In ihrem Debütroman mit dem langen Titel Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt erzählt Jegana Dschabbarowa über ihr Leben in der aserbaidschanischen Diaspora in Russland und orientiert sich dabei an Körperteilen. Sie beginnt mit den Augenbrauen, die nicht gezupft werden dürfen: Allah erlaubte es nicht, denn sie war unverheiratet. Ihre Augenbrauen wucherten, während die erwachsenen Frauen sich gegenseitig mit seidenem Faden die Augenbrauen zupften. Sie wünschte sich sehnlichst, auch ihre Augenbrauen zupfen zu können, konnte aber mit niemandem darüber reden, weil ihr Wunsch gleich weitergetragen worden wäre. Sie beneidete die jungen Frauen, die über ihren Körper selbst verfügen konnten.
Sie hatte dunkle braune Augen, während viele ihrer Klassenkameradinnen blaue oder grüne Augen besaßen. Ein blaues Auge mit schwarzer Pupille galt in Aserbaidschan als Auge des Satans und hing über den Eingangstüren, um vor bösen Blicken geschützt zu sein. Mit bösen Blicken, egal ob braun oder blau, erklärte man jedes Unglück.
In der Welt, in der ich aufgewachsen bin, war jeder noch so kleine Winkel von Blicken durchbohrt. Augen gegen böse Blicke, Nachbarsaugen, Augen von Verwandten, von Passanten, von gewissenlosen Männern, traurige Frauenaugen – nichts blieb unbemerkt.
Bild: Junge Frau 2014 in Nationaltracht (Foto: Urek Meniashvili, CC BY-SA 3.0)
Sie sah schlecht und musste eine Brille tragen, wofür sie in der Schule gehänselt wurde. Bei Hochzeitsfeiern wurde die Brille gegen Kontaktlinsen ausgetauscht, denn das war die Gelegenheit, die Töchter zu präsentieren. Sie wurden herausgeputzt, denn irgendwann sollten sie vermählt werden.
Ihre Mutter hatte sich einen Sohn gewünscht.
Töchter waren nur vorübergehende Bewohnerinnen ihres Hauses, sie wurden für andere Familien großgezogen – für die Familien der künftigen Ehemänner.
Nach der Hochzeit, bei der die Frau Jungfrau sein musste, folgten bald die Kinder. Eine Frau widerspricht nicht und spricht schon gar nicht über ihre Träume und Wünsche. Als sie begann, Gedichte zu schreiben, war das der Mutter suspekt:
Wozu machst du solchen Unsinn?
Die Hände der Frauen waren immer beschäftigt, mit Kochen, Putzen, Waschen, Bügeln – es gab ihnen ein Gefühl der Kontrolle, als wären sie in der Lage, doch über ihr Leben zu bestimmen.
Jede Frau in unserer Familie wusste, dass die Hände ihr nicht zum Schreiben gegeben waren.
Die Hände des Vaters richteten sich jedoch gegen die Mutter. Er war Alkoholiker und jähzornig und schlug seine Frau häufig. Die Kinder mussten dabei zuschauen. Am nächsten Tag kam die Reue und er beschenkte die Kinder mit Süßigkeiten:
Es war, als wollte er unser Schweigen erkaufen, Mutters blaue Flecken gegen Süßigkeiten tauschen.
Die Frauen in ihrem Kulturkreis konnten nicht frei über ihren Körper verfügen und mussten sich gewissen Regeln unterordnen. Weibliche Körper in Bikinis wurden als empörend empfunden. Als sie ihre erste Monatsblutung bekam, dachte sie, sie sei krank – niemand hatte sie auf diesen Moment vorbereitet.
Sie wurde plötzlich krank, konnte nicht sprechen und Beine und Arme waren gelähmt. Die Ärzte waren ratlos und diagnostizierten eine Dystonie, unkontrollierte Muskelanspannungen. Die Verkrampfungen zeigten sich auch in der Schulter, in den Armen und Fingern. Ihre Krankheit schützte sie davor, heiraten zu müssen, und gab ihr Momente der Freiheit in einer patriarchalen Gesellschaft. Es war klar, dass sie keine Kinder bekommen konnte und zum Makel in der Familie wurde. Ihr Großvater war für sie eine starke Bezugsperson, er hatte ihr das Wichtigste gegeben:
Die Liebe als Fähigkeit, andere Körper zu lesen, das Gute im Gewöhnlichen zu sehen, das Helle im Dunkeln.
Der Großvater hat ihr Trost gegeben auch in Zeiten der Anfeindungen durch Skinheads und Russen, die die Familie beschimpften, ihnen Arbeitsplätze wegzunehmen. Sie war zwar in Russland geboren, beherrschte die russische Sprache, aber sie war keine Russin und wurde als Fremde betrachtet und angefeindet.
Bild: Frauen in Baku 2006 (Foto: N_Creatures, CC BY 2.0)
2024 musste die Autorin wegen ihrer Herkunft, ihres Schreibens, ihrer queeren Einstellung und als Kriegsgegnerin aus Russland fliehen und lebt jetzt in Hamburg. Schon lange bewegt sie die Frage: Wohin gehöre ich? In ihrer Geschichte von den Händen der Frauen verleiht sie dem erlebten Unrecht eine Sprache. Klar und poetisch verknüpft sie ihre Erfahrungen als Tochter und Frau in einer aserbaidschanischen Familie in der russischen Diaspora. Übersetzt wurde der Roman mit dem wunderschönen Cover von Maria Rajer.
Jegana Dschabbarowa: Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt. Übersetzt aus dem Russischen von Maria Rajer. Wien: Paul Zsolnay 2025, 144 Seiten, 23 Euro.

Nach einer langen Managementkarriere widmet sich Sabine Keuschen ihrer Leidenschaft für Literatur und arbeitet in einer Buchhandlung.
Newsletter: Anmeldung über Pareto