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Buch-Tresen | 15.01.2026
Mausfeld und Marx
Der Meister der Manipulationsmittel, sagt unsere Rezensentin, hilft nicht weiter, wenn man aus der Multikrise in die Freiheit will.
Text: Beate Broßmann
 
 

In seinem neuesten Buch setzt Rainer Mausfeld die intensive Beschäftigung mit den Themen Macht, Demokratie, Gewalt und Manipulation fort, um die es sich auch seit 2019 in „Warum schweigen die Lämmer?“, „Angst und Macht“ sowie „Hybris und Nemesis“ dreht. Die veränderte, auf Krieg gebürstete Weltlage läßt ihn seine Thesen aktualisieren.

Der Autor neigte schon immer zu Redundanzen. Viel Neues wird der Leser der genannten Bücher in „Hegemonie oder Untergang“ nicht erfahren, doch der Neueinsteiger findet reichlich Stoff zum Nachdenken.

Ich möchte in meiner Besprechung vorrangig Mausfelds Thesen zur Demokratie und zu den Möglichkeiten der Überwindung des Verblendungszusammenhangs herausgreifen und ansatzweise diskutieren.

Bereits in „Hybris und Nemesis“ rechnete der Autor mit der derzeit real existierenden Demokratie ab: Wir ständen im Begriff, die in der Zivilisationsgeschichte mühevoll gewonnenen Werte und Normen zu verlieren, da die ursprüngliche Leitidee der Demokratie in den vergangenen Jahrhunderten pervertiert wurde. Verantwortlich dafür sei die Funktionslogik des Kapitalismus an und für sich. Das Recht auf Eigentum führe nahezu automatisch zur Gier nach Besitz und Macht, deren psychologische Natur darin bestehe, nie Befriedigung zu finden und daher ein ewiges Movens zu sein. Der Demokratieverfall sei so weit fortgeschritten, daß er unsere westlichen Gesellschaften zerstöre.

Im aktuellen Buch argumentiert Mausfeld: Wir befänden uns nicht in einer Krise der Demokratie, weil eine Demokratie, die diese Bezeichnung verdiente, gar nicht existiert habe. Die egalitäre Leitidee der „Demokratie“ als individuelle und gesellschaftliche Selbstbestimmung impliziere

eine radikale Vergesellschaftung von Herrschaft durch eine strikte vertikale Gewaltenteilung und eine Unterwerfung aller Staatsapparate unter die gesetzgebende Souveränität der gesellschaftlichen Basis (S.11).

Er sieht aber gute Gründe für die These, daß die derzeitige Multikrise ihre Wurzeln in der jahrhundertelangen Verhinderung von wahrer Demokratie habe. Die Väter der amerikanischen Verfassung hätten das Wort „Demokratie“ seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt und

unter der neuen Bezeichnung „repräsentative Demokratie“ ausdrücklich eine Form der Elitenherrschaft (S. 12)

eingeführt. Diese Interpretation klingt mächtig nach dem geistesgeschichtlichen Topos Priesterbetrug und entspricht nicht der marxistischen Theorie, an die sich Mausfeld des öfteren anlehnt. Ich werde darauf zurückkommen.

Bildbeschreibung Bild: US-Gründerväter. George Washington, John Adams, Thomas Jefferson, Benjamin Franklin, John Jay, James Madison und Alexander Hamilton (CC BY-SA 4.0)

Endspiel verkommener Eliten

Die Degenerierung der Demokratie werde besonders deutlich am hohen Grad „der moralischen und intellektuellen Verkommenheit gegenwärtiger politischer Eliten des Westens“ (145). Und Mausfeld zitiert Hans Magnus Enzensbergers Charakterisierung der politischen Klasse aus dem Jahr 1992:

Herrschaft des Mittelmaßes, Versagen der Urteilskraft, kurzfristiges Denken, konzeptionelle Ignoranz, Machtversessenheit, Gier, Versorgungsmentalität, Korruption, Arroganz.

Der Autor ergänzt diese Charakterisierung folgendermaßen:

eigentümliche Abwesenheit von Anzeichen basaler Verstandestätigkeiten, (…) Fehlen von gedanklicher Ordnung, argumentativer Logik, rationaler Einschätzung und Gewichtung von Handlungsoptionen oder von rationaler Bewertung der Folgen eigener Entscheidungen. Rationalität wird nur noch bei Bedarf simuliert, um die eigene Machtversessenheit zu verschleiern. (S. 146f.)

Westliches Denken sei auf einem Fundament von Ressentiments errichtet,

das sich grundsätzlich nicht mit der Leitidee einer egalitären Demokratie vereinbaren läßt. Der Westen scheint seinem Wesen nach demokratieunfähig zu sein. (ebd.)

In „kapitalistischen Demokratien“ seien

Habgier, institutionelle und individuelle Korruption sowie eine Elitenverkommenheit tief in der Funktionslogik des Systems verankert (S. 119).

Das Verhalten der solcherart charakterisierten gegenwärtigen politischen Entscheidungsträger läßt sich laut Mausfeld als „Endspiel“ verstehen: In der Gesellschaftstheorie beschreibe dieser Begriff

den finalen Zerfallszustand eines Systems, in dem die relevanten Akteure über keine rationale Handlungsplanung mehr verfügen. Sie sind im Endspielmodus kopfloser und zunehmend panischer Versuche, ihre Macht zu bewahren. Diese finale Systemphase, in der die Strukturen formal noch automatisch weiterfunktionieren, ist durch eine radikale Sinnentleerung bei fortgesetzter oder gar gesteigerter, nun planloser Aktivität gekennzeichnet. Es folgt eine Krise auf die nächste, alle Bewältigungsversuche sind nur endlose, rigide Variationen eingespielter Muster. Das System bricht nicht plötzlich zusammen, sondern zerfällt allmählich durch eine rein rituelle Machtsimulation, die eine Illusion von Kontrolle aufrechterhalten soll. Als letzte Handlungsmacht bleibt dann nur noch die Zerstörung. (134f.)

Bildbeschreibung Bild: Rainer Mausfeld 2024 bei einem Vortrag in Neu-Isenburg (Screenshot, @Westend-Verlag)

Marxismus vs. Psychologie

Dieser Interpretation kann ich vorbehaltlos zustimmen. Bezüglich des gesellschaftlichen Bewußtseins, seiner Manipulierung und der Möglichkeiten, das „verkehrte“ Bewußtsein zu überwinden, argumentiert Mausfeld im letzten Kapitel seines Buches allerdings auf mitunter krude Weise marxistisch: Wirkliche Freiheit könne es im Kapitalismus nicht geben. Der Genuß des Eigentums sei der ungestörten Privatwillkür der einzelnen Bürger überlassen. Die Überlebenslage der Nichtbesitzenden hänge vom Verkauf der eigenen Arbeitskraft an die Besitzenden ab. Lohnarbeit sei eine Form der Sklaverei.

Kapitalismus und Demokratie sind grundlegend und unüberbrückbar miteinander unverträglich. Um von dieser einfache Tatsache abzulenken, ist eine tiefreichende Bewusstseinsmanipulation notwendig, die Ausbeutungsverhältnisse als alternativloses Resultat einer freiwilligen Unterwerfung unter vorgebliche externe Zwänge erscheinen läßt. (176)

Der heutige (Techno-)Kapitalismus trage totalitäre Züge. Aber bereits frühzeitig habe die dem Kapitalismus inhärente strukturelle Gewalt zu psychischen Verformungen geführt:

Entfremdung vom eigenen Selbst, Konsum als Ersatzbefriedigung und als paradoxer Versuch, die eigene emotionale Leere zu füllen, eine auf sofortige Bedürfnisbefriedigung angelegte Affektstruktur mit mangelnder Spannungstoleranz, Konformismus, Verachtung der Schwachen, übersteigerte(s) Bedürfnis nach Autoritäten, Neigung zu blindem Gehorsam oder eine Identifikation mit den Mächtigen, um die eigene Ohnmacht zu kompensieren. (177)

Hier kann man einwenden, daß diese Merkmale keineswegs vollständig in allen Etappen der kapitalistischen Entwicklung vorhanden gewesen sind. Einige sind erst in der Moderne und im städtischen Leben und Arbeiten zum Durchbruch gekommen. Und Mausfeld zitiert zustimmend den Wilhelm Reich von 1933:

Es geht darum, dass jede Gesellschaftsordnung sich in den Massen ihrer Mitglieder diejenigen Strukturen erzeugt, die sie für ihre Hauptziele braucht.

Eine Ordnung, die Ziele hat und dazu passende Strukturen erzeugt? Und Reich fährt fort:

Auch die Widersprüche der ökonomischen Struktur einer Gesellschaft sind in den massenpsychologischen Strukturen der Unterdrückten verankert. (178)

Angesichts der gewachsenen Möglichkeiten der Mächtigen, das Bewußtsein der Machtunterworfenen zu formen und zu kontrollieren, würden letztere regelrecht zu Komplizen der Macht, konstatiert Mausfeld.

Ihre gesamte psychische Struktur, ihre Wünsche, ihre Bedürfnisse, ihre Aufmerksamkeit, ihre Wahrnehmung, ihr Fühlen und ihr Denken sind durch die herrschenden Machtverhältnisse geprägt und dergestalt verformt, dass sie diese Machtverhältnisse nicht infrage stellen und nicht gefährden können. (179)

Natürlich ist es ein schwieriges Geschäft nachzuvollziehen, warum sich angesichts der gegenwärtigen Multikrise und den politischen und ökonomischen Zumutungen durch die Regierungen so wenig Widerstand regt und gerade die Intellektuellen sich auf die Seite der Macht stellen – meist aus innerer Überzeugung. Doch das Arbeiten mit der marxistischen Theorie des Verblendungszusammenhangs ist an dieser Stelle unterkomplex und führt im Endeffekt zu unrealistischen Erwartungen, Lösungsvorschlägen und Prognosen. Realistischer scheint mir Mausfelds eigene psychologische Erklärung zu sein:

Die Bevölkerung kann diese allmählichen, sich in kleinen, aber beharrlich vorangetriebenen Schritten vollziehenden Änderungen gar nicht bemerken, weil sie sich auf ihre eigenen Lebensgewohnheiten zunächst kaum auszuwirken scheinen. Und wenn die Menschen es schließlich bemerken werden, werden sich totalitäre Verhältnisse bereits so verfestigt haben, dass es für eine Änderung praktisch zu spät ist. (179)

Bildbeschreibung Bild: Über den Dächern von Athen (Bruno @Pixabay)

Um welchen Kapitalismus geht es?

In der Tat: Viele Menschen meinen, daß Politik etwas ist, das sie persönlich nicht betreffen wird. Läßt Du den Staat in Ruhe, wirst auch Du in Ruhe gelassen. Erst allmählich müssen sie einräumen, daß sie zu harmlos von ihrem Staat dachten. Durch die Pandemiepolitik ist das vielen aufgegangen, und sie erwachen. Doch die Einschnitte in das gewohnte Leben, der Wohlstandsverlust, der psychische Streß und die herbeipolitisierte Kriegsgefahr machen nunmehr das Leben vieler so schwer, daß sie keine Kapazitäten mehr für politischen Widerstand haben. Sie ziehen sich ins Privatleben zurück, was von Mausfeld als Krisensymptom gewertet wird.

Dabei manövriert er sich in eine theoretische Sackgasse, wenn er den Verblendungszusammenhang des „ideologischen Gewölbes“ und der „Lohnsklaverei“ als total ansieht und die Befreiung von Fremdherrschaft innerhalb des Kapitalismus nicht für möglich hält. Die Unverträglichkeit von Kapitalismus und Freiheit sei derart grundlegend und tiefgehend, argumentiert Mausfeld, daß sie durch keine Form von Anpassungen und Reformen an der Oberfläche aufgehoben werden könne. (176) Gipfel der Entfremdung und Verblendung sei es,

dass wir uns wohl eher den Untergang der Welt als das Ende des Kapitalismus vorstellen können. (181)

Hier wird übersehen, daß der Begriff „Kapitalismus“ einer der gesellschaftstheoretischen Analyse ist, also quasi ein Modell, eine Abstraktion. Wie jeder Wissenschaftler muß auch der Gesellschaftstheoretiker immer wieder „nachsehen“, ob die beschriebenen Anpassungen, Reformen und Revolutionen nicht die Gesellschaften dermaßen verändert haben, daß die Abstraktionen nicht mehr treffen könnten und ein Paradigmenwechsel erfolgen müßte. Gibt es noch einen gemeinsamen Nenner zwischen den frühkapitalistischen, den klassisch kapitalistischen, dem modernen, den postmodernen neoliberalen Gesellschaften und dem digitalen überwachungstotalitären Weltstaat, der sich derzeit entwickelt? Sind Eigentum, Kapital und Lohnarbeit tatsächlich noch die entscheidenden gesellschaftlichen Verhältnisse, die alles andere zwangsläufig nach sich ziehen? Oder müssen wir heute mit einer oder mehreren anderen Ellen messen? Nach Mausfeld muß der Kapitalismus überwunden werden, um Emanzipation, Freiheit, Selbstbestimmung und Frieden zu erlangen. Die emanzipatorische Tradition laute seit Marx:

eine menschenwürdige Gesellschaft zu schaffen, die den menschlichen Freiheitsbedürfnissen einer individuellen und gesellschaftlichen Selbstbestimmung gerecht wird und in der niemand gezwungen wird, sich ohne seine Zustimmung dem Willen eines anderen zu unterwerfen (190f.).

Emanzipatorische Fortschritte mußten immer den Mächtigen abgetrotzt werden. Sie konnten weder im Dialog mit den Herrschenden errungen werden noch mit Appellen an Vernunft oder Mitgefühl.

Der Mensch ist als Gattungswesen mit einer Art Freiheitsinstinkt ausgestattet. (193)

Im Menschen liege eine Kraft, die die Suche nach menschenwürdigen gesellschaftlichen Organisationsformen antreibt. Demokratie an sich drücke eine Tendenz zur Herrschaftsfeindlichkeit aus, meint Mausfeld mit Kelsen. In der Idee der Demokratie liegt ein „Protest gegen den fremden Willen“. Gegenwärtig herrschten allerdings höchst ungünstige Umstände für emanzipatorisches Denken und Handeln.

Es liegt in der Beschaffenheit des herrschenden ideologischen Gewölbes, dass in ihm der Blick auf die Möglichkeit eines überpersönlichen Standpunkts verstellt ist (…). Denn die Vorstellung eines überpersönlichen Standpunktes auf der Basis der Idee einer menschengerechten Gesellschaft ist mit dem einer kapitalistischen Gesellschaft zugrunde liegenden Menschenbild nicht zu vereinbaren. (181f.)

Bildbeschreibung Bild: G20-Demo in Hamburg 2017 (Frank Schwichtenberg, CC BY-SA 4.0 )

Der blinde Fleck

Solidarische Gemeinschaft kontra sozial atomisierte Gesellschaft im neoliberalen Stadium des Kapitalismus, in der der einzelne in Konkurrenz mit anderen seinen persönlichen Nutzen zu optimieren sucht und in dem eine vollständige marktkonforme Umformung der gesamten Psyche stattfindet. (Das „unternehmerische Selbst“, das soziale Identität nur noch als Konsument und Konkurrent besitzt.) Auf dieser Basis, da die Konkurrenten um öffentliche Aufmerksamkeit ihre privaten „Lösungen“ für gesellschaftliche Probleme auf dem kapitalistischen Markt der Ideen anbieten, „läßt sich ein politisch wirksamer emanzipatorischer Widerstand gegen illegitime Machtverhältnisse nicht organisieren“. (183) Wahrnehmung, Begehren, Fühlen und Denken würden von dem ideologischen Gewölbe auch in uns selbst geprägt. Das führt zu der Frage: Wie erkennt man seinen eigenen blinden Fleck? Wie finden wir eine Außenperspektive auf uns selbst, durch die wir versuchen können, die induzierten Verformungen Stück für Stück freizulegen?

Dies sei nur auf der Basis einer solidarischen Kollektivität möglich, meint Mausfeld (185f.), beantwortet aber die selbstgestellte Frage nach der Möglichkeit des Außenstandpunktes nicht wirklich. Er rekurriert auf die Erkenntnisleistungen einer solidarischen Gemeinschaft, auf kollektive Analyse, weicht damit aber einem Erkenntnisproblem aus, das es schon seit dem Beginn der menschlichen Reflexionstätigkeit gibt und das von Kant in die abendländische Philosophiegeschichte hineingetragen wurde. Dieser Mangel hat konzeptionelle Folgen, wie zu sehen sein wird.

Gleichzeitig müssen wir ein klares Verständnis der äußeren Faktoren gewinnen, die dieses hermetisch abgeschottete Gewölbe erst in uns erzeugt haben. Diese äußeren Faktoren liegen in der Beschaffenheit der hochabstrakten faktischen Machtverhältnisse in „kapitalistischen Demokratien“. (185)

Es bestehe die Gefahr, selbst in seinem Protest gegen das Gewölbe in ihm zu verbleiben, im bloßen Aktivismus oder in Protestfolklore zu verharren. Empörung bleibe begriffslos oder artikuliere sich in den vorherrschenden ideologisch getränkten Begrifflichkeiten und lande bei Ablenkzielen und falsch gestellten Fragen.

Um die richtigen Fragen zu stellen, müssen natürlich zunächst aus vorliegenden Fakten angemessene Schlussfolgerungen gezogen werden. Relevante Fakten hierzu gibt es im Überfluss (…). Es mangelt uns an der Fähigkeit, die gesellschaftliche Relevanz von Fakten angemessen bewerten zu können. Und es mangelt uns an der Bereitschaft und dem Willen, aus relevanten Fakten konsequent angemessene Schlussfolgerungen zu ziehen.

Dies sei nur durch kollektive Bemühungen möglich, sagt Rainer Mausfeld. (188f.)

Im globalen Finanzkapitalismus entziehen sich die totalisierenden Machtentgrenzungsprozesse wegen ihrer Neuartigkeit und Abstraktheit in der Regel einem Verstehen im Rahmen verbrauchter begrifflicher Kategorien und gedanklicher Schemata. Auch die Ideologie, die diese Entgrenzung begleitet und mit dem Schleier vorgeblicher Naturgesetzlichkeit freier Märkte zu verdecken sucht, ist neuartig und hochabstrakt. Sie als bloße Ideologie zur Verschleierung von Machtverhältnissen offenzulegen, erfordert daher große kollektive gedankliche Anstrengungen. (185f.)

Die Zivilisationsgeschichte zeige uns angeblich, daß es immer wieder durch ein kollektives Lernen aus gesellschaftlichen Erfahrungen möglich war, Instrumente gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu entwickeln. Spezifisch für heute gelte: technologische Mittel der Unterdrückung sind perfektioniert worden. Und heute sei es eine extrem kurze Zeitspanne, in der man gegen aktuelle Bedrohungen vorgehen muß. (190) Doch die Befähigung zu solidarischer Kollektivität sei in den kapitalistischen Gesellschaften weitgehend blockiert worden. Das kollektive Gedächtnis sei verloren gegangen.

Der unermeßliche Schatz an Erfahrungen und Einsichten, die in der langen Tradition emanzipatorischer Bewegungen gewonnen wurden, kann nur in gemeinsamen Anstrengungen gehoben und für unser Handeln fruchtbar gemacht werden. (194)

Bereits zu Beginn seines Buches hatte Mausfeld nachdrücklich für eine Schwarmintelligenz plädiert und wiederholt diesen Appell mehrfach: Einzelne Diagnostiker der Jetztzeit können die gesellschaftliche Totalität nicht erfassen. Die tieferen Ursachen der Krise lassen sich nur mit kollektiver Anstrengung verorten.

Bildbeschreibung Bild: Straßenszene in Japan 2009 (takano32, CC BY 3.0 )

Mausfelds Narrative – und meine Einwände

Aus dem Buch läßt sich also folgendes Narrativ destillieren: Wahre Demokratie hat es im Kapitalismus nie gegeben und kann es nicht geben. Damit fehlt die Grundlage für das Durchschauen der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Transparenz. Gesteigert wird dieses Halten in Unmündigkeit in unserer Zeit durch die phantastischen Möglichkeiten zur Massen- und Individualmanipulation und zur Indoktrinierung. Eine Außenperspektive einzunehmen, ist auf dieser Basis für das Individuum nicht möglich. Nur kollektiv können wir die heutigen gesellschaftlichen Prozesse verstehen und – aus der Vergangenheit lernend – den Kapitalismus überwinden und eine wahrhaft demokratische, freiheitliche Gesellschaft erbauen.

Gegen dieses Narrativ läßt sich einiges einwenden. Es gibt keine Kollektiverkenntnis (genauso wenig wie es eine Kollektivschuld gibt). Erkennen ist immer individuell. Und das „Ding an sich“ ist nicht erkennbar, nur die „Dinge für uns“. Jeder hat seine eigene Wahrheit (gefunden). Es sind immer einzelne Persönlichkeiten, die mit ihrem Charakter und ihrem inneren Erkenntnisapparat in der Lage sind, Dingen auf den Grund zu gehen und gesellschaftliche Erscheinungen in einer Totalität zu erfassen – egal wie „hochabstrakt“ die herrschende Ideologie ist. Die Vorstellung, je mehr Menschen sich mit der Analyse befassen, desto näher kämen sie der Wahrheit, ist epistemologisch naiv. In allen gesellschaftlichen Zuständen können dafür Talentierte eine Außenperspektive einnehmen und sich auch selbst in Relationen zur materiellen und geistigen Lage der Zeit setzen.

Und hier kommen wir zur Idee der Demokratie. Sie kann nichts anderes als eine regulative Idee sein, nichts Statisches. An ihr die gegenwärtigen Verhältnisse und Prozesse zu messen, ist nicht zielführend. Staatsformen wandeln sich ständig, und es kommt darauf an, in jeder für demokratische Elemente und individuelle sowie kollektive Freiheit(en) zu kämpfen. Was Mausfeld, der in seinem Buch „Warum schweigen die Lämmer?“ die repräsentative Demokratie als Mittel zur Demokratievermeidung bezeichnet hatte, sich vorstellt, wäre nur mit einer radikalen Revolution umzusetzen. Dazu schrieb Götz Kubitschek – wie ich finde treffend – nach einer Rußland-Reise im November 2025:

Man geht dort [in Rußland] von nationalen Ordnungsversuchen in einer chaotischen Welt aus, in der revolutionäre Vorhaben unkalkulierbar geworden seien und keinerlei Strahlkraft mehr entwickeln könnten. Das Risiko einer chaotischen gesellschaftlichen Umbruchphase sei zu hoch, der Wettbewerbsnachteil wäre so immens, daß alles, was den Grundprinzipen globalen Wirtschaftens ans Leder wolle, in den Bereich politischer Romantik abgedrängt werde und ans Verschrobene grenze. Mit anderen Worten: Es geht um Ressourcensicherung, um die Moderation innergesellschaftlicher Spannungen, um eine Art nationaler Fitneß im Wettbewerb mit der Konkurrenz. Ich nannte es die „Verbesserung der erreichten Normalität“ – und verwies auf den Sonderfall Deutschland, in dem es um die zunächst grundsätzliche Wiederherstellung einer solchen Normalität überhaupt gehe.

Der dritte Aspekt ist das kollektive Lernen aus der Geschichte. Mausfeld nennt leider kein Beispiel für einen solchen Fall. Meines Erachtens ist ein solches Lernen kaum möglich. Alles, was gerade heute wieder stattfindet, ist Analogiebildung. Man greift sich einen bestimmten Aspekt heraus und bezieht ihn auf die Gegenwart. Aber Geschichte wiederholt sich nicht, denn die Umstände, die bestimmte Folgen zeitigen, sind nie dieselben. Man kann bereits bei der Geschichtsschreibung feststellen, daß sich – je nach historischem Zeitpunkt – die Darstellungen und Interpretationen wandeln. Und im kollektiven Gedächtnis werden nur konkrete, sinnliche und emotionale, Erfahrungen gespeichert. „Nie wieder Krieg!“ oder „Nie wieder Auschwitz!“ sind verselbständigte Abstraktionen, die auf alles Mögliche angewendet werden können. Ein „richtiges“ Geschichtsbild gibt es nicht. Auch hier gilt: Geschichte existiert nicht an sich, sondern nur für uns. Sie „funktioniert“ wie ein Steinbruch.

In seinem Buch „Warum schweigen die Lämmer?“ hatte Mausfeld 2019 bereits geahnt:

Die traditionellen Konzepte und Kategorien der Analyse von Machtstrukturen sind vermutlich (…) nicht ausreichend und müssen daher in geeigneter Weise angepasst und erweitert werden.

Leider hat er selbst bislang keinen entscheidenden Beitrag zu diesem notwendigen Prozeß geliefert. Sein theoretisches Mittel zur Erkenntnisgewinnung ist die marxistische Theorie und damit eine Terminologie geblieben, die auf der Analyse des Frühkapitalismus fußt. Bezüglich der psychologischen Fragen und der Darstellung postmoderner Manipulationsmittel sind seine Bücher stark. Doch im Hinblick auf Lösungswege aus der Sackgasse der Multikrisen, die hin zu einer direkt-demokratischen, freiheitlichen (Welt-)Gesellschaft führen, können die Leser kaum etwas lernen.

Rainer Mausfeld: Hegemonie oder Untergang. Die letzte Krise des Westens? Neu-Isenburg: Westend 2025,210 Seiten, 24 Euro.

Bildbeschreibung

Beate Broßmann, Jahrgang 1961, Leipzigerin, passionierte Sozialphilosophin, wollte einmal den real existierenden Sozialismus ändern und analysiert heute das, was ist – unter anderem in der Zeitschrift TUMULT. Wenn Zeit ist, steht sie am Buch-Tresen.

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