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Werbung | 17.03.2026
Corona-Gedenktag
Sechs Jahre nach dem ersten Lockdown: Maßnahmenkritiker möchten künftig regelmäßig erinnern – leise, dezentral und ohne Inszenierung.
Text: Anne Krämer
 
 

Der erste deutschlandweite Lockdown markierte am 22. März 2020 für Millionen Menschen einen gravierenden Einschnitt. Geschäfte waren geschlossen, Kontakte wurden drastisch reduziert, Schulen und Kulturstätten waren leer. Was als gesundheitspolitische Notmaßnahme begann, entwickelte sich zu einer der tiefgreifendsten gesellschaftlichen Erfahrungen der Nachkriegszeit. Neben den gesundheitlichen Folgen hinterließ die Pandemie soziale, psychische und wirtschaftliche Spuren.

Während es für viele historische Ereignisse Gedenktage gibt, fehlt so etwas bislang für die vielfältigen menschlichen Erfahrungen dieser Zeit. Genau hier soll der neue Gedenktag ansetzen. Er soll sich nicht als politische Bewertung der Maßnahmen verstehen, sondern als Raum für Erinnerung und Anerkennung, und von „unten“, vom Volk initiiert und organisiert werden. Der Tag soll jedes Jahr an einem Wochenende um den 22 .März begangen werden.

Erinnerung ohne Vorgaben

Die Idee kommt vom Team „Aufklärung“ des Zentrums für Aufarbeitung, Aufklärung, juristische Verfolgung und Verhinderung von Verbrechen gegen die Menschheit (ZAAVV). Das Besondere: Es gibt keine zentrale Veranstaltung, keine staatliche Organisation. Jede Form des Gedenkens ist möglich – vom stillen Innehalten über Musik- und Redebeiträge bis hin zu Podiumsdiskussionen. Die Initiatoren setzen bewusst auf freie Gestaltung, je nach Möglichkeiten und Kreativität der Orga-Teams – aber doch unter dem gemeinsamen Symbols des „Brückenbauens“ und unter dem Motto „Erinnern & Verstehen“.

Der Tag soll Menschen zusammenbringen, deren Erfahrungen während der Corona-Jahre sehr unterschiedlich waren; das ist die einheitliche Botschaft. Angehörige von Verstorbenen, Menschen mit Long Covid oder Postvac, Selbständige mit wirtschaftlichen Verlusten, Kinder und Jugendliche mit Bildungsdefiziten und nachhaltigen psychischen Folgen, Pflegekräfte, Alleinlebende, Familien in Ausnahmesituationen – aber auch jene, die sich gesellschaftlich unter Druck oder ausgegrenzt fühlten. Die Liste könnte ins Unendliche gehen. Dieser vielen Opfer wollen wir gedenken und damit zum gegenseitigen Verstehen der unterschiedlich Betroffenen beitragen, so die Initiatoren. Wer als „Opfer“ gilt, wird dabei nicht definiert oder hierarchisiert. Leid soll nicht verglichen, sondern anerkannt werden.

Gegen das Schweigen

Gesellschaftliche Krisen hinterlassen nicht nur Statistiken, sondern Erfahrungen. Viele Menschen berichten bis heute von Einsamkeit, Überforderung oder Konflikten im privaten und öffentlichen Raum. Ein gemeinsamer Gedenktag könne helfen, diese Erfahrungen sichtbar zu machen und miteinander in Dialog zu kommen, so die Hoffnung des Teams „Aufklärung“. Die Idee dahinter: Unausgesprochenes wirkt weiter. Erinnerung dagegen schafft die Möglichkeit zur Verarbeitung – individuell und gesellschaftlich. Dabei soll es hier nicht vorrangig um Schuldfragen gehen, sondern um Anerkennung dessen, was war.

Der 22. März lag dafür nahe. Der erste bundesweite Lockdown gilt als unstrittiger Wendepunkt, unabhängig davon, wie einzelne Maßnahmen damals gesehen wurden oder heute bewertet werden. Das Datum steht für einen kollektiven Einschnitt – die Deutung bleibt offen.

Ob sich der Gedenktag etabliert, wird sich zeigen. Seine Initiatoren hoffen, dass er langfristig zu mehr Verständnis bis hin zur Überwindung der Spaltung der Gesellschaft beiträgt. In einer Zeit, in der Debatten über die Pandemie teils verhärtet geführt werden oder die Coronazeit lieber totgeschwiegen wird, soll hier ein anderer Weg gegangen werden: Erinnerung nicht als Anklage, sondern als Brücke. Denn Aufarbeitung beginnt erst dort, wo Menschen sich gehört fühlen und anerkennen, was war, damit das, was war, nicht weiter trennt. Denn Verdrängung heilt nicht, Anerkennung schon. Alle Veranstaltungen und weitere Infos zum Gedenktag: ZAAVV.

Anne Krämer gehört zur ZAAVV-Arbeitsgruppe Aufklärung. An der Freien Medienakademie hat sie den Kompaktkurs Journalismus besucht.

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Bildquellen: Café Korb in Wien, 10. Mai 2020 (Foto: Herzi Pinki, CC BY-SA 4.0)