ernährung für uns bedeutet. Ganz so, wie „Philanthropen“, Pharmakonzerne und ihre Oligarchen in der Coronakrise natürlich nicht an Profit interessiert waren, sondern an unserer Gesundheit.
Ein weiteres Schmankerl im Buch, das man im Bereich der Gegenöffentlichkeit eher selten zu lesen bekommt: Kritik an den BRICS und ihrer Einbettung in das System. Zwar weist der Autor darauf hin, dass weitreichende Vorschläge nicht in den UN-Zukunftspakt von 2024 aufgenommen wurden, weil Großmächte wie China und Russland sie ablehnten, erinnert aber zugleich daran, dass die namensgebenden Staaten (Russland durch Putins Unterschrift) noch beim BRICS-Gipfel 2022 in China „erneut ihre anhaltende Treue zu den G20, dem Pariser Abkommen und der Agenda 2030“ bekundet haben. Man könnte das so lesen, dass man sich zwar nicht allzu sehr in die nationale Souveränität hineinregieren lassen möchte, aber im Grunde alles mitmacht und dabei nur sichergehen will, „in der aufkommenden neuen Weltordnung mit ihrem digitalen Weltgehirn als ebenbürtige Partner vertreten“ zu sein (Seite 159).
Auch wenn sich der Autor fest überzeugt zeigt, dass die Menschheit angesichts der Bedrohung zusammenkommen wird, um die Mächte, die sie bedrohen zu überwinden, lautet sein Fazit:
Dies ist ein Notfall, aber nicht für den Planeten, sondern für die Menschheit.“
Jacob Nordengård: Die digitale Weltkontrolle. Die UN-Agenda, der Zukunftspakt und die Abgabe unserer Freiheit. Etica Media 2026, 304 Seiten, 25 Euro.

Jürgen Müller ist ein Rechtsanwalt aus München, der vor 2020 Zehntausende für gutes Essen und für das Klima mobilisiert hat und sich heute wundert, dass seine Mitstreiter von einst jetzt bei den Konzernen stehen und nicht da, wo es um freie Entscheidungen geht, gegen Lagerbildung und gegen den Krieg. Er betreibt den Blog Indikativ jetzt und hat den Kompaktkurs Journalismus an der Freien Medienakademie besucht.
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