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Medien-Tresen | 25.09.2026
Allesamt ratlos
Beim Scheitern zusehen: Das ZDF folgt Merz, Schulze und Co. bis zum Wahldesaster in Schwerin. Interpretiert vom Mainstream.
Text: Helge Buttkereit
 
 

Diese Geschichte hat alles, was eine gute Geschichte braucht. Bilder, einen Spannungsbogen mit dramatischem Ende und prominente Protagonisten. Es sind die Helden von der traurigen Gestalt aus der CDU, die gegen die Windmühlen der AfD kämpfen und denen die Kameras ganz nahe kommen. Das ZDF war wieder „Inside CDU“. Nach Staffel 1 (fünf Folgen, 2025, ebenfalls in der Mediathek) war der Endpunkt für die Fortsetzung von vornherein klar: die absehbare Wahlkatastrophe im September. Die Serie war also von der Dramaturgie her ein Selbstläufer, ebenso die Kurzversion „Machtbeben. Die CDU im Abstiegskampf“, die Dienstagabend im linearen ZDF-Programm lief. Wir haben sie aus aktuellem Anlass am Medien-Tresen verfolgt. Und so konnten wir den Politikern beim Scheitern zuschauen, beim Halbieren der eigenen Prozentwerte statt der der AfD. Die Kameras waren dicht dran. Weniger am Kanzler, er kommt immer wieder vor, ist auch zu sehen und zu hören – inklusive seiner Stellungnahme am Sonntag, auf die noch zurückzukommen ist. Die Filmemacher sind aber vor allem anderen Protagonisten gefolgt.

Die Kamera hält unter anderem direkt auf Sven Schulze, als der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt mit anderen im Kanu paddelt (und damit nicht das Ruder übernommen hat, wie der Text aus dem Off suggeriert). Sie folgt ihm in den Newsroom der CDU in Berlin und ist bei der Plakatauswahl (Entscheidung: nur mit Jacke und nicht mit Sakko) dabei. Schließlich können die Zuschauer einen ganz intimen Moment sehen: Schulze, wie er zusammengesunken in einem Hotelzimmer sitzt, nachdem er von den dramatischen Verlusten bei der Landtagswahl erfahren hat. Hier gibt es zwar keine Bewegtbilder, aber bei den Fotos mit schummriger Beleuchtung möchte man fast mitleiden. Fast.

Die Kamera ist auch im Dienstwagen von Philipp Amthor und begleitet den Jung-Politiker, der die Nase immer ein wenig höher hält, im Kanzleramt oder beim Wahlkampf vor Ort. Amthor sieht immer noch so aus, als ob er den Politiker nur spielt. Der kleine Bubi, der mitmachen darf und dabei 30 Jahre älter zu sein scheint, als er ist. Für ihn komme eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht infrage, sagt Amthor. Diese Partei wolle die CDU zerstören. Die Kamera ist bei Carsten Linnemann, als er in seiner Heimatstadt Paderborn öffentlich seinen Podcast Einfach mal machen mit Vicky Leandros und Hans-Joachim Watzke aufnimmt. Dort schlägt dem Politiker offen der Frust seiner Wähler entgegen. Er könne sie verstehen, sagt Linnemann, zu dieser Zeit noch Generalsekretär und sichtbar unzufrieden mit der Politik. Man sieht: Es ist ein Wagnis, dass die Partei die Kameraleute so dicht an sich herangelassen hat. Gleichzeitig hoffen diese Politiker auf Sympathiepunkte. Wer die Wähler anhört, kann so schlecht nicht sein. Wer sich persönlich und nahbar gibt, bekommt mindestens menschliche Züge.

Bildbeschreibung Bild: Hans-Joachim Watzke (ganz links) feiert 2011 den DFB-Pokalsieg. In der Mitte: Jürgen Klopp und Michael Zorc (Foto: Martin Davidsen, CC BY 2.0)

Inhalte kommen dabei kaum vor. In der heutigen Zeit sind es die Personen, die zählen. Es gibt Stimmungen und Gefühle, die transportiert werden. Keine guten, versteht sich, denn der Druck, die Angst vor der Niederlage und die allgemeine Ratlosigkeit sind deutlich zu spüren und in den Gesichtern der Protagonisten zu sehen. Sie tun etwas, sie tun vermutlich auch das Bestmögliche aus ihrer Sicht, aber sie haben ihr Scheitern vor Augen. Ein Beispiel: Patrick Schubert, Direktkandidat in Sachsen-Anhalt. In seinem Carport wird Plakat um Plakat geklebt. Und Schubert berichtet von der Idee, mit dem Motorrad zu den Leuten zu fahren. Dumm nur, dass ihm ein anderer mit seiner Simson zuvorkam. Während die CDU im Abstiegskampf und in der Depression steckt, wirkt Ulrich Siegmund wie der strahlende Held vom Tabellenführer. Ob er jetzt noch losfahren soll? Schubert ist sich nicht sicher. Gewählt wird er Anfang September nicht, der AfD-Kandidat in seinem Wahlkreis Jessen (Elster) hat am Ende doppelt so viele Stimmen wie er. Drei Autostunden nördlich steht Karoline Herrmann aus Neustadt-Glewe auf verlorenem Posten. Sie muss ausbaden, was sich die Partei für einen Wahlkampfgag ausgedacht hat. Ein Tag Ruhm und viel Spott: Herrmann verteilt Fischbrötchen (Wahlslogan „Die Mitte ist das Beste“) und erntet allgemeine Ablehnung. Am Ende bekommt sie gerade einmal 4,2 Prozent der Stimmen, eines der schlechtesten Ergebnisse eines CDU-Kandidaten in der Geschichte der Bundesrepublik.

Bildbeschreibung Bild: Screenshot, Inside CDU

Neben den Gesichtern aus der Parteispitze und den tragischen Gestalten von der Wahlkampfbasis ordnet die Prominenz aus dem Mainstream das Debakel ein. Robin Alexander von der Welt, Veit Medick vom Stern, Melanie Amann von Funke, Mariam Lau von der Zeit oder Paul Ronzheimer von der Bild kommentieren den Abstieg der CDU. Auch wenn das Parteiensystem mindestens im Osten erodiert und auch die SPD mit den 5,5 Prozent von Baden-Württemberg gerade ihr schlechtestes Landtagsergebnis aller Zeiten erreicht hat: Zumindest die Deutung überlässt man im Mainstream nicht den anderen. Kein Florian Warweg (Ostdeutsche Allgemeine), kein Ralf Schuler (Nius), kein Frank Wahlig (Kontrafunk) und auch kein Boris Reitschuster. Auch die Konkurrenten von der SPD (Ex-Ministerpräsident Stephan Weil), von der Linken (Gregor Gysi) oder Ex-Parteichef Armin Laschet halten den Film diesseits jeglicher Brandmauern. Man bleibt unter sich, kennt sich, kritisiert sich, aber man versteht sich. Melanie Amann spricht über Sven Schulze als idealen Kandidaten in Nicht-AfD Zeiten. Veit Medick erklärt die Probleme der Brandmauer und Paul Ronzheimer nennt die CDU führungs- und kopflos. Auch Mariam Lau fehlt die Fantasie, wie die CDU aus dem Loch herauskommen soll. Alle beschreiben eine ratlose Partei.

Am Ende hat dann auch der Kanzler seinen großen Auftritt. Ebenfalls ratlos. Immerhin ist sein PR-Coup am Wahlabend vorerst geglückt. Damit kam er den Kritikern zuvor. Er bleibt standhaft, geduldig und mit Rückgrat Kanzler und darf somit weiter ratlos gegen die AfD verlieren. Das rundet den Film zum Abstiegskampf der CDU ab. Wobei es aus Sicht der Filmemacher vermutlich zu gut gepasst hätte, wenn der Kanzler im Angesicht des endgültigen Abstiegs in Mecklenburg-Vorpommern seinen Rückzug angekündigt hätte. Der Ratlosigkeit angesichts des Aufstiegs der AfD, mit der dieser Film sowohl die CDU als auch den medialen Mainstream zeigt und den Zuschauer damit zurücklässt, hätte das aber wohl keinen Abbruch getan.

Bildbeschreibung Bild: Schluss-Szene vor dem Helmut-Kohl-Saal: Abgang am 20. September (Screenshot, Inside CDU)

Helge Buttkereit ist Historiker, freier Journalist und derzeit in der Öffentlichkeitsarbeit tätig.

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Bildquellen: Erhard und Kiesinger 1964 (Titelfoto: Willy Pragher, Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 072612d, CC BY 4.0)