Es geschah aber zu der Zeit, als die Grundsteuerreform durchgezogen wurde, dass ich mein Gartenland abbezahlt hatte. Nur noch ich im Grundbuch. Alles meins. Mein Stück Deutschland. Mein Grünland. Alles darüber. Alles darunter.
Na ja, das war nicht immer so. Beim Anflug alliierter Bomberverbände hatte 1945 eine ausgeklinkte Restbombe die damalige Laube weggeputzt. Und genau da ist meine Laube jetzt wieder. Was aber, wenn der Russe mit seinem Panzer den Gartenweg langfährt. Soll ja schon vorgekommen sein. Oder der Chinamann über den Zaun guckt? Oder der Islam. Deutschland gehört ja zum Islam. Und wenn der mich sieht, wie ich vor meiner Laube auf dem Bierkasten sitze. Mit einem Schlehenlikörchen …
Ja, ich dachte an Deutschland in der Nacht / und stocherte in der Asche. / Doch wer geglaubt hat, ich hätte geweint, / der lügt sich was in die Tasche. (Wolf Biermann, Kaminfeuerlied, zur Wendezeit)
Zunächst war ich antideutsch erzogen worden. Und erzog mich selber so. Zurückgeblieben, barbarisch, kreuzgefährlich, das war der Deutsche im Unterschied zu aller Menschheit. Seit dem 12. Jahrhundert mit dem Deutschen Orden. Den Ostlandrittern. Die ewigen Revanchisten. Was, Berliner Kinder haben aufgrund des Versailler Vertrages gehungert? Ihre Väter hätten ja nicht mit Blume im Gewehrlauf gegen die französischen und russischen Klassengenossen ziehen brauchen. Rosa Luxemburg hatte es ihnen gesagt. Oder: dass da deutsche Ostgebiete weg seien, gut so. Die waren den Slaven ohnehin nur von uns gemaust worden. Und: geschieht den Umsiedlern doch ganz recht. Sie hätten ja diesen Hitler nicht wählen müssen. Thälmann gab es ja auch, und der hatte jeden rechtzeitig gewarnt.
Um Kleinbürger zu erschrecken, und um den SED-Funktionären etwaige Schwachheiten in der nationalen Frage vorzuwerfen, war das so zu sagen super. Vor allem war ich antideutsch gestimmt sicher, in meiner Seele nicht anfällig für Faschismus zu sein. Durchgängig interessierte ich mich deshalb für das Leid des jüdischen Volkes. Ich bezog es auf mich. Böse waren in meinem Nicht-Geschichtsbild: der Alte Fritz, Hitler und Helmut Schmidt. Liebe Deutsche? Gab es nicht. Na, vielleicht die britischen Inselbewohner Marx und Engels. Es gab die lieben Befreier und die bösen Befreier. Die lieben waren gottlob bei uns und die bösen waren im Westen Besatzer. Und der Westen war voll von Hitlerleuten und KZ-Baumeistern. Die waren im Westen. Ich war in der friedliebenden DDR, dem besseren Deutschland. Geschützt vom antifaschistischen Schutzwall. Die nationale Frage konnte nur gelöst werden, wenn sie auch den Klassenantagonismus beseitigt, wie bei uns. Mit dem Sieg der Arbeiterklasse verschwindet die nationale Frage. Und damit auch die Nation selbst. Lautete es.
Bild: Polnische Wandmalerei in Oberschlesien 2025. Ostlandritter. Links: gen Osten aufgenommen. Rechts: Richtung Westen fotografiert.
Dann kam ich aber dahinter, dass Vaterlandsverachtung auf tönernen Füßen daherkommt. Pariser Kommune und/oder Gründung des Deutschen Reiches nebenan in Versailles?? Die Internationale erkämpft das Menschenrecht. Oder schließen sich Internationale und Menschenrecht gegenseitig aus? Die III. Internationale war rechtlich nicht überzeugend. Als Internationalist durfte ich nicht reisen, bis ich 65 Jahre alt würde. Mein Antideutsches hatte ich ja angeeignet anhand der unglaublichen Heldengeschichten von Antifaschisten kommunistischen Anstrichs. Ich kam aber dahinter, dass dieser besagte antifaschistische Heldenmut deutscher Kommunisten von Stalins Gnaden vielleicht doch nicht so zielführend war. Dass die Clara Zetkin als Alterspräsidentin des Reichstages 1932 dabei den ersten Rätekongress Sowjetdeutschlands zu eröffnen sich und anderen ansagte, schien mir zunehmend abwegig. Voll verpeilt. Geradezu fatal angesichts der Frage, die sich für Deutschland tatsächlich stellte.
Und so war mir dann auch nach dem Beitritt die auf monolithischer Schuldmystik aufgebaute Staatsraison der BRD suspekt. Was sollten die im Grundgesetz mir verbrieften Rechte, wenn ich für was büßen sollte, wozu ich echt nicht konnte? War nun Rassismus gebannt oder galt er, mit umgekehrtem Vorzeichen, für mich als Deutschen mit weiter? War ich im schönsten aller Deutschländer ein für alle Mal angekommen, oder war was faul im Staate Dänemark? War das ein freies Land in einer freien EU und NATO, wie es tönte, oder war wieder mal an Souveränität nicht zu denken? Geschweige an Volkssouveränität. Die Liste der angewandten Instrumente, Deutsches unmöglich zu machen, ist lang. So lang, dass sie hier nicht her passt.
Der ehemalige Stasi-Provokateur und spätere antideutsche Eiferer K.M. schwadronierte, Deutschland habe zwei Weltkriege begonnen und verloren. Und ich nahm mir daraufhin 30 Jahre Zeit mich zu fragen, ist das so.
War Preußen das Allerletzte auf der Welt, angeraten zum politischen Schuheputzen, oder war da eine nennenswerte geschichtliche Gestaltungs-Kraft? Waren es die zurückgebliebenen ostelbischen Junker, die Hitler erst möglich gemacht hatten? Und ist Ostelbien heute deshalb in Teilen menschengemacht völkerrechtswidrig gesichert rechtsextrem? Der heutige Osten, eine Beleidigung für jeden anständigen Deutschen?
Bild: Reichstag. Die drei unglaublichen Worte. Auf dem Schild darüber etwas flau der preußische Adler?
Mein Garten liegt also in Preußen. Ich bin Preuße. Und bekomme das in Bayern auch gesagt. Und kann damit was anfangen. Die Hauptstadt des zerschlagenen Preußen ist die Hauptstadt der BRD. Die deutsche Hauptstadt? Reichstagsgebäude. „Dem deutschen Volke“ steht über dem Portal des Reichstages. Der Spruch hat überdauert. Den gelegten Reichstagsbrand 1933, die Ruinenbesteigung mit der roten Fahne 1945. Dem deutschen Volke. Was bedeutet der Spruch eigentlich? Ich glaube meinen Augen nicht und würde gerne zwischen den Zeilen lesen. So, wie der Spruch da steht, kann er nimmer gemeint sein. War die repräsentierte nationale Macht je durch das Volk oder für das Volk? Noch dazu das deutsche Volk. Dürfen die Volksvertreter überhaupt Volk sagen? Irre ich mich, in dem Gebäude wird es doch allen anderen besorgt, als dem deutschen Volke. Da steht doch: Nichts für Deutschland. So heißt das. Und wer öffentlich das Gegenteil sagt, wird wegen Volksverhetzung angezeigt.

Hambacher Schloss am Morgen. 1832 trugen Burschenschaftler die Fahne schwarz-rot-gold auf den Berg. Sie sollen auch eine polnische dabeigehabt haben. Im Bauernkrieg hatten Bauern des Nußdorfer Haufens das Schloss geknackt. Waren in den Weinkeller rein. Haben das übergroße Weinfass aufgehackt. Einige sollen im guten Tropfen das Zeitliche gesegnet haben. (Beulen am Helm des Revolutionärs stammen nicht alle vom Klassenfeind, las ich sinngemäß bei Jürgen Kuczynski.)
Ich habe mal ein Buch gelesen. Deutsche Geschichte des XIX. und XX. Jahrhunderts. Von Golo Mann. Augenöffnend. Gleich zu Beginn klärt er, welchen permanenten und epocheübergreifenden Besonderheiten Deutschland unterworfen ist. Wie es über Jahrhunderte zu einer Nord-Süd-Spaltung und einer Ost-West-Spaltung kam. Warum somit auch die Grenze nach Westen hin als ausgemacht gelten darf, und warum „Polen offen“ ist. Warum der Ostraum für Deutschland irgendwie eine Verlockung darstellt. Diese Grundlagen führt Golo Mann als Triebfedern deutscher Geschichte aus. Wenn ich recht las. Ich setzte dies in meinem Nachdenken fort: Wenn das so ist, wenn die deutsche Einheit vielleicht eine Spaltung bleibt … Was ist dran, dass die Herrschenden in der BRD den Schein aufrecht zu erhalten versuchen, eine nationale Frage sei in Deutschland seit 1990 gelöst?
Vielleicht ist ja auch der erste Weltkrieg schon nach Ost und West unterschiedlich und mit vollends unterschiedlichem Ergebnis geführt worden. Und dann erst der zweite Weltkrieg. Und wie teilend war die Besatzung seit 1945, die für die Alt-BRD ja noch nicht mal beendet ist. … Wie war das mit der Entsendung von Lenin im Frühjahr 1917 nach St. Petersburg wunschgemäß für das kaiserlich-deutsche Oberkommando? Vertrag Brest-Litowsk, Vertrag Hitler/Stalin … Na ja, der antinapoleonische Vertrag 1813 zwischen Russland und Preußen hatte Europa zur Gestalt verholfen. Die vertraglichen Machenschaften des Deutschen Reiches gegenüber Westeuropa und gegenüber dem Osten, wie unterschiedlich war das denn? Was soll das mit der Verausgabung meiner Steuern und Inflationszuschläge im Ostkrieg? Was da abfließt, kann ich mit meiner Parzelle nie und nimmer erdengeln. Es ist finanziell, als wäre wieder eine alliierte Restbombe über meinem Garten ausgeklinkt.
Eins nicht ohne das andere. An die nationale Frage ist seit den Befreiungskriegen, dann 1848/49 und wieder anders 1870/71 immer die Frage der Verfasstheit Deutschlands, des Staatsgebildes gebunden gewesen. Mithin auch die Frage einer mehr oder weniger passenden Staatlichkeit, Demokratie oder gar Freiheitlichkeit. Mal traut versöhnlich, mal sich gegenseitig ausschließend. Barocker Absolutismus ist unter günstigen Voraussetzungen vielleicht in der Lage, ein Land als Nation hervorzubringen, zum Beispiel Frankreich. Übertriebene Monarchie behindert aber genau die nationalen Entwicklungskräfte, die eigentlich freigelegt wurden. Nationale Herrschaft verplempert sich womöglich im Krieg. Ja, andere niedermachender Nationalismus ist ekelhaft. In Deutschland und anderswo. Und eilfertiger Verzicht auf selber Nationsein auch.
Tacheles, Berlin, 1985. Ich begann deutsche Geschichte für voll zu nehmen. Wie sie ist, wie sie war, wie sie wird.
Ich darf, antideutsch vorverzogen, nicht weiter so tun, als könne ich deutsche Geschichte nur nach den Vorgaben der liberalen Kräfte verstehen. Bloß weil ich selber gerne liberal durchkommen und auch so behandelt werden möchte. Alle Menschen sind gleich. Ihwo. Kein Ort, nirgends. Alle haben die gleichen Rechte – gar nicht. Nicht seit Menschengedenken. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker gilt – nicht. Nein. Die Nationenbildung wird seit den Befreiungskriegen gegen Napoleon über Staatlichkeit, Verfassung, Wohlfahrt, allgemeine Besteuerung und Wehrpflicht, Interessendurchsetzung gegenüber den anderen Großmächten intern und außenpolitisch beäugt und ausgezankt. Die Revolution von 1848 wurde niedergeschlagen. Heißt es. Aber sie gärt in all ihren Aufgabenstellungen fort. Mit den gleichen politisch gegeneinander tendierenden Akteuren.
Deutsche Geschichte braucht von mir aus nicht als gesamtdeutsche aufgeschrieben zu werden, allenfalls als wechselseitige Verweisung. Zwischen Außen und Innen, zwischen Ost und West. Seit Luther. Wenn verstanden ist, wer der Souverän ist, wie das Land verfasst ist, wird die nationale Frage und die Frage der Freiheitlichkeit resp. der Demokratie als zusammengehörig erkennbar. Denn: ohne ein gewisses selbstbestimmtes Mittun des Bürgers als Staatsbürger wird das mit der Nation nichts. Und das jetzige pseudodeutsche Gebilde ist ein Krepel. Ein Siechtum. Sowas wie eine Parallelgesellschaft. Eine Strafe.
[Da bin ich wohl zu einem begrifflichen Tetralemma gelangt: Bin ich in der BRD oder in Deutschland; bin ich in beidem oder in nichts davon? Kommt ein Fremder ins Land, kommt er ins Land wegen der BRD oder wegen Deutschland; oder beidem oder nichts davon?]
Vom Grundgesetz ist ja für mein Gärtnerdasein viel versprochen, wo dem Staat mir gegenüber Respekt abverlangt würde. Richtig beseelt bin ich aber für mich und Deutschland mit der Präambel, … als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben. Großartiges Versprechen. Kann das wahr sein, kann das wahr werden? Großes Paar Schuhe, für das deutsche Volk, sich solch eine Verfasstheit zu geben. Dem deutschen Volke. So könnte Deutschland Garten schuldenfrei, denke ich.
Meine antideutsche Erziehung war also nach hinten losgegangen. Ich bin stolz, aus eigenem Verstand kein Antideutscher zu sein. Und um so deutlicher fallen mir die Schelme in der politischen Klasse auf, die heimlich oder unheimlich antideutsche Politik betreiben. Sie wissen aus Volksbefragungen, dass man sie im Inland nicht gerne hat. Um so mehr rühren sie die Kriegstrommel. Scharnhorst hätte davon abgeraten.
Königsberg. Gehört Königsberg zu Deutschland? Ist Preußen für das Verstehen Deutschlands nötig? Kant. Gehört Immanuel Kant, der preußische, deutsche Königsberger zu Deutschland? Seine vier Fragen. Darf ich seine Fragen von meinem Garten aus auf Deutschland anwenden?
Ich kann wissen, Deutschland ist schön. Vielleicht ist es nicht tot, sondern schläft nur unter der Verkrustung namens BRD.
Deutschland richtig gern haben. Und dabei auf dem Teppich bleiben. Besser gesagt, im Garten.
„dass ein gutes Deutschland blühe, wie ein andres gutes Land“, auf meiner Parzelle. Nicht mehr. Nicht weniger.
Wer sich seiner Existenz gewahr wird. Mit und nicht ohne oder gegen Deutschland. Frei. Frei kann hier ein Mensch sein, der im wohlverstandenen Sinne deutsch ist.
Ihr könnt die Kant‘schen Fragen sicher besser beantworten als ich. Ein Deutscher, ein guter Deutscher war mir Wolfgang Neuss, der vor dem Mauerfall starb. Von dem habe ich den Spruch, der jedem Kleingarten zu hoffen gibt:
Auf deutschem Boden soll nie wieder ein Joint ausgehen.
Auf seiner Parzelle tut Hans der Kleingärtner so, als wäre die schon Deutschland. Er fährt mit deutscher Geschichte Schlitten. Als wie mit seiner eigenen.