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Oben & Unten | 04.02.2026
Die ewige Katastrophe
Wetter, Wirtschaft, Finanzen: Deutschland kommt aus dem Krisenmodus nicht mehr heraus. Warum dahinter Absicht steckt und wem das nützt.
Text: Felix Feistel
 
 

Ende Januar beschenkte uns der Winter noch einmal mit Schnee. Die ganze Stadt war überzogen mit einer weißen Schicht, ganz so, wie man es in dieser Jahreszeit erwartet. Dieser Schneefall hat allerdings zu einer Art allgemeiner Hysterie geführt. So fiel die nachmittägliche Schicht meines Nebenjobs aufgrund des Wetters aus, was mir unerwartete Freizeit bescherte. Noch etwas verwundert spazierte ich durch die Stadt und beobachtete das allgemeine Treiben.

Nur gab es allerdings gar nicht so viel des Treibens. Denn viele Läden waren geschlossen. Zudem waren auf der Straße beinahe mehr Schneemänner zu sehen als echte Menschen. An einer Bushaltestelle verkündete die elektronische Anzeige, dass der Busverkehr aufgrund des „starken Schneefalls“ vorübergehend eingestellt worden sei. Nun schneite es zwar, aber doch eher leicht. Die Straßen waren geräumt und gestreut, Straßenverkehr war also problemlos möglich.

Auch zahlreiche Einrichtungen blieben geschlossen. Die Universität sagte reihenweise Vorlesungen und Seminare aufgrund des Wetters ab oder verlegte sie auf Online-Plattformen. Den Medien konnte man entnehmen, dass dies auch anderenorts geschah. Unterricht wurde abgesagt, der Bahnverkehr war teils stark eingeschränkt, sogar eine Reise von Außenminister Wadephul musste verschoben werden.

Bildbeschreibung Bild: Schnee in Moskau, gefilmt 1908 (Wikimedia)

Vollkommen anders hatte ich den Umgang mit Schnee in Russland erlebt, wo ich noch zwei Wochen zuvor gewesen war. Obwohl dort Schneestürme niedergegangen waren und weitaus mehr Schnee zurückgelassen hatten, war das normale Leben nicht beeinträchtigt. Die Busse fuhren, der Straßenverkehr lief – auch wenn die Straßen nicht sofort geräumt waren. In Moskau fuhren die Räumdienste rund um die Uhr, bis irgendwann die Wege frei waren. Kein Ausnahmezustand, keine Krise, nur das ganz normale Leben. Was wieder einmal die Frage aufwirft, ob es wirklich eine gute Idee ist, sich in einen Krieg mit Russland verwickeln zu lassen, wenn schon beim letzten Mal der Winter maßgeblich für die deutsche Niederlage verantwortlich gewesen ist – und heute scheint Deutschland nicht einmal einen doch recht milden Winter bewältigen zu können.

Diese hysterische Überreaktion auf jede Form von Wetter scheint tiefere Ursachen zu haben als das Wetter allein. In Deutschland wird mittlerweile jede Abweichung von einer empfundenen Normalität zu einer nationalen Krise aufgeblasen.

Ist es warm, herrscht Hitzesommer. Schneit es, ereilt uns ein Katastophen-Winter. Regnet es, klagen wir über Extremwetter. Regnet es nicht, leiden wir unter Dürre.

Spätestens seit 2020 scheint Deutschland in einem Dauerkrisenzustand festzustecken. Gefühlt ist überall und immer Krise, und selbst wenn die Realität dieser Einschätzung nicht entspricht, ist das umso schlimmer für die Realität. Diese muss dann rhetorisch an die psychologische Verfassung der dem Wahn verfallenen Deutschen angepasst werden. Aus ein paar warmen Tagen im Sommer wird dann ein „Hitzesommer“ und aus jedem Regen ein „Extremwetterereignis“.

In Deutschland geht gefühlt jeden Tag die Welt unter. Wenn nicht gerade das Wetter Urheber des Untergangs ist, dann die kollabierende Ökonomie, das implodierende Finanzsystem, der teuflische Putin oder sein US-amerikanischer Spießgeselle Trump. Die Deutschen sind nicht in der Lage, mit Abweichungen von der Normalität, mit Unwägbarkeiten und unvorhergesehenen Ereignissen umzugehen. Latent war das immer der Fall, doch seit 2020 scheint sich dieses Phänomen enorm verschärft zu haben. Und das könnte Absicht sein.

Menschen in der psychologischen Dauerkrise lassen sich einfacher an Autoritäten binden, denn sie suchen nach Orientierung und Führung, nach Sicherheit in einer unsicher und katastrophal erscheinenden Welt.

Und wenn diese Autoritäten nicht die etablierten Parteien und Politiker sind, dann präsentiert man den Deutschen eben sogenannte Alternativen, die aber das machtbasierte Verwaltungssystem, in dem alle Menschen lediglich zu melkendes und zu beherrschendes Vieh sind, nicht infrage stellen – sondern nur versprechen, zu einem vermeintlich sichereren Gestern zurückzukehren. Auf diese Weise hinterfragen die meisten Menschen das zugrundeliegende System nie, sondern lassen sich von ihm in die gewünschte Richtung lenken.

Der Dauer-Ausnahmezustand ist damit eine Herrschaftsstrategie, welche erlaubt, auch die vermeintlich aufgewachten und kritischen Geister wieder einzufangen.

Felix Feistel veröffentlicht seit 2017 Texte über das aktuelle Zeitgeschehen bei Manova, Apolut, tkp & Multipolar. Mehr auch auf seinem Telegram-Kanal. Am 2. Februar ist sein Buch Corona - Next Level erschienen

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Bildquellen: Gertrud Eichinger auf Pixabay (Titel)