Neulich erzählte uns Uwe vom geplanten Schulwechsel seiner Zwillinge, Mädchen und Junge, aus der vierten Klasse der Grundschule zur Liebfrauenrealschule. Dabei erwähnte er auch, dass dort ab dem nächsten Schuljahr die Trennung in Mädchen- und Jungenklasse aufgegeben würde. Für ihn war dieses Thema nicht von Belang, seine Zwillinge sollen nur nicht in dieselbe Klasse gehen. Er berichtete aber davon, dass die Änderung nicht ohne erbitterte Diskussionen beschlossen worden sei, weil, so das Hauptargument, die Mädchen dann ihres Schutzraums beraubt würden.
Sucht man im Internet unter einem entsprechenden Stichwort, zum Beispiel „geschlechtergetrennte Schulen“, dann fällt sofort auf, dass es ausschließlich um Mädchenschulen, Mädchenrealschulen oder Mädchengymnasien geht. Dies ist erst einmal nicht weiter verwunderlich, gibt es doch bundesweit etwa 130 Mädchen- und nur drei Jungenschulen. Das ist vor allem historisch bedingt, sind doch die reinen Mädchenschulen aus den Höhere-Töchter-Schulen hervorgegangen. Diesen Ruf tragen sie zwar heute nicht mehr so gern, haben sich aber letztlich doch eine gewisse soziale Exklusivität bewahrt, schon weil sie in der Regel Privatschulen sind und die Eltern für ihre Töchter Schulgeld zahlen.
Verwunderlich ist aber, dass die Trennung der Schulen nach Geschlecht mit der Förderung der Mädchen begründet wird und das in der öffentlichen Diskussion reflexartig Zustimmung findet. Merkwürdig ist das, weil doch inzwischen fast jeder und nicht nur jeder Lehrer weiß, dass Mädchen in den weiterführenden Schulen weitaus erfolgreicher als Jungen sind. Gesellschaftlich unbestritten ist, dass die Schule in der Entwicklung der jungen Menschen eine zentrale Rolle spielt. Hier sind die Jungen, als Gesamtgruppe gesehen, im Verhältnis zu den Mädchen chancenlos – und das schon seit mindestens 15 bis 20 Jahren, ohne dass sich dagegen Widerstand regt, ja scheinbar, ohne dass es überhaupt wahrgenommen wird. Verschlimmert wird diese Situation noch durch die soziale und die migrantische Herkunftsproblematik.
Geht man davon aus, dass bei beiden Geschlechtern die Intelligenz gleich verteilt ist, müsste es doch sofort auffallen, dass die Abschlüsse von Jungen durchweg schlechter sind als die der Mädchen. Machen sie Abitur, wobei die Mädchenquote 55 Prozent (bei 48,5 Prozent Mädchenanteil an den Geborenen) mit steigender Tendenz beträgt, haben die Jungen kaum noch Zugang zu den begehrtesten NC-Fächern, denen mit der niedrigsten Durchschnittsnote. Von den Studienanfängern in Medizin sind inzwischen zwei Drittel Frauen. Stimmt die Prämisse der Gleichverteilung der Intelligenz, folgt daraus, dass die Schulen, hier die Gymnasien, die Jungen massiv benachteiligen.
Die Gründe für die weitaus schlechteren Ergebnisse der Jungen sind schnell gefunden:
Mir scheint die letzte These, dass Geschlechtsstereotype einen großen Anteil an Erfolg (der Mädchen) und Misserfolg (der Jungen) haben, durchaus plausibel – aber eigentlich ist es egal, muss das Problem doch wenigstens erst einmal öffentlich wahrgenommen und seine Behandlung auf die Agenda gesetzt werden. Dazu müsste aber der institutionalisierte, professionalisierte Feminismus zu einem Waffenstillstand bereit sein, wird einem doch in jeder Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit sofort die Benachteiligung der Frauen entgegengehalten. So wird es zum Beispiel nicht als problematisch angesehen, dass von den Studienabgängern im Medizinstudium 70 Prozent weiblich sind, sondern es wird beklagt, dass es bei den Chirurgen nur 40 Prozent sind. Ähnlich ist es nach dem Jurastudium in der Justiz. Beklagt wird, dass der Frauenanteil in Führungspositionen bei den Bundesgerichten „nur“ knapp 40 Prozent beträgt (2023). Man könnte aber auch sagen, 2010 lag der Frauenanteil dort bei 20 Prozent. In dreizehn Jahren hat sich also der Anteil verdoppelt. Das bedeutet aber auch, dass von den zur Neubesetzung anstehenden Führungspositionen weit mehr als die Hälfte mit Frauen besetzt wurden und weiter besetzt werden.
Dieses Beispiel zeigt gleichzeitig die problematische Verwendung statistischer Daten. Will man darstellen, dass Frauen benachteiligt werden, nimmt man den Anteil der Frauen an der Gesamtheit, hier 40 Prozent. Es stimmt aber nicht ganz: Sie wurden benachteiligt, werden es aber nicht mehr. Richtig wäre, die jeweiligen Beförderungen pro Jahr miteinander zu vergleichen. Dann sähe man, dass schon seit geraumer Zeit stets mehr Frauen befördert werden. Man könnte das unter abstraktem Blick auf die Frauen aller Zeiten trotzdem als gerecht bezeichnen, weil Frauen in der Vergangenheit unterrepräsentiert waren. Weil ihnen der Zugang zum Medizin- und Jurastudium erschwert worden war. Weil ihre Chancen, in Führungspositionen zu gelangen, geringer waren. Aber ist es auch gerecht gegenüber heutigen jungen Männern, wenn sie jetzt für die frühere Ungerechtigkeit gegenüber Frauen bezahlen müssen?
„Über was für eine Generation von Männern wird man eines Tages reden?“ lautete die Frage vor einiger Zeit in einer überregionalen Zeitung. Wenn der Entwicklung nicht schnellstens Einhalt geboten wird, wofür es aber keine Anzeichen gibt, kann die Antwort wohl nur lauten: über eine Verlierergeneration!
Was tun? Es gibt von pädagogischer Seite den Vorschlag, Jungen ein Jahr später als Mädchen einzuschulen. Ich glaube nicht, dass dieser Vorschlag ausreichend oder überhaupt zielführend ist. Ich plädiere demgegenüber dafür, die Koedukation in der Sekundarstufe wieder aufzuheben. Beide Geschlechter hätten dann ihren eigenen Raum und könnten entsprechend gefördert werden. Die Liebfrauenrealschule könnte also ihre Geschlechtertrennung beibehalten und für beide Geschlechter einen Gewinn erzielen. Das Wichtigste aber wäre, die Misere der Jungen endlich wahrzunehmen und hier dem professionalisierten Feminismus die Stirn zu bieten. Es könnte irgendwann zu spät sein.
Dieter Lanz war Lehrer und Dozent für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und befährt jetzt als Skipper Atlantik, Mittelmeer und Ostsee.
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