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Kommentar | 30.07.2026
Der Wind und sein Pionier
Eine Glosse zum 75. Geburtstag von Johannes Lackmann, der von Paderborn auszog, um mit „erneuerbaren Energien“ Geld zu machen.
Text: Udo Haus
 
 

Zu den freundlicheren Gepflogenheiten der Lokalpresse gehört es, verdienten Männern zum runden Geburtstag ein Gespräch zu widmen. Das Genre hat seine festen Regeln: Der Jubilar blickt zurück, bereut wenig, mahnt die Jugend und lässt sich vor dem Schreibtisch fotografieren, an dem noch gearbeitet wird. Das meiste daran ist harmlos, und man soll es auch nicht wichtiger nehmen, als es ist. Aufschlussreich wird die Sache erst, wenn der Gefeierte mehr sagt, als das Genre von ihm verlangt.

Johannes Lackmann, Paderborner Windkraft-Pionier, ist fünfundsiebzig geworden, und er hat mehr gesagt. Er blickt, so lesen wir in der Neuen Westfälischen, auf ein „erfülltes Berufsleben“ zurück, mit vielen „politischen und kommerziellen Erfolgen“ – beides in einem Atemzug, ohne dass ihm dabei etwas auffiele. Nun ist gegen Zufriedenheit im Alter grundsätzlich nichts einzuwenden; sie war schon immer ein Vorrecht derer, für die sich die Verhältnisse gelohnt haben. Bemerkenswert ist nur die Beiläufigkeit, mit der hier zusammengeführt wird, was die politische Bildung sonst mühsam auseinanderhalten lehrt: das Mandat und die Rendite, das Gemeinwohl und das Geschäft. Andere brauchen für diese Verbindung ein Untersuchungsausschuss-Protokoll. Der Jubilar braucht einen Nebensatz.

Ein Blick auf die Daten hilft weiter, wie meistens. 1999 bis 2007 stand Lackmann an der Spitze des Bundesverbandes Erneuerbare Energie, war also oberster Lobbyist der Branche – in eben jenen Jahren, in denen das Erneuerbare-Energien-Gesetz entworfen, beschlossen und nachgebessert wurde. Er selbst nennt das rückblickend „Beratungsarbeit“ in Berlin, die der Praxis sehr geholfen habe. Das wird man nicht bestreiten wollen. Zu fragen wäre allenfalls, welcher Praxis: der Praxis der Energiewende oder der Praxis, sich zwanzig Jahre garantierter Vergütung ins Gesetzblatt schreiben zu lassen und anschließend Windparks zu betreiben, deren Geschäftsgrundlage ebendieses Gesetzblatt ist. Die ältere Sozialgeschichte kennt den Typus durchaus: den Verbandsherrn, der die Ordnung mitverfasst, in der er hernach wirtschaftet. Neu ist lediglich das Etikett. Man nannte dergleichen einmal Interessenpolitik; heute heißt es Pionierleistung.

Bildbeschreibung Bild: Johannes Lackmann 2013 bei einer Tagung zum „Energiemarktdesign“ (Foto: EnergieAgentur.NRW, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons)

Eine besondere Pointe liegt in der Klage des Pioniers über den Widerstand. „Aber egal, wo etwas Neues geplant wird, gibt es sofort eine Bürgerinitiative dagegen. Das ist gräßlich in Deutschland“, sagt der Mann, dessen Branche bekanntlich aus Bürgerinitiativen hervorgegangen ist. Wer sich an die 1970er Jahre erinnert, weiß: Am Anfang der Energiewende standen keine Kapitalfonds, sondern Leute, die sich gegen die großen Versorger und ihre Planungen zur Wehr setzten – gegen den geballten Sachverstand der Behörden und das Grässlichkeitsempfinden der damaligen Honoratioren. Aus dieser Bewegung ist eine Branche geworden, die das Wort „Bürger“ seither vor jedes zweite Substantiv setzt: Bürgerwind, Bürgerbeteiligung, Bürgerenergie. Nun nehmen die Bürger das ernst und beteiligen sich – freilich nicht als Kommanditisten, wie vorgesehen, sondern als Einwender. Der Pionier empfindet das als Zumutung. Die historische Ironie dieser Empfindung scheint ihm entgangen zu sein; sie ist gleichwohl beträchtlich.

Auch für den Naturschutz hält der Jubilar eine Lösung bereit: „Kamerasysteme, die bei Annäherung von Greifvögeln die Anlagen abschalten.“ Der Rotmilan wird also künftig gefilmt, ehe ihm etwas zustößt, und der Konflikt mit dem Naturschutzbund gilt damit als entschärft. So verfährt diese Branche mit ihren Problemen: technisch, punktuell, kameragestützt. Für das, was sich unterdessen von den Rotorblättern in die Landschaft löst, was nach Ablauf der Betriebsdauer im Boden verbleibt und wessen Rechnung die Entsorgung einmal belasten wird, ist eine Kamera bislang nicht vorgesehen. Es will dort offenbar niemand so genau hinsehen.

Bildbeschreibung Bild: Windpark Paderborn 2015 (© CEphoto, Uwe Aranas)

An Ruhestand denkt Johannes Lackmann nicht; das Rentnerdasein, sagt er, sei langweilig. Man glaubt es ihm aufs Wort, denn wer wollte stillsitzen, solange die Vergütung läuft. Den jungen Leuten gibt er mit, dass der Glaube, man könne nichts verändern, grundfalsch sei. Der Satz ist richtig, und niemand hat ihn gründlicher bewiesen als Lackmann selbst: Verändern lässt sich in diesem Lande sehr viel – Gesetze etwa, Vergütungssätze, Planungsrecht –, sofern man weiß, in welchem Berliner Flur die Veränderung verhandelt wird. Die Leute in Wadersloh und anderswo, die im Gemeindeausschuss erfahren, dass über ihre Landschaft längst andernorts entschieden worden ist, lernen dieselbe Lektion gegenwärtig von der anderen Seite. Auch das gehört zur politischen Bildung, wenngleich es in keinem Lehrplan steht.

Der Wind, so hieß es einmal, gehört allen. Das war der emanzipatorische Gedanke, mit dem die Geschichte anfing, und er war nicht der schlechteste. Ein halbes Jahrhundert später gehört der Wind einer überschaubaren Zahl von Gesellschaften mit beschränkter Haftung, aus luftigen Erträgen sind, genau besehen, windige Profite geworden, und der Pionier feiert Geburtstag. Wir gratulieren, wie es sich gehört. Vorzuwerfen ist ihm im Grunde nichts. Er hat das System, von dem er lebt, ja nur mitgeschrieben.

Udo Haus hat mehrere Kurse an der Freien Medienakademie besucht.

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Bildquellen: Landschaftsschutzgebiet „Offene Kulturlandschaft“ am Rosenberg, Bad Lippspringe, Kreis Paderborn 2016 (Titelfoto: Tsungam, CC BY-SA 4.0)