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Bericht | 22.04.2026
Berlin normal
Einen halben Tag lang fährt unser Autor mit S- und U-Bahn durch die Stadt und trifft Obdachlose, Bettler, Musiker – und sogar junge Bücherleser.
Text: Rumen Milkow
 
 

Dank des Deutschlandtickets bin ich viel in Berlin unterwegs gewesen in den letzten Wochen und Monaten. Wie so oft beginnt auch mein heutiges Abenteuer mit den Berliner Öffentlichen an der Frankfurter Allee. U- oder S-Bahn? Ich entscheide mich für letzteres. In den Untergrund komme ich früh genug.

Bevor es zur S-Bahn hochgeht, muss ich „am Alkohol vorbei“, so wie in dem Lied Berlin von Ideal, einer Berliner NDW-Band der Achtziger. Die genaue Textstelle lautet: „Zur U-Bahn runter am Alkohol vorbei, Richtung Kreuzberg die Fahrt ist frei“. Mich führt der Weg wie gesagt hoch – vorbei an diversen Spätis und einem Imbiss. Bevor ich den Zugang zur S-Bahn erreiche, tauchen wie aus dem Nichts zwei angetrunkene Obdachlose auf – bei Ideal hießen sie noch „Junkies im Tran“. Sie reden laut und auf polnisch. Einer fuchtelt mit einer goldenen Pistole durch die Luft. Wie es aussieht, ein Kinderspielzeug. Zumindest lässt das die Gelassenheit der beiden Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma am Zaun gegenüber vermuten. Man kennt sich, grüßt sich mit der Faust und wechselt ein paar freundliche Worte.

Dies ist keine Überraschung. Immer mehr Obdachlose prägen nicht nur das Berliner Stadtbild, sondern auch die Öffentlichen. Im Winter eher in der Bahn, seit es wärmer geworden ist, auch draußen auf Bahnsteigen und Bahnhöfen. In aller Regel werden sie in Ruhe gelassen. Auch wenn die meisten schwarz fahren, bleiben sie von den Kontrolleuren unbehelligt. „Wo kein Geld, da auch keine Strafe“, lautet die Devise.

Bildbeschreibung Bild: S-Bahnhof Frankfurter Allee 2004 (Foto: Jcornelius, CC BY-SA 3.0)

Es ist gegen elf, ich nehme die Ringbahn Richtung Tempelhof, mäßig gefüllt. Der Berufsverkehr ist vorbei. Es gibt einige Schulklassen. Alles geht ziemlich zivilisiert zu. Die Bahn ist sauber, zumindest auf den ersten Blick. Schaut man genauer hin, liegt einiges an Müll herum. Hier ein Kronkorken, da eine Zigaretten-Packung und dort eine leere Papiertüte. Alles nicht der Rede wert, zumindest für Berliner Verhältnisse. Die Mehrheit bekommt eh nichts mit, weil die meisten mit ihrem Smartphone beschäftigt sind. Viele schauen sich etwas an oder suchen etwas. Andere telefonieren, manche auch laut und mit Filmaufnahmen. Verschiedene Sprachen sind zu vernehmen.

Nächste Station ist Ostkreuz. Der Zug ist noch in Fahrt, da klopft ein Mann mittleren Alters und in abgerissener Kleidung bereits heftig gegen die Tür. Nicht nur mir fällt das auf, sondern auch anderen Mitreisenden. Niemand spricht ihn an, auch ich nicht, als er heftig auf den Knopf des Türöffners schlägt, der immer noch Rot anzeigt. Vermutlich genau deswegen. Als die Tür endlich aufgeht, steigt der Mann aber nicht aus, sondern bleibt in der Tür einfach stehen und behindert sowohl Ausstieg als auch Einstieg. Das Spiel wiederholt sich noch einige Male, bis auch er am Bahnhof Neukölln aussteigt. Bis zur U-Bahn, diesmal nicht am Alkohol, sondern am Bäcker vorbei, muss man zwei Treppen runter. Der Fahrstuhl geht mal wieder nicht. Auch die Rolltreppe nicht.

Zwei junge Männer mit Migrationshintergrund kommen uns entgegen, tragen einer Frau den Kinderwagen die Treppen rauf, um dann mit allen wieder runter zur U-Bahn zu gehen. So manches erinnert an den Zusammenhalt in der untergehenden DDR. Als dort immer weniger funktionierte, hat das die Menschen näher zusammengebracht. Darf man deswegen schon vom maroden Charme des Untergangs sprechen? Immerhin, „marode“ war schon einmal „chic“ – im Berlin der Neunziger.

Die Fahrt geht weiter zum Hermannplatz, wo ich in die U-Bahn Richtung Alex umsteige. Hier muss man aufpassen und besser die Augen offenhalten. Nicht so sehr, weil es gefährlich ist, sondern weil es der Umsteigebahnhof in sich hat. Was wie ein Ausgang anfängt, kann sich schnell als Sackgasse entpuppen. Aber ich wollte ja sowieso umsteigen, nicht den Bahnhof verlassen und auch nicht zu Karstadt. Das Kaufhaus kann man direkt vom Bahnsteig aus erreichen.

Bildbeschreibung Bild: Bahnhof Schönleinstraße (Foto: Rumen Milkow)

Im U-Bahnhof Schönleinstraße liegt ein Obdachloser auf der Bank und schläft. Vor Jahren war hier einiges los. So wurden beispielsweise Obdachlose im Schlaf angezündet, worüber sogar die Süddeutsche berichtete, aber auch taz, Deutsche Welle und sogar Der Spiegel. Gab es damals mehr solche gruseligen Geschichten als heute? Passieren sie heute gar nicht mehr? Oder sind die Gruselgeschichten nur ein paar Nummern größer geworden? Wer weiß.

Kurzentschlossen verlasse ich bei der nächsten Station die U-Bahn. Ich muss wieder an Ideal und den Song „Berlin“ denken. Dort heißt es:

Kottbusser Tor, ich spring vom Zug, zwei Kontrolleure ahnen Betrug. Im Affenzahn die Rolltreppe rauf, zwei Türken halten die Beamten auf.

Schwer zu sagen, ob so ein Text heute noch durchgehen würde. Immerhin, Sorge wegen Schwarzfahren habe ich nicht. Ich habe ja mein Deutschlandticket.

Verlässt man den Bahnhof Kottbusser Tor, muss man sich auf einiges gefasst machen. Nicht so sehr auf die zahlreichen türkischen Gemüse- und Dönerläden. Die machen nicht nur einen normalen Eindruck – sie sind es auch. Sondern wegen der zahlreich sich im Umfeld tummelnden Obdachlosen und Drogenabhängigen. Da es erst kurz nach zwölf ist, schlafen viele wohl noch ihren Rausch aus. Nur ein Deutscher versucht, sich mit einer Gruppe Migranten anzulegen, die ihn aber – zu seinem Glück – ignoriert.

In der zweiten Reihe der kleinen Läden rings um das Kottbusser Tor gibt es ein arabisches Restaurant, wo rund um die Uhr frisches Fladenbrot gebacken wird. Das Stück für 1,50 Euro. Nimmt man zwei, bezahlt man zwei Euro. So wie meist nehme ich heute auch zwei. Der Geruch ist unwiderstehlich. Aber es riecht nicht nur gut. Die Lokalität strahlt auch Normalität aus. Eine Normalität, die immer mehr abhanden zu kommen scheint. Verlässt man das Restaurant, ist man in einer anderen Welt – in einer Welt des Chaos.

Ich entscheide mich, noch nicht zum Alex zu fahren, sondern weiter in Richtung Westen. An der Möckernbrücke, wo Obdachlose ihre Zelte aufgeschlagen haben, steige ich aus. Der U-Bahn-Ausgang ist praktisch, weil dort der Regen nicht hinkommt, der gerade einsetzt. Friedlich sitzen vier Obdachlose vor einem Zelt, unterhalten sich, trinken Bier und Schnaps und rauchen dabei. An ihnen vorbei laufen zwei junge Frauen, die zum gegenüberliegenden Familiengericht wollen.

Ich fahre eine Station weiter bis Gleisdreieck. Ab hier gibt es Schienenersatzverkehr, wenn man weiter Richtung Krumme Lanke will. Das will ich nicht. In den Außenbezirken werden die Öffentlichen immer normaler. Und wer will schon normal sein? Die Verrückten tummeln sich in der Zentrale. Egal ob Obdachloser oder Oberlehrer, Berlin-Besucher oder Berliner, Tourist oder Terrorist. Sie sind alle immer schon da. Beispielsweise Mike, kein Terrorist, sondern nur einer, der eine Zeitung verkaufen will. Die meisten ignorieren ihn, schauen auf ihr Smartphone, obwohl er sich große Mühe gibt, gute Laune zu verbreiten. Aber vielleicht gerade deswegen. Wer kann schon gute Laune vertragen in diesen Zeiten. Immerhin, eine Zeitung wird er los, der Mike. Darüber hinaus bekommt er einige Münzen, ohne eine weitere zu verkaufen.

Bildbeschreibung

Im Bahnhof Alexanderplatz, beliebter Treffpunkt von Obdachlosen, haben viele Geschäfte geschlossen. Vielleicht ist er gerade deswegen so beliebt bei ihnen. Ich fahre hoch zur S-Bahn. Immerhin, die Rolltreppe funktioniert – noch. Am Hauptbahnhof, meinem Ziel, soll es schon anders aussehen. In der S-Bahn sieht man nicht nur mehr, sondern man hat auch mehr Platz. Die Wagen sind größer, und das ist auch gut so, denn nun kommen zwei Musiker mit ihren Gitarren, die herzzerreißend und auf Spanisch singen. Nicht alle bekommen das mit. So einige sind mit Stöpseln in den Ohren unterwegs. Was sie dort wohl für Musik hören? Mir gegenüber plötzlich junge Menschen mit einem Buch in der Hand, drei an der Zahl – Donnerwetter! Dass es so etwas noch gibt. In der Regel kommt ein Bücherwurm auf zehn Smartphoneträger, wenn nicht gar auf 20.

Am Hauptbahnhof auf den ersten Blick der Wahnsinn, über den schon Tage, wenn nicht gar Wochen berichtet wird. Jede Menge nicht funktionierender Rolltreppen, aber gar nicht so lange Schlangen vor den wenigen Fahrstühlen. Hat sich der Berliner – mal wieder – eingerichtet, adaptiert sozusagen, und trägt seinen Koffer? Oder hat er schon ganz und gar auf großes Gepäck verzichtet? Das Chaos ist weit weniger groß als erwartet. Für Touristen vermutlich eine zusätzliche Berlin-Attraktion.

Obdachlose sind hier keine auszumachen. Es dominiert das geschäftige Treiben von Touristen und Fernreisenden, Ankommenden und Abfahrenden. Alles unspektakulär, abgesehen von den nicht funktionierenden Rolltreppen. Ganz anders das, was ich nur wenige Tage zuvor in der U7 am Fehrbelliner Platz erlebt hatte. Ein Mann erhob sich plötzlich und sprang durch den Waggon, eine Sprache sprechend, die ich nicht verstand, aber die sich für mich wie Arabisch anhörte. Er drehte seine Runden im Waggon, von einem Ende zum anderen. Mit jeder Runde wurde er nicht nur lauter, sondern auch aggressiver und kam den Mitreisenden, auf die er einredete, immer näher. Weibliche Fahrgäste stiegen aus oder wechselten in andere Waggons. Am Ende waren nur noch eine Handvoll Männer mit dem Brüller im Wagen. Sie gaben sich stoisch und gelassen, so als hörten sie ihn gar nicht. Keine Sicherheitsleute weit und breit. Immer dasselbe. Wenn man sie braucht, sind sie nicht da. Am Ende beruhigte sich der Mann wieder, ganz ohne Sicherheitspersonal. Wenn es nur immer so wäre.

Keine Frage, ein eher seltenes Ereignis, aber es kommt vor. Was wird mich bei meiner abschließenden Fahrt vom Hauptbahnhof zurück zur Frankfurter Allee erwarten? Es ist früher Abend und es sind sowohl Berlin-Besucher als auch Berliner unterwegs, dazu auffällig viele Schulkassen. Die jungen Menschen sind meist aufgeregt und unterhalten sich laut. Vielleicht sind sie das erste Mal in der Stadt. Ich höre Spanisch, hin und wieder Französisch und natürlich Englisch. Obwohl die U-Bahn sehr voll ist, ist es nicht unangenehm. Am Alex verlassen die meisten den Zug, allen voran die Schulklassen. Dann wird es fast langweilig. Plötzlich auch hier wieder Menschen mit Büchern vor der Nase. Und eine alte Frau, die schweigend mit einem Glas in der Hand um Geld bettelt. Daneben Eltern, die sich mit ihren Kindern unterhalten. Nicht zu vergessen die Hipster, die immer an der Samariterstraße aussteigen.

Ich erst eine Station weiter, an der Frankfurter Allee mit seinem Übergang zur Ring-Bahn, wo ich einige Stunden zuvor gestartet war. Mein Heimweg führt mich an einer Eingangstür vorbei, in der schon seit Monaten ein Obdachloser sein Quartier aufgeschlagen hat. Den ganzen Winter über war er hier. Jetzt schläft er aufgedeckt, so dass man seinen Bauch sehen kann. In der Hand eine Flasche Bier. Was für ein Tag.

Bildbeschreibung

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Bildquellen: Hauptbahnhof 2014 (Titelfoto: Martin Falbisoner, CC BY-SA 4.0)