Juli Zeh fällt dem fleißigen Leser von Gegenwartsliteratur ein, die diese Bestandsaufnahme der ostdeutschen Provinz in fiktiver Form leistete, und Alexander Osang, der die ostdeutsche Seele ebenfalls journalistisch auslotete.
Doch Strauss wählte ein bestimmtes Axiom zum Leitmotiv seiner Recherche und Dokumentation. Er geht davon aus, daß die gebürtigen DDR-Bürger eine spezielle Form des Zusammenlebens entweder selbst erfuhren oder sich in der Gegenwart danach sehnen: menschlich-soziale Nähe, Unmittelbarkeit, Zugewandtheit, Zusammengehörigkeit. In den ostdeutschen Großstädten wurden derlei Bedürfnisse im Zuge der Wende und noch einmal im Zuge der außereuropäischen Massenmigration effektiv abgeräumt. In der Provinz hingegen meint Strauss noch Residuen eines engen menschlichen Zusammenlebens auffinden zu können. Prenzlau liegt in der Uckermark, in dem Landstrich, den sich auch sein Vater Botho vor vielen Jahren zum neuen Lebensmittelpunkt erkor – allerdings in ländlicher Einsamkeit.
Bild: Simon Strauss 2023 bei einer Lesung in München (Foto: Amrei-Marie, CC BY-SA 4.0)
Der linksliberale Sohn fand zu Werten und Ideen, die eigentlich Topoi des konservativen Denkens über Gesellschaft sind. Ob dies unter dem Einfluß seines „umstrittenen“ Vaters erfolgte, ist Spekulation. Für politisch korrekte Kritik reichte sein Mix aus liberal-progressiven und neokonservativen Überzeugungen allemal – egal ob der Apfel weitab vom Stamm fiel oder nicht. Durch den Vater wissen wir zumindest, daß zu dessen großem Leidwesen die Beziehung zum Sohn nicht eben eng ist.
Wenn Städte niedergehen, zerstört werden oder verfallen, dann trauert die verbliebene Einwohnerschaft, als wäre ein naher Angehöriger gestorben. Da geht es immer um mehr als um den Verlust von Besitzstand. Nämlich vor allem um das Verschwinden von Geschichte, um die Auslöschung von Bildern, von eigener Erinnerung und kollektivem Gedächtnis. (11f.)
Simon Strauss bekennt sich zu seinem Bedürfnis nach überschaubaren Zusammenhängen in Gemeinschaften auf der Basis von Vertrauen in Bindung – unabhängig von den politischen Überzeugungen der Mitglieder. Deshalb zog er in die kleine Stadt Prenzlau mit ihren 19.000 Einwohnern. Und er konstatiert:
Während der ostdeutsche Bevölkerungsteil verschiedene Gemeinsamkeiten in historischer, kultureller und politischer Prägung kennt, fehlt dem westdeutschen Bewusstsein ein eigenes identitätsstiftendes Moment jenseits von fataler Geschichte und Westbindung. (30)
Und er hofft immer noch, daß die ostdeutsche Identität, die erst zum Vorschein kam, als sie gestört wurde, die politische Kultur der gesamten Bundesrepublik herausfordern möge. Ein Traum von Gemeinschaft, in der Dinge zusammen gemacht werden und man „nicht nur anonym nebeneinanderher lebt“ (31).
Der Autor schildert Begegnungen mit Prenzlauern und porträtiert Kleinstadtbewohner. Er beginnt mit einer außerordentlichen Kreistagssitzung, in der man über die Errichtung eines zweiten Flüchtlingsheims in der Stadt diskutiert.16.000 Unterschriften gegen diesen Plan ergab das Bürgerbegehren. Für Strauss ging es um die Gretchenfrage, „wie direkte Demokratie wirken kann und sollte“ (36). Der Konflikt laute: Stadt gegen Landkreis. Der Autor spricht von „Geflüchteten“ und nennt Jürgen Elsässer, der an der Versammlung teilnimmt, rechtsradikal. Weiter geht es mit einem Portrait des syrischen Migranten Hamza A. Mit seinem Arbeits- und Aufstiegswillen und seinem sozialen Engagement sei er Teil der Lösung, nicht des Problems.
Der Prenzlauer und der syrische Flüchtling teilen dieselbe Sehnsucht … Sie spüren, dass etwas fehlt, was es anderswo gab oder noch gibt: Nähe. (63)
Wiedergeburt des Politischen aus dem Geist der Nachbarschaft – das ist es, was Strauss erhofft und für möglich hält. Es folgen ein Exkurs zur Geschichte Prenzlaus, ein Portrait des parteilosen Bürgermeisters, des historischen Armaturenwerks Prenzlau (dessen Weiterbetrieb den trotzigen Stolz der Einwohner beflügelte), der Kitaleiterin, der Pfarrerin (die sich selbst „Pfarrperson“ nennt, was der Autor „mild gegendert“ nennt) und dreier „Stadtbürger“.
Ein Kapitel ist dem Ost-Stolz und dessen Repräsentanten Matthias Platzek gewidmet. Verbundenheit und „Könnens-Bewußtsein“ seien die Hauptcharakteristika der Ostdeutschen gewesen und bestünden partiell immer noch bzw. reproduzierten sich unter gewandelten Bedingungen auf einer anderen Ebene, schätzt Strauss hier ein. Ganze 50 Seiten widmet sich Strauss der AfD im Allgemeinen und der Prenzlauschen im Besonderen und gibt preis, daß er einen „emphatischen Begriff von Deutschland“ hat: Er fühle sich als Teil einer „imaginierten Gemeinschaft“ und sehne sich nach mehr „emotionaler Legitimität“ dafür in der Gegenwart. Vom „dumpfen Deutschland-Dröhnen der AfD und ihrer dystopischen Rachsucht“ (139) aber fühle er sich abgestoßen.
Sein Interviewpartner ist der noch junge dreifache Abgeordnete der AfD Felix Teichner. Ihm gehe es nicht um Arbeit und Wohlstand, Gleichheit und Gerechtigkeit, versteht Strauss, sondern „um das Paradigma der Gemeinschaft, die soziale Bindungsstärke“ (153). Ostalgie empfinde Teichner nicht gegenüber dem System, sondern gegenüber manchen Werten der DDR (die Strauss als „untergegangenen Unrechtsstaat“ bezeichnet, 152), zum Beispiel gegenüber der damaligen Bedeutung des Zusammenhalts, des gesellschaftlichen Miteinanders und des Familienlebens. Nähe erhalte eine subversive Kraft, wenn sie mit dem politischen Willen gekoppelt ist, „die Welt wieder übersichtlicher und überschaubarer haben zu wollen“ (154). Daß Teichner das tausendjährige Reich auch als „die schlimmste Zeit für die Deutschen“ ansieht, wertet der Autor als „deutlich revisionistisch“ (165). Und wenn Teichner es ablehnt, seine Kinder in was auch immer für einen Krieg ziehen zu lassen, ist dies in Strauss‘ Augen Ausdruck von Feigheit und mangelnder Heimatliebe. Er spricht von „vaterlandslosem Eskapismus“ und „selektivem Nationalbewusstsein“ (170) und deutet die postheroische Opferverweigerung als mangelnde Verbundenheit mit dem bundesrepublikanischen Deutschland und als Ablehnung seiner Werte und Konventionen, wodurch es als nicht verteidigungswürdig erscheint.
Bild: Felix Teichner 2023 (CC BY-SA 4.0)
Überhaupt hat Strauss Probleme damit, die scheinbar disparaten Denk- und Verhaltensweisen der neuen rechten Ostdeutschen zu verstehen. Deren Nonkonformismus, der sich unter anderem darin ausdrückt, mit direkter Demokratie (statt mit repräsentativer), mit ökologischer Landwirtschaft, Windkraft und gleichgeschlechtlicher Ehe zu sympathisieren, erstaunt ihn. Systemkritik, Obrigkeitsskepsis, Antiautoritarismus und Freiheitsliebe: Kann es sein – so der immer noch irritierte Autor –
dass das, was einmal das entschiedene Kennzeichen von links war, heute das Gütesiegel von rechts ist? Der Nonkonformismus? Das Aussteigen aus den Verhältnissen? (172)
Er meint, nun die politische Rechte in diesem Land besser zu verstehen als zuvor:
Auf der einen Seite die Bereitschaft, anwesend zu sein, lokal Verantwortung zu übernehmen, sich zu engagieren in den Vereinen, Institutionen, Bürgerrären vor Ort. Auf der anderen Seite das Virus der Fremdenfeindlichkeit [für Strauss immer noch Ausdruck von Vorurteilen] und der Wunsch nach Nonkonformität. Danach, Konventionen zu brechen und aus Gesellschaftsverträgen auszusteigen. Und lautstark die Überzeugung zu vertreten, dass die Mehrheit so denkt. Das vor allem: das Volk für sich in Anspruch nehmen. Bei jeder Gelegenheit „Deutschland“ zu brüllen, aber dann im Ernstfall schnell die Flucht ergreifen. (179f.) Die Bereitschaft, Gewalt einzusetzen, um politischem Druck Luft zu machen, die Bereitschaft, Flüchtlingsheime anzuzünden, Hetzjagden auf ausländisch aussehende Menschen zu initiieren oder angeblichen „Scheinasylanten“ eine „Abreibung“ zu verpassen, die ist bei Teilen der AfD-Anhängerschaft mit größerer Wahrscheinlichkeit vorhanden als anderswo. (182)
Die AfD Uckermark dürfe sich rühmen, als einzige politische Kraft für die Überzeugung eingetreten zu sein, daß in einer Demokratie das Volk „die oberste Staatsgewalt“ innehaben sollte. (184)
Im Resümee mit der Überschrift „Was der Prenzlauer Berg von Prenzlau lernen kann“ und im Epilog „Ich wünschte, ein Bürger zu sein“ bringt uns der Autor auf den neuesten Stand seines Erkenntnisweges und seiner fast noch juvenilen Selbstsuche, die den Grundton all seiner Bücher ausmacht. Mit seinem Plädoyer für soziale Nähe meint Strauss, den Stein der Weisen gefunden zu haben. Dabei hat er offenbar nicht im Blick, daß die Unterscheidung von „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ bereits vor einhundert Jahren vorgenommen wurde (unter anderem von Ferdinand Tönnies) und daß das unbefriedigte Bedürfnis nach Nähe kein Alleinstellungsmerkmal ostdeutscher oder postmoderner neoliberaler Gesellschaften im Allgemeinen ist. Vielmehr ist sie ein Phänomen der Industrie- und Städtekultur und beschäftigt Schriftsteller und Sozialtheoretiker bereits seit 150 Jahren. Für den Autor mag es ein Heureka sein, für seinen Vater und andere intellektuelle Zeitgenossen dagegen ein „altes Mützel“. Dennoch ist die Recherche des jungen Strauss in der ostdeutschen Provinz auf der Basis von Interviews verdienstvoll und lesenswert. Da das Prisma des Fragestellers von linksliberalen Überzeugungen geprägt ist, die in Darstellung und Wertung einfließen, wird das Buch westdeutschen Lesern allerdings den „gemeinen Ossi“ kaum NÄHER bringen.
Simon Strauss: In der Nähe. Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht. Stuttgart: Tropen Verlag 2025, 232 Seiten, 24 Euro.

Beate Broßmann, Jahrgang 1961, Leipzigerin, passionierte Sozialphilosophin, wollte einmal den real existierenden Sozialismus ändern und analysiert heute das, was ist – unter anderem in der Zeitschrift TUMULT. Wenn Zeit ist, steht sie am Buch-Tresen.
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