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Kommentar | 23.09.2026
Der Wähler stört
Was muss passieren, damit ein Wahlergebnis bei der CDU wieder als Nachricht ankommt? Merz rettet sich ins Weiter so. Was der Bürger will, zählt nicht.
Text: Bastian Alexander Werner
 
 

Friedrich Merz hat nach einer Serie verlorener Wahlen eine bemerkenswerte Lehre gezogen: keine. Der Kurs bleibt, egal, was meine Wähler sagen. „Reformkanzler“ hätten es eben immer schwer. Als Parteivorsitzender und Kanzler macht er unverändert weiter. Wer so redet, behandelt den Wähler als Störgeräusch, und das wiegt schwerer als jedes einzelne verlorene Prozent.

Dabei haben die Wähler nicht leise gemurrt, sie haben abgeräumt. In Sachsen-Anhalt verlor die Union 19,9 Punkte, in Berlin 9,4, in Mecklenburg-Vorpommern landete sie bei 4,9 Prozent. Oder, um es im Stil von Friedrich Merz zu sagen: 95,1 Prozent haben die Union nicht gewählt. Zum ersten Mal scheitert die CDU damit bei einer Wahl an der Fünf-Prozent-Hürde, die jahrzehntelang eine Sorge der anderen war. Die Arbeit von Friedrich Merz bewerten im ARD-Deutschlandtrend 13 Prozent als gut. Die Union wählen würden bundesweit laut Sonntagsfrage 21 Prozent, mit der Bundesregierung unzufrieden sind 84 Prozent. Das sind keine Umfragewackler, das ist ein Befund.

Inhaltlich fällt das Urteil genauso klar aus. Bei den geplanten Sozialreformen wollen 59 Prozent Korrekturen, weitere 22 Prozent den kompletten Verzicht. Vier von fünf Bürgern wünschen sich also, dass diese Pläne geändert werden oder ganz verschwinden. Die Antwort des Kanzlers, gesprochen noch vor dem amtlichen Endergebnis in Berlin und MV: Die Reformen müssen kommen. Pikant wird das, weil derselbe Friedrich Merz 2024 ein Wort für die damals Regierenden hatte, die sich über Wahlergebnisse hinwegsetzten: Er nannte das respektlos.

Statt die Botschaft zu hören, zweifelt man inzwischen den Boten an. Der Regierungssprecher fragt, wie seriös solche Umfragen überhaupt zustande kämen, die Institute hätten womöglich gar nicht die nötigen Ressourcen. Nur wird man das Fieber nicht los, indem man das Thermometer beschuldigt. Gewiss, Umfragen sind Momentaufnahmen, unscharf und schnell veraltet. Am Ende stehen hier aber nicht die Institute, sondern ausgezählte Stimmen. Und wo gefragt wurde, ist die Antwort unbequem eindeutig: In Sachsen-Anhalt sagten 59 Prozent, die Bundesregierung habe bei dieser Wahl einen Denkzettel verdient. Die Bundespolitik saß mit in der Wahlkabine, ob sie wollte oder nicht.

Erst das Land, dann die Partei, dann die Person – so lautet der Anspruch, den die Union gern vor sich herträgt. Bei Friedrich Merz liest sich die Reihenfolge zurzeit von hinten. Sinngemäß: Gerne darf das Volk bei der Wahl entscheiden, was es will. Aber was passiert, entscheide immer noch ich.

Bastian Alexander Werner hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

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Bildquellen: ZDF heute, Screenshot aus der Rede zur Prognose nach der Wahl in MV und Berlin