Ein Obdachloser unter einer Brücke in Berlin beobachtet, wie ein Elefant am Flussufer der Spree seine Rüsselspitze ins kalte Wasser hält – so beginnt der Roman von Gaea Schoeters. Es bleibt allerdings nicht bei einem Elefanten. Es werden 20.000, ein Geschenk des Präsidenten von Botswana, nachdem der deutsche Bundeskanzler Hans Christian Winkler sein Elfenbeingesetz mit deutlicher Mehrheit verabschiedet und damit die Importbedingungen für Jagdtrophäen erheblich verschärft hat. Mit dem Geschenk möchte der Präsident von Botswana deutlich machen, welche Auswirkungen das neue Gesetz auf sein Land hat.
Darauf ist Berlin nicht vorbereitet. Ein Mysterium, Anlass für einen Krisenstab! Zunächst aber geht es um Zuständigkeiten: Welchem Ministerium wird diese Krise zugeordnet? Etwa dem Innenministerium, dem Verteidigungsministerium oder dem Bundesnachrichtdienst? Der Bundeskanzler holt sich Rat bei seiner Vorgängerin, die krisenerfahren ist und die er sehr schätzt. „Wir schaffen das!“ – ein neues Ministerium für Elefantenangelegenheiten wird ins Leben gerufen. Währenddessen toben die Elefanten durch Berlin, stürmen ein Konzert, blockieren die Autobahn und hinterlassen ihre Ausscheidungen. Es ist Frühling und die ganze Stadt stinkt nach Elefantenscheiße.
Während die Katastrophe sich weiter ausbreitet, versuchen die Parteienvertreter, die Situation für sich auszuschlachten, und denken an ihre Wählerstimmen. Die Leitung des Elefantenministeriums wird der tüchtigen schwäbischen Parteifrau Hannelore Hartmann übertragen, die sofort strenge Maßnahmen anordnet: Arbeiten im Home Office, Ausgehverbote, Ausgangssperre – aber nicht für Elefanten, sondern für die Bürger. Sie erarbeitet ein Konzept, wie die Elefanten auf die Bundesländer verteilt werden sollen; schließlich genießen sie Immunität und können nicht zurückgeschickt werden. Außerdem verabschiedet sie eine Düngeverordnung, den sogenannten Kackeplan. Elefantenhaufen werden zu Staatseigentum erklärt. Die Ministerin packt an und scheint Spaß daran zu haben, die Krise zu einer touristischen Attraktion und die Kacke zu zusätzlichen Einnahmen zu machen. Dabei werden Aufträge nicht ordnungsgemäß vergeben, und die Vetternwirtschaft kommt ans Licht. Der Kanzler ist zunehmend verzweifelt, fürchtet um seine Stellung und um Wählerstimmen. Die Elefanten müssen zurück, und ein Bauernopfer muss gefunden werden.
Dieses kluge und lesenswerte Büchlein ist eine bissige, satirische Parabel über Macht und mediale Einflüsse, über den deutschen Politikbetrieb, Klimawandel und postkoloniale Aktivitäten. Man könnte vermuten, dass man die handelnden Personen kennt und dass die Elefanten sinnbildlich für Flüchtlinge stehen. Selbst die angeordneten Maßnahmen erlebten wir während der Corona-Krise. Der Bundeskanzler, seine Vorgängerin und der rechte Widersacher weisen ebenso Ähnlichkeiten mit lebenden Personen auf. Was ich nicht wusste, ist, dass der Bundeskanzler ein leidenschaftlicher Liebhaber ist. Kanzler sind eben auch Menschen.
Die Idee zu diesem unterhaltsamen Roman entwickelte Gaea Schoeters, nachdem sie 2024 in der Zeitung einen Artikel gelesen hatte. Die Handlung basiert auf einer realen Drohung des botswanischen Präsidenten und scheint ganz aktuell zu sein. In diesen Tagen bietet der botswanische Präsident erneut an, Elefanten nach Deutschland abzuschieben. Dieses Mal sollen es 40.000 Elefanten sein, damit die Deutschen selbst erleben, was eine Elefantenplage bedeutet.
Das Buch wurde übersetzt von Lisa Mensing.
Gaea Schoeters: Das Geschenk. Wien: Paul Zsolnay. 144 Seiten, 22 Euro.

Nach einer langen Managementkarriere widmet sich Sabine Keuschen ihrer Leidenschaft für Literatur und arbeitet in einer Buchhandlung.