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Bericht | 23.01.2026
Halten Sie uns nicht auf!
Holger Friedrich und Jakob Augstein: Ostdeutscher Herausgeber trifft westdeutschen Publizisten. Warum der Diskurs schwierig bleibt.
Text: Rumen Milkow
 
 

„Perspektivwechsel“ – so der Titel einer neuen Gesprächsreihe von Holger Friedrich, Medien-Quereinsteiger, Herausgeber der Berliner Zeitung und bald auch der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung. Friedrichs erster Gesprächspartner ist Jakob Augstein. In seiner Anmoderation betont Friedrich, dass die Person Augstein und dessen Kolumne Im Zweifel links für ihn einst eine Autorität war.

Einigen dürfte Augstein durch seinen Auftritt bei Paul Ronzheimer vor einem Monat in Erinnerung sein. Dort bezeichnete der Freitag-Herausgeber und Spiegel-Miteigentümer die Hamburger Postille als „Hort der Wokeness“ im deutschen Journalismus und fragte sich: „Seid ihr alle geistesgestört?“.

Bildbeschreibung

Das Personal ist das Problem

Holger Friedrich legt Wert darauf, als Ostdeutscher zu sprechen, der mit dem Westdeutschen Augstein in den Diskurs gehen möchte. Darüber hinaus möchte er mit der Gesprächsreihe das „Theater Ost“ unterstützen. Der Ort könnte kaum passender für einen solchen Diskurs sein. Das Theater war einst das erste Fernsehtheater der DDR und diente als Studio für die Aktuelle Kamera.

Das Gespräch beginnt mit der Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney in Davos und mit der Feststellung, dass die regelbasierte Weltordnung eine Lüge gewesen sei. Übertragen auf Deutschland bedeute dies, so Augstein, dass der Westen gerade das erlebt, was der Osten 1989/90 erlebt hätte. „1987“, korrigiert ihn Friedrich, wir seien noch nicht bei 1989.

Friedrich fragt, warum ein deutscher Bundeskanzler nicht eine ähnliche Rede halten könne. Das gegenwärtige Personal sei nicht geeignet dafür, so Augstein, und nennt in dem Zusammenhang auch den Regierenden Bürgermeister Berlins.

Die Aufgabe der Medien

Friedrich beklagt die Rolle der Medien, insbesondere die Kopplung zwischen Markt und Medien: ohne Ethik, dafür haltungsgetrieben und verantwortungslos. Augstein kommt auf die Politik zurück, nimmt diese in Schutz. Politik sei zu kompliziert geworden. Man müsste sie lernen, was Politiker aber selten machen. Friedrich greift dies auf und meint, dass es nicht gut sei, wenn Politik in die Märkte eingreift. Dann würde es besonders gefährlich werden. Danach wendet er sich wieder den Medien zu, kritisiert ihre „Kritiklosigkeit“, die sich darin ausdrücke, dass sie die Politik nicht kritisieren würde. Die Aufgabe der Medien sei aber, intelligente Fragen zu stellen.

„Die Achtziger auf zwei Beinen“

Augstein bestätigt, dass sich Journalisten oft als Macher begreifen, die denken, sie könnten es besser, und dann auch oft ins Machen kommen würden. Genau das habe uns an den Punkt geführt, wo wir jetzt sind, so Friedrich: „Bundesrepublik 1985!“

Es gebe ein starkes Gefühl der „Westalgie“ bei Westdeutschen, so Augstein. Der Spiegel-Kollege Nikolaus Blome, der vielen Ungeimpften noch wegen seiner Aufforderung „Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen“ in Erinnerung sein dürfte, ist für Augstein „Die Achtziger Jahre auf zwei Beinen“.

Mit „Deutscher“ ist bis heute der Westdeutsche gemeint, da sind sich Augstein und Friedrich einig. Aber wer und was ist dann der Ostdeutsche? Augstein, der 1994 für die Süddeutsche nach Berlin kam, kann es nicht sagen. Auch weil man es im Westen nie so genau wissen wollte.

Das Dilemma – und auch die Tragik?

Was denkt der Ostdeutsche über den Westdeutschen, fragt Holger Friedrich und antwortet gleich selbst: „Ihr haltet uns auf!“ Da Augstein dies nicht versteht, muss Friedrich es ihm erklären. Da der Osten einen Erfahrungsschatz habe, der dem Westen fehle, sei es höchste Zeit, genau das zu diskutieren, was der Westen aber nicht will. Augstein weiß nicht, vom welchem Osten Friedrich spricht, wer mit „wir“ und „uns“ gemeint ist.

Bildbeschreibung Bild: Jakob Augstein (links) und Holger Friedrich im Gespräch. Foto: Rumen Milkow

Das ist das Dilemma des Gesprächs, vielleicht sogar seine Tragik. Der Westdeutsche Augstein gesteht zwar zu, dass der Westen jetzt das durchmachen würde, was der Osten 1989 durchgemacht hat. Gleichzeitig kann er aber keine ostdeutsche Identität ausmachen, was auch dem Umstand geschuldet ist, dass er generell mit Identitätspolitik ein Problem habe, für ihn die „Geißel der Gegenwart“. Dieses Dilemma löst sich bis zum Schluss nicht auf, was dazu führt, dass die Gesprächspartner immer wieder aneinander vorbeireden. Während Friedrich Sätze sagt wie: „Wir kommen in Frieden!“, gleitet Augstein ins Witzige und Ironische ab, findet Dinge „komisch“, was nicht recht zum Ernst der Lage passen will.

Friedrich wäre nicht Friedrich, wenn er die Gelegenheit nicht nutzen würde, auf die Erfolgsgeschichte der Berliner Zeitung zu verweisen. Sie habe bewiesen, dass es geht, dass der Osten es kann, auch ohne „russisches Geld“, wozu auch Augstein applaudieren muss.

Westliche Strukturen überfordert

Friedrich benennt die Schwierigkeiten: Anfeindungen anderer Medien, keine Interviews mit dem Regierenden Bürgermeister, kein Merz-Interview und auch keins mit dem Bundespräsidenten, obwohl sie auch in Berlin sind. Sie hätten Angst, so Friedrich. Es gebe Ausnahmen, zum Beispiel den sächsischen Ministerpräsidenten. In vielen Fällen treffe Friedrich aber auf „ängstliche Zustände“, wo er konstruktiv hinterfrage. Sein Fazit:

Westlich konnotierte Strukturen sind komplett überfordert.

Natürlich darf der Hinweis auf das neue Projekt der Berliner Zeitung, die Ostdeutsche Allgemeine, nicht fehlen, was beim Publikum gut ankommt. Der Altersdurchschnitt liegt bei Mitte Sechzig, wenn nicht gar Siebzig. Die allermeisten dürften Ostdeutsche sein, zweihundert an der Zahl. In der Pause mischen sich die beiden Gesprächspartner an der Bar unter ihre Zuhörer, diskutieren mit ihnen. Die Bar befindet sich im Foyer, in dem weitere 70 Zuschauer Platz finden, um der Veranstaltung zu folgen, die dort auf einer Leinwand übertragen wird. Nach der Pause findet ein schneller Wechsel der Themen statt, von denen nur die wichtigsten genannt werden sollen.

Den Osten „exorzieren“

Ausgehend von Egon Krenz, den sowohl Augstein als auch Friedrich interviewten, beklagt der Westdeutsche, dass der Westen nach 1989 versucht habe, den Osten zu „exorzieren“. Ein interessantes Bild, was aber an Schärfe verliert, wenn man bedenkt, dass derselbe Augstein keine ostdeutsche Identität ausmachen kann. Immerhin, dass die Westdeutschen ihren Exorzismus bis heute nicht als Fehler begriffen haben, hält er für „bemerkenswert“. Friedrich erklärt daraufhin, dass die, die jetzt an der Macht sind – die meisten westdeutsch sozialisiert –, nicht mehr lange an der Macht sein werden. Inhaltlich erinnert er ein wenig an Donald Trump, der in Davos ähnliches über Emmanuel Macron gesagt hatte. Augstein: „Kein Kommentar!“

Während sich Friedrich ernsthaft Sorgen macht, dass der Russe ein drittes Mal nach Berlin kommen könnte, was eigentlich eine Diskussion auslösen müsste, merkt Augstein nur an, dass es eben Leute gebe, die Krieg gut finden, und dass man ihnen ohne Krieg etwas wegnehmen würde.

Augstein – am Ende ein Ostdeutscher?

Einig sind sich beide darin, dass man sich auf Trump nicht verlassen könne und dass es schon immer falsch gewesen sei zu glauben, der Amerikaner würde New York für West-Berlin opfern. Man müsse versuchen, so Augstein, irgendwie mit dem Russen klarzukommen. Friedrich lässt sich daraufhin zu der Bemerkung hinreißen, dass Augstein zwar kein Ostdeutscher sei, aber vielleicht in Ostdeutschland gezeugt, möglicherweise auf einer Transitstrecke?

Augstein sagt, dass er davon ausgehe, dass die AfD die Macht im Osten übernehmen werde. Und, vielleicht am wichtigsten, dass die Ostmedien besser auf die „Demokratisierung der AfD“ vorbereitet seien. In dem Zusammenhang erwähnt Augstein, dass er sich nicht mehr als Journalist begreift und dass er ein sehr pessimistisches Menschenbild habe. Dann geht es zu den Publikumsfragen.

Warum er sich nicht mehr als Journalist sieht? Augstein: weil ihm der Begriff „nicht mehr gefällt“. Er sei „durchgepopelt“, sowohl von den klassischen Medien als auch den alternativen, sodass er sich mit ihm nicht mehr wohl fühle. Julian Reichelt von Nius, die ehemalige Spiegel-Kollegin Melanie Amann.

Hilflos in Adlershof

Bei der letzten Frage einer älteren Dame nach Krieg und Frieden wird es noch einmal Ernst. Wer macht Geschichte? Irgendwelche mysteriösen, diffusen Mächte oder Menschen mit Interessen? Und wie könne Demokratie funktionieren, wenn die Menschen nicht selbst eingreifen? Wo steht Augstein, der immer links war, selbst? Dieser betont noch einmal sein pessimistisches Menschenbild. Die meisten Leute würden sich für Krieg entscheiden, weil er so einfach sei. Er löse für viele alle Probleme. Was bleibt? Augstein sagt, er nehme Friedrichs „Sie halten uns auf!“ mit nach Hamburg. Nicht wenige Zuhörer, so mein Eindruck, lässt das Ende eher ratlos zurück. Ich muss an einen Song denken, der vor der Veranstaltung als Hintergrundmusik im Saal lief – „Helpless“ von Neil Young.

Der nächste „Perspektivwechsel“ findet am 2. März statt. Gast wird dann Springer-Chef Mathias Döpfner sein.

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Bildquellen: Rumen Milkow