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Lebensgeschichten | 12.01.2026
Hört auf die Kriegskinder
Marianne Gronemeyer hat Bombennächte in Hamburg erlebt und mit den 68ern demonstriert. Heute sagt sie: Krieg ist anders als im Fernsehen.
Text: Simone Manger
 
 

Marianne und Reimer Gronemeyer lernte ich im Rahmen eines Projekts kennen, das ich als Beraterin begleitet habe. "Lebenswerte Zukunft in Friesenheim – Maßnahmen für ein gesundes Leben und dabei sein in jedem Alter“. Ein Thema war die bessere Vernetzung von Jung und Alt. Dabei entstand die Idee, dass alte Menschen den jungen aus ihrer Kindheit und Jugend berichten und ein Austausch stattfindet. Marianne machte dabei auf den Ukraine-Krieg aufmerksam. Diejenigen Alten, die Krieg selbst erlebt haben, müssten als Zeitzeugen von ihren Erinnerungen berichten. Nur so könnten sich junge Menschen ein Bild machen, was Krieg bedeutet und wie er die Menschen prägt. Marianne berichtete von ihren Erlebnissen während der Bombennächte in Hamburg. Selbst diese wenigen Einblicke haben mich sehr bewegt und den Wunsch geweckt, mich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich fragte Marianne, ob sie mir ein Interview gibt. Sie stimmte zu.

Bildbeschreibung

Mit ihrem Mann Reimer Gronemeyer, einem Theologen und Soziologen, hat Marianne (oben im Bild) im März 2023 das Manifest der Achtzigjährigen – eine Stimme der Kriegskinder zum Krieg in der Ukraine veröffentlicht. Die promovierte und habilitierte Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin sowie Autorin mehrerer Bücher war als Lehrerin tätig, bevor sie Professorin an der Hochschule Wiesbaden wurde. Sie lebt mit ihrem Mann in Friesenheim bei Mainz. Seit 2003 veranstalten sie einmal im Jahr in ihrem Haus die „Friesenheimer Sommer-Universität“. Menschen aus aller Welt diskutieren dort aktuelle Themen – ohne Denk- und Sprechverbote.

Marianne, Du bist im Januar 1941 in Hamburg geboren. Welches Erlebnis aus den Kriegsjahren ist Dir noch besonders in Erinnerung?

Ich kann mich gut an ein Erlebnis erinnern, als ich vier Jahre alt war. Mein Bruder Dietrich und ich waren mit unserer Mutter in Pommern bei der Großmutter und Tante zu Besuch. Am 24. oder 25. Februar 1945 fuhren wir von dort mit dem Zug zurück nach Hamburg. Es war wohl einer der letzten Züge, die aus Pommern überhaupt noch Richtung Hamburg fuhren. Der Zug war verdunkelt, damit die Fluggeschwader ihn nicht angreifen konnten. So sind wir durch die Nacht gefahren und kamen irgendwann sicher in Hamburg an. Dort nahm uns meine Großtante Marie in Empfang, die Schwester meiner Großmutter, die in Hamburg reich verheiratet war. Sie wohnte in der Nähe des Hauptbahnhofs. Die Stadt war vollkommen schwarz. Es gab keine Lampen, keine Straßenbeleuchtung, keine erleuchteten Fenster. Später habe ich erfahren, dass man sogar die Binnenalster ganz und gar bedeckt hatte, damit keine Wasserspiegelungen den Fliegern Orientierung geben konnten. Wir sind durch diese wirklich finstere Stadt fast tastend gegangen. Ich höre noch das Geräusch von meinem kleinen Kinderschirm, den ich hinter mir herzog und der übers Kopfsteinpflaster holperte. Der Weg führte uns zum Haus meiner Großtante, wo wir die Nacht verbrachten. Am nächsten Tag fuhr meine Mutter nach Eppendorf, um zu schauen, ob unser Haus noch bewohnbar war. Glücklicherweise stand es noch, und wir konnten in unsere Wohnung zurückkehren.

In den letzten Kriegswochen gab es in Hamburg und in weiteren deutschen Großstädten schwere Bombenangriffe, bei denen viele Menschen starben. Wie habt Ihr in diesen Tagen Euer Überleben gesichert?

Nach unserer Rückkehr aus Pommern gab es die schwersten Angriffe auf Hamburg. In dieser Zeit hörten wir immer wieder dieses schaurige Sirenengeheul. Ich kann bis heute keine Sirenen hören, ohne dass es mir durch Mark und Bein geht. Die Nachbarn waren alle hilfsbereit. Wenn Fliegeralarm war, half die Nachbarstochter unserer Mutter, uns Kindern Schuhe und Mantel anzuziehen, denn wir wurden immer vollkommen angezogen ins Bett gelegt. Ich kann mich erinnern, dass unser Nachbar bei Alarm sofort herüberkam, um uns zu helfen. Er nahm mich dann unter den Arm und die Tasche, die meine Mutter immer gepackt hatte und die mit in den Bunker genommen wurde, in die andere Hand. Meine Mutter trug meinen Bruder hinterher. Und dann gingen wir die zwei Stockwerke im Haus runter auf den Lokstedter Weg, von da in die Tarpenbekstraße und weiter auf das Gelände von der Anscharhöhe, wo der Bunker war. Dort stiegen wir in ein finsteres Loch hinab – das war der Bunker. Diese Finsternis habe ich als ganz besonders bedrückend in Erinnerung.

Da saßen wir manchmal stundenlang, eng zusammengepfercht. Auch hier galt ein strenges Verdunkelungsgebot. Nur an einer Seite des Bunkers gab es einen Phosphorfleck, der leuchtete, aber kein Licht spendete. Wenn eine Bombe in der Nähe einschlug, wurde der ganze Bunker erschüttert. Das Wackeln dieses Bunkers habe ich noch in Erinnerung. Wir hatten alle furchtbare Angst. Dieses stundenlange Ausharren in dem dunklen, nasskalten und stickigen Bunker hat in mir eine Klaustrophobie ausgelöst, die mich bis heute begleitet. Und dann das Verlassen des Bunkers: Wir stiegen die paar Stufen hoch und sahen direkt in den Sternenhimmel. Endlich konnten wir wieder tief durchatmen.

Bildbeschreibung Bild: Hamburger Wohnhäuser nach dem Feuersturm am 27./28. Juli 1943 (RAF, Public Domain)

Deine Großmutter und Tante mit den vier Kindern waren ja noch in Pommern. Welches Schicksal haben sie erlebt?

Am 3. März 1945, keine zwei Wochen nachdem wir in Hamburg angekommen waren, hat sich die Familie in Pommern auf die Flucht vor den nahenden russischen Truppen begeben. Die Familie bestand aus der Großmutter, die schon herzkrank war, und der Schwiegertochter, meiner Tante Lisbeth, der Frau des schon gefallenen Hoferben. Und dann hatte diese Tante vier Kinder: einen 13-jährigen Jungen, einen 11- jährigen Jungen und ein Zwillingspaar, noch nicht ganz sieben Jahre alt.

Schon als wir abfuhren, stand der Planwagen auf dem Hof. Ja, auf fast allen Höfen standen sie, diese Gefährte, die mit einer Plane überdacht waren und von Pferden gezogen wurden. Man hat darin Essen, ein wenig von der Habe und nicht selten auch die Federbetten mitgenommen. Ich weiß nicht, wer diesen Wagen gelenkt hat, ob das meine Tante oder ein Nachbar war. Die Menschen sind ja alle in großen Gemeinschaften aufgebrochen. Meine Tante beschreibt es in einem Brief so, dass überall der Kanonendonner schon zu hören war und die Rote Armee immer näher kam. Nach kurzer Zeit waren die Straßen so verstopft, dass es kein Vor und Zurück mehr gab. Großmutter, die Zwillinge und die Tante saßen auf dem Wagen, und die beiden älteren Jungen fuhren mit Fahrrädern nebenher, um auf diese Weise auch die noch zu retten. Sie waren ja kostbar. Und dann stockte der Treck und nichts ging mehr weiter. Daraufhin hat die Tante zu den beiden Jungen gesagt: Wir kehren um.

Der Älteste, Hans-Georg, hatte jedoch eine so panische Angst vor den Russen – eine Angst, die die Angst der Erwachsenen spiegelte –, dass er sich weigerte, der Anordnung seiner Mutter zu folgen. Für mich ist das eine der schrecklichsten Situationen, in die eine Mutter kommen kann. Meine Tante konnte ihn nicht dazu bewegen, seine Meinung zu ändern. Sie beschrieb die Situation so, dass es ein Riesentumult war, und auf einmal guckt sie um sich und fragt: Wo sind die Jungen? Beide waren weg mit ihren Fahrrädern. Da hatte meine Tante also ihre beiden Söhne verloren und konnte sie nicht einmal suchen. Hans-Georg war in dem Wirrwarr einfach losgefahren und hat seinen jüngeren Bruder Siegfried mitgenommen.

Bildbeschreibung Bild: Flüchtlingstrack 1944 (Bundesarchiv, Bild 183-W0402-500, Dissmann, CC-BY-SA 3.0)

Wie ist diese Geschichte ausgegangen?

Hans-Georg hat seinen jüngeren Bruder unterwegs auch noch verloren. Er hat sich alleine durchgeschlagen, weil er wusste, dass er eine Tante Frieda in Hamburg hatte, meine Mutter. Und er wusste die Adresse: Lokstedter Weg 33. Tagelang war er unterwegs, dann stand er plötzlich abends vor unserer Tür im dunklen Treppenhaus. Meine Mutter ist aus allen Wolken gefallen. Sie war aber glücklich, überhaupt irgendetwas von der Familie zu erfahren, denn es gab ja keinerlei Verbindungsmöglichkeit mehr in dieser Zeit. Auch hier waren unsere Nachbarn wieder sehr hilfsbereit und brachten ein Federbett und eine Matratze. Hans-Georg blieb neun Jahre bei uns. Er wurde zu meinem Bruder. Seine Mutter und Großmutter wussten bis August 1946 nicht, was mit ihm und seinem Bruder geschehen war. Sie wussten nicht, dass er längst in guter Obhut war.

Und der jüngere Bruder?

Dazu gibt es auch wieder eine beispielhafte Geschichte von guter Nachbarschaft. Wir kamen bald nach Kriegsende an einem Sonntagabend von einem Ausflug zurück, da stand unser Vermieter vor der Tür. Er sagte zu meiner Mutter: Frau Frahm, wir haben etwas gehört im Suchdienst, im Radio, da wurde ein Siegfried Struck ausgerufen. Könnte das jemand sein, der zu ihrer Familie gehört? Und das war tatsächlich mein Vetter Siegfried. Er war von einer Familie Sparbier in Neumünster in Schleswig-Holstein aufgenommen worden und die hatte beim regelmäßig im Radio gesendeten Suchdienst eine Anzeige aufgegeben. Meine Mutter hat mit der Familie telefoniert, mit dem einzigen Telefon im Haus, das unserem Vermieter gehörte. Wenige Tage später kam Frau Sparbier mit Siegfried nach Hamburg und brachte ihn zu uns. Siegfried blieb dann drei Jahre.

Wie hast Du das Kriegsende erlebt?

Am 8. Mai 1945 war es verboten, sich auch nur am Fenster aufzuhalten und sich den englischen Panzern zu zeigen, die an unserem Haus im Lokstedter Weg vorbeirollten. Die Truppen standen unter Schießbefehl. Mein Bruder und ich waren aber neugierig und haben hinter der Gardine gestanden. Wir haben uns nicht gezeigt, sondern nur durch den Gardinenschlitz gespäht. Ich sehe die Panzer noch vor mir und meine, mich an das Donnern der Panzerketten zu erinnern. Das Gefühl bei diesem Einzug der Sieger war unglaublich positiv, und das ist auch ein Zwiespalt, mit dem wir Kriegskinder leben müssen. Dass wir diese Truppen, die bei uns einmarschierten, erleichtert und froh begrüßten und wussten, dass es dieselben Siegermächte waren, vor denen wir in den Bombennächten gezittert hatten. Die Gleichzeitigkeit dieser beiden Erfahrungen in unserem Kinderleben hat mich ein Leben lang verunsichert. Dass ich nicht wusste, wohin ich gehöre – auf die Seite der Täter oder auf die der Opfer. Wir waren ja als Kinder auch Opfer, eindeutig. Wie lange man das auch gar nicht zur Sprache bringen konnte. Das, glaube ich, ist ein Schicksal der Kriegskinder. Erst sehr spät hat man angefangen, die Aufmerksamkeit darauf zu richten, aber es war schwierig, sehr schwierig.

Bildbeschreibung Bild: Kriegsende in Hamburg (UK, Public Domain)

Die Zeit unmittelbar nach dem Krieg war geprägt von Entbehrungen. Viele Menschen litten Hunger oder starben daran. Im Winter verschärfte sich die Situation noch einmal. Während der erste Nachkriegswinter als mäßig kalt beschrieben wird, gilt der darauffolgende Winter 1946/1947 als kältester des 20. Jahrhunderts mit Temperaturen bis zu minus 20 Grad Celsius. Marianne beschreibt, dass mit dem Ofen nicht geheizt werden konnte, da es kein Holz und keine Kohle gab. Wenn die Mutter Wäsche gewaschen und in der Küche aufgehängt hat, glitzerten die Wände vom Eis. Es gab kaum etwas zu essen. Zunächst erhielt die Familie nur drei Lebensmittelmarken. Die Mutter musste dann durchsetzen, dass sie für die beiden Neffen ebenfalls Marken erhielt. Sie gab diesen auch immer etwas mehr zum Essen als den eigenen Kindern, was diese nicht verstanden. Sie selbst aß fast gar nichts.

Wie habt Ihr den Winter 1946/1947 überstanden?

Bereits im Januar 1946, noch bevor die amerikanischen Care-Pakete kamen, lief in den deutschen Großstädten eine Hilfswelle des schwedischen Roten Kreuzes an. In ehemaligen Gasthäusern wurden Suppenküchen eingerichtet. Diese sogenannte Schwedenspeisung richtete sich vorwiegend an Kleinkinder. Ich wurde ausgesucht, weil ich sehr, sehr dünn und leichtgewichtig war. Mein Vetter Hans-Georg, der neun Jahre älter war, brachte mich jeden Tag dahin. Ich sehe noch, wie Mutter mich in einen Schal gehüllt hat, der dreimal um meinen Hals geschlungen wurde. Ich hatte kleine lederne Hausschühchen an, weil ich keine anderen Schuhe besaß. Und mit denen bin ich dann durch den Schnee gestapft, zusammen mit meinem Vetter und mit meinem Henkeltöpfchen in der Hand. Es gab dort Nudelsuppe. Den Geschmack habe ich immer noch auf der Zunge. Die Kinder mussten die Suppe an Ort und Stelle aufessen, damit die Familie nicht irgendwelchen Schindluder mit den Nahrungsmitteln treiben konnte. Das Schlimmste war, dass ich gar nicht alles aufessen konnte. Wie gerne hätte ich meinem Bruder etwas mitgebracht, aber ich durfte es nicht. So war die Regelung. Es war unglaublich hart.

Marianne beschreibt die folgenden Jahre als eine vergleichsweise schöne Zeit. Aufgrund der Abwesenheit der Väter und der arbeitenden Mütter waren Kinder wie sie weitgehend selbstständig und organisierten sich in großen Spielgemeinschaften. Für die Kinder war die Straße ein sicherer Raum, der von Erwachsenen wie dem Schlachterladenbesitzer, der Polizei, dem Laternenanzünder oder dem Bierkutscher im Sinne einer „sozialen Kontrolle“ beaufsichtigt wurde, was ein Gefühl der Geborgenheit vermittelte.

Wie haben sich die Erfahrungen des Krieges auf das Zusammenleben in Deiner Familie ausgewirkt?

Meine Mutter hatte vier Geschwister. Neben ihr waren das der Hoferbe, dann ein jüngerer Bruder und eine jüngere Schwester. Ich bewundere sie, wie sie wirklich diese Familie zusammengehalten hat. Wir haben in einer Wohnung mit 60 Quadratmetern im zweiten Stock eines fünfstöckigen Wohnhauses gelebt. Nach dem Krieg hat es da zeitweilig von Menschen gewimmelt. Meine Tante mit den Zwillingen und die Großmutter kamen noch dazu. Zusammen mit meinen beiden Vettern, meiner Mutter, meinem Bruder und mir waren wir also neun Personen. Später kamen noch mein Onkel aus Kriegsgefangenschaft sowie meine Tante, die jüngere Schwester meiner Mutter. Ich habe in einem Liegestuhl geschlafen und die anderen irgendwo auf dem Boden. Also für die Erwachsenen muss es die Hölle gewesen sein, aber für uns Kinder war es das Paradies.

Mit meiner Mutter und meinem Bruder konnte ich offen über die Kriegserinnerungen sprechen. Es ist aber ein sehr klarer Schnitt durch die Familie meiner Mutter gegangen. Mein Onkel Willi, der ältere Bruder und Hoferbe, hat mehrere Briefe von der Front geschickt. Darin ist er erstaunlich klar in der Frage der vollkommenen Ablehnung des Krieges, so dass ich das Gefühl nicht loswerde, dass ihm das zum Verhängnis wurde, denn die Briefe wurden alle von der Wehrmacht mitgelesen und zensiert. Ich kann mir vorstellen, dass Männer wie er unter Umständen auch auf Patrouillen geschickt wurden, von denen sie nicht zurückkehrten. Wie genau er ums Leben gekommen ist, weiß niemand. Meine Mutter und er waren wohl diejenigen, die dem Naziregime ablehnend gegenüberstanden und den Krieg wirklich am schlimmsten erlitten haben. Und dann die Vertreibung aller Deutschen aus den Ostgebieten, der Verlust der Heimat. Das war ein hartes Schicksal für die ganze Familie.

Meine Tante, die jüngere Schwester meiner Mutter, mochte ich unglaublich gern. Sie war ein sehr warmherziger Mensch und konnte das Elend eines anderen Menschen nicht sehen, ohne zu helfen. Aber sie war eine entschiedene Antisemitin. Ich erinnere mich, dass wir gemeinsam vor dem Fernsehgerät saßen, als eine Aufführung des NDR-Symphonieorchesters unter dem Dirigenten Hans Schmidt-Isserstedt übertragen wurde. Sie setzte sich demonstrativ mit dem Rücken zum Fernsehgerät und sagte: Er ist Jude, den gucke ich nicht an. So unterschiedlich waren die Geschwister meiner Mutter eingestellt. Die beiden jüngeren waren anfälliger für die Nazipropaganda gewesen und haben sich nach dem Krieg auch nicht distanziert.

Bildbeschreibung Bild: Hans Schmidt-Isserstedt 1965 (Szalay Zoltán, CC BY-SA 3.0)

Wie war es dann in der Schule?

Meine Grundschule war die Erika-Schule in Hamburg-Eppendorf. Ich war mir lange sicher, dass sie von einer Nazidirektorin geleitet wurde. Es gab da Schulgepflogenheiten, die sehr nach Nazizeremonien rochen, zum Beispiel der Wochenbeginn, bei dem die ganze Schulgemeinde zum Absingen einer von der Schulleiterin gedichteten Schulhymne in der Aula versammelt wurde, und Sommerfeste und Singwettbewerbe mit Blütenkränzen im Haar und Volkstänzen im Dirndlkleid, eine einheitliche Sportkleidung und so weiter. Bei einer Vorbereitung für ein Seminar über Nazipädagogik entdeckte ich, dass Elisabeth Flügge – so war ihr Name – die einzige deutsche Lehrerin war, die in Yad Vashem für ihren Widerstand geehrt wurde. Sie hatte jüdische Kinder versteckt und sich von ihrem hochrangigen Nazi-Ehemann scheiden lassen. Ihr gemeinsamer Sohn war desertiert und sollte hingerichtet werden. Sie flehte ihren Ex-Mann an, Einfluss auf das Todesurteil zu nehmen, was gelang. Der Sohn musste dafür jedoch an die Ostfront, wo er fiel. Die von der Direktorin zelebrierten Rituale stammten aus der Jugendbewegung, die von den Nazis übernommen und pervertiert wurden. Als ich das herausfand, war ich beschämt und froh zugleich.

Wie bist Du als Jugendliche und junge Erwachsene mit den Erfahrungen des Krieges umgegangen?

Als ich etwa 15 Jahre alt war, hat es keine Familienfeier mehr gegeben, wo ich mich nicht wahnsinnig aufgespielt, mich rechthaberisch zu Wort gemeldet und die ganze Familie sozusagen zur Rechenschaft gezogen habe. Zur Zeit der Wiederbewaffnung Deutschlands, die 1955 begann, sah man wieder Panzer auf den Straßen. Da weiß ich, dass ich das erste Mal ganz bewusst Grauen erlebt habe vor diesem Anblick. Und von da an habe ich eigentlich Angst vor einem Atomkrieg gehabt. Die Kubakrise 1962, wo die Gefahr eines Atomkrieges real war, habe ich als furchtbare Zeit erlebt.

Meine Politisierung habe ich 1968 als junge Lehrerin erfahren. Mein Mann Reimer und ich waren zufällig in Berlin zu der Zeit, als auf dem Kurfürstendamm, ein paar hundert Meter entfernt von uns, das Attentat auf Rudi Dutschke verübt wurde. Zwei Tage später, es war der Ostersamstag, gab es eine große Demonstration. Wir haben mitdemonstriert, uns an Sit-ins beteiligt und dann erlebt, was sich auf den Straßen abgespielt hat, welchen Hass wir als Demonstranten von der Berliner Bevölkerung erfahren haben. Wir trugen diese gelben Regenjacken. Das war ein Indiz dafür, dass man rebellisch war, weil man sich diese Jacke anzog, um sich gegen Wasserwerfer zu schützen. Und dann erinnere ich mich noch an eine dieser Veranstaltungen in der Universität. Ein evangelischer Pfarrer forderte die versammelten Studenten auf: Holt euch die Kreuze aus den Kirchen und demonstriert damit. Sie werden nicht wagen, die Wasserwerfer auf Kruzifixe zu richten.

Die Kirchen haben natürlich ihre Kruzifixe nicht hergegeben. Dann haben die Demonstranten Kreuze zusammengezimmert, sie weiß gestrichen und vor sich hergetragen. Und wir sind in diesem Zug ganz kurz hinter diesen Leuten gewesen und sahen die Wasserwerfer auf uns zukommen. Als sie sie einsetzten, haben sich die Kreuzträger in der ersten Reihe abgewandt, um nicht den Wasserstrahl frontal abzubekommen. Am nächsten Tag fand sich auf den Titelseiten der Springerpresse ein halbseitiges Foto von dieser Situation mit dem Text: Sie scheuten sich nicht, mit Kreuzen auf Polizisten einzuschlagen.

Man hatte die Tatsachen völlig verdreht, um uns zu diffamieren. Und wir waren dabeigewesen, hatten es gesehen und wussten, wie es wirklich war. Als ich wieder in Hamburg war, habe ich meinen Schülern davon erzählt. Ich bin nicht sicher, ob man heute eine solche Erfahrung – die den Lehrplan sprengt – noch zum Gegenstand des Unterrichts machen könnte.

Bildbeschreibung Bild: Studenten in Kiel nach dem Dutschke-Attentat (Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 )

Was hat es in Dir ausgelöst, bis heute weniger als Kriegsopfer, sondern mehr als Täter dargestellt worden zu sein?

Ich glaube, ich kann das an einer Erfahrung verdeutlichen. Ich bin ein Leben lang befangen gewesen im Umgang mit jüdischen Menschen und habe das einmal sehr zugespitzt erlebt auf einer Friedensuniversität im Burgenland in Österreich. Es ging bei dieser einwöchigen Veranstaltung um Fragen der Aufarbeitung der Vergangenheit, um Antisemitismus in Deutschland und Österreich. Es wurden Arbeitsgruppen zu Unterthemen gebildet. Eine dieser Arbeitsgruppen wurde von Referenten geleitet, deren Eltern den Holocaust überlebt hatten. Dieser Arbeitsgruppe wollte ich mich zusammen mit einer befreundeten deutschen Lehrerin und einem bekannten deutschen Journalisten, der damals in Österreich tätig war, anschließen. Als Nicht-Juden wurden wir aber nicht zugelassen. Das hat mich zutiefst erschüttert. Wir waren wie diejenigen, denen der Zutritt verweigert wurde. Ich würde mich normalerweise gegen eine solche Entscheidung auflehnen, aber ich konnte mich in diesem Fall nicht dagegen wehren, obwohl dieser Ausschluss mit der Idee der Friedensuniversität, die ja vom Miteinander-Sprechen lebt, nicht vereinbar war. Wir haben alle drei nur still und behutsam und ohne aufzufallen unsere Sachen gepackt und sind gegangen. Dabei waren wir uns, als wir diese Gruppe wählten, unserer Sprachlosigkeit und Befangenheit sehr bewusst. Aber wir waren nicht einmal als Zuhörer geduldet.

Der Kulturkritiker Ivan Illich hat sich mit aller Entschiedenheit dagegen gewehrt, dass die Kriegskindergeneration eine Kollektivschuld auf sich nimmt. Er hat immer gesagt: Die Folgen werdet ihr tragen, aber schuldig könnt ihr nicht sein. Aber diese Einsicht nicht nur zu haben, sondern zu leben, ist für unsere Generation, aber auch noch für die nächste und übernächste sehr schwer, wie wir aktuell wieder mit aller Schärfe erleben.

Aktuell gibt es wieder Krieg auf europäischem Boden. Die Politik diskutiert darüber, wie Deutschland kriegstüchtig werden kann. Unter anderem geht es dabei um die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Marianne und Reimer haben im März 2023 das „Manifest der Achtzigjährigen – Die Stimme der Kriegskinder zum Krieg in der Ukraine“ verfasst. Darin beschreiben sie unter anderem ihre Erinnerungen an die Bombennächte und dass sie mit den Kindern in der Ukraine mitleiden.

Wie ist das „Manifest der 80-Jährigen“ entstanden?

Ein Jahr nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine haben mein Mann und ich uns entschlossen, ein Manifest der Kriegskinder zu schreiben. Wir taten das aus dem Bewusstsein heraus, dass wir, die wir den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, es den Jüngeren, deren Vorstellungen vom Krieg durch Fernsehbilder geprägt sind, schuldig sind, über unsere Erfahrungen als Zeitzeugen zu berichten. Nicht um sie zu beruhigen, sondern um sie zu beunruhigen, wie es in dem Manifest heißt. Und nicht, weil wir vor Altersweisheit strotzen, sondern weil unsere Erinnerungen uns bestürmen und nicht Ruhe geben können seit der Wiederkehr des Krieges. Und schließlich, weil die Zahl derjenigen, die diesen Bericht noch erstatten können, altersbedingt inzwischen sehr klein ist. Wir sind davon ausgegangen, dass jeder Versuch, die eigenen Erfahrungen stammelnd oder stotternd mitzuteilen, wahrhaftiger ist als jede noch so redlich und gründlich recherchierte Fernsehdokumentation.

Es gab ein zweites Motiv, uns mit einem Manifest in die öffentliche Debatte einzumischen: unsere wachsende Sorge um die Meinungsvielfalt in unserem Land. Mit einer enormen Geschwindigkeit hatten sich die Leitmedien – von den abendlichen Fernsehnachrichten bis hin zu den großen Zeitungen – auf ein zunehmend einheitliches und sehr simples Grundmuster in der Berichterstattung eingeschworen. Es lautet: Das ganze Gute ist auf der Seite der westlichen Alliierten und das ganze Böse auf der Seite des Aggressors aus dem Osten. Dieses schlichte Narrativ erübrigt jede historische Erwägung, jede Frage danach, wie es zu diesem Krieg hatte kommen können. Und vor allem jede Frage danach, was der eigene Anteil daran war, dass das Gespräch zwischen Ost und West abbrach und der Krieg ausbrach. Das Manifest war ein Versuch, denen eine Stimme zu geben, die bereits als Lumpenpazifisten, Feiglinge und Zauderer verunglimpft wurden, weil sie auf diplomatische Bemühungen drangen. Und es sollte unserer Empörung darüber Ausdruck geben, dass die öffentlich-rechtlichen Medien ihrer Informationspflicht nicht nachkamen, sondern sich in Meinungsbildung und Erziehung zur Meinungskomplizenschaft übten.

Wir wollten den Glauben erschüttern, dass man mit Massenvernichtungswaffen, die Abertausende von Toten fordern und das Land in Schutt und Asche legen, solidarisch sein kann. Welch ein verkommener Begriff von Solidarität. Unsere Solidarität gilt allen, die die Leidtragenden auf beiden Seiten des Krieges sind. Insbesondere gilt sie den Kindern, für die wir tiefes Mitleid empfinden, weil wir die Schrecken, die sie Tag für Tag erleiden, kennen, weil wir wissen, dass sie ihr Leben lang Kriegskinder sein werden, wie wir, und – wie wir – die Erinnerungen an ihre Kindheit im Krieg mit sich herumtragen werden. In ihrem Namen haben wir den Weg der Verhandlungen und der Versöhnung gefordert. Wir wollten unsere eigenen Augen öffnen für den vollkommenen Irrsinn einer Strategie, die Milliarden verausgabt, um ein Land bis zu seinem vollständigen Niedergang in Schutt und Asche zu verteidigen, um dann Milliarden in seinen Wiederaufbau zu investieren. Wobei keine Milliarden die Toten zurückbringen und die kaputten Kinderseelen heilen werden.

Wie waren die Reaktionen auf das Manifest?

Nach der Veröffentlichung erreichten uns erschütternde, zu Herzen gehende Zeitzeugen-Aussagen. Bei einigen hatte ich das Gefühl, dass die Schreiber überhaupt zum ersten Mal über das sprachen, was sie mit eigenen Augen gesehen und am eigenen Leibe erlitten haben. Aber Zuschriften kamen auch von Repräsentanten der zweiten und dritten Generation, von den Kindern und Enkeln der Kriegsgeneration. Sie besannen sich nicht nur auf das, was ihre Eltern und Großeltern ihnen berichtet hatten, sondern schilderten auch, wie die Kriegserfahrungen der Alten in das Familienklima der Jungen eindrangen und es schwer belasteten, sei es durch vollkommene Sprachlosigkeit, sei es durch unablässige Wiederholung, eine Litanei gestanzter Worte. Auf diese Zuschriften konnten wir der Menge und des Verfahrens wegen nicht antworten.

Was ist Dir besonders wichtig an dem Manifest?

Die persönliche Ansprache der Menschen liegt mir am meisten am Herzen. Nicht zuletzt, weil ich glaube, dass es höchste Zeit wird, dass wir die alten Wege der nicht durch Medien vermittelten Informationsweitergabe pflegen. Mit Sorge sehe ich, wie der Überwachungsstaat zugreift und mit welcher Leichtfertigkeit die Jüngeren ihre Privatsphäre zum öffentlichen Schauplatz machen lassen. Unser Text hatte eine genau abgestimmte Länge, die auf der Vorder- und Rückseite eines DIN-A-4-Blattes Platz hatte. Wie das gute alte Flugblatt, das öffentlich oder heimlich von Hand zu Hand ging oder von der Empore der Münchener Universität ins Foyer geworfen wurde.

Simone Manger machte sich nach Ausbildung, Studium und Tätigkeit in verschiedenen Organisationen 2023 mit ihrem Unternehmen „particeps informal“ selbständig.

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Bildquellen: Friedensdemo im Berliner Lustgarten 1921 (Public Domain)