Schon seit vielen Jahrzehnten vollzieht sich ein Wandel hin zu neuen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens in Gemeinschaften. In den 1960ern entstanden Kommunen mit gemeinsamen politischen Interessen. Später kamen wirtschaftliche Gemeinschaften, solidarische Landwirtschaft und Ökodörfer dazu. Die Eurotopia-Ausgabe von 2025 enthält Beschreibungen von 550 Lebensgemeinschaften in Europa.
Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft scheint die Gemeinschaftsbildung unter Gleichgesinnten zu befördern. So hat die Corona-P(l)andemie eine tiefe Sehnsucht nach einem eigenverantwortlichen und selbstversorgenden Zusammenleben von maßnahmen- und politikkritischen Menschen erzeugt. Neben der lokalen Konzentration in städtischen oder ländlichen Wohnprojekten oder ganzen Dörfern gibt es in einer deutschen Großstadt einen Zusammenschluss als „Dorf in der Stadt“: Die Menschen haben hier weiterhin ihre Wohnungen, organisieren aber ihr Zusammenleben ganz ähnlich wie eine dörfliche Gemeinschaft. Denn nicht jeder kann aufs Land ziehen. Der eine ist durch Arbeit oder Familie in der Stadt gebunden, der andere findet keine passende Wohngemeinschaft. Oder es fehlen die finanziellen Mittel, um sich am Aufbau eines Wohnprojekts oder einer ländlichen Gemeinschaft zu beteiligen.
Der Kristallisationspunkt der hier beschriebenen städtischen Dorfgemeinschaft ist eine Telegram-Gruppe mit derzeit 284 Mitgliedern. Deren Inhaberin Agnes (der Name ist ein Pseudonym, in Anlehnung an „Schwester Agnes“, die gute Seele eines Dorfes aus dem gleichnamigen DEFA-Film) hatte vorher bereits einen Frauenkreis, der sich regelmäßig in ihrem Wohnzimmer traf. Dieser Kreis entwickelte sich weiter, als die Kontaktbeschränkungen in der Corona-Zeit und die daraus resultierende Vereinsamung als unmenschlich empfunden wurden. Agnes hielt ihr Wohnzimmer einfach weiter offen für jeden, der kommen mochte. Einen zusätzlichen Impuls lieferte ein großes Treffen auf der grünen Wiese von Menschen, die die Corona-Maßnahmen mit ihren Freiheitseinschränkungen nicht mittragen wollten. Dabei wurden Stadtteil-Gruppen gebildet, um unter Gleichgesinnten Austausch, Zusammenhalt und normalen, gepflegten menschlichen Umgang weiterzuführen. Die regionalen Gruppen mit jeweils zehn bis 15 Menschen organisierten Treffen, die oftmals die nicht mehr stattfindenden Begegnungen im Familien- und Freundeskreis ersetzten. Man kam im Freien oder in privaten Räumen zusammen. Dabei gönnte man sich die eine oder andere Freude, die mit den Corona-Maßnahmen eigentlich verboten war.
Bild: Wohnzimmerkonzert mit Matteo Capreoli im April 2022 in Oldenburg (NinaSofaConcerts, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons)
Aus den kulturellen Einschränkungen entstand die Idee eines Wohnzimmerkonzerts bei Agnes. Mit den anfangs etwa 20 interessierten Personen hätten das auch gut funktioniert. Über Mund-zu-Mund-Propaganda wurden daraus aber schnell 60 Leute, für die das große Wohnzimmer dann doch zu klein war. Über die Vernetzung mit anderen Telegram-Gruppen fand sich eine Lokalität, die Platz für alle bot. Ein mutiger Wirt war bereit, das Risiko einzugehen, konnte er doch im Gegenzug auf ein wenig Umsatz hoffen. Zum Schutz aller gab es ein geflüstertes Passwort als Eingangskontrolle – wie man es aus Kästners „Emil und die Detektive“ kennt. Denn so sehr die Einschränkungen des öffentlichen Lebens auch bedrückten, umso mehr entwickelten sich auch Kreativität und Spaß bei deren Umgehung.
Das war im Oktober 2021. Schnell sprach sich herum, wie schön das Konzert war. Mehrere Treffen folgten, weil es Bedarf gab zusammenzukommen, miteinander zu reden und zu feiern. Immer mehr Menschen machten mit, verschwanden zusammen im „Schwarzen Loch“ und feierten einige wilde Partys, wie zum Beispiel die legendären Neujahrsfeste. Nebenbei bemerkt: Niemand wurde danach ernsthaft krank, keiner verstarb gar an Corona. So ist die Gruppe ein Beweis für die nicht vorhandene Pandemie.
Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Erfahrungen aus vielfältigen Lebenssituationen kamen zusammen. Viele von ihnen hätten im vorherigen Leben wahrscheinlich nie zueinander gefunden. Die Charaktere und Lebensentwürfe waren sehr verschieden. Doch die vorher nie erlebte Situation schweißte sie zusammen in der Hoffnung, die Krise gemeinsam zu meistern. Sie erlebten tiefgreifende und berührende Begegnungen in der Gemeinschaft. Dabei spielten die gemeinsam erlebte Freude, die gegenseitige Achtung, der Respekt und der liebevolle Umgang miteinander eine wichtige Rolle.
Über persönliche Kontakte ist die Gruppe organisch gewachsen. Immer mehr Menschen kamen nach und nach dazu, wurden mitgebracht und integriert. Jeder war willkommen, der die Maßnahmen nicht mitmachen wollte und Anschluss suchte. Bei vielen waren die alten Kreise weggebrochen. Viele hatten sich auch schon vorher oft nicht zugehörig gefühlt, waren also irgendwie „anders“. Im Nachhinein haben psychologische Analysen gezeigt, dass insbesondere diese Menschen dem Gruppendruck der Propaganda für die Einhaltung der Maßnahmen weniger erliegen. Jetzt fanden sie zusammen. Es war ein gegenseitiges Erkennen von vorher Unbekannten.
Die Gemeinschaft hat ein neues Miteinander gelernt. Eine Grundlage war, miteinander zu reden – und zwar so, dass man sich gegenseitig versteht. Am Anfang wurde hauptsächlich schriftlich in der Telegram-Gruppe kommuniziert. Das führte oft zu Missverständnissen. Einige Gruppenmitglieder versuchten, ausgleichend im Chat zu wirken. Das funktionierte nicht immer. Als es erstmalig eskalierte, hat Agnes ein persönliches Treffen in ihrem Wohnzimmer initiiert. Die in Streit geratenen Personen kannten sich nicht persönlich, nicht mit ihrem richtigen Namen, sondern lediglich mit ihren Telegram-Pseudonymen. Beim Eintreffen packten zwei Frauen in der Küche ihre mitgebrachten Speisen aus und kamen ins Gespräch über die Rezepte der Leckereien. Was sie nicht wussten – sie waren die beiden, die im Chat heftig aneinandergeraten waren. Als sich schließlich alle im Kreis zusammengesetzt und vorgestellt hatten, erkannten sich die Streithähne. Da die Begegnung in der Küche aber bereits für Sympathie gesorgt hatte, war der Streit bereits beigelegt.
Die Gruppe erlebte damit hautnah, wie wichtig persönliche Treffen sind. Wenn der andere mit seinem Gesicht, seiner Lebensgeschichte und seinen Erfahrungen bekannt ist, lässt sich wesentlich besser einordnen, warum er sagt, was er sagt. Die Wortwahl im Chat kann dem Menschen dahinter besser zugeordnet und verstanden werden.
Die Kommunikation in der Gruppe hat sich danach sehr geändert. Bei aufkommenden Missverständnissen wurde schneller nachgefragt, wie eine Aussage gemeint ist. Das förderte das Verstehen des Gegenübers. Die Gruppe durchlief gemeinsam den Lernprozess, die Meinung des anderen öfter zu respektieren, auch wenn man selbst anderer Meinung ist. Agnes und einige weitere Gruppenmitglieder vermittelten immer wieder auf eine sanfte Art, wenn es erforderlich war. Alle hatten den Wunsch zur friedlichen Verständigung. Diese in der Gruppe inzwischen gut etablierte Art zu kommunizieren ist sehr viel wert. Sie ermöglicht den friedlichen Umgang miteinander, das Verständnis füreinander und die Fähigkeit, die Meinung eines anderen, die man nicht teilt, einfach stehen lassen zu können. Jeder kann auf diese Weise seinen Teil zum Leben in der Dorfgemeinschaft beitragen und fühlt sich gesehen.
Nach Beendigung der Maßnahmen erlebte die Gemeinschaft eine Phase der Bewährung. Einige Mitglieder hatten den Wunsch, die Beziehungen aus der Zeit vor Corona wieder aufzunehmen und aufleben zu lassen. Das brachte in vielen Fällen allerdings recht schnell die Erkenntnis, dass die Brüche, die in vielen alten Freundes- und Familienkreisen aus unterschiedlichen Meinungen zu den Maßnahmen entstanden waren, oftmals tiefere Verletzungen verursacht hatten, als gedacht. So zeigte sich auf längere Sicht, dass das Erleben, sich im Miteinander in der Gruppe nicht mehr verstellen zu müssen, einfach so sein zu dürfen, so respektiert und akzeptiert zu werden, wie man ist, zu einem tragenden Fundament gewachsen war. Eine Vertrautheit, die erlaubt, auch mal etwas Unbedachtes sagen zu dürfen, sich verletzlich zeigen und sich seinem Gegenüber öffnen zu können, ohne dass es als Schwäche ausgenutzt wird, war für viele eine neue Erfahrung. Leben und leben lassen, friedliches, liebevolles Miteinander, füreinander da sein, miteinander feiern – all das war somit zu einer wertvollen Grundlage geworden, die letztlich den Zusammenhalt durch die Bewährungsphase getragen hat.
Persönliche Treffen finden heute in verschiedenen Kreisen und zu unterschiedlichen Anlässen mehrmals in der Woche statt. Zwischendurch tauscht man sich in den Telegram-Chats aus, verabredet sich und trifft sich auch in kleinen, ganz persönlichen Zirkeln. Für den einen oder anderen ist die Gemeinschaft inzwischen zu einer Art „Wahl-Familie“ geworden. Aus den unterschiedlichen Interessen, Bedürfnissen und Fähigkeiten entwickelten sich eine ganze Reihe von Untergruppen. Man trifft sich im Wohnzimmer oder im Stamm-Lokal. An einem festen Termin im Monat wird dort für den persönlichen Austausch ein großer Tisch bestellt. Es gibt einen Kino-Abend im Monat. Wer einen Film vorstellen möchte, gibt ihn in einen Pool und alle, die kommen wollen, stimmen ab. Wer die meisten Stimmen bekommt, zeigt „seinen“ Film.
Einmal wöchentlich trifft sich eine Gruppe, die gemeinsam tanzen lernt. Die neuen Kenntnisse wurden bei einem Sommernachtsball vorgeführt. Es gibt die Jam-Sessions der Musiker, die Schachspieler, die Wanderer und die Gärtner. Man tauscht sich über alternative Medizin aus, geht gemeinsam auf Kräutersuche und kreiert daraus anschließend ein gesundes Essen. Das Wissen über Bücher und Filme, Medien, Recht und Software-Lösungen wird geteilt. Eine monatliche Reihe von Buchlesungen mit interessanten Autoren wurde organisiert. Eine Pianistin lädt zu Klavierkonzerten in ihren privaten Salon ein oder an andere schöne Orte.
Dazu kommen die Absprache von Fahrgemeinschaften, eine Tausch- und Verschenkegruppe, eine Handwerkergruppe und eine SOS-Gruppe für die schnelle Lösung von Problemen. Ein Team von „Dorf-Helfern“ ist im Aufbau. Sie werden gebraucht, wenn jemand über längere Zeit auf Hilfe angewiesen ist, zum Beispiel wegen Krankheit. Dann kann die Last auf mehrere Schultern verteilt werden.
Alle diese und weitere Themen sind als Untergruppen in der Telegram-Gruppe abgebildet. Die Verantwortung für die Gruppenorganisation wurde auf breite Schultern verteilt. Das war eine lebendige, fließende Entwicklung ohne Hierarchien, da sich die Gruppenmitglieder ihrer Selbstverantwortung bewusst waren und Selbstverwirklichung anstrebten. Das Herzstück der Telegram-Gruppe bildet der von Agnes akribisch gepflegte Terminkalender, in dem die internen Treffen sowie empfohlene Veranstaltungen leicht auffindbar sind.
Schon während der Corona-Zeit erfolgte eine überregionale Vernetzung, die bundesweit intensiviert und weiter ausgebaut werden soll. Denn es gibt überall selbstbestimmt lebende Menschen, die es lohnt kennenzulernen. So wird der Gemeinschaftsgedanke weitergetragen und der Austausch gestärkt. Man findet immer einen Ansprechpartner, zum Beispiel wenn man eine Übernachtung irgendwo braucht. Die Vernetzung im näheren und weiteren Umkreis ist jetzt von Vorteil und wird es umso mehr sein, wenn die Zeiten wieder härter werden sollten.
So hat sich ein gallisches Dorf der Unbeugsamen inmitten einer Großstadt entwickelt. Immer mehr Menschen entziehen sich der zunehmenden staatlichen Bevormundung und den Einschränkungen von Freiheit und Meinungsvielfalt. Dem Protest dagegen schließt sich nun der Weg in ein selbstbestimmtes gemeinschaftliches Leben an. Der Zusammenhalt wächst und man ist gut auf Krisenzeiten vorbereitet. Eine eigene Form der Konfliktbewältigung wurde entwickelt, die essenziell für den Bestand der Gruppe ist. Neben einigen Gruppenmitgliedern, die es gut verstehen, mit verbindenden Worten bei Konflikten einzugreifen, hat sich bei allen eine Diskussionskultur auf der Basis von gegenseitigem Verständnis und Wertschätzung etabliert.
Die Entstehung dieser gefestigten „Dorfgemeinschaft in der Stadt“ nährt die Hoffnung, dass der Aufbau von stabilen Gemeinschaften, die an das Gute und die Liebe zwischen den Menschen glauben, die Grundlage für neue gesellschaftliche Strukturen sein wird.
Wenn Menschen sich zunächst in kleinen Kreisen treffen, wo sie den friedvollen Umgang miteinander erlernen und erleben, können starke Gemeinschaften von unten und ganz ohne Dachorganisation entstehen. Basis ist die Verbindung unter den Menschen. Jeder fühlt sich wichtig und jeder ist wichtig. Jeder trägt in der Gruppe etwas bei. Jeder wird gesehen.
Agnes ist heute glücklich und dankbar, so viele verschiedene Menschen zusammengebracht und wesentlich dazu beigetragen zu haben, diese Art der verständnisvollen Kommunikation, des wertschätzenden und liebevollen Umgangs aufzubauen. Denn das ist die Basis für die vielen Aktivitäten und Erlebnisse in der Gruppe. Das ist nicht selbstverständlich. Es bleibt ein Lernprozess, gleichermaßen Herausforderung und Bestätigung, dass friedliches Miteinander möglich ist – immer im gegenseitigen Respekt.
Beate Strehlitz und Dieter Korbely waren in der DDR-Bürgerbewegung aktiv und haben mehrere Kurse an der Freien Akademie für Medien & Journalismus besucht. Strehlitz ist promovierte Ingenieurin und hat in einem Biotechnologie-Institut geforscht. Korbely, ebenfalls Ingenieur, hat in der Industrie gearbeitet.
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