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Lebensgeschichten | 11.02.2026
Zahnrad und Zuckerschock
Ein Gespräch mit dem Zerspaner, Busfahrer, Schrotthändler und Rettungsassistenten Siegfried Staedler über ein unternehmerisches Leben in der DDR.
Text: Axel Klopprogge
 
 

„Wenn ich einen neuen Beruf erlerne oder wenn ich irgendwo anfange, dann will ich in dem Betrieb alles können.“

Nein, Sie müssen Siegfried Staedler nicht kennen. Aber ich kenne ihn seit meiner Kindheit. Jeden Sommer fuhren meine Eltern mit uns Kindern mit dem Interzonenzug zu den Großeltern in die Baumschule, außerhalb von Mögelin an der Havel, südlich von Rathenow. Nebenan, im „großen Haus“, wohnte Siegfried, mit dem ich durch Wälder und Felder streifte. Zwischendurch hatten wir uns aus den Augen verloren, aber vor rund zehn Jahren wiedergefunden. Für ein Forschungsprojekt zum Thema „Wandel im biografischen Kontext“ habe ich ihn interviewt. Dabei habe auch ich vieles über ein unternehmerisches Leben in der DDR erfahren, das ich vorher nicht wusste. Ich freue mich, dass dieses Gespräch die sperrige Form des anonymisierten Audiotranskripts verlassen darf und Siegfried Staedler einer Veröffentlichung zugestimmt hat.

Bildbeschreibung Bild: Siegfried Staedler in seiner Werkstatt

Siegfried, wir kennen uns seit der Kindheit in Mögelin. Bist du dort geboren?

Ja. Und die ersten drei Jahre zur Schule gegangen. Aber mein Vater stammt aus Ostpreußen, zwischen Tilsit und Ragnit. Die Familie hat dann später in der Nähe von Gumbinnen gewohnt, wo mein Vater auch zur Schule gegangen ist. Und dann kam der Krieg. Mit 17 wurde er in Insterburg zur Wehrmacht eingezogen. Bei Heiligenbeil in Ostpreußen kam er in russische Kriegsgefangenschaft. Er war in Karelien in Gefangenschaft, an der finnischen Grenze. Da muss es lausig kalt gewesen sein. Er hat immer von einem Russen erzählt, der bei 35 Grad minus ohne Handschuhe einen Lkw repariert.

Kam deine Familie auf der Flucht nach Mögelin?

Als mein Vater 1948 aus der Gefangenschaft kam, hat er meine Mutter kennengelernt und geheiratet, 1951 kam ich. Über das Schicksal seiner Familie wusste er nichts. Als er dann hier in der DDR war, hat er von Anfang an über einen Suchdienst seine Mutter und seine Geschwister gesucht. 1957 schließlich hat er seine Mutter gefunden, also meine Oma. Sie lebte in Polen. Wir erfuhren, dass meine Tante auf der Flucht 1945 an Typhus erkrankt war und den Treck verlassen und behandelt werden musste. Die Oma blieb bei ihr und bekam ein Haus in den Masuren zugewiesen. Da sind sie geblieben.

Was habt Ihr unternommen?

Wir sind 1959 alle nach Polen gefahren und blieben acht Wochen in den Masuren, wo unsere Oma hängengeblieben war. Ich erinnere mich, dass ich nur 30 oder 40 Meter in den Wald reingehen musste. Dann habe ich mich hingehockt mit einer großen Schüssel, und in von einer Viertelstunde war sie voll mit Pfifferlingen. Wir haben acht Wochen jeden Tag Pfifferlinge gegessen. Oma hat die Pilze immer anders zubereitet, mal mit saurer Sahne, mal nur gebraten, dann nur mit Speck und dann sauer eingelegt.

Wie hast du das erlebt, deine Oma kennenzulernen? Wie hast du das in Erinnerung?

Es war gleich eine Herzlichkeit da, auch zu meiner Tante, zu meinen Cousinen. Oma war glücklich, dass sie ihren Sohn wieder hatte. Mehrere Söhne waren im Krieg geblieben. Und zwei Töchter hatten die Russen mitgenommen. Meine Oma hat mir aber nie etwas erzählt, nicht als Kind und auch später nicht, als ich erwachsen war. Nichts von der Zeit vorher, nichts vom Krieg und auch nichts von der Zeit in Polen. Ich weiß nur, dass sie kein Wort Polnisch gesprochen hat. Sie war Deutsche, sie spricht kein Polnisch. Meine Tante hat Polnisch sprechen müssen, die hat da gearbeitet und mein Cousin auch. Aber als sie dann nach Deutschland kam, hat sie das alles vergessen. Wir waren 1991 zusammen mit dem Auto in Polen – da habe ich gedolmetscht, weil sie kaum noch Polnisch konnte.

Gab es weitere Beziehungen nach Polen?

Ja, als meine Oma und meine Tante 1961 nach Deutschland umsiedelten, blieb mein Cousin in Polen. Als Kind habe ich ihn kennengelernt und 1971, als ich selbst Motorrad fahren durfte, bin ich dann hingefahren. Mein Cousin war 15 Jahre älter als ich, hatte selbst schon eine Tochter. Von seinen Schwagern und Schwägerinnen waren in den Schulferien immer die Kinder da, ungefähr meine Generation. Auch mit den Gleichaltrigen war ich dort viel zusammen. Ich habe Akkordeon gespielt und dann ein Pole die Gitarre dazu. Die Sprache spielte überhaupt keine Rolle. Man konnte sich verständigen. Von Mal zu Mal wurde mein Polnisch besser.

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Und wie ist es heute?

Mein Cousin ist inzwischen verstorben. Aber ich fahre regelmäßig zu seinen Nachkommen. Ein Enkel hat sich ein Haus gekauft, der macht das Grundstück urbar, baut das Haus aus, modernisiert es. Da schleppe ich alles hin, was ich an Werkzeug oder an elektrischen Maschinen nicht mehr brauche. Auch über Kumpels habe ich einiges besorgt, etwa eine Kreissäge. Der Enkel meines Cousins macht eine Art Hausmeister-Service, alles von Malern bis Rasenmähen, auch Wasserleitungen legen und schweißen. Da kann er viel Werkzeug gebrauchen. In Polen kriegst du inzwischen alles, aber es ist auch eine Geldfrage. Da ich es nicht mehr brauche oder durch den Herzschrittmacher sowieso nicht mehr schweißen darf, kann er das alles haben.

Aber wieder zurück: Vorher warst du ja erstmal in der Schule.

Ich bin nach acht Klassen abgegangen. Ich habe mir das so ausgerechnet: drei Jahre Lehrzeit, dann bin ich nach elf Jahren fertig und kann schon Geld verdienen. Meine Schulkameraden, die die zehnte Klasse gemacht haben, die brauchten dann noch zwei Jahre Schule bis zum Abitur oder zweieinhalb Jahre Lehrzeit. Also mache ich anderthalb Jahre gut, in denen ich schon Geld verdienen kann. Ich bin schon Motorrad gefahren, da waren die noch mit dem Fahrrad unterwegs.

Welchen Beruf hast du gelernt?

Bei meiner Oma in Polen gab es einen Nachbarn, ein alter Mann, der war Stellmacher. Das ist jemand, der baut Wagenräder und Handwagen und auch Schlitten. Ich habe immer auf der Werkbank gesessen und zugeguckt. Das wollte ich auch machen. Aber hier bei uns in der Gegend wurde kein Stellmacher ausgebildet. Also habe ich Fräser gelernt, das heißt heute Zerspaner. Zuerst war ich bei den Optischen Werken in Rathenow anderthalb Jahre in der Lehrwerkstatt. Da haben wir die Grundbegriffe erlernt. Was ist ein Metallberuf überhaupt. Wir haben Schmieden gelernt und Härten und mussten die Werkzeuge, mit denen wir gearbeitet haben, selbst herstellen. Davon habe ich heute noch welche in meinem Regal in der Werkstatt. Und dann kamen wir für die zweiten anderthalb Jahre der Lehrzeit direkt an die Maschine in der Werkshalle. Einer von den Älteren war in der Verzahnung. Der hat Zahnräder gefräst, Schneckenräder, Getrieberäder abgerundet. Der hat mich angelernt, bevor er in Rente ging, und dann habe ich das gemacht. Schnell hatte ich eine höhere Lohngruppe. Ich war vier Jahre in dem Beruf. Dann hat mich das nicht mehr interessiert. Ich wollte nicht mein Leben hinter einer Maschine stehen. Das war nicht die Erfüllung.

Was dann? Was war dein Traum?

Wir waren drei Kollegen, die weggegangen sind. Wir wollten eigentlich zur Forst. Langholzfahren hat uns interessiert. Lkw-Führerschein habe ich dann privat gemacht. Die Forst hat uns aber nicht genommen. Die hatten zwar genug Arbeit, aber sind 1973 das Holz nicht losgeworden, weil nach einem schweren Sturm überall viel Windbruch war. Dann sind wir zur Melioration gegangen. Das ist Grabenbau, Entwässerung, Bewässerung. Wir haben Vorwerke gebaut, Flutgräben gezogen, bewässert und entwässert, Schöpfwerke gebaut. Da hatte ich den Lkw-Führerschein noch nicht. So wurde ich zuerst im Grabenbau eingesetzt mit der Schippe und in der niedrigsten Lohngruppe. Aber vier Wochen später habe ich den Motorsägen-Schein erworben für die Kettensäge. Ich war in Lohngruppe 4, aber durch die Qualifizierung bin ich in die 5 aufgestiegen. Mit meinem Lkw-Führerschein sollte ich Trecker fahren im Betrieb. Da habe ich gesagt: Nee, das mach ich nicht. Den Führerschein habe ich privat gemacht. – Ja, wir bezahlen dir den Führerschein. Was hat er denn gekostet? – 292 Mark. Dann haben sie mir 290 Mark auf mein Konto überwiesen. Zwei Mark musste ich selbst bezahlen – die Schreibgebühr. Anschließend habe ich den Bagger-Schein gemacht, dann den Kran-Schein, auch für Turmdrehkran, Mobildrehkran, Autokran und dann anschließend noch Planierraupe. Und schließlich Qualifizierungen für Unterwasserpumpen und Grundwasserabsenkung. Dann hatte ich die höchste Lohngruppe. War eigentlich eine feine Arbeit, hat auch Spaß gemacht. Ich bin bloß nicht klargekommen, wenn wir nivelliert haben. Vorher im Maschinenbau habe ich auf den tausendsten Millimeter gearbeitet. Alles nur mit Lupe und mit Diamant. Bei der Melioration dagegen kam es auf zehn, zwanzig Zentimeter nicht an. Damit kam ich nicht klar. Die erste Zeit dem Bagger war meine Böschung glatt wie meine Metallteile. Wahnsinn! Ich habe aber die Norm nicht geschafft. Die haben mich nicht mehr nivellieren lassen, bis ich mich umgewöhnt hatte. Die haben immer gesagt: So genau wie nötig, nicht so genau wie möglich.

Wie ging es weiter?

Naja, der Nachteil bei der Arbeit war, dass wir immer weiter von zu Hause weg kamen, aber nicht mit Übernachtung. Das bedeutete jeden Tag morgens bis zu 80 Kilometer hin und abends 80 zurück. Da war der Tag vorbei. Zufällig hatte ich beim Kraftverkehr ein Schild gesehen, dass sie Busfahrer suchen. Da habe ich mich beworben und bin Bus gefahren. Dann kam die Scheidung. Ich konnte von meiner neuen Wohnung auf das Grundstück gucken, wo wir ein Haus bauen wollten. Aber ich durfte die Tochter nicht sehen. Das war zu DDR-Zeiten so üblich. Ich konnte nur heimlich durch den Zaun mit ihr sprechen. Das hat mich sehr belastet. Deshalb habe ich mich bemüht, woanders Arbeit zu kriegen. Ich hätte in Erfurt bei der Gesellschaft für Sport und Technik Fahrschullehrer machen können. Ich hätte in Magdeburg Stadtlinie fahren können. Ich hätte in Berlin Bus fahren können. Aber da hätte ich keine Wohnung gehabt, denn in den Wohnungen der Verkehrsbetriebe lebten die Kubaner, die Berlin-Marzahn aufgebaut haben. Schließlich habe ich mich in Rostock beworben. Die Arbeitsstelle auf dem Bus gab es sofort, ebenso einen Wohnheimplatz. So bin ich nach Rostock gegangen. Ach ja, als ich hier in Rathenow Bus gefahren bin, haben wir den ersten Gelenkbus gekriegt. Mein Kollege hat immer gesagt: Wenn du Spätschicht hast und stellst den Bus ab, such dir eine Stelle, wo du rückwärts reinfahren kannst und versuch, den Bus da hineinzubekommen. Immer wieder, immer wieder. Bis du sicher bist, dass du das beherrschst. Wenn du das brauchst, musst du das können. Habe ich gemacht. Mein Meister in Rostock hat gefragt: Kannst du Gelenkbus fahren? Ja, das kann ich. Juhu, da draußen steht er. Nach zehn Monaten kamen fabrikneue Busse aus Ungarn, diese Ikarus-Busse, die großen Schlenker. Ich habe einen fabrikneuen Überlandbus gekriegt, einen Gelenkbus. Den habe ich selbst vom Waggon runtergefahren auf die Rampe. Der hatte sechs Kilometer auf dem Tacho, als ich ihn übernommen habe.

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Waren alle Busse von Ikarus?

Ja, die Ungarn haben für alle Ostblockstaaten die Busse gebaut. Aber die Maschine war von MAN. Ich kenne vom MAN-Motor jede Schraube. Die haben wir selbst reparieren müssen. In den Nordbezirken bin ich alles gefahren: Berufsverkehr, Schülerverkehr, dann Linie. Ich habe den Berufskraftfahrer nachgemacht. Durch den Facharbeiterbrief und den Gelenkbus hatte ich die höchste Lohngruppe, die wir erreichen konnten. Lohngruppe 8. Wir hatten übrigens Busfahrer, die hatten den Pass und durften über die Grenze. Wenn die Schiffe von großer Fahrt kamen und die Schiffsbesatzung getauscht werden musste, dann fuhren diese Busse nach Rotterdam, Antwerpen, Danzig, Hamburg. Für mich wurde auch ein Pass beantragt, aber den hat die Stasi abgelehnt, weil ich im Betrieb meine Klappe nicht gehalten habe. Wir kannten sämtliche Linien, sämtlichen Schülerverkehr, sämtlichen Berufsverkehr. Und die Fahrpreise auf den Linien mit Kassieren. Wir haben richtig Geld verdient dadurch. Und es war nicht langweilig, weil du immer wieder was anderes fahren musstest. Ich bin in Rostock acht Jahre Bus gefahren. Und dann kam Karin in mein Leben.

Jetzt wird es interessant.

Sie war mir aufgefallen und hat mir gefallen, klar. Aber wenn ich ehrlich bin, hatte ich mir bei Karin keine Chance ausgerechnet. Wirklich nicht. Eines Tages hat sie mich so provoziert, dass ich sie ansprechen musste. Sie stieg als Letzte aus und blieb in der Tür stehen. Ich habe gefragt, wo sie hinwill. Sie wollte zum Kino, um für die Kollegen einen Kinoabend zu organisieren. Es war durch die halbe Stadt. Ich sagte: Bleib drin. Ich fahre sowieso vorbei. Dann fuhr sie mit. Das hatte ich gehofft. Auf dem Weg haben wir verabredet, dass wir abends zusammen essen gehen. Im Ratskeller. Das war eine etwas gehobene Gaststätte, wo du gemütlich sitzen kannst. Noch am selben Abend haben wir beschlossen zu heiraten. Wir mussten heiraten wegen der Wohnung. Durch die Seefahrt und das Hochbau-Kombinat war es schwer, in Rostock an eine Wohnung zu kommen. Über das Düngemittelwerk hatte Karin einen Dringlichkeitsantrag auf eine Einraumwohnung. Dann sprach sie der zuständige Kollege an im Betrieb: Wenn ihr heiraten wollt, dann heiratet sofort. Dann kann ich dich auf die Liste mit Zweiraumwohnungen setzen. So wollten wir es machen, aber dann kam das nächste Problem: zweieinhalb Jahre Wartezeit auf einen Standesamttermin. Da hat mir das Busfahren wieder geholfen. Bei mir fuhr immer die Standesbeamtin mit. Die habe ich angesprochen. Kein Problem, sagte sie, wann wollt ihr heiraten? Karin wollte unbedingt im Mai, und das habe ich dann klargemacht. Wir konnten zwar nicht in Rostock heiraten, aber in Graal-Müritz.

Also Vitamin B in der DDR?

So hat das funktioniert. Die Frau Braun, so hieß die Standesbeamtin, hat mir nochmal geholfen. Ein Paar wollte in unsere Wohnung ziehen – er fuhr zur See und sie studierte in Leipzig. Für die Wohnung mussten sie heiraten. Da habe ich sie angesprochen. Es hat wieder geklappt, und die beiden konnten auch in Graal-Müritz heiraten. So hatten wir Nachmieter für unsere Wohnung. So ging es bei vielen Sachen. Zum Beispiel fuhr bei mir auf dem Bus eine Verkäuferin mit, die hat Möbel verkauft. Da haben wir bestimmte Möbel gekriegt, die sie uns zurückgelegt hat. Es war ja nicht so wie bei euch, dass du in den Laden gegangen bist und gekauft hast. Es funktionierte entweder mit Voranmeldung oder mit Bückware unterm Ladentisch oder du kanntest jemanden.

Hat das immer geklappt?

Nein, nicht immer. Wir hatten die Absicht, in Bentwisch in der Nähe von Rostock ein Haus zu kaufen. Die Vorbesitzer lebten in Scheidung. Geldmäßig hätten wir alles gepackt, aber die wollten für jeden eine eigene Wohnung, und zwar in einem bestimmten Stadtteil, einer bestimmten Straße und vielleicht noch einer bestimmten Etage. Dafür waren wir ein paar Nummern zu klein in Rostock. Die Möglichkeiten hatten wir nicht. Eigentlich hatten wir eine wunderschöne Wohnung. Aber wir hatten keinen Garten, wir konnten uns keinen Hund halten, ich hatte keine Werkstatt, wir hatten keine Garage. Dann haben wir erfahren, dass das Haus hier in Mögelin verkauft wird. Über einen Wohnungstausch konnten wir das Haus kriegen. Unser Umzug musste an einem Tag geschehen, weil ich für einen Tag den Lkw mit Anhänger und Fahrer organisiert hatte, der den Lkw wieder mit nach Rostock genommen hat. Am 30. September 1987 sind wir von Rostock hierhergezogen.

Seitdem lebt und arbeitet ihr in Mögelin?

Ja, dann haben wir angefangen zu bauen. Allerdings war an das Haus die Bedingung geknüpft, dass wir Altstoffaufkauf und Schrottaufkauf machen. Der Hof war sowieso verkramt von dem Schrott und von Baumaterial. Wenn wir mit den Hunden spazieren waren, haben wir einen Bollerwagen mitgenommen und Schrott in den Wäldern gesammelt. Was wir gefunden haben, habe ich gewogen und genauso viel weggenommen an Profilmaterial, Winkelschienen, Schalträgern, Rohren, U-Schienen oder Fahrradrahmen, alles, was man so brauchen konnte. Und richtig Geld gemacht haben wir auch mit den alten Eisenreifen von den großen Leiterwagen der Bauern. Die wurden verschrottet, weil sie kaum noch gebraucht wurden. Dann haben sie uns die Eisenreifen gebracht und ich habe die gleich beiseitegestellt. Der Festpreis war 20 Mark für einen Reifen. Die hatten genau die Größe von den Betonringen für die Klärgruben – wir hatten ja keine Kanalisation. Und Fahrräder habe ich hergerichtet. Gepäckträger, Kettenschutz, Gabeln, die Rahmen. Alles, was noch gut war, habe ich richtig mit original Fahrradfarbe lackieren lassen. Mit Bereifung, Beleuchtung und Lackieren habe ich so ungefähr 70 Mark reingesteckt. Jedes renovierte Fahrrad haben wir für 160 Mark verkauft.

War das deine Haupterwerbsquelle?

Nein, ich ging wieder in den Maschinenbau, zurück in den alten Beruf. Hatte dann sechs Wochen Einarbeitungszeit. Anderthalb Wochen habe ich gebraucht, dann habe ich wieder 137 Prozent Leistung abgerechnet. Aber ich war wieder an der Maschine, am großen Fräswerk. Das lief da manchmal stundenlang. Das war mir zu langweilig und ich war nicht glücklich. Ich hatte vorher auf dem Bus ständig Menschen um mich rum. Dann habe ich gesagt, ich suche mir eine andere Arbeit. Ich wollte aber nicht wieder auf den Bus – wegen der Wochenendarbeit und wegen der Schicht. Habe ich aber dann doch wieder gemacht. Mit Wochenende und mit Schicht.

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Dann hast du dich wieder auf die Suche gemacht?

Ja, beim Krankentransport hatten sie viele Plätze offen. Die haben mich eingestellt, zunächst mit der niedrigsten Lohngruppe. Ich habe aber gleich den Ausbilderschein gemacht. Damit kam ich schon eine Lohngruppe höher. Und dann kam die Wende. Schon im Januar oder Februar kamen die ersten Regeln vom Westen: Wir müssen Rettungssanitäter machen, wir müssen Rettungsassistent machen und so weiter. Natürlich kamen auch andere Autos. Ich habe dann in einem Vierteljahr den Rettungssanitäter gemacht. Bevor du Rettungsassistent werden konntest, musstest du eine bestimmte Zeit als Rettungssanitäter arbeiten. Jedenfalls habe ich mit 43 Jahren nochmal die Schulbank gedrückt, um Rettungsassistent zu werden. Das Staatsexamen habe ich mit Bravour bestanden. Ich habe dann fast 25 Jahre im Rettungsdienst gearbeitet. Ausgebildet habe ich sogar 29 Jahre lang, denn das habe ich als Rentner noch vier Jahre weitergemacht. Ich habe in den Betrieben Erste-Hilfe-Kurse abgehalten. In den Schulen hatte ich über zehn Jahre eine Arbeitsgemeinschaft Schulsanitätsdienst. So war ich immer mit jungen Leuten zusammen.

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Und die Verbindung nach Polen?

Ja, zwischendurch bin ich immer nach Polen gefahren, vor der Wende und nach der Wende. Ich habe inzwischen 59 Polenfahrten mit Anhänger gemacht. Voll beladen. Insgesamt habe ich zehn große Kreissägen hingebracht. Die haben sie mir mit Kusshand abgenommen. Und 30 Anhänger sind dageblieben. Die waren hier nicht mehr zugelassen, und sie auf Stand zu bringen, wäre zu teuer gewesen. Wenn es ein Anhänger mit Holzkasten war, bin ich mit unseren Kennzeichen gefahren. Wenn es ein kleiner Blechhänger war, kamen Kennzeichen und Papiere von meinem Cousin, und wenn es ein großer Blechhänger war, von Bauer Desselmann. Damit bin ich dann nach Polen, hab den Anhänger dagelassen und Papiere und Kennzeichen mit zurückgenommen. Die Ladung haben sie immer genau kontrolliert, aber nie die Anhänger. Wenn ich in den Masuren war, bin ich überall umhergefahren, habe den Verwandten die Sehenswürdigkeiten gezeigt. Sie haben nur ein paar Kilometer weg gewohnt, aber sind dort nie hingekommen, weil sie keine Möglichkeit hatten.

Wenn ich dir so zuhöre, hast du ständig neue Berufe erlernt. Ich weiß gar nicht, ob ich das zusammenkriege, erst Zerspaner, dann bist du in die Geländemelioration gewechselt, dann kam Baumaschinist, Berufskraftfahrer, Busfahrer, Schrotthändler und dann Rettungsassistent mit Fachschulabschluss und Ausbilder. Und dann muss es auch innerhalb der Berufe noch Veränderungen gegeben haben. Ich meine, ein Bus von 1978 war nicht wie ein Bus von 1988, oder? Dasselbe auch bei den Krankenfahrzeugen. War das Umlernen schwierig? Geht das immer so wie mit dem Gelenkbus: Du parkst so lange rückwärts ein, bis du es kannst?

Das ist mein Ehrgeiz. Ich habe noch nie eine Prüfung versaut. Wenn ich einen neuen Beruf erlerne oder wenn ich irgendwo anfange, dann will ich in dem Betrieb alles können. Um Geld zu verdienen, aber auch, damit mir keiner was vormacht, damit ich genau weiß, woran ich bin. Das war schon so in der Schule: Wenn in der Klasse einer besser war, hat mich das geärgert.

Dann hast du dich angestrengt.

Dann habe ich mich mal angestrengt. Am härtesten war es auf der Fachschule für den Rettungsdienst. Da war ich schon über vierzig. Ich wollte im Rettungsdienst nicht nur das Auto fahren, sondern auch selbst am Patienten arbeiten können. Von der ganzen Zelllehre hatte ich vorher noch nie was gehört. Wir mussten das ganze Skelett, die ganze Anatomie auf Latein und auf Deutsch beherrschen. Alle zwölf Hirnnerven auf Lateinisch. Da bin ich manchmal verzweifelt. Ich habe die fünf Funktionen der Leber nicht reingekriegt in meinen Kopf. Ich bin schon als Assistent auf dem Rettungswagen gefahren, da habe ich immer noch nicht den Unterschied zwischen Zuckerschock und Zuckerkoma beherrscht. Wenn wir einen Einsatz hatten, habe ich erst in mein Büchlein geguckt. Später habe ich natürlich alles beherrscht. Nach einiger Zeit habe ich viele Einsätze allein gemacht. Über Funk hat mir der Notarzt die Erlaubnis gegeben, dass ich das und das spritzen darf. Ich durfte Morphium spritzen, ich habe Fentanyl gespritzt. Die letzten Jahre war ich auf einer Außenwache. Da waren wir acht Mann, also vier Assistenten und vier Sanitäter, die das Auto fuhren. Die vier Sanitäter habe ich immer so eingeteilt, dass ich vier Wochen mit denselben gefahren bin. Die mussten alles machen, was sie eigentlich nicht machen durften. Als Ausbilder durfte ich sie ja probieren lassen. Den Zugang kleben, das EKG ankleben, intubieren und das ganze Drumherum, alles, was eigentlich Arbeit von Assistent oder Notarzt ist, habe ich die Sanitäter machen lassen. Die mussten das machen bis zum Erbrechen. Später hat sich das ausgezahlt. Einmal gab es einen schweren Verkehrsunfall mit elf Verletzten. Dann mussten die Sanitäter mit ran und haben alles gekonnt. Ein Kollege, der hatte immer Angst vor solchen Einsätzen. Der war nachher so sicher und hat sich später bei mir bedankt, dass ich ihm das alles beigebracht habe, bis er wirklich keine Angst mehr hatte, zum Einsatz abzufahren. Ja, da bin ich ein bisschen stolz drauf.

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Du hast jetzt über alle möglichen Ereignisse gesprochen, die dein Leben geprägt haben. Aber 1989 gab es die Maueröffnung, 1990 die Wende. Hat das für dein Leben keine große Rolle gespielt?

Nee, das war für mich nicht einschneidend. Dass das politische System sich so nicht halten konnte, das war mir irgendwie seit langem klar. Ich hatte auch Ideen, was sich ändern müsste. Aber dass der Russe mal aus Deutschland rausgeht, das hätte ich nicht geglaubt. Einen Tag nach der Maueröffnung sind wir nach West-Berlin gefahren, haben uns die 100 D-Mark Begrüßungsgeld geholt. Dann haben wir uns ein paar Sachen angeschaut, die ich immer schon sehen wollte. Zum Beispiel Hamburg. Ein Onkel von mir war Havel- und Elbeschiffer und regelmäßig in Hamburg. Da sind meine Mutter und meine Tante immer mitgefahren in den Schulferien. Die haben vom Hamburger Hafen erzählt, wie groß der ist. Die ersten Schuljahre hatten wir noch normale Landkarten von Deutschland, in denen noch alle Orte bei euch drüben eingezeichnet waren. Später war jenseits der Grenze alles weiß, da waren nur ein paar große Städte als roter Kreis mit Namen eingezeichnet. Aber wir hatten ja immer schon Westfernsehen. In der Baumschule sowieso: Ein Aluminiumschutzblech auf dem Boden und die Litze dran und fertig. Nach der Wende haben wir dann die ganze Verwandtschaft besucht, die vorher nur geschrieben hat oder ab und zu mal hier war. Die hätten die Grenze aufmachen sollen, da wären einige gegangen, die wären nicht wiedergekommen. Aber viele wollten ja bloß mal gucken. Wir können seit der Wende weltweit fahren, aber wo waren wir denn schon? Klar, Norwegen am Nordkap und Italien und Irland und sowas, aber wir müssen doch nicht überall hin. Dass haben die Westdeutschen doch auch nicht gemacht.

Dr. Axel Klopprogge studierte Geschichte und Germanistik. Er war als Manager in großen Industrieunternehmen tätig und baute eine Unternehmensberatung in den Feldern Innovation und Personalmanagement auf. Axel Klopprogge hat Lehraufträge an Universitäten im In- und Ausland und forscht und publiziert zu Themen der Arbeitswelt, zu Innovation und zu gesellschaftlichen Fragen. Seine Kolumnen "Oben & Unten" sind Ende 2025 als Buch erschienen.

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