„Erinnerungen an eine Ausnahmenzeit“ steht auf dem Umschlag, der Untertitel macht es konkret: „Zeitzeugen der Coronajahre“. Corona, immer noch? Was will mir ein Buch Neues erzählen, das aus 48 Interviews besteht, geführt zwischen Januar 2021 und Juni 2023? Ich bin skeptisch, lese im Klappentext, dass der Fotograf Hannes Henkelmann 2020 den Bildband „Zwei Tage in Berlin“ und 2025 den Nachfolger „Widerstand beginnt auf dem Asphalt“ herausgegeben hat und dies sein drittes Buch ist. Warum so viele Jahre zwischen den Gesprächen und der Veröffentlichung liegen, verrät der Text nicht.
Beim Blättern schaue ich auf einmal in bekannte Gesichter. Heidi und Peter Niebergall, seit Corona gute Freunde. Wenn die beiden keine Schilder um den Hals tragen würden, könnte man sie für ein älteres Ehepaar beim Wandern halten. „Keine dritte Diktatur in Deutschland“ steht auf Peters Brust, Heidi fordert „Versammlungsfreiheit nicht nur für Minsk“. Die beiden wohnen im Bayerischen Wald und in Thüringen, sehen sich als Wanderer zwischen den Welten. In der DDR saßen sie wegen „Beeinträchtigung der Tätigkeit staatlicher Organe“ im Gefängnis, stellten einen Ausreiseantrag und zogen 1984 um ins Notaufnahmelager Gießen. Ich bewundere den Elan, mit dem Heidi und Peter noch heute regelmäßig an einer thüringischen Bundesstraße mit Plakaten auf Missstände aufmerksam machen – viele Lkw-Fahrer kennen die beiden inzwischen, heben den Daumen beim Vorbeifahren oder halten auf einen kurzen Schwatz an. Im Gespräch mit Hannes Henkelmann geht es um ausufernde Notstandsregeln, um den Gesslerhut und um ein Kommando der Bundespolizei, das die Personalien der Niebergalls aufgenommen und die Transparente beschlagnahmt hat. Welche Zukunft steht uns bevor, fragt Peter. „Nein, wir wollen nicht zu Tode geliebt werden!“
Jetzt bin ich drin im Buch, lese der Reihe nach. Zuerst die „Panzer der Geschichtsschreibung“, die Michaela Kaufmann über jede Wahrheitssuche hinwegrollen sieht. Die Mutter zweier erwachsener Töchter, die am Bodensee lebt und in einem kleinen Museum arbeitet, vermisst die Stimme Rainer Mausfelds im „Kanon der Reflexion“, der ja gut belegt habe, wie Propaganda „die Scharniere unserer Gehege geölt hält“. Ein Interview mit Tiefe, mit Analysen rund um Medien, die ablenken und diffamieren, statt aufzuklären. Über Schulen, die Bulimielernen fordern statt Denken, Hinterfragen und mutiges Debattieren. Michaela Kaufmann gehört zu den Menschen, deren Erfahrungen in keinem Geschichtsbuch stehen werden. So wie Heidi und Peter Niebergall, wie der zehnjährige Ilja oder der Student Egzon. Umso wichtiger, dass Hannes Henkelmann sie zu Wort kommen lässt und ihnen nicht nur eine Stimme, sondern mit seinen Fotos auch ein Gesicht gibt.
Zu meinen Favoriten gehört Karl Farber, der bis 1989 bei der DEFA künstlerische Dokumentarfilme fürs Kino gedreht hat. Das führte ihn als jungen Mann Ende der 1970er Jahre in die Sowjetunion, um den Bau der Druschba-Trasse im Bild festzuhalten. Die Druschba-Trasse, heute eher bekannt als Nord Stream 1, hat meine Kindheit begleitet – die Helden des Pipelinebaus wurden in der DDR-Presse gefeiert und vielleicht habe ich sogar einen Film von Karl Farber gesehen. Die DDR war für den Bau des rund 500 Kilometer langen Teilstücks von Krementschug bis Uskgorod quer durch die Ukraine verantwortlich. Rohre verlegen, Verdichterstationen bauen, schweißen. Beeindruckt haben ihn die Begegnungen mit den Menschen, die im Umland der Trasse wohnten. Niemals habe ihn Hass getroffen, „obwohl wir Deutschen den Russen einst viel angetan haben“. Gerade von älteren Frauen, deren Gesichter von viel Leid gezeichnet waren, sei gegenüber den jungen Männern eine „milde mütterliche Güte“ ausgegangen, die ihn tief anrührte.
Gefragt nach einer Idee, wie heute Frieden in die Region kommen könne, bringt Farber eine entmilitarisierte Zone ins Spiel. So wie Åland, eine Schäreninsel zwischen Stockholm und Helsinki. 1921 sicherten sich die Inselbewohner den Status „entmilitarisierte Zone“ beim Völkerbund und bewahren sich seither als eine Art neutraler Zwergstaat ihre Eigenständigkeit. Hannes Henkelmann fragt am Ende, was uns noch zur Befriedung der Welt fehlt. Kritisch aufgeklärter Bürgersinn würde helfen, so Farber, der „zwischen bequemer Tagesschau-Lüge und bitter erarbeitetem Durchblick in Richtung Wahrheit im Mediendschungel zu unterscheiden gelernt hat“. Farber hält es mit dem Physiker Hans-Peter Dürr, dessen grundlegende Einsicht lautete:
Wem schenken wir unsere mediale Aufmerksamkeit? Dem lauten, sensationellen Stürzen nur eines Baumes oder dem stillen, friedlichen Wachsen des ganzen Waldes?
Zu den 48 Gesprächen gehören auch bekannte Stimmen des Widerstands: Eugen Drewermann, Sven Böttcher, Sabrina Kollmorgen, Rolf Kron, Uli Masuth … Alle beleuchten die Ausnahmezeit auf eigene Weise. So entsteht ein Mosaik der Corona-Jahre mit allen Facetten des Unrechts, mit Wut und Verzweiflung, aber auch mit Hoffnung, Mut und Dankbarkeit. Nichts davon darf vergessen werden. Lob an Etica Media für dieses Buch und an Hannes Henkelmann, der sich Zeit nimmt, „genauer hinzusehen, zuzuhören und diese wichtigen Erinnerungen an eine Ausnahmezeit zu dokumentieren“, wie Markus Fiedler in seinem Vorwort schreibt.
Hannes Henkelmann: Erinnerungen an eine Ausnahmezeit. Zeitzeugen der Coronajahre. Swalmen (NL): Etica Media 2026, 168 Seiten, 22 Euro.

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