Die Mail muss im April oder im Mai gekommen sein. Ich hatte schon mein erstes Fett weg, saß aber noch in meinem Professorenbüro und schrieb voller Optimismus gegen die Dinge an, die sich dem Verstand entzogen – im Rubikon, auf meiner Seite Medienrealität, in den Blogs der beiden Forschungsverbünde, bei denen ich Sprecher war. Irgendwann, da war ich sicher, würde sich die Vernunft durchsetzen und den Spuk beenden. Die Mail von Hannah Broecker und Dennis Kaltwasser bestärkte mich in diesem Irrtum. Zwei Kollegen, sie Politikwissenschaftlerin, er Germanist, von denen ich noch nie gehört hatte, wollten mit mir den Corona-Diskurs untersuchen. Die Sprache des Protests auf den Straßen, die Diffamierung von Experten, die neue Gegenöffentlichkeit. Also: etwas, das geradezu nach einer Analyse rief, die unsere Erfahrungen bündelte. Eine erste Skizze, knapp fünf Seiten, trägt den Zeitstempel 20. Juni 2020.
Wir haben uns damals fast jeden Freitag auf dem Bildschirm getroffen. Drei Fenster, von denen zwei aus dem gleichen Haus gesendet wurden, wobei ich eine Weile gebraucht habe, um das zu durchschauen. Ich habe mich auf jeden dieser Nachmittage gefreut. Lernen, sich ausheulen, Pläne machen. Wie läuft es bei Ihnen, Herr Meyen? Was sagen die Studenten, die Doktoranden, die anderen Profs? Gibt es Zustimmung, wenigstens hinter vorgehaltener Hand? In Marburg und in Gießen, wo Hannah und Dennis angestellt waren, sah es nicht besser aus als an der LMU. Wir haben uns trotzdem bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft beworben. „Ausschreibung zur fachübergreifenden Erforschung von Epidemien und Pandemien anlässlich des Ausbruchs von SARS-CoV-2“: Das schien perfekt zu unserem Trio zu passen, und man kann schlecht meckern, wenn man es nicht wenigstens versucht.
Die Bildschirmtreffen sind dann ins reale Leben geschwappt – in München, in Hessen, später auch im bayerischen Wald. Hannah Broecker ist meine Mitarbeiterin geworden und hat Dennis im Frühherbst 2021 bestärkt, bei der Aktion #allesaufdentisch mitzumachen. Das Interview, geführt von Shirin Soraya, über „Antidemokratische Sprache“ ist ein Zeitdokument. Knapp 30 Minuten, die buchstäblich alles auf den Tisch bringen, was ein Sprachforscher zu den Zuständen sagen kann, und keineswegs nur nebenbei einen akademischen Lehrer zeigen, wie ihn jede Jugend braucht. Ruhig, eloquent und dabei so klar und so sicher, dass kein Zweifel aufkommen kann. Hier spricht jemand, der sich auskennt und einen Kompass hat.

Damit hinauszugehen aus dem Elfenbeinturm, mit Marcus Klöckner und den NachDenkSeiten zu sprechen und sich so zu den Künstlern zu bekennen, die ein halbes Jahr vorher das Land erschüttert hatten mit Videos, die sich schon qua Masse und Prominenz nicht ignorieren ließen, war ein Wagnis – nicht für jemanden wie mich, auf Lebenszeit verbeamtet, wohl aber für Dennis Kaltwasser, der nach etlichen Jahren in der Wirtschaft an die Uni zurückgekehrt war, vergleichsweise spät promoviert worden war (2019 mit Mitte 40) und sich nun auf einer befristeten Stelle für eine Professur in Position bringen wollte. Dennis hat dazu mehrfach angerufen, einen ersten Versuch verworfen, dann aber ein Video gemacht, das bleibt. Das gilt auch für die „Coronalogie der Ereignisse“, mehr als 70 Seiten lang, zum ersten Jahrestag der Kunstaktion veröffentlicht im Buch #allesdichtmachen – eine Chronik, die 2009 beginnt, alles zusammenträgt, was man seinerzeit wissen konnte, und dabei so mit der Sprache und den Ebenen spielt, dass Sachlichkeit, Beobachterdistanz und Haltung zusammenfinden. Herrlich.

Das nächste Buch haben Hannah Broecker und Dennis Kaltwasser im Westend-Verlag herausgegeben – die Dokumentation eines Workshops vom Juni 2023 an der Universität in München, bei dem wir Disziplinen und Menschen in einen Raum gebracht haben, die normalerweise in getrennten Welten leben. Medienforschung und Philosophie, Geschichte, Literatur- und Politikwissenschaft. Michael Esfeld, Hauke Ritz und Patrik Baab, Sandra Kostner und Jonas Tögel, Piers Robinson und Hans-Martin Schönherr-Mann. Titel: „Mediensystem und öffentliche Sphäre in der Krise“. Das Buch steht im Schrank, im Kopf geblieben aber sind drei Tage, die mir wenigstens für den Moment den Glauben an die Universität zurückgegeben haben. So, dachte ich mir, müssen das die Schöpfer des Wortes Symposion erlebt haben. Streit in der Sache, Sympathie und Neugier für die Person. Das mit dem Trinken und dem Gelage würden wir schon noch hinbekommen, beim nächsten Mal.
Im Buch setzt Dennis Kaltwasser einen wuchtigen Schlusspunkt, der in der Antike beginnt und Corona nebst Maßnahmen als einen Dauerzustand einordnet. Die Freiheit des Individuums hier und das Streben nach Allmacht dort, ob im Namen einer überlegenen Rationalität oder unter Anrufung unabdingbarer Notwendigkeiten: Dieser Kampf tobt seit Menschengedenken. Dennis hat mich damit zu meinem YouTube-Kanal inspiriert, der nicht nur Gespräche liefern sollte, sondern auch Aufklärungsvideos, angelehnt an das Format Academy of Ideas. Eigentlich wollten wir das zusammen angehen und wahrscheinlich hätte ich ohne ihn nicht einmal darüber nachgedacht. Dennis Kaltwasser war jemand, der auch das Praktische konnte. Fotos, Filme, Programmieren. Er hat die Webseite für unsere Zeitschrift gebaut, von der immerhin zweieinhalb Ausgaben erschienen sind, und eine kritische Gesellschaftsforschung konzipiert, die ihrem Namen alle Ehre macht und leicht in Lehrformate übersetzt werden könnte, die Studenten erlauben würden, neben einem Abschluss das zu erwerben, was es im Leben braucht – Urteilskraft und Rückgrat.
Die Nachricht von seinem Tod am 10. August hat mich kalt erwischt. Ich kannte natürlich die Krankengeschichte. Krebs, OP, das Herz. Ich kannte aber auch den Kämpfer Dennis Kaltwasser, der seinen Sohn Oskar nach dem frühen Tod seiner Frau zunächst allein betreute, dann im Patchwork mit Hannah Broecker ihre Tochter Ulanna dazubekam und wie ein Fels in den Debatten stand – in den Seminaren an seiner Uni, mit Omas, die meinten, gegen rechts zu sein, oder mit Maskenträgern im Supermarkt. Ich sehe ihn noch bei uns am Küchentisch sitzen oder am PC vor den Dashboards der Propagandainstitute und höre seine Stimme, die uns immer tiefer hineinführt in den Kaninchenbau und doch die Gewissheit transportiert, dass wir bald wieder Licht haben werden. Dennis: Du fehlst mir auf diesem Weg.
