Deutschland bricht einen Rekord nach dem anderen – zumindest, was die Rüstungsausgaben betrifft. Ein Geldstrom ergießt sich über das Land, der unerschöpflich zu sein scheint. Er flutet die Kassen derer, die Kriegsgerät und Munition herstellen: Kamikaze-Drohnen, Radhaubitzen und Treibladungspulver. In Neuss und Braunschweig laufen die Bänder für eine Drohne, die nicht zurückkehrt – die Kamikaze-Drohne FV-014. Allein für die ersten 2.500 Stück fließen 300 Millionen Euro in die Rheinmetall-Kasse. Und wer heute durch Aschau in Bayern fährt, der hört nicht den Inn rauschen – sondern das Dröhnen von Baggern, die eine der modernsten Pulverfabriken Europas aus dem Boden stampfen. Rheinmetall ist auch hier am Start.
Doch all diese Drohnen, Abertausende Schuss Munition und Schwarzpulver – sie müssen irgendwo hin. Die Bundeswehr hat jahrelang Depots geschlossen – nun kommt die Rolle rückwärts. Das Problem: Die alten Lager stehen oft dort, wo heute Urlauber wandern oder Familien auf den Terrassen ihrer neugebauten Häuser sitzen. Welchen Sprengstoff birgt so ein Vorhaben, wenn das Munitionsdepot in einem Landschaftsschutzgebiet oder Naturpark liegt, wenn Wohnhäuser direkt angrenzen? So wie in Wolfsruh – einem kleinen Dorf in Brandenburg, das von Wäldern, Feldern und Seen umgeben ist?

„Das ist doch kein Kartoffellager!“, ruft Katrin Davis aus der anderen Zimmerecke. Ich sitze an diesem Montagvormittag am Wohnzimmertisch von Katrin und Paul Davis, an dem locker eine Großfamilie Platz hätte. Der Tisch ist übersät mit Plakaten und Papierstapeln, alles zum Thema Munitionsdepot Wolfsruh – einem ehemaligen Militärareal im Norden Brandenburgs, etwa 200 Hektar groß.
Das Thema kocht Anfang Mai hoch, als die ersten Berichte über Reaktivierungspläne auftauchen. Es soll einen Investor geben, der an dem früheren Bundeswehrstandort bei Gransee wieder scharfe Munition und Drohnenteile einlagern möchte. Die Märkische Oderzeitung berichtet, und das Amt Gransee lädt die Einwohner der Großwoltersdorfer Ortsteile zu Versammlungen ein – Thema: das Munitionsdepot Wolfsruh. Gerüchte über eine Drohnenfabrik machen die Runde. Katrin und Paul Davis gründen zusammen mit anderen die Bürgerinitiative „MUNA – Nein danke!“, die genau das verhindern will.
Katrin Davis sagt: „Die Dinge werden schöngeredet. Die Sicherheitsbedenken der Anwohner werden ignoriert.“ Von offizieller Seite – vom Amt in Gransee etwa – kämen nur Beschwichtigungen: Alles kein Problem, regeln wir alles, macht euch keine Sorgen. Wie bei einem Kartoffellager eben. Nur: Bei Kartoffeln bräuchte man kein Brandschutzkonzept für Gefahrstoffe, keine Hochsicherheitszonen und keine Bewacher, die Waffen tragen. Kartoffellager werden im Ernstfall nicht angegriffen, und Kartoffeln explodieren nicht. Sarkastisch fügt sie hinzu: „Es gibt keinen Schutz! Außer vielleicht 15 Scharfschützen, die Drohnen abschießen.“
„MUNA“ ist die Abkürzung für das Wort Munitionsanstalt – üblich für solche Anlagen, als die Wehrmacht das Depot 1936 baut. Nach 1945 nutzt es die NVA, später die Bundeswehr, die den Standort 2004 verlässt. Danach verkauft der Bund das Wolfsruher Gelände. Auf dem Areal befinden sich 66 erdgedeckte Bunker, 30 Munitionslagerhäuser, Werkstätten, Fahrzeughallen und Verwaltungsgebäude. Ein Teil davon wird heute als Lager für zivile Zwecke genutzt, Bunker und Hallen kann man mieten. Die Eigentümer Pohl & Prym bieten sie über ein Immobilienportal im Internet an. Es gibt über 20 Kilometer schwerlastfähige Straßen. Ein Leckerbissen, wenn sich die Zeiten wenden und das Land kriegstüchtig werden soll.
Bild: Katrin und Paul Davis
Paul Davis ist Engländer, Mitte 70 und Musiker, Katrin Davis ist in Hamburg geboren. Nicht von ungefähr atmet das Wohnzimmer der beiden die Frische des Nordens. Licht flutet durch die hohen Fenster, an den Wänden Bilder mit Motiven von Gudrun Sjödén. Katrin Davis rückt Sofakissen zurecht: der Familienbesuch ist gerade raus, die letzten Urlaubsgäste sind draußen auf dem Sprung. Das Ehepaar betreibt hier in Neuroofen, etwa sechs Kilometer von Wolfsruh entfernt, einen Ferienhof mit Ferienwohnungen. Ein ehemaliger Gutshof – heute mit Feuerstellen, blauen Fensterläden und Hängematten. Von hier sind es drei Kilometer bis zum Stechlinsee.
Paul Davis zeigt mir den offenen Brief mit dem Protest der Tourismusbetriebe aus der Region; bisher haben 23 Unternehmen unterschrieben. Er wirft den Drucker an, der die Niederschrift über eine Einwohnerversammlung von Anfang Mai liefert. Bei der Versammlung haben Vertreter der Grundstückseigentümerin Pohl & Prym UG & Co. Wolfsruh KG und der Investorengruppe Nolte Services Group das Projekt vorgestellt. Viel Papier.
Ich will nach Wolfsruh zum Depotgelände fahren. Es ist Sommerwetter auf Postkartenniveau – irgendwo wird sich eine Bank finden, auf der ich mich durch den Papierstapel lesen kann. Vorher zeigt mir Paul Davis noch eine Stelle auf der ausgedruckten Präsentation. Er tippt dorthin, wo die Risiken für ein erfolgreiches Genehmigungsverfahren aufgelistet sind – aus Sicht der Investoren, versteht sich. Ganz oben: „Akzeptanz bei der Bevölkerung“ und „Vermeidung von Einsprüchen und Bürgerinitiativen“. Dann nickt Paul Davis. „Wir sind ein Risiko“, sagt er, nicht ohne Stolz.
Katrin Davis gibt mir noch auf den Weg, ich solle doch mal in Menz halten, am Besucherzentrum NaturParkHaus Stechlin. Dort, an der großen Tafel im Eingangsbereich, habe die Bürgerinitiative ihren Informationszettel nicht anheften dürfen. Strikte Neutralität. Ich solle mal im näheren Umfeld gucken, ob mir was auffällt, sagt sie augenzwinkernd.
Ich komme in Menz an. Einige Räder stehen vor dem roten Backsteingebäude des Besucherzentrums Naturpark Stechlin-Ruppiner Land. Kurz hinter dem Staketenzaun die große Tafel mit Aushängen – tatsächlich stammt keiner von der Bürgerinitiative. Immerhin: ein Aufruf zum Gedenken an Hiroshima und Nagasaki, Treffpunkt am 6. August, am Soldatendenkmal in Großwoltersdorf. Dass kein Initiator genannt ist, kommt mir ungewöhnlich vor. Aber zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass ich ihn bald kennenlernen werde.
Bild: Das Besucherzentrum des Naturparks Stechlin-Ruppiner Land
An der Fassade des Landesamts für Umwelt, gleich neben dem Besucherzentrum, sticht mir ein Schild ins Auge. Es ist verblichen, aber bemerkenswert. Und es erinnert mich an das Augenzwinkern von Katrin Davis. „Der Naturpark Stechlin-Ruppiner Land setzt sich für die friedliche Nutzung der Kyritz-Ruppiner Heide ein“, darüber das Logo der damaligen Protestbewegung mit dem durchgekreuzten Bomber – das Schild ist überklebt mit der Erfolgsmeldung „Die Heide ist frei! – 09.07.2009“.

Gemeint ist das sogenannte Bombodrom, ein militärisches Großprojekt, das durch eine breite Bürgerbewegung nach über 17 Jahren Widerstand zur Strecke gebracht wurde. Ein riesiges Militärgelände, bis Anfang der 1990er Jahre durch die Sowjetarmee genutzt. Danach gab es Pläne der Bundesregierung, das Gelände zum größten Tiefflugübungsplatz Europas auszubauen. Bis zu 8.500 Tiefflüge pro Jahr. Die Bundeswehr erlitt vor Gericht 27 Niederlagen, ehe sie aufgab. Seit dem Aus für das Militärprojekt sind wieder 17 Jahre vergangen – eine Zeit, in der sich die Welt grundlegend verändert hat. Und Deutschland ist ein anderes Land geworden.
Der Blick zurück lohnt sich – dadurch wird die Veränderung sichtbar. Das Bombodrom wird mir in manchen Gesprächen begegnen, denn es hat die Menschen geprägt, die hier leben. Fast zwei Jahrzehnte liegen zurück seit dem Erfolg der Bürgerproteste. Heute darf eine Bürgerinitiative mit vergleichbarem Anliegen keinen Aushang an der Naturpark-Tafel anbringen. Und im Gegensatz zu damals gibt es keine Positionierung des Naturparks Stechlin-Ruppiner Land, der eine Kultur- und Naturlandschaft schützen und fördern soll. Die Frage, welche Sprengkraft ein reaktiviertes Munitionsdepot heute hätte, ist deshalb keine rhetorische – sie ist offenbar hochpolitisch.
Wird sich nun alles wiederholen mit dem Munitionsdepot in Wolfsruh? Katrin und Paul Davis sind vor 26 Jahren aus England in den Norden Brandenburgs gezogen. Sie erzählen mir vom Kampf gegen das Bombodrom, als wäre er erst gestern Nachmittag zu Ende gegangen. Wie andere Zuzügler auch hätten sie investiert, sich mit dem Ferienhof eine Existenz aufgebaut. Sich in die Natur, die Idylle verliebt. „Hier ist es fast wie in Schweden – ein Schweden vor der Berliner Haustür“, sagt Katrin Davis. Gestört hätten in der Anfangszeit nur die Tiefflieger. Beide erinnern sich, dass die Flughöhe der Bomber damals von 500 auf 150 Meter herabgesetzt worden war, und sprechen von ohrenbetäubendem Lärm. Deshalb hätten sie unermüdlich angerufen bei der Bundeswehr-Hotline. Der Elan von damals scheint nicht verflogen zu sein – sie sprühen vor Energie. Nun, da das Gewonnene wieder in Frage steht. „In den letzten zwanzig Jahren hat sich viel entwickelt“, sagt Katrin Davis. „Als wir kamen, war fast jedes zweite Grundstück leer und verlassen. Keiner wollte die Grundstücke haben.“ Das habe sich erst geändert mit dem Ende des Bombodroms. Da seien die Grundstückspreise in die Höhe geschossen.
Ich fahre zum Eingang des Munitionsdepots. Neue Siedlung 11 – das klingt nach einem unspektakulären Ort, irgendwo in Deutschland. Tatsächlich findet man die Stelle mit eben dieser Anschrift, wo der Wolf ruhen soll, im Nirgendwo der brandenburgischen Wälder. Zuerst durchfahre ich das Dorf, sehe schon erste Zäune mit Plakaten der Bürgerinitiative. Eine Zufahrtsstraße führt über Felder in ein Waldgebiet, in dem sich die Neue Siedlung und das Depot befinden. Ich komme an einem Haus vorbei, das laut Schild zum Verkauf steht. Ich frage mich, ob die Pläne für die nahegelegenen Bunker schon auf den Preis drücken. Das Haus steht leer, das Tor ist verschlossen – ich kann die Eigentümer nicht fragen.
Bild: Der Eingang zum Munitionsdepot in Wolfsruh
Dann stehe ich vor einem großen Holztor, das von Lebensgefahr kündet. Bunker sehe ich keine – das Luftbild zeigt, dass sie weit vom Eingangsbereich entfernt sind. Nur eine Asphaltstraße, die hineinführt in das üppige Grün aus Eichen, Eschen und Weiden. Rechts neben dem Depoteingang betreibt der GIB e.V. das Haus Kienheide – eine Wohnstätte für Menschen mit leichter bis schwerster Intelligenzminderung. Der Internetseite des Vereins entnehme ich, dass er 2014 einen Teil des Militärgeländes gekauft hat. Vor dem Zaun der Wohnstätte stehen zwei Frauen und zwei Männer und rauchen. Ja, sie seien Mitarbeiter. Nein, sie wollen sich nicht äußern zu den Plänen. Eine der Frauen sagt: „Persönlich habe ich eine Meinung. Aber das hier ist mein Arbeitsplatz.“
Außer dem GIB-Gelände besteht die Neue Siedlung aus mehreren Einfamilienhäusern auf großzügigen Grundstücken und zwei sanierten Wohnblöcken. Die Bewohner eines Grundstücks sind für den BVB und gegen MUNA – wie sie durch Flagge und Plakat zeigen. Das Motiv der Bürgerinitiative ist überall präsent, an fast jedem Haus und jedem Zaun. Ich erkenne es sofort wieder – es stand schon bei Katrin und Paul Davis im Wohnzimmer unter dem Fenster: zwei Drittel schwarzer Grund mit rot-gelb-weißem Schriftzug, ein Drittel blaues Feld mit Friedenstaube.
Drei Tage später ruft mich Markus Hoffmann an – der Schöpfer des Motivs. „Selbstverständlich habe ich das zusammen mit anderen entworfen“, sagt er, als ich ihn darauf anspreche. Das Grundstück von Markus Hoffmann liegt unmittelbar am Eingang zum Munitionsdepot, auf der linken Seite. Ein großes Banner prangt auf Baumhöhe: „Frieden schaffen ohne Waffen und ohne Munition“, gesäumt von weißen Tauben. Auch Markus Hoffmann ist vor 22 Jahren zugezogen nach Wolfsruh – und vermietet wie Katrin und Paul Davis ein Ferienobjekt. Er sei Mitbegründer von „Oberhavel steht auf!“ und schon seit den 1980er Jahren friedenspolitisch aktiv. Er sagt, ein Schweinemastbetrieb nebenan wäre zwar auch nicht schön, aber der wäre wenigstens keine Gefahr für den Weltfrieden – im Gegensatz zum Munitionsdepot. Ich frage ihn nach seinem Hauptmotiv für das Engagement in der Bürgerinitiative. „Ganz einfach die Gefahr, die vom MUNA ausgeht.“
Bild: Grundstück von Markus Hoffmann, direkt neben dem Munitionsdepot
Ich gehe am Briefkasten der Neuen Siedlung vorbei, der keine Leerungszeiten anzeigt, und setze mich an der Bushaltestelle auf die Wartebank. Ich blättere die Präsentation des Investorenkonsortiums durch, die mir Paul Davis mitgegeben hat.
Der größte Teil des bunten Papiers dreht sich um die Nolte Services Gruppe – deren Leistungsspektrum und Pläne für Wolfsruh. Die Bundeswehr selbst will dort nichts einlagern. Stattdessen würde sie das über das Investorenkonsortium als Dienstleister oder über die Rüstungsindustrie abwickeln lassen. Die Rüstungsindustrie wird als möglicher Mieter genannt. Ich sehe professionell fotografierte Bilder von Baggern und Schwerlasttransportern vor Sonnenuntergängen. Ein paar Fotos von Bomben im Schlamm, an denen Hände arbeiten. Die Bilder legen nahe, dass sie ihr Handwerk verstehen. Ein Tochterunternehmen – die Essing Sprengtechnik GmbH – wird als Handelspartner für Schwarzpulver und Zünder vorgestellt. Logistik inklusive. Außerdem als Expertin für die Demontage und Entsorgung von Munition. Dann kommen Fotos der Bunker und Hallen auf dem Gelände in Wolfsruh.
Zurück zum Wohnzimmertisch von Katrin und Paul Davis. Für sie und die Bürgerinitiative ist ein zentrales Thema die Sicherheit: Brandschutz, Gefahrenstoffe, Grundwasser. „Dann geht die ganze Gegend hier hops, wenn so etwas passiert“, sagt Katrin Davis. Sie meint Storkow, südöstlich von Berlin. Dort haben sich Anwohner gemeinsam mit der Umweltorganisation BUND gegen eine Munitionsanlage zur Wehr gesetzt und 2023 ein Gutachten erstellen lassen. Das spricht davon, dass bei einer Explosion „eine Welle des Grundwasserspiegels ausgelöst“ werde, die bis Berlin reichen könne. Katrin Davis gibt mir dazu einen Bericht der Märkischen Oderzeitung vom September 2023. Außerdem habe 2024 in Berlin-Lichterfelde eine Waffenfabrik der Firma Diehl gebrannt – und zwar mehrere Tage, bis das Feuer gelöscht werden konnte. „Prym und Nolte wohnen ja hier nicht, denen ist das egal“, sagt sie. Und: „Die Leute hier wollen nicht in einem Risikogebiet leben!“ Aber alle Probleme würden auf die Einwohner zurückfallen. „Wer haftet denn, wenn hier was passiert?“, fragt Katrin Davis. Darauf bekämen sie keine Antwort. „Eine Rakete braucht vier Minuten von Russland nach Wolfsruh“, fügt sie lakonisch hinzu.
Zur Einwohnerversammlung in Wolfsruh seien 200 Leute gekommen, erzählen Katrin und Paul Davis. Als angesprochen worden sei, dass auch Drohnen und Munition für die Ukraine gebunkert werden könnten, habe der Saal vor Empörung getobt. Die Nolte Services Group gibt in ihrer eigenen Präsentation an, dass sie in Kiew einen Standort unterhält. Auch auf der Website der Firma finde ich diesen Standort. Der Nordkurier veröffentlicht am 2. September 2026 einen Bericht zu einer Kleinen Anfrage des BSW-Landtagsabgeordneten Sven Hornauf zum Gesamtkonzept der Landesregierung für Wolfsruh. Der Nordkurier hat mit Sven Hornauf gesprochen. Dabei deutet Hornauf an, dass eine der an Wolfsruh interessierten Firmen in Kiew eine Drohnenproduktion betrieben haben soll, die durch Russland inzwischen zerstört worden sei. Er spricht von Hörensagen.
Wenn das Depot reaktiviert wird: Ist dann nur die Munition in den Bunkern scharf – oder wird auch das gesellschaftliche Klima angezündet? Mit dieser Frage im Kopf gehe ich zuerst in Wolfsruh auf Tour, dann in Gransee. Vielleicht treffe ich dort die vielzitierten Wutbürger – oder auf die Wut der Bürger?
Es ist der Tag der Sonnenfinsternis, Vormittag. Die Sonne strahlt noch einmal alles zur Erde, was geht. Ich höre einen Rasenmäher tuckern und laufe in diese Richtung. Wolfsruh ist ein Dorf wie viele Brandenburger Dörfer: mit sanierten Landhäusern, hohen Linden an der Dorfstraße, ab und zu DDR-Rauputz an den Fassaden. Den Rasenmäher schiebt ein Mittvierziger in seiner Hofeinfahrt hin und her, am Hoftor sehe ich das MUNA-Plakat. „Wir sind hier fast alle dagegen“, sagt er und schaltet den Motor ab. Eine friedliche Nutzung des Geländes sei einfach besser, man müsse sich ja nicht zum Angriffsziel machen – für wen auch immer. „Ob das nun die Russen sind, sei dahingestellt.“ Als ich weitergehe, knattert der Rasenmäher wieder los.
In der Schulzendorfer Straße treffe ich eine fünfköpfige Familie mit Rädern, eines der Kinder sitzt im Fahrradanhänger. Sie stehen an einem Stand mit Vertrauenskasse, wo sich Honiggläser stapeln – vor einem Naturgarten mit Wildzaun. Am Zaun: MUNA – nein danke! Die fünf sind zwei Wochen mit dem Fahrrad unterwegs, loben die Landschaft, das Kulturangebot. Die reine Idylle, sagen sie. Nachdem sie mehr Vertrauen gefasst haben: Sie kämen aus Wolgast. „Wir haben über 50 Prozent AfD, darauf muss man nicht stolz sein. Da können Sie auch mal was Positives schreiben über uns: Munition brauchen wir nicht, ganz einfach!“ Wir stehen mitten auf der Straße und reden eine Weile – über die Wahlen, die Gegend. Dann verabschieden wir uns. Als sie schon ein Stück entfernt sind, wird mir bewusst: Die Kinder haben nicht gequengelt, sie haben einfach zugehört.
Bild: Abschied von der Familie aus Wolgast
Als ich zum Auto laufe, komme ich an der Kirche vorbei, die hinter einer Feldsteinmauer aufragt. Ich schaue mir die Aushangtafel an – aber die schweigt zum Munitionsdepot. Stattdessen spricht Gott zum Betrachter: „Siehe ich mache alles neu!“ Wolfsruh gehört wie Großwoltersdorf zur evangelischen Kirchengemeinde Menz, deren Pfarrer ist Jens Jacobi. Ich versuche in den nächsten Tagen mehrfach, ihn zu erreichen. Aber es gelingt mir nicht.
In der kleinen Gasse neben der Kirchenmauer bin ich offenbar ein ungebetener Gast: Jemand knallt mir die Tür vor der Nase zu. Ein Stück weiter an der Müllsammelanlage hängen die Aufrufe und Plakate der Bürgerinitiative an der Palisade. Ein Aushang meint: „Angst garantiert keinen Frieden.“ Vor einem Haus aus den 1990er Jahren gießt eine Frau die Blumenkübel an der Straße. Sie stellt kurz die Gießkanne ab: Ja, man müsse schauen, was draus wird. Wie fast alle hätten sie auch unterschrieben bei der Bürgerinitiative. Sie zuckt die Schultern. Nein, vor einem Angriff hätte sie keine Angst, aber vor dem Lärm grause es ihr. Und, dass die Grundstücke nichts mehr wert seien.
Mein Fazit: keine Wutbürger, die mit Mistgabeln unterwegs sind.
Auf dem Weg nach Gransee fahre ich fast allein über die Alleen. Eschen säumen das Asphaltband, das sich zwischen Feldern, Waldstücken und kleinen Örtchen hindurchwindet. Die Reaktivierungspläne sind auch deshalb brisant, weil das MUNA-Gelände im Landschaftsschutzgebiet Fürstenberger Wald- und Seengebiet liegt. Direkt an das Areal grenzt außerdem der Naturpark Stechlin-Ruppiner Seenland. Natur pur, Urlaubsgegend – bisher ein Trumpf in den Händen der Gegner. Das wissen auch die Bundesregierung und alle anderen, die auf den Schienen der Kriegstüchtigkeit unterwegs sind. Sie wollen freie Fahrt für ihren Schnellzug.
Und sie handeln. Die Bundesregierung bringt in diesem Sommer zwei Gesetze auf den Weg – mit weitreichenden Folgen auch für den Naturschutz. Die Namen sind übliche Wortmonster: „Infrastruktur-Zukunftsgesetz“ und „Bundeswehr-Infrastrukturbeschleunigungsgesetz“. Dahinter verbirgt sich weniger Mitsprache für Anwohner, weniger Schutz für Natur, mehr Tempo für Waffenlager. Wer sich wehrt, hat es künftig deutlich schwerer. Die Formulierung, die alles andere wegbügelt: „überragendes öffentliches Interesse“ für Militärvorhaben. Die Genehmigungsverfahren hierfür werden beschleunigt. Der Schnellzug soll auch durch die Gerichte brausen: Verkürzung des Rechtswegs bei Klagen, die Gerichtsbarkeit wird beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig konzentriert. Entscheidend: Eine Klage stoppt ein Vorhaben nicht.
Das Infrastruktur-Zukunftsgesetz ist am 26. Juni 2026 durch den Bundestag beschlossen worden und hat den Bundesrat passiert. Anders sieht es für das zweite Gesetz aus: Das muss erst noch durch Bundestag und Bundesrat. Die ersten Beratungen sind für September angekündigt. Die Räder des Schnellzugs drehen sich ohne Pause.
Ich fahre den Umweg über Großwoltersdorf. Es ist Mittag, niemand zu sehen. Ein typisches Straßendorf mit ein paar Gewerbebetrieben. Der Radweg Berlin-Kopenhagen verläuft östlich vom Dorf. Ich halte an der Kirche, weil mir dort die blau-weißen Schilder mit den Friedenstauben ins Auge stechen. Zwei davon klemmen im Eisentor. Ein anderes liegt auf den Granitstufen des Soldatendenkmals, das vor der Feldsteinmauer aufragt.
Bild: Die Kirche in Großwoltersdorf
Jetzt erinnere ich mich an den Aushang, den ich in Menz an der Naturparktafel gelesen habe. Hier scheint jemand aus dem Umfeld der Kirche aktiv zu sein – im Gegensatz zu Wolfsruh. Ich nehme mir vor, das herauszufinden. An einigen Hoftoren hängt das Plakat der Bürgerinitiative. Zwischen zwei Ahornbäumen ist ein Banner aufgespannt. Darauf das bekannte Motiv von Käthe Kollwitz: ein Mensch mit hochgerecktem Arm und „Nie wieder Krieg!“.

Ankunft in Gransee. Hier sitzt die Amtsverwaltung. Amtsdirektor ist Nico Zehmke, jetzt parteilos, früher CDU – bei Antritt seines Postens sei er ausgetreten, berichtet die Märkische Allgemeine 2024. In Neuroofen hatte mir Katrin Davis erzählt, das Amt stelle sich als neutral dar. In der Einwohnerversammlung habe Nico Zehmke ihr geantwortet: „Aber wir sind doch alle für den Frieden, Frau Davis.“ Unterschwellig werde vermittelt, dass man sowieso nichts machen könne. Im Protokoll der Einwohnerversammlung von Anfang Mai, das Paul Davis mir ausgedruckt hat, steht der Satz: „Der Gemeinde wird seitens der Verwaltung keine Verhinderungsplanung empfohlen.“
Bild: Touristinfo in Gransee und Rudolf-Breitscheid-Straße
Gransee war Ackerbürgerstadt. Rot-weiße Backsteintürme, ein adretter Altstadtkern mit Stadtmauer, ein Kloster, das saniert wird – das sind die Vorzüge, die mir sofort auffallen. Aber in der Touristeninformation blitze ich ab mit meinen Fragen. Zwei Frauen sitzen hinter dem verglasten Tresen vor ihren Kaffeetassen und plauschen. Als ich frage, ob sie mir etwas zum MUNA in puncto Tourismus sagen möchten, werden ihre Mienen abweisend. Immerhin bekomme ich die Auskunft, dass sie für den Tourismusverein arbeiten. Der Verein habe das Gebäude mit Museumstrakt von der Stadt Gransee gemietet. Nein, an der Tafel draußen dürfe die Bürgerinitiative keinen Aushang anheften, sagen sie.
Inzwischen ist es früher Nachmittag. Ich laufe die Rudolf-Breitscheid-Straße entlang, die Hauptmagistrale in der Altstadt. Ein Eis am Stiel wäre nicht schlecht – die Sonne ist gnadenlos, bevor sich am Abend der Mond davorschieben wird. Oder doch ein ordentliches Essen? Die Gaststätte „Zum Ackerbürger“ hat Klopse mit Kartoffeln für sechs Euro und das MUNA-Plakat – sie ist aber leider schon geschlossen. Der Bäcker ist meine Rettung. Hier gibt es neben freundlicher Bedienung sogar Roggenbrot aus Natursauerteig.
Bild: Restaurant mit Botschaft
Auch im Schaufenster des Spielzeugladens sehe ich das Plakat der Bürgerinitiative. Die Verkäuferin lehnt mit den Ellbogen auf dem Tresen und schaut ins Handy – niemand im Laden. „Ach wissen Sie, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“, sagt sie, als ich sie auf das Munitionsdepot anspreche. „Ich will die ganzen Nachrichten gar nicht mehr gucken. Der Krieg überall. Meine Enkel sind 13 und 15, da wird mir angst und bange. Aber die sagen ja, dass wir Alten daran schuld sind. Auch mit dem Klima.“ Sie sei Jahrgang 1957, erzählt sie mir. „Die Anlage steht ja nun da. Dann ist es auch egal, was sie damit machen. Uns fragt ja sowieso keiner.“ Sie nimmt wieder das Handy, als ich zur Ladentür gehe.
An der St. Marienkirche ist Schatten – und ich setze mich auf eine Bank. In Gransee ist das Schweigen der Kirche nicht ganz so laut wie in Wolfsruh. „Selig sind, die Frieden stiften“, lese ich auf dem Banner an der Kirchentür. Immerhin. Jetzt greife ich selbst zum Handy: Ich will wissen, ob es Bürgerbüros von Abgeordneten gibt in Gransee. Ja: SPD und CDU. Bei der SPD sind die Rollläden heruntergelassen. Als ich bei der CDU die Sprechzeiten abfotografiere, öffnet sich die Tür – und ich bekomme einen Termin beim Bundestagsabgeordneten Uwe Feiler für Ende August.
Wutbürger sind mir auch in Gransee nicht begegnet. Ich schaue mir die Wahlergebnisse zur Bundestagswahl 2025 an. Im Ortsteil Wolfsruh 44 Prozent für die AfD, 11 Prozent für das BSW. In Gransee-Stadt kommt die AfD auf 41 Prozent, das BSW auf 9. Ich wage, das als Unzufriedenheit zu werten. Hier sticht man offenbar nicht mit der Mistgabel, sondern mit dem Kreuz in der Wahlkabine.
Es ist Ende August. Markus Hoffmann aus Wolfsruh gibt mir den Tipp: Ganz sicher seien es Herbert Brauer und dessen Frau, die die Friedenstauben vor der Kirche in Großwoltersdorf platziert hätten. Sie seien auch diejenigen mit dem Käthe-Kollwitz-Banner vor dem Haus. Also fahre ich nach Großwoltersdorf und klingle spontan. Herbert Brauer öffnet die Tür: barfuß – aber mit Friedenstaube, die an seiner Latzhose steckt. Ja, er habe Zeit für mich. Ich betrete einen Raum: eigentlich eine Küche mit einem großen Holztisch in der Mitte – doch dieses Zimmer erzählt eine Geschichte. Ich sehe Flöten, eine Gitarre, einen Notenständer. Ein Küchenbuffet mit Tassen und Büchern. Viele Bilder.
Bild: Herbert Brauer in seiner Küche
Wir setzen uns an den Holztisch. „Ja, viele Alteingesessene sagen: Ach, das Depot gab es doch schon immer“, so Brauer. Auch er ist zugezogen, vor 30 Jahren. Er versucht nachzuvollziehen, was diejenigen denken, die hier aufgewachsen sind. „Es war eben eine erträgliche Nachbarschaft“, sagt er – die Leute vom Munitionsdepot seien Kunden gewesen im Geschäft, Erntehelfer, hätten bei Bränden geholfen. Und viele würden annehmen, dass es genauso weitergeht. Ich höre seinen Zweifel. Jüngere würden auf Arbeitsplätze und Steuereinnahmen hoffen – und die Feuerwehr auf eine bessere Ausstattung, sagt er. Ich spreche ihn auf die Friedenstauben vor der Kirche an. Ja, das sei sein Werk – und das seiner Frau. Die Kirche selbst habe keinen offiziellen Standpunkt zum Munitionsdepot, sagt Brauer. Bei ihm sähe das anders aus. Er gehöre der Kirchengemeinde an, und mit Ausnahme der Sommerpause würden sie jeden Mittwoch ein Gebet für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung abhalten. Aber es gebe auch Gedenktage, die sie größer begehen. Wie zu den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki zum Beispiel – da kämen auch Leute aus dem Dorf und der Umgebung. Überhaupt die Friedenstauben: Manche würden ihn belächeln. Auf das Abzeichen angesprochen, das er trägt, sei er schon gefragt worden: „Bist du etwa Taubenzüchter?“
Herbert Brauer ist Mitte siebzig, in Rostock geboren. „Ich habe bei der Bürgerinitiative FREIe HEIDe von Anfang bis Ende mitgemacht“, erzählt er. Also wieder jemand mit Bombodrom-Erfahrung. Er wisse, dass sie Geduld und Ausdauer bräuchten bei der aktuellen Auseinandersetzung um das Munitionsdepot. Und ich zweifle nicht: Er hat sie. Brauer bleibt nicht am Klein-Klein hängen. „Brauchen wir denn überhaupt Munition? Die momentane Sucht nach Krieg ist erschreckend“, sagt er. „Hier ist eine eher konservative Bevölkerung. Die Gegend hat schon einen zweifelhaften Ruf“, sagt Brauer mit einem Schmunzeln. Wegen der AfD natürlich, ergänzt er. Aber sie würden sich trotzdem verstehen. Es seien gute Nachbarn, die er habe. Plakate würden toleriert: Ist halt deine Meinung – das sei der Grundtenor. Ich zeige auf das Schild mit der Aufschrift „Hoffnung“, das hinter ihm auf dem Buffet steht – und frage nach seiner. „Dass Leute zusammenkommen, die sich sonst gar nicht gefunden hätten.“
Wolfsruh und Umgebung sind mir inzwischen fast vertraut. Ein Grund dafür sind die Begegnungen mit den Menschen vor Ort. Normale Leute mit einer Meinung – die sie ohne Umschweife sagen. Ich möchte wissen, ob diejenigen, die dafür gewählt wurden, auch eine haben. Oder nur einen Sprechzettel.
Noch einmal blättere ich die Präsentation der Investoren aus der Einwohnerversammlung durch. Hängen bleibe ich an der Stelle, wo die Unsicherheitsfaktoren für das Vorhaben aufgelistet sind, auf die mich schon Paul Davis aufmerksam gemacht hat. Dort lese ich: „Förderung durch Landespolitik und Lokalpolitik“. Ich schließe daraus: Ganz machtlos scheinen die lokalen Politgrößen nicht zu sein. Und auch nicht der Brandenburger Landtag.
Günter Furthmayrs Reifenservice liegt direkt am Wolfsruher Ortseingang, wenn man über den Rauschendorfer Weg ins Dorf kommt. Die Tür zum Büro steht offen, aber es ist niemand drin. In der Halle nebenan rumort es. Als ich von dort ratlos zurückkomme, sitzt Günter Furthmayr am Schreibtisch. „Also, ich bin ja dafür", sagt er, als ich ihn auf das Munitionsdepot anspreche. Das interessiert mich – ich darf mich hinsetzen. Auch Günter Furthmayr gehört zu den Zugezogenen: Er ist Österreicher und lebt seit 30 Jahren hier. Seit 18 Jahren sitzt er im Gemeinderat. Man müsse sich als Land schon verteidigen können, sagt er. Klar würden die Reichen noch reicher werden durch die Aufrüstung, räumt er ein. Als die Bundeswehr noch vor Ort war, sei es ruhig zugegangen. Da habe man sich sicher gefühlt. Später, als sie weg war, habe es viel Vandalismus gegeben. Er wohne auch in der Neuen Siedlung, ganz dicht am Depot. Jetzt sei wegen der Einlagerung viel Verkehr und Lärm – das könne sich ja dann wieder ändern.
„Der Weltfrieden ist eine schöne Illusion“, sagt Furthmayr. Sein Vater sei 85 Jahre alt. Und der sage, Wolfsruh würde im Ernstfall schon prophylaktisch bombardiert werden, weil dort immer ein Munitionsdepot war. Dann wären sowieso alle weg. Aber was wolle der Russe hier – wir hätten doch nichts, was er brauchen könnte. „Mein Vater war ein Kumpel von Breschnew. SPÖ-Mitglied. Er war in Moskau sogar zum Geburtstag eingeladen“, erklärt er. „Von mir aus soll die Munition da drinnen verschimmeln“, sagt Günter Furthmayr zum Abschied.
Am letzten Tag der Sommerferien in Brandenburg telefoniere ich mit Andreas Galau. Seit 2014 ist er AfD-Abgeordneter im Brandenburger Landtag – aber eigentlich müsste er im Bundestag sitzen. Denn bei der Bundestagswahl 2025 hat Andreas Galau als Direktkandidat den Wahlkreis 58 – Oberhavel-Havelland II – gewonnen, zu dem auch Wolfsruh gehört. Wegen der Reform des Wahlrechts ist aber der Zweitplatzierte über einen Listenplatz in den Bundestag eingezogen – nämlich Uwe Feiler von der CDU. Der AfD fehlte die sogenannte Zweitstimmendeckung: Sie hat zu viele Direktmandate gewonnen, die durch ihren Anteil an Zweitstimmen nicht gedeckt waren.
Andreas Galau geht direkt ans Telefon, als ich im Bürgerbüro der AfD im Löwenberger Land anrufe. Eigentlich seien ja noch Ferien, sagt er. Ja, er kenne das Anliegen der Bürgerinitiative in puncto Wolfsruh. Grundsätzlich wolle er sich das auch wohlwollend anschauen – wegen der Friedensthematik. Aber er könne nicht für seinen Landesverband und die AfD-Fraktion sprechen, die müssten sich erst noch positionieren dazu. Was er aber sagen könne: Er sei nicht gegen Verteidigungsfähigkeit, ein Land müsse gerüstet sein. „Die Bundeswehr ist einfach runtergewirtschaftet“, sagt Galau. Die Polizei werde ja auch ordentlich ausgerüstet – genauso müsse es mit der Bundeswehr sein. Aber eins ist Galau wichtig: „Kriegstauglich gegen Russland – nein! Da ist die AfD raus.“ Es dürfe keinen militärischen Konflikt mit Russland geben. Insofern sei das alles eine Abwägungsfrage: Es wäre zu prüfen, ob die MUNA-Reaktivierung in Wolfsruh der Kriegsführung gegen Russland diene.
Ich bin gespannt, ob das sein Konkurrent von der CDU auch so sieht. Uwe Feiler ist der einzige Abgeordnete des Landkreises Oberhavel im Bundestag. Er steht als Nächster in meinem Terminkalender.
Gransee. Es ist Ende August. Ich sitze auf der Bank unterhalb des Luise-Denkmals und gönne mir vor dem Termin noch ein Eis. Vorher bin ich durch die Seitenstraßen der Altstadt gegangen – diesmal mit Röntgenblick. Ich überlege, wie leicht es wäre, nach so einem Streifzug einen Verriss über Gransee zu schreiben. Über die Gegend hier. Das Klischee vom Osten: AfD und bröckelnde Fassaden. Nörgelnde Rentner mit Stoffbeuteln in der Hand. Ich könnte auf die Wahlen verweisen und Fotos machen von leerstehenden Ladengeschäften in der Rudolf-Breitscheid-Straße. Ich tue es nicht.
Bild: Gransee, Königin-Luise-Denkmal von Schinkel
Das Bürgerbüro des CDU-Bundestagsabgeordneten Uwe Feiler befindet sich in einem sanierten Altbau, gleich neben dem Bäcker, ein paar Schritte von der Hauptmagistrale in Richtung Kirche. An der Eingangstür ein Plakat vom Parlamentarischen Patenschafts-Programm des Deutschen Bundestags. Es preist ein Stipendium für Schüler und junge Berufstätige an: „Mit dem Bundestag in die USA!“ Hinter der Tür lande ich gleich in einem Besprechungsraum mit großem Tisch, alles recht nüchtern. Dann kommt Feiler und stellt mir seine drei Mitarbeiter vor: zwei junge Frauen, ein älterer Mann. Sie nehmen alle am Tisch Platz – sie werden das Gespräch verfolgen. Feiler an der Stirnseite. Damit ich ihm beim Gespräch vis-à-vis sitze, muss ich mich nach rechts drehen. Deshalb sitzt der Mitarbeiter hinter meinem Rücken – ich versuche das auszublenden. Ja, Wolfsruh. „Ich kann mir vorstellen, worum es Ihnen geht“, sagt Feiler und lächelt.
Ich frage Feiler zuerst nach den beiden neuen Gesetzen, die Militärvorhaben beschleunigen und den Naturschutz zurückstellen sollen – und ob er ihnen zustimmt. Denn Wolfsruh ist davon konkret betroffen. Ja, selbstverständlich, er stimme zu. Feiler spricht über die marode Infrastruktur in Deutschland – er hat viele Beispiele parat. Die müsse dringend auf Vordermann gebracht werden. „Das wurde verschlampert. Und dafür sind alle Parteien verantwortlich“, sagt er. Genehmigungen für Bauvorhaben würden zu lange dauern – er habe es gerade persönlich bei einer Brunnenbohrung erlebt. Ein langer Redefluss. Ich frage dazwischen, warum das alles mit Militärvorhaben verknüpft worden sei. „Weil wir bedroht werden“, ist seine Antwort. Und plötzlich sind wir weit weg von Wolfsruh. Scheinbar. Wir landen mitten in der großen Politik – dort, wo Feiler zu Hause ist. Drohnen in Leipzig, Hackerangriffe, Ukraine – er zählt alles auf. „Nach der Wende war doch Friede und Freude“, sagt Feiler. Die beiden Blöcke seien zusammengebrochen. Und nun: „Putin!“ Das sei alles ein Märchen, was das Heranrücken der Nato an Russland beträfe. Die Bundeswehr müsse verteidigungsfähig sein – das Wort „kriegstüchtig“ möchte Feiler lieber nicht verwenden. Niemand solle auf die Idee kommen, uns anzugreifen. Und da müsse jetzt alles schneller gehen. Er ist sich sicher: „Putin ist brandgefährlich.“ Der wolle die Grenzen des ehemaligen Sowjetreichs wiederherstellen.
Bild: Bundestagsabgeordneter Uwe Feiler
Ich frage, ob er weiß, dass hier in seinem Wahlkreis viele Menschen auf Russland eine etwas andere Sicht hätten. Ja, natürlich, das sei ihm bewusst, sagt Feiler, der in Niedersachsen geboren und aufgewachsen ist. „Ich lebe ja hier selbst seit ein paar Jahrzehnten im freiwilligen Exil“, sagt er und lacht – im Havelland. Und seine Frau sei Brandenburgerin – deshalb kenne er sich aus. Wichtig sei: Man müsse im Gespräch bleiben, es könne jeder zu ihm kommen ins Büro – Gegner oder Befürworter des Munitionsdepots. Miteinander sprechen sei entscheidend, dann finde man Lösungen. Nur mit Putin – mit dem könne man nicht reden.
Ich möchte trotzdem noch einmal auf Wolfsruh zurückkommen. Deshalb frage ich ihn, ob er als Bundestagsabgeordneter überhaupt erfährt, was in einem solchen Depot lagert – welche Munition, welche Drohnen. Nein, sagt Feiler, das entscheide das Bundesministerium der Verteidigung. Ich bin irritiert: Die Exekutive mit völlig freier Hand? Nicht ganz, antwortet er. Gesetze gebe es natürlich, aber eben auch Geheimhaltung. Er könne vertrauliche Akten in der Geheimschutzstelle des Bundestags einsehen. Aber dann dürfe er natürlich nicht darüber sprechen.
Wir verabschieden uns. Aber ich gehe noch einmal zur Bank unter dem Luise-Denkmal – weil meine Gedanken bei der Kontrollfrage festhängen. Die Bundeswehr will das Munitionsdepot in Wolfsruh nicht selbst betreiben – das sollen Privatunternehmen tun. Wer kontrolliert, was dort tatsächlich lagert und geschieht?
Nach dem Ende der Sommerferien zieht ein erstes Sturmtief über Brandenburg. Bäume stürzen um. Auch die Wahl in Sachsen-Anhalt passt in dieses Bild. „Die Zeiten sind des Sturmes voll“, schreibt jemand in einem Kommentar, den ich dieser Tage lese. Stimmt.
Gleichzeitig lädt sich um das MUNA in Wolfsruh die Atmosphäre auf – es hagelt Presseberichte: im Nordkurier, im Neuen Deutschland und in der Märkischen Allgemeinen. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) bringt das Thema bei Antenne Brandenburg und in der Nachrichtensendung „Brandenburg aktuell“ im Fernsehen. Und überall ist Katrin Davis präsent – mit Interviews und Statements. Energisch und mit markanten Sätzen. Sie kann mit den Medien. „Die Leute können das Wort Ukraine nicht mehr hören“ – so beschreibt sie die Stimmung in und um Wolfsruh gegenüber der Märkischen Allgemeinen.
Anfang September ruft mich Katrin Davis an: Die Sommerpause sei vorbei, es gehe mit Volldampf weiter. Sie sei dieser Tage in Gransee unterwegs gewesen und habe in den Geschäften neue Aushänge verteilt. Jetzt sei die Bürgerinitiative wieder gut sichtbar. Außerdem: die Medien! Ich höre die Zufriedenheit in ihrer Stimme. „Es ist gerade wie Weihnachten“, sagt sie. Es kämen ständig neue Päckchen ins Haus. „Wir brauchen nur auszupacken: eine neue Interviewanfrage, Listen mit Unterschriften, Plakate und Banner, Mails mit neuen Ideen.“ Ein Spender habe zehn Banner mit dem Käthe-Kollwitz-Motiv „Nie wieder Krieg!“ finanziert, für mehrere hundert Euro. Sie selbst fand das Motiv erst sehr drastisch, aber nun merke sie, was für ein Blickfang das sei. „Es geht ja um Aufmerksamkeit“, sagt sie.
Dann erreicht mich eine Mail der Bürgerinitiative: Uwe Feiler von der CDU sei angekündigt für einen Besuch im Munitionsdepot – mit Pressestatement sogar. Da wollen sie sichtbar sein vor Ort, mobilisieren. Ich fahre nach Wolfsruh. Als ich in der Neuen Siedlung ankomme, sehe ich schon von Weitem, wie Autos mit Plakaten dekoriert sind und Transparente aufgestellt werden. Die Aktivisten der Bürgerinitiative packen Musikboxen, Getränke und Trillerpfeifen aus. Geschäftige Aufregung und gute Laune. Eine junge Familie sitzt mit Friedenstaube vor ihrem Grundstück. Paul Davis spielt auf der Gitarre und singt. Dann erscheint der Verwalter des Depots. Er überbringt im Auftrag der Eigentümer die Nachricht, dass die Aktivisten maximal bis zum Holztor vorrücken dürften, dann sei Schluss. Keinesfalls rauf auf das Gelände. Das wird abgenickt. Dann fährt Heiko Gürtler im Mercedes vor, der Vorsitzende des Ortsbeirats. Er winkt den Versammelten zu, spricht von Auto zu Auto mit dem Verwalter. Die avisierte Zeit für den Feiler-Auftritt verstreicht, aber es passiert nichts mehr, man steht in Grüppchen zusammen und schwatzt.
Bild: Protest vor dem Munitionsdepot
Vom BSW Oberhavel ist Frank Gerold erschienen, ausgerüstet mit zwei selbstgebauten Transparenten – „Nato raus“ und „Bedrohungslüge“, lese ich. Er habe ein ganzes Arsenal an Plakaten, für alle Lebenslagen das Passende, sagt er. Und er habe viele Unterschriften gesammelt gegen das MUNA. Falls dabei Fragen kämen, sei er gewappnet: mit einem eigenen Flyer über den Unsinn oberirdischer Munitionsbunker bei heutiger Waffentechnik. Gerold sagt: „Der neue Militarismus ist wie ein Krebsgeschwür.“
Uwe Feiler kommt nicht mehr. Witze machen die Runde und Spekulationen – darüber, dass er wohl Wind bekommen habe vom Auftritt der Bürgerinitiative. Katrin Davis sagt: „Das macht gar nichts. Wir haben gemerkt, dass unsere Leute kommen. Dass sie da sind, wenn sie gebraucht werden. Und die Stimmung war klasse, das gibt einfach Energie!“ Nach und nach verstreuen sich die Aktivisten in alle Richtungen, vorbei an den frisch plakatierten Häusern und Zäunen von Wolfsruh.
Die ersten Septembertage verstreichen, die Spannungslage um Wolfsruh bleibt. Die Wogen glätten sich nicht. Inzwischen rückt ein weiterer Schauplatz ins Bild: der Brandenburger Landtag. Hier tritt das BSW auf die Bühne und versucht, das Gesetz zur Beschleunigung der Maßnahmen für die Infrastruktur der Bundeswehr noch zu verhindern. Die Partei ist zwar im Brandenburger Landtag vertreten, nicht aber im Bundestag. Am 8. September 2026 beantragt das BSW zur Drucksache 8/3353 des Brandenburger Landtags: „Die Landesregierung wird aufgefordert, im Bundesrat gegen das Bundeswehr-Infrastrukturbeschleunigungsgesetz zu stimmen.“ Und „sich auf Ebene des Bundes gegen den Ausbau der Munitionsdepots in Wolfsruh einzusetzen.“ Ausgang offen – aber voraussehbar.
Überraschend klappt es nun doch mit einem Kontakt zur Partei Die Linke. Meine Mails an die Kreisverbände Oberhavel und Ostprignitz-Ruppin waren unbeantwortet geblieben. Im CDU-Büro gibt mir eine Mitarbeiterin Feilers die Telefonnummer von Ralf Wunderlich, Abgeordneter der Linkspartei im Kreistag Oberhavel. Im Landtag ist Die Linke nicht vertreten. Wunderlich sagt: Das MUNA sei nur ein Mosaikstein der Aufrüstung – da müsse man nicht nur vor der eigenen Haustür dagegen angehen, sondern grundsätzlich und global. Und plötzlich ist das Bombodrom wieder da. Seine Partei würde sich mit Konversionsflächen beschäftigen, insofern müsse man auch schauen, dass nicht wieder das Bombodrom auf die Tagesordnung komme. „Wie frei die Heide bleibt, wird man sehen“, sagt er.
Auch Wunderlich holt noch einmal groß aus: „Wenn die Ukraine in der Nato gewesen wäre, dann wäre sie nicht angegriffen worden durch Russland.“ Momentan habe Die Linke noch die Programmposition, dass die Nato ersetzt werden müsse durch ein europäisches Sicherheitsbündnis mit Russland. Aber es sei fraglich, ob diese Position so bleibe. Momentan liefen Diskussionen.
Kurz darauf zieht die Märkische Allgemeine das Geschehen wieder zurück auf den Boden in Wolfsruh. Am 12. September bringt sie einen Bericht – dort ist unverblümt von einem Munitionslager für die Ukraine die Rede. Und Katrin Davis nennt Amtsdirektor Nico Zehmke einen „Handlanger der Investoren“. Sie sagt der Zeitung: „Sachlich befinden wir uns in getrennten Booten.“ Aber ansonsten sei Zehmke hilfsbereit und gebe sich Mühe. Der sieht sich missverstanden und als „Diener von Gesetz und Bürgern“. Das Foto zum Zeitungsbericht: Zehmke im Amtszimmer vor einem Bild mit dem Alten Fritz.
Inzwischen werden die Kartoffeln aus der brandenburgischen Erde geholt – sie lagern irgendwo, aber sicher nicht im Depot in Wolfsruh. Und über die Republik fegt ein rauer Wind, der die Polit-Gewässer aufwirbelt. Wer am Ende mit wem in welchem Boot sitzt oder eben getrennt rudert, wird sich zeigen.
Simone Köhler befindet sich nach 34 Jahren in der Berliner Justiz nun in Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin. Sie hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Medienakademie teilgenommen.
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