Kürzlich strahlte Arte eine Dokumentation über Peter Sloterdijk aus, einem der profiliertesten Philosophen der Gegenwart. Er gilt als Querdenker im besten Sinne, unkonventionell, schonungslos, wortkreativ. Obwohl er in seiner Heimatstadt Karlsruhe einen Lehrstuhl für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung hatte, war er nie ein Homo Academicus, sondern mehr Schriftsteller. Das bezeugt sein umfangreiches Gesamtwerk. Bekannt geworden mit der „Kritik der zynischen Vernunft“ legte er in regelmäßigen Abständen weitere Schriften vor, die auch in der Öffentlichkeit Debatten auslösten. Ein bewegtes und bewegendes Leben, zu dem auch ein zweijähriger Indienaufenthalt und die Moderation des „Philosophischen Quartetts“ gehören.
Bild: Peter Sloterdijk 2009 in Karlsruhe (Foto: Rainer Lück, CC BY-SA 3.0)
Die Arte-Doku, als Zwiegespräch aufgebaut, folgt dem Prinzip, Sloterdijks Vita mit seinem intellektuellen Weg zu verflechten. Eine zentrale Station ist die Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas, die nicht nur viel über das moderne Empörungsmanagement verrät, sondern auch über die Mechanismen des journalistischen Betriebs. Obwohl die Episode kurz vor der Jahrtausendwende spielt, werden schon in jener Zeit Muster sichtbar, die heute an Kontur gewonnen haben.
1999 erschien Sloterdijks Rede „Regeln für den Menschenpark“ als Buch und löste eine heftige Kontroverse aus. In Anlehnung an Heideggers Abrechnung mit dem Humanismus fragt Sloterdijk, wie sich der Mensch weiter domestizieren und zähmen lässt, wenn Literatur, Kultur und Moral diese Rolle nicht mehr erfüllen. Zugleich gibt er zu bedenken, dass die Biotechnologie in den Prozess der Selektion und Menschenzüchtung eingreifen und unser Geburtenfatalismus zur pränatalen Selektion werden könnte. Darauf sollte man sich vorbereiten, statt es zu erdulden, lautet eine Botschaft des Buches.
Sloterdijks Überlegungen zu Veränderungen des menschlichen Genoms durch neue Gentechnologien wurden aufgrund des Wortgebrauchs sofort rechts konnotiert. Leitmedien wie die Zeit unterstellten ihm Eugenik. Der Spiegel warf ihm vor, die Wiedergeburt der Menschheit aus dem Reagenzglas zu fordern. Und Habermas, damals der führende Kopf der Frankfurter Schule, prangerte einen – na klar: „nationalsozialistischen Jargon“ an. Bereits hier zeigen sich die ersten Parallelen zur Gegenwart. Weitaus interessanter ist jedoch, dass Habermas zu jener Zeit zahlreiche Verbündete in den Redaktionsstuben großer Medienhäuser hatte und diese anwies, Sloterdijk in Schmähartikeln in die Mangel zu nehmen. So erzählt er es in der Arte-Doku.
Bild: David und Victoria Beckham 2019 in LA (Foto: Mike Fanshawe, CC BY 3.0)
Das führt zu einem aktuellen Fall, für den man vom hohen Turm der Philosophie in den Keller der Boulevardpresse hinabsteigen muss. Dort wird kolportiert, dass der Streit zwischen dem Prominentenpaar Victoria und David Beckham und Sohn Brooklyn eskaliert ist. Der 26-Jährige wirft seinen Eltern vor, ihn über einen langen Zeitraum kontrolliert und mit Blick auf die Familienmarke gefügig gemacht zu haben. Der Sohnemann spricht von einer Instrumentalisierung der Presse und kritisiert die Streuung von Narrativen, die nicht nur Boulevardblätter, sondern auch sogenannte seriöse Medien seit Jahren stabilisieren und glätten, um das öffentliche Bild von einer harmonischen, vorbildhaften, erfolgreichen Familie auszuschmücken.
Sobald Sohn Brooklyn und seine Frau Nicola Peltz nicht nach den Regeln spielten, wurden sie negativ dargestellt, beispielsweise als Nicola auf ihrer Hochzeit kein Kleid von Victoria Beckham trug, sondern das eines anderen Designers. Was wie eine Promiposse klingt, hat einen tiefen Kern, auf den Torsten Engelbrecht in einem Beitrag für Transition News verweist. Es geht um eine „symbiotische Maschinerie aus Prominenten, PR-Teams und Leitmedien“. Im Englischen hat sich dafür die Bezeichnung „Celebrity-Industrial Complex“ etabliert.
Dessen Grundfesten standen aber schon vor knapp dreißig Jahren, und das nicht nur im Milieu der Reichen und Schönen, sondern auch auf dem Parkett der Intellektuellen. Das verdeutlicht Sloterdijks Auseinandersetzung mit Habermas in der Endphase des vorigen Jahrtausends. In der Arte-Dokumentation betont er, dass die damaligen Schmähartikelschreiber die gestreute Unterstellung übernahmen, er hätte eine gentechnische Revision und eine eugenische Neuzüchtung der Menschheit postuliert. Sloterdijk stellte aber keine Forderungen, sondern warf Fragen auf. Habermas’ journalistische Gehilfen missachteten solche nicht unwesentlichen Aspekte damals genauso rigoros wie die heutigen Leitmedien-Sniper.
Wenn jemand zum Feind ernannt worden ist, muss er vernichtetet werden – bisweilen mit brachialen Methoden. Doch das zeitigt einen paradoxen Effekt, wie Sloterdijk in der Dokumentation hervorhebt: Diese medial aufgebauschte Feindschaft aus der Frankfurter Schule machte ihn erst richtig populär.
Die Angreifer haben gelernt, dass man mit den falschen Methoden den Gegner aufbaut.
Bild: Ulrike Guérot 2016 (Foto: Európa Pont, CC BY 2.0)
Dieses Wissen scheint verlorengegangen zu sein: Was haben die Auftragskiller unter den Journalisten in den letzten Jahren nicht alles an Munition abgefeuert, was haben sie nicht alles unternommen, um Persönlichkeiten, Institutionen, Medien und Parteien zu diffamieren, zu verleugnen und mundtot zu machen. Wolfgang Wodarg, Boris Reitschuster, Sucharit Bhakdi, Ulrike Guérot, Patrik Baab, Beate Bahner: Sie alle haben einiges ertragen müssen und sind heute trotzdem viel populärer als zuvor. Das gilt nicht zuletzt auch für die AfD. Gleiches wird mit dem Portal Nius passieren, das Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther bei Markus Lanz zum Hauptfeind unter den alternativen Medien erklärte.
Ein bisschen erinnert das an die Filme der Coen-Brüder, in denen die Figuren trotz Anwendung allerlei listiger Tricks und Kniffe ihrem Schicksal nicht entkommen können. Am Ende wendet es sich doch gegen sie – so wie gegen Habermas, die Beckhams, Günther und deren Helfer in den Redaktionsstuben. Gut so!
Eugen Zentner, Jahrgang 1979, ist Journalist, Sachbuchautor und Erzähler.
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