Mit diesem Datum hat für viele Menschen eine neue Medienwelt begonnen. Nicht unbedingt an diesem Datum – für einige schon kurz danach, für andere etwas oder auch Jahre später. Der 11. September 2001 war das Ur-Ereignis des 21. Jahrhunderts. Der Beginn des „Kriegs gegen den Terror“, der Erzählung von der „Achse des Bösen“ gegen die USA und letztlich gegen die ganze westliche Hemisphäre. Wer damals zweifelte und etwa die Telepolis-Serie von Mathias Bröckers von Anfang an verfolgte, deren erste Folge am 13. September 2001 erschien, der war als unkritischer Rezipient des Medien-Mainstreams verloren. Bis heute sind die Serie und die darauffolgenden Bücher zum Thema von Bröckers ein guter Einstieg ins Thema. Eine erste Übersicht gibt er auf seiner Website.
Am Medien-Tresen wollen wir heute, ein Vierteljahrhundert nach dieser Ur-Verschwörung des 21. Jahrhunderts, auf die Nachwirkung für die Medien schauen. Es geht um die Bedeutung des Ereignisses für den Zweifel sowie um die Herausbildung von alternativen, oppositionellen, neuen Medien. Das Geschehen vor 25 Jahren hat dabei seine ungeheure Wucht zum einen aufgrund der Ungeheuerlichkeit und der vielen Toten, zum anderen aber (und natürlich damit verbunden) von den Bildern und der Live-Berichterstattung bezogen. Das geschah alles vor der großen Medienrevolution, vor den Smartphones und Social Media, als das Fernsehen an diesem Mittwochnachmittag in Deutschland durchweg auf Sondersendungen umschaltete und dem Publikum eine gemeinsame Medienerfahrung bot, wie sie heute abseits großer Sportereignisse kaum noch möglich erscheint. Seitdem erzählen die Mainstream-Medien im Großen und Ganzen die offizielle Verschwörungstheorie nach. Der Focus beispielsweise hat in dieser Woche den 11. September auf dem Titel gehoben. Im Heft heißt es dann:
Am Morgen des 11. September 2001 entführten 19 Attentäter der islamistischen Terrorgruppe al-Qaida vier Passagierflugzeuge in den USA und steuerten sie als riesige Bomben. Zwei trafen die beiden Türme des World Trade Center in New York. Ein Jet krachte ins Verteidigungsministerium, das Pentagon in Washington. Die vierte Maschine, die wohl das Kapitol in der Hauptstadt hätte treffen sollen, stürzte auf ein Feld bei Shanksville, Pennsylvania – nachdem Passagiere versucht hatten, den Entführern die Kontrolle über das Cockpit zu entreißen.
Kein Zweifel erlaubt, so muss es gewesen sein. Sagen doch alle. Im Mainstream. Wer aber nur ein wenig in der kritischen Literatur geblättert hat, der kann nur den Kopf schütteln. Darüber, dass der Focus seine Leser mit dieser Darstellung abspeist – und viele Leser sich immer noch damit abspeisen lassen. Wobei die offizielle Version für beide Seiten die einfachste ist. Für die Journalisten, weil sie nicht in Verruf kommen, Verschwörungstheoretiker zu sein. Dieses Label gibt es schließlich immer nur dann, wenn man sich gegen offizielle Versionen wendet, egal wie sehr diese selbst wie die Theorie einer Verschwörung klingen. Auch für die Rezipienten im Mainstream ist diese Lesart die bequemste, denn ihr Weltbild wird nicht erschüttert. Wir kommen gleich darauf zurück und auch darauf, dass dies für andere Themen genauso gilt.
Zunächst kurz dazu, warum ich die Darstellung mit Mathias Bröckers und seinem vor fünf Jahren erschienen Buch „Mythos 9/11“ als einen ebensolchen bezeichnen würde. Einen Mythos. Nur ein Ausschnitt aus Bröckers Buch, den ich der aktuellen Ausgabe des Magazins Hintergrund entnommen habe:
Dass der arabische Agent mit dem CIA-Namen Tim Osman, der 1986 in den USA Stinger-Raketen eingekauft, Schulungen erhalten hatte und später als ‚Osama bin Laden‘ bekannt wurde, als Haupttäter die Angriffe aus einer Höhle in Afghanistan organisiert und gesteuert hat – diese schrecklich-schaurige Geschichte entspricht zwar der offiziellen Legende und dem Abschlussbericht der Untersuchungskommission (dem 9/11 Report), hat aber mit den Tatsachen wenig zu tun. Kein Gericht der Welt hätte die zentrale Aussage zur Täterschaft Osama bin Ladens und der 19 ‚Hijacker‘, die von dem in Guantánamo einsitzenden Kronzeugen Khalid Scheich Mohamed (KSM) in 182 Foltersitzungen durch Waterboarding gewonnen wurde, als beweiskräftig akzeptiert.
Der offizielle Report ist so lückenhaft, dass schon deshalb Zweifel angemeldet sind. Und natürlich die Frage im Raum steht, wie es denn sonst gewesen sein könnte. Auch dafür gibt es in der Literatur und im Internet unzählige Versionen, die wir hier an dieser Stelle nicht nacherzählen wollen. Denn es geht um die Nachwirkung des Ereignisses und seiner offiziellen Version sowie die Rolle der Journalisten. Nur wenige sind ihrer Aufgabe nachgekommen und haben wie Mathias Bröckers nachgefragt. Paul Schreyer ist einer von ihnen. Er hat Bücher und andere Texte zum Thema veröffentlicht und vor zehn Jahren zusammengefasst, was seiner Ansicht nach ungeklärt war (und letztlich bis heute ist) und warum eine neue Aufklärung dringend geboten wäre. Schreyer zitiert dabei gleich zu Beginn einen Zeit-Journalisten, der im Gespräch mit ihm gesagt habe, eine offene Debatte, in der unterschiedliche Sichtweisen zum 11. September zur Sprache kämen, würde „unsere Leser verunsichern“.
Bild: Gedenkstätte in New York (Foto von 2012: NormanB, CC BY-SA 3.0)
Das Prinzip ist deutlich: Parallel zur Zementierung eines Dogmas, das natürlich nicht als solches benannt wird, werden dann letztlich alle Vertreter alternativer Sichtweisen aus dem Diskurs ausgeschlossen und für verrückt erklärt. Auch die, die einfach nur Fragen stellen. Das geht besonders gut, wenn man noch auf abwegige Positionen im scheinbar einheitlichen „Lager“ der Zweifler verweisen kann, wie die, dass gar keine Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers geflogen und diese durch eine Atombombe gesprengt worden seien.
In der Rückschau auf den 11. September 2001 können wir die Mechanismen erkennen, die auch bei den anderen großen Themen der Gegenwart wirken. Beim Blick auf die Ereignisse vor 25 Jahren und ihre Nachwirkung erkennen wir die Zementierung der Positionen von Mainstream und Gegenöffentlichkeit deutlich. Das gleiche geschah bei Corona oder beim Ukraine-Krieg. Damals entstanden in den Blogs und Internetforen viele neue kleine Gegenöffentlichkeiten, es wurden abweichende Bücher publiziert und die erste Ausgabe des bereits erwähnten Magazins Hintergrund hatte im Herbst 2008 den Zweifel an der offiziellen Darstellung als Titelthema.
Wer von der offiziellen Darstellung abweicht, der wird in die Ecke der Schwurbler gestellt. Und wenn dann angesichts neuer Daten (oder auch des Fehlens von Aufklärung) weitere Zweifel kommen, wird denen nicht nachgegangen. Denn die Zweifel könnten das Publikum verunsichern. Eine Serie, wie sie Bröckers zunächst bei Telepolis schrieb, würde heute Legionen von Faktencheckern und Zensoren auf den Plan rufen. Und im Nachhinein hat sie das letztlich auch, denn im Zuge der Archivbereinigung von Telepolis sind Bröckers Texte zwar nicht ganz verschwunden, aber nicht mehr leicht auffindbar. Was im Übrigen wieder eine ganz eigene Ironie der Geschichte ist.
Bröckers schrieb seine Serie schon damals auf Basis des Internets. Als er dies für das Buch offenlegte und auf Bitten seines Verlegers den damals noch weitgehend unkundigen Lesern in einer Art Vor-Vorwort erklärte, was denn eine Suchmaschine sei, gab es einen „Sturm wüster Diffamierungen“. Der Holz-Journalismus, so Bröckers in einem Text im aktuellen Hintergrund-Magazin, habe das WWW als „Drohkulisse für die garantierte Unseriosität gefährlicher Desinformation“ verkauft. Was damals für das ganze Internet galt, gilt aus Sicht des Mainstreams heute für die alternativen, oppositionellen, neuen Medien. Ganz so viel verändert hat sich also nicht. Der 11. September 2001 und seine Nachwirkungen sind heute weiterhin zu spüren. In den Medien und anderswo.
Helge Buttkereit ist Historiker, freier Journalist und derzeit in der Öffentlichkeitsarbeit tätig.
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